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Gauner »Der Mann ist ein Glücksfall«

Aus seiner Zelle im berüchtigten Hamburger Gefängnis »Santa Fu« betreibt der notorische Betrüger Martin Engler ungehindert seine Geschäfte. Reihenweise fallen honorige Anwälte und Geschäftsleute auf den Hochstapler herein - in der Hoffnung auf üppige Honorare und fette Gewinne. Derzeit steht Engler mal wieder vor Gericht.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Von Anfang an fühlte sich der Rechtsanwalt und Notar Cord Römer, 47, »angezogen und abgestoßen zugleich« von diesem Mann mit den »kleinen stechenden Augen«. Eine seltsame Macht habe der neue Mandant abgestrahlt, der sich höflich als Martin Engler vorstellte.

Engler wollte nicht etwa anwaltlichen Rat, sondern schlug dem Advokaten Römer ein tolles Geschäft vor: Er verfüge über ein Vermögen in Höhe von acht bis neun Milliarden Mark und suche einen Vertrauensmann, der ihm bei der Verwaltung und Anlage seines Geldes behilflich sei.

Engler legte Konto-Auszüge über siebenstellige Beträge sowie Vorstands- und Aufsichtsratsbeschlüsse von Firmen vor, an denen er beteiligt sei. Er zeigte Fotos, auf denen seine herrlichen Villen im südlichen Hamburg und auf Sylt zu sehen waren.

Warum sich der angesehene Jurist Römer aus dem niedersächsischen Einbeck von den Aufschneidereien beeindrucken _(* Im Hamburger Landgericht. ) ließ, ist ihm heute ein Rätsel; seine krumme Erklärung: »Der Mann muß sich der Mittel der Hypnose bedient haben.«

Eine besondere Anziehungskraft war wohl im Spiel: Englers Domizil ist seit über zehn Jahren eine Zelle auf Station A I im Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel, von den Insassen zum Kloster »Santa Fu« verklärt.

Der Mann gilt in der deutschen Kriminalgeschichte als Phänomen. Fast die Hälfte seines Lebens hat Engler, 58, im Gefängnis verbracht. 15mal ist er wegen Diebstahls, Unterschlagung, Fälschung und Betrugs verurteilt worden, zum erstenmal, als er 20 war.

Die Justiz hat ihn als zwanghaften Hochstapler abgehakt, als »gefährlichen Hangtäter«. Seit über 13 Jahren sitzt er in Hamburg ein. 1986 bekam er zusätzlich zur Strafe von sechs Jahren und sechs Monaten unbegrenzte »Sicherungsverwahrung« verordnet, eine seltene Maßnahme gegen notorische Wiederholungstäter.

Der Fall Engler ist in der Branche, unter Anwälten wie Kriminellen, bestens bekannt. Trotzdem fallen seriöse Advokaten und Geschäftsleute immer wieder auf den Knacki von Santa Fu herein. Schlüssig erklärt hat bisher keiner von ihnen jene Macht, die sie so schnell gefügig werden ließ. Zu abwegig schien offenbar der Gedanke, daß sie einer aus der Zelle heraus betrügen könnte. Und: Geldgier macht blind.

Derzeit steht Engler wieder mal wegen Betrugs vor Gericht. Römers Hypnose hatte nicht lange gehalten: Der Anwalt zeigte ihn an.

Engler hatte dem Einbecker Advokaten einen Bombenjob in Aussicht gestellt: Als Syndikusanwalt zweier Hamburger Firmen, von denen er, Engler, der Besitzer sei, könne Römer 500 000 Mark Jahresgehalt verdienen.

Nebenher seien zwei Millionen Mark bei einem Geldtransfer drin. Der Anwalt müsse nur nach Sylt fahren und einen Koffer abholen, Inhalt: 89 Millionen Mark - Beitragsgelder einer finnischen Versicherung. Römer sollte das Geld auf ein deutsches Konto einzahlen.

Zuvor, bat der Häftling den Anwalt, möge er ihm einen kleinen Gefallen tun: Der Koffer müsse durch den Zoll geschmuggelt werden. Dafür habe er einen Fuhlsbütteler Wärter gedungen. Der aber verlange für seine Dienste 100 000 Mark. 89 000 Mark habe er zusammen, die restlichen »läppischen 11 000 Mark« solle ihm Römer vorstrecken.

In diesem Moment war der magische Bann gebrochen, der Jurist plötzlich hellwach: Römer beschuldigte Engler des versuchten Betruges.

Die Gefängnisleitung ließ sofort Englers Zelle durchsuchen. Dabei fand sich jede Menge Geld: 113 130 Mark, vorwiegend in Tausendern, klein gefaltet in einem Kammetui, in einer Duschgel-Flasche und im Fuß einer Tischlampe.

Dem Gericht erzählte der Angeklagte eine typische Engler-Geschichte: Weil er seinem Leben ein schnelles Ende habe machen wollen, habe er bei einem Mithäftling für 200 000 Mark zwei Kapseln Zyankali bestellt. Geldgeber sei ein »langjähriger Geschäftsfreund« gewesen, der Türke Yasar Avni Musullulu, der als einer der größten Drogenhändler der Welt gilt.

Doch das Geschäft sei nicht zustande gekommen, anstatt der Giftkapseln habe er lediglich einen Restbetrag, 113 130 Mark, zurückerhalten und in seiner Zelle versteckt: »Das Geld ist mein rechtmäßiges Eigentum.«

Engler-Kenner vermuten: Das Geld hat der »König der Betrüger« (Knast-Jargon) anderen gutgläubigen Besuchern im Gefängnis abgeschwatzt.

Seit Jahren drängen sich Banker, Unternehmer und Advokaten auf den Fluren des Gefängnisses, um bei Engler Audienz zu erhalten. Der Häftling empfängt im Besprechungszimmer des Gefängnistraktes im blauen Trainingsanzug und mit akkurat sitzendem Toupet. Zu seinen täglichen »Geschäftsterminen« erscheint der Häftling mit dicken Aktenordnern unterm Arm, ein Mitgefangener reicht schon mal Kaffee und Plätzchen.

Der kleine, gedrungene Mann sieht kaum aus wie ein bedeutender Geschäftsmann. Doch er beherrscht vollkommen Sprache und Gestus der Businesswelt: Bedeutungsschwer nimmt Engler bei seinen »Konferenzen« die goldgeränderte Brille ab, lehnt sich selbstsicher zurück und bombardiert seine Besucher mit »Fakten«, dann wird er vertraulich, und dann spricht er von Geld. Von viel Geld. Und immer wieder gelingt es dem Illusionskünstler, auch ehrenwerte Mitbürger zu überzeugen. Als Peter Zadek noch Intendant des Hamburger Schauspielhauses war, pflegte Engler Zweifel an seinem Reichtum und seiner Achtbarkeit mit einem Schreiben des Theatermannes zu zerstreuen.

Darin bedankte sich Zadek beim »großzügigen, lieben Herrn Engler« für die »5-Millionen-Mark-Spende« an das Schauspielhaus. Der Briefkopf war echt, er stammte aus der Gefängnisdruckerei, die damals für das Theater arbeitete, die Unterschrift in blauer Tinte war eine Fälschung.

Fünf Anwälte, ein Hausmakler und ein Kaufmann stehen derzeit gemeinsam mit Engler in Hamburg vor Gericht. In der Hoffnung auf fette Honorare, legt die Anklage nahe, hätten sie sich auf krumme Geschäfte eingelassen.

Einem der sieben hatte der virtuose »Phantasielügner«, so Gutachter über Engler, die Geschäftsführung in einem polnischen Schloßhotel in Aussicht gestellt. Ein anderer machte für Engler Falschaussagen, weil der ihm versprochen hatte, er dürfe dann seine angeblichen Außenstände einkassieren.

Vor Gericht gibt sich Engler jetzt als Opfer seiner Opfer aus: »Die wollten mich alle in ihre kriminellen Geschäfte ziehen, es ging um Öl, Drogen, Plutonium und Waffen.«

Mit Gemüt und Seele des Dauer-Gefangenen haben sich über die Jahre ganze Geschwader von Psychologen und Psychiatern befaßt. Nur einer von ihnen erkannte auf »Schizophrenie mit Denkstörungen«. Alle anderen bescheinigten Engler bloß Cleverness.

Der Hamburger Gerichtspsychiater Wildhagen etwa bestätigte Engler »ein schnelles geistiges Schaltvermögen, eine Glattzüngigkeit und eine gewisse Redegabe«. Er sei »gerissen und keineswegs unterbegabt«.

Alle Psychologen stimmen überein, daß Engler seit frühester Jugend an einem fast schon pathologischen Geltungsbedürfnis leide. Seinen »Mangel an Gemüthaftigkeit« wird etwa seiner »Kontaktunsicherheit« und dem »Fehlen von tragfähigen intrafamiliären Beziehungen« zugeschrieben.

Englers Eltern ließen sich noch im Krieg scheiden, da war er gerade vier Jahre alt. Der kränkelnde Junge blieb bei seiner Mutter, einer nervösen, leicht aufbrausenden Frau. In der Schule war er wegen seines »rechthaberischen Wesens« wenig beliebt. Schon damals habe er eine »bemerkenswerte Phantasie« entwickelt, steht später in Polizeiakten.

Der »charakterlich schwierige Junge« wird bei Verwandten herumgereicht. Lehren als Maurer und Elektriker bricht er ab, die Oberschule in Berlin-Reinickendorf muß er verlassen, da er »den Anforderungen nicht gewachsen« ist. Als Engler 16 ist, ordnet das Amtsgericht Recklinghausen »Fürsorgeerziehung« an, er kommt ins Heim.

Nach zwei Monaten flüchtet der Zögling; in der Erziehungsanstalt hat er sich den Anfang einer großspurigen Biographie erdacht, die er seitdem stetig weiterspinnt: Sein Vater, ein SS-General, habe die Mutter, eine Jüdin, ins Konzentrationslager bringen lassen. Er selbst sei promovierter Architekt und Betriebswirt, sein Millionenvermögen stamme aus Wiedergutmachungszahlungen wegen erlittener KZ-Haft. Im übrigen werde er von reichen amerikanischen Verwandten laufend mit »sechsstelligen« Geldbeträgen unterstützt. Seine Laufbahn als »König der Betrüger« begann Engler 1957, da war er 20 Jahre alt. Er erschlich sich im Notaufnahmelager Uelzen als »DDR-Flüchtling« Unterkunft und Weihnachtsgeld. Von dort retirierte er, ausgestattet mit einer selbstgefertigten Promotionsurkunde, als »Dr. Alexander Adomeit, geboren in Lyck/ Ostpreußen«, nach Kiel, wo er einen Posten als Versicherungsvertreter fand. Wegen Betruges setzte ihn die Polizei vorübergehend fest.

In den sechziger Jahren wechselte Engler ins »Immobiliengeschäft«. Ohne über eine einzige Wohnung zu verfügen, kassierte er in Köln binnen weniger Monate rund 40 000 Mark »Vermittlungsprovisionen« und »Mietvorauszahlungen«. Er landete im Knast.

Um seinen Gläubigern zu entkommen, meldete er sich nach seiner Entlassung zum Schein nach Israel ab. Als »jüngster Fliegergeneral«, so berichtet er später stolz, habe er, der »Halbjude«, seinem eigentlichen Heimatland im Sechs-Tage-Krieg gedient. Zum Beweis zeigt er unscharfe Zeitungsfotos siegestrunkener Soldaten herum: »Der zweite von links, das bin ich!«

In Wahrheit schaffte es Engler nur bis Hamburg. Dort tat er sich mit dem Investmentberater Hans-Eberhard von Manstein zusammen, einem verarmten Abkömmling aus der berühmten preußischen Generalsfamilie. Die beiden lockten ihre Kunden, vornehmlich Bekannte Mansteins, mit »einmaligen Geschäften« und Gewinnen von »25 Prozent im Vierteljahr«.

Das Betrüger-Duo sammelte 900 000 Mark an Darlehen ein, das langte für ein angenehmes Jahr. Den Mercedes 600, den eine Fahne mit dem Mansteinschen Familienwappen zierte, fuhr ein livrierter Chauffeur, der die Hacken zusammenschlug, wenn er der Herrschaft die Tür öffnete.

Einer von Englers Bekannten aus jener Zeit, der Hamburger Kaufmann und Jurist Karl-Josef von Wolkenstein-Trostburg, erklärt sich Englers Wirkung heute so: »Virtuos verstand er es, der Hoffnung auf ein tolleres Leben Nahrung zu geben.«

Es gab genug Opfer, die betrogen sein wollten. Sie glaubten bereitwillig die Geschichten, die Engler ihnen auftischte. 1981 zockte Engler von einem Hamburger Geschäftsmann einige tausend Mark mit dem Märchen ab, er hüte in Dänemark versteckte Goldreserven der PLO.

Englers fast immer erfolgreicher Trick: An seinen wilden Geschichten stimmten stets ein paar Details. Kaufmann Wolkenstein berichtet: »Jeder dachte, wenn nur ein Zehntel von dem wahr ist, was er erzählt, dann ist der Mann ein Glücksfall für mich.«

Und immer lief es andersherum: Anwälte, Notare, Kaufleute deckten Englers Gaunereien mit ihrem Namen ab und beschafften ihm so den Anschein von Bonität. Sie bestätigten ihm angebliche gigantische Guthaben, stellten ihm Quittungen über horrende Beiträge aus oder verbreiteten, sie selbst verwalteten für Engler riesige Summen.

Viele von Englers Geschäftspartnern machten sich erpreßbar, ein paar Anwälte verloren ihre Lizenz.

Der frühere schleswig-holsteinische SPD-Landtagsabgeordnete und Lübecker Rechtsanwalt Hans-Jürgen Wolter etwa schaute sich für den Häftling, der sich ihm gegenüber als Waffenhändler ausgab, auf dem Markt nach Kriegsgerät um. Er bot Engler via Verteidigerpost »sieben Kampfhubschrauber Marke Cobra Rockets« oder wahlweise »400 Maschinenpistolen russischer Bauart Marke Paschinia« an. Gegen Wolter leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Mißbrauchs seiner Befugnisse als Anwalt ein. Bankdirektoren aus Neumünster, Hohenwestedt und Pinneberg köderte der Knacki mit dem Hinweis, er müsse Gewinne aus Waffengeschäften in Höhe von 30 Millionen Mark in einem Bankschließfach unterbringen. Die Herren reisten in Santa Fu an. Ein leiser Hinweis auf »Herrn Herrhausen«, der »auch noch« kommen werde, verfehlte seine Wirkung nicht.

»Da konnte man sehen,« erinnert sich ein ehemaliger Anwalt, der die Gespräche vermittelt hatte, »wie ein Vertreter der Deutschen Bank innerlich die Hände an die Hosennaht legte.«

1985 wollte Engler angeblich die Spielbank in Hannover kaufen. Er gab vor, im Auftrag eines ausländischen Konsortiums zu handeln, hinter dem Waffenhändler und Terroristen stünden. Diesmal ließ sich Engler von einer Christdemokratin beraten: der Anwältin und damaligen Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Susanne Rahardt-Vahldieck. Das Geschäft kam, wie üblich, nicht zustande.

Die Anstaltsleitung von Santa Fu machte dem Häftling Engler wenig Schwierigkeiten. Sie schritt nicht einmal ein, als Engler ein Dutzend Juristen an einem Tag empfing. »Die Vollzugsbeamten zeigten sich devot«, so der Kieler Anwalt Walter Deloy. »Das war wie im Klub - Herr Engler ließ bitten.«

Die Wirkung des Häftlings Martin Engler ist bis heute ungebrochen.

Kürzlich hatte der Mann beantragt, die Sicherungsverwahrung aufzuheben und ihn freizulassen. Vor dem Hamburger Gericht erhielt er unverhofften Beistand. Der Hamburger Psychiater Hans-Jürgen Horn war nach langen Gesprächen mit dem Angeklagten zu der Überzeugung gelangt, daß Englers Chancen günstig stünden, künftig ein »straffreies und sozial verantwortliches« Leben zu führen.

Es sei »erwiesen«, begründete Horn seine Expertise, daß Engler über eine gesicherte Existenz verfüge. Der Häftling habe belegt, daß er Teilhaber einer Firma im fränkischen Theres sei und über jährlich mindestens 200 000 Mark verfüge. Zudem habe Engler die Absicht, mit seiner langjährigen »Intimpartnerin« nach Dänemark umzusiedeln.

Die Hamburger Staatsanwälte konnten keine »Intimpartnerin« ausfindig machen. Die Firma im Frankenland hingegen gibt es tatsächlich. Befragt, ob Engler, wie behauptet, am Unternehmen beteiligt sei, gab der Geschäftsführer zu Protokoll: »Alles gelogen.«

Susanne Koelbl

Engler empfängt im Trainingsanzug und mit akkurat sitzendem Toupet

* Im Hamburger Landgericht.

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