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FDP Der Märchenprinz

Der neue baden-württembergische FDP-Chef, ein Aufsteiger aus der schwäbischen Provinz, verprellt die Bonner Parteispitze mit ungebetenen Ratschlägen. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Freudestrahlend heimste Walter Döring, 30, den Beifall des baden-württembergischen FDP-Parteitages ein, der ihn zum Landesvorsitzenden gewählt hatte. Doch als der Jung-Star sich wieder setzen wollte, hatten zwei schwergewichtige Kollegen die Lücke ausgefüllt. Nur mit eingezogenen Armen konnte sich Döring zwischen der geballten Körperfülle seiner Tischnachbarn Hans-Dietrich Genscher und Martin Bangemann behaupten.

Deutlicher als am vorletzten Wochenende im Stuttgarter Opernhaus hätten der Bonner FDP-Parteichef und sein designierter Nachfolger kaum ausdrücken können, was sie von dem - gegen ihren Rat gewählten - neuen Landesvorsitzenden halten: nichts.

Die Bonner Spitzenliberalen hatten den flotten »Frauentyp« ("Bild") mit Mittelscheitel und Menjoubärtchen bis dahin nur als Wahlkampfhelfer in Schwaben kennengelernt. Auch im Landesverband war der Jungliberale aus Schwäbisch Hall kaum von Bedeutung.

Um so mehr verblüffte es die Parteimanager in Bonn und Stuttgart, daß es dem »Nobody« ("Frankfurter Rundschau") gelang, ihren Favoriten, den Bonner Agrar-Staatssekretär Georg Gallus, vernichtend zu schlagen - mit 214 zu 143 Stimmen.

Der Erfolg des Außenseiters aus dem Hohenloheschen, den die liberale »Zeit« als »Ausdruck der deprimierenden Verfassung der Partei« empfand, zeigt, wie sehr die FDP mittlerweile selbst in ihrem Stammland unter personeller Auszehrung leidet. Wäre es nach dem Partei-Establishment gegangen, hätten die Delegierten auf dem Dreikönigstreffen nicht einmal eine Alternative zu dem 57jährigen Gallus gehabt, der als Landwirtschaftspolitiker vor allem durch Ausfälle gegen Chemiekritiker und andere »Verrückte, die sich ein grünes Mäntelchen umhängen«, aufgefallen ist.

Der baden-württembergische Landesvorsitz war frei, weil Döring-Vorgänger Jürgen Morlok, 39, sich überraschend aus der Politik verabschiedet hatte. Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) hatte Morlok den mit rund 200 000 Mark Jahresgehalt dotierten Posten eines Geschäftsführers bei der staatlichen Landesentwicklungsanstalt angeboten. Selbst im angeblich »einzigen wirklich intakten Landesverband« (FDP-Theoretiker Ralf Dahrendorf) winken keine verlockenden Karrieren mehr, seit die Partei auch dort tief gesunken ist - bei

der letzten Kommunalwahl im Landesschnitt auf 2,9 Prozent.

Der Rückzug Morloks ist kein Einzelfall. Die »mächtigste Zwei-Prozent-Partei Europas«, wie sie der Kabarettist Dieter Hildebrandt nennt, hat in den meisten Landesverbänden Personalsorgen. »Politische Milchgesichter, jederzeit auswechselbar«, kommentiert schadenfroh der SPD-Pressedienst, »prägen heute das Bild einer Partei, in der es einst liberale Köpfe gab.«

In Schleswig-Holstein etwa ist der knorrige Genscher-Herausforderer Uwe Ronneburger im Mai 1983 durch den Ölkaufmann Werner Zywietz abgelöst worden, der schon bei seiner Antrittsrede die Delegierten scharenweise aus dem Saal getrieben hatte. Nach nicht einmal zweijähriger Amtszeit will Zywietz seinen Posten zur Verfügung stellen.

Amtsmüde ist auch der frühere Hamburger Bausenator Peter-Heinz Müller-Link, der im Vorsitz des hanseatischen Landesverbandes in Kürze durch den weithin unbekannten PR-Berater Wilhelm Rahlfs abgelöst werden soll. Müller-Link war erst im April 1983 für den Informatik-Professor Klaus Brunnstein eingesprungen.

Wenig Glück haben auch die Bremer Liberalen mit ihren Führungsfiguren: Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den früheren Schatzmeister und heutigen FDP-Landesvorsitzenden Walter Ostendorff sowie gegen dessen Vorgänger Horst-Jürgen Lahmann (SPIEGEL 48/1984). Die beiden Politiker sollen Fraktionsgelder für die FDP-Landeskasse abgezweigt haben.

In Hessen führt seit Ende 1982 ein bis dahin völlig unbekannter Philologe, Wolfgang Gerhardt, ohne Glanz die Landespartei. In Berlin sind die Liberalen so übel dran, daß sie nicht mal mehr geschlossen zur Wahl antreten. Der FDP-Verband Tiergarten beschloß im Dezember, »aus Gründen der Selbstachtung« auf eine Kandidatur zum Bezirksparlament zu verzichten, und empfahl der Landespartei dies auch für die Wahl zum Abgeordnetenhaus.

In der Düsseldorfer FDP-Zentrale residiert nach wie vor Jürgen Möllemann, der skandalbefrachtete Staatsminister im Auswärtigen Amt. Der Genscher-Zögling stößt an der Basis wegen dubios gebliebener Privatgeschäfte zunehmend auf Widerstand. Möllemanns Nachfolger als Spitzenkandidat im Wahlkampf, der frühere Regierungspräsident Achim Rohde, geriet gleich nach seiner Nominierung im vergangenen Dezember ins Zwielicht: Er hatte als Beamter für einen angeblich ehrenamtlich ausgeübten Job 20 000 Mark kassiert.

Unter besonderer Personalnot leiden die Liberalen an der Saar. Nachdem sie innerhalb von zwei Jahren drei Wirtschaftsminister in der Regierungskoalition mit der CDU verbraucht hatten, importierten sie den Karlsruher Bürgermeister Horst Rehberger ins Kabinett. Mangels anderer Kandidaten wählten die FDP-Mitglieder den Zugereisten auch noch zum Parteichef, außerdem schicken sie ihn als Spitzenmann in die Landtagswahlen am 10. März.

Nur den bayrischen und niedersächsischen Liberalen blieben Wechsel an Partei- und Fraktionsspitze in der jüngsten Vergangenheit erspart: Der Landwirtschaftsexperte Heinrich Jürgens hält mit sechs Jahren Amtszeit in Hannover den Rekord unter den Landeschefs. In Bayern herrscht unangefochten Manfred Brunner, der vor anderthalb Jahren vom früheren Landwirtschaftsminister Josef Ertl den Vorsitz übernahm - weil die FDP seit dem Herbst 1983 nicht mehr im Landtag vertreten ist, findet sich weit und breit kein Konkurrent für den undankbaren Job.

Im Vergleich mit Größen anderer Landesverbände oder gar mit dem früheren rheinland-pfälzischen FDP-Chef Hans-Otto Scholl, der im Verdacht steht, ein Juweliergeschäft ausgeraubt zu haben (siehe Seite 69), wirkt der neue baden-württembergische Parteichef geradezu wie ein »Märchenprinz« ("Stuttgarter Zeitung") - wenngleich ihn in den Augen vieler Delegierter nur eines auszeichnete: unbelastet zu sein von Bundes-Querelen und Landes-Affären.

Der Haller Rathauspolitiker, der weder im Landtag noch im Bundestag sitzt, fühlt sich der Basis besonders verpflichtet. Ob der Rückhalt im Lande aber ausreicht, auch seine Kritiker in Bonn zu überzeugen, steht dahin. Denn statt im FDP-Führungszirkel um Unterstützung zu werben, will Döring der Parteispitze klarmachen, wo''s langgehen soll.

Das »Liberale Manifest«, Diskussionsgrundlage für den bevorstehenden FDP-Bundesparteitag in Saarbrücken, hält der Neuling für »zu professoral«. Wie, fragt der promovierte Historiker, »sollen unsere Parteifreunde Wahlkampf machen, wenn sie ihr eigenes Programm nicht verstehen«?

Auch für den früheren Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hat der »große Motivator« (Döring über Döring) Ratschläge parat. Auf die Verschiebung der Hauptverhandlung wegen Bestechlichkeit in der Flick-Affäre habe Lambsdorff, so Döring, »zu heftig reagiert«. Seiner Meinung nach hätte es »genügt, Unverständnis über die Entscheidung der Justiz zu äußern«.

Dem künftigen FDP-Chef Bangemann empfiehlt der Gymnasiallehrer, »sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein« zu zügeln. »Damit«, so Döring, der Bangemann bislang vor allem aus Erzählungen Dritter kennt, »erschlägt er andere manchmal fast.«

Einwände, er selber verprelle mit seinen ungebetenen Ratschlägen die Parteispitze und womöglich auch das Publikum, wischt der Aufsteiger vom Tisch: »Zu vorsichtig zu sein«, weiß er aus der Kommunalpolitik, »ist auch nicht gut, dann könnte der eine oder andere denken, mit dem kann man''s machen.«

Dörings Urteil über die von ihm so genannten Bonner »Oberelefanten« läßt vermuten, daß er eher Gefahr läuft, selbst seinen künftigen Bundesvorsitzenden noch an Selbstbewußtsein zu übertreffen. Döring zum SPIEGEL: »Fast alle sind erreichbar, nur wenige sind wirklich besser.« _(Beim Stuttgarter Landesparteitag; mit ) _(Genscher und Bangemann. )

Beim Stuttgarter Landesparteitag; mit Genscher und Bangemann.

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