Zur Ausgabe
Artikel 18 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Der Mann mit dem leeren, flatternden Ärmel«

Rudolf Augstein über die neue Schumacher-Biographie von Günther Scholz *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 17/1988

Ja, das war''s. Der Mann, der nach dem Krieg seine Partei wie selbstverständlich neu gründete und in den Griff nahm. Der sich mit einem jungen Menschen noch unterhielt, solange der kein alter Mensch geworden war. Altersscheide: 30 Jahre. Der intellektuell sezieren konnte, der Wagner einen »parfümierten Sachsen« nannte und die von trauter Person hereingebrachten Geburtstagsblumen als »Grünzeug« über den hinter ihm stehenden Bücherschrank schmiß.

Der nicht, wie der langjährige preußische Ministerpräsident Otto Braun, am Tag der letzten relativ freien Reichstagswahlen am 5. März 1933 ins Exil ging. Der statt dessen das KZ wählte und keine Zugeständnisse machte, obwohl ihm, wie man rückblickend sehen muß, das Regime sehr wohl Zugeständnisse gemacht hat. Anders wäre er, wie Teddy Thälmann, kurzerhand erschossen oder sonstwie zu Tode gequält worden.

Man weiß nicht, wie viele Leute sich heute noch an Kurt Schumacher erinnern, jenen Mann, der beinahe bis zu seinem Tode am 20. August 1952 der bekannteste, der geliebteste, der meistgehaßte Politiker Westdeutschlands war. Als er starb, lief mir in Florenz ein Deutschmann über den Weg, der mir eine Zeitung vors Gesicht hielt und frohlockte: »Das Schwein ist endlich tot.«

Er wurde so zu Grabe getragen, wie es keinem anderen Menschen dieses Landes widerfahren ist: Hunderttausende säumten die Straße von Bonn nach Hannover, um den Trauer-Konvoi mit eigenen Augen zu begleiten.

Günther Scholz, Jahrgang 1919, hat eine aus eigener Erfahrung kenntnisreiche, wenngleich blasse Biographie geschrieben. Es scheint so, als verweigerten sich unsere bedeutenden Politiker seit 1945 einer standesgemäßen Biographie, woran immer das liegen mag. Günther Scholz jedenfalls ist auf dem neuesten Stand, notabene übertrifft er den Schumacher-Biographen, dessen Buch von diesem selbst noch autorisiert worden ist (aus der Feder meines Reporter-Kollegen am »Hannoverschen Nachrichtenblatt« Fried Wesemann _(Fried Wesemann: »Kurt Schumacher. Ein ) _(Leben für Deutschland«. Herkul ) _(Verlags-Anstalt, 1952. ) ).

Der verräterische Klappentext des neuen Buches verzeichnet, das bewegte Leben dieses leidenschaftlichen Politikers sei »nicht ohne tragische Züge« gewesen. Hier wird man stocken müssen, weil der Begriff des Tragischen immerzu mißbraucht wird.

Schumachers Leben hatte keine »tragische« Komponente, es sei denn, man wollte als tragisch empfinden, daß er nicht Bundeskanzler wurde, obwohl er zehn Jahre im KZ saß und nur einen Arm hatte.

Warum hatte er nur einen Arm? 1914, als Kriegsfreiwilliger, war er an der Ostfront so schwer verwundet worden, daß ihm der rechte Arm abgenommen werden mußte. Drei Wochen Frontdienst also, kein Leutnant, kein Hauptmann, dafür aber das EK II.

Als Leutnant oder Hauptmann im Osten wurde er nach 1945 von seiner Partei vorgeführt. Tatsächlich scheint er zeit seines Lebens ein Ressentiment gegen die Russen gepflegt zu haben. Nicht so sehr gegen die Polen und Juden, die in Kulm bei Kriegsende 1918 noch die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. (Ich war dort 1941 Kantinenwirt in einer Arbeitsdienst-Abteilung, Kulm war damals nahezu »judenfrei«.)

Festzuhalten bleibt, daß Schumacher 1920 heimatlos wurde. Seine Eltern zogen aus dem von den Polen übernommenen Teil Westpreußens nach Hannover, und dies war der Grund, warum ich ihn überhaupt kennenlernen konnte, denn dies war meine Heimatstadt.

Ich sehe ihn vor mir, wie er in einer Schärfe, wie ich sie sonst nur bei dem sicherlich von ihm gehaßten Wladyslaw Gomulka erlebt habe, seine damals von uns bewunderten Tiraden hielt. Adenauer war dagegen ein Nichts. Der leere, flatternde Ärmel unterstrich Schumachers Charisma.

Aber »tragische Züge«? Ich weiß nicht so recht. Sicher hätte Adenauer nicht so viele Qualen auf sich genommen wie Schumacher. Ganz genau weiß man nicht, ob dieser ihnen hätte entkommen können. Und hat er den Weg der Sozialdemokratischen Partei und der Bundesrepublik »entscheidend vorgeprägt«?

Das muß man bezweifeln dürfen. Vergessen ist ja ohnehin, daß dieser einarmige Herr 1946 vergeblich gebeten worden war, Ministerpräsident in Stuttgart zu werden, wo er vor 1933 wohl seine glücklichsten Jahre verlebt hat, als Redakteur der »Schwäbischen Tagwacht«, ab 1924 als Landtags-, ab 1930 als Reichstagsabgeordneter.

Aber von den drei überhaupt nur in Frage kommenden »Gründervätern« der Bundesrepublik kann Adenauer sich nicht mit ihm, er sich aber wohl mit Ludwig Erhard vergleichen.

Man sehe nur die unerträglichen Egoismen der Länder - Späth mit seinen Jahreswagen, Strauß mit seinem Benzin für Privatflieger, Rau, Albrecht, Bremen, Hamburg -, die dem Adenauer gar nichts ausgemacht hätten. Es war denn doch der Dr. Kurt Schumacher, der eine halbwegs bundesstaatliche Verfassung durchgesetzt hat. (Man bestreitet es heute,

aber man wird es mit Gründen wohl nicht bestreiten können.)

Schumacher, wie anders, war ein Zentralist, ein Anhänger des Bismarck-Staates. Sieht man ihn und den Adenauer nach dem Hitler-Krieg agieren, so fallen die Gegensätze natürlich ins Auge.

Adenauer war der pragmatische Opportunist. Er dirigierte ein ganzes Panik-Orchester, zuerst mit dem Hintergedanken eines möglichst großen Rheinstaates, ausgestattet mit einer möglichst großen Souveränität, die er als möglichst großer Separat-Politiker dann ausüben würde.

Bei dem Schumacher nach 1945 ist nun interessant, daß er die »Zerschlagung Preußens« nicht noch einmal als zwingende Realität vor Augen haben wollte. Demgemäß wäre zwischen 1918 und 1923 die einzige Alternative gewesen, Preußen zu zerschlagen? _(Schumacher wußte vermutlich nicht, daß ) _(Adenauers vage Vorstellungen 1945 wieder ) _(auf die zwischen 1918 und 1923 ) _(verfolgten Ideen zuliefen, einen ) _(möglichst großen Rheinstaat ("bis ) _(Hannover") zu schneidern, der politisch ) _(selbständig sein sollte (!), ) _(wirtschaftlich und staatsrechtlich aber ) _(mit einem deutschen Nordstaat und einem ) _(deutschen Südstaat verbunden bleiben ) _(müsse, damit diese beiden anderen ) _(westlichen Separatstaaten dem Sog des ) _(Sowjet-Imperiums nicht anheimfielen. )

Schumacher hielt den Adenauer eben nicht für einen - wie man ihn vulgär doch nennen könnte - Separatisten, sondern für eine Spottgeburt, in Rom gezeugt, in Washington geboren; für einen fähigen Politiker, der sich eine separate katholische Mehrheit sichern wollte, die er in einem überwiegend protestantischen Gesamtstaat mit den sozialistischen Kernlanden Sachsen und Thüringen nicht hätte behalten können.

Betrachtet man die Politik der beiden, so sieht man, daß Adenauer, sicherlich und sichtlich der Mann der Mehrheit, praktische Politik betreibt, auch wenn er sie intellektuell nicht immer artikulieren kann. Schumacher aber betreibt eine zweischneidige Politik, die man trotz aller ihm eigenen Intellektualität schon damals nicht nachvollziehen konnte.

So geriet Kurt Schumacher in eine intellektuell nicht mehr zu bewältigende Zwickmühle. Einerseits mußte er jeden »spalterischen« westdeutschen Wehrbeitrag ablehnen. Andererseits aber mußte er fordern, daß der westdeutsche Wehrbeitrag von mindestens 60 (!) angelsächsischen Divisionen abgesichert würde. Im Ernstfall wollte er die Ostzone (und die deutschen Ostgebiete bis zu welcher polnischen Westgrenze?) offensiv befreit wissen.

Natürlich waren die deutschen Generäle, mit denen der schlaue Adenauer ihn zusammenbrachte, da seiner Meinung. Auch ich habe mit ihm darüber geredet, weil ich das für eine Narrenposition hielt. Er gab das nicht zu. Nichts zuzugeben war sein liebstes.

Aber Gedanken, andere als Adenauer, hat er sich doch gemacht. Am 6. Februar 1951 schrieb er an den gewählten Kanzler, die »deutsche Einheit« müsse das Ziel eines deutschen Wehrbeitrags sein: Nichts gelernt also?

Adenauer in seinen Memoiren nennt Schumachers Standpunkt »sehr theoretisch«. Das war so, aber das blieb nicht so. Am 14. Februar 1951 läßt der inzwischen auch beinamputierte Schumacher die Außenwelt in einer Presseerklärung wissen, die »politische Neutralisierung eines geeinten Deutschlands« könne von den Deutschen nicht geschaffen und nicht verhütet werden. Sie bedeute den »Zwang zur höchsten Wachsamkeit und Anspannung seiner (des deutschen Volkes) demokratischen Kräfte«.

Wie kam er darauf? Nun, es hatte sich offenbar bis nach Moskau herumgesprochen, daß die westlichen Alliierten Westdeutschland als ihr Glacis behandeln wollten, wenn die Westdeutschen de facto auf eine Vereinigung mit dem verbliebenen östlichen Landesteil nicht verzichten wollten.

Dazu waren sie ja bereit, aber Schumacher nicht. Er durfte annehmen, daß Adenauer sich um recht wichtige Einzelheiten nicht scheren würde, dazu kannte er ihn zu gut.

Am 21. Dezember 1951 erlitt Schumacher einen Schlaganfall. Herbert Wehner las im Berliner Rias anstelle des Erkrankten die nach Osten hin versöhnliche Erklärung ("guter Wille") seines Chefs vor.

Den Regierungsparteien warf er, der kranke Radiohörer, »traditionellen Nationalismus« vor - ausgerechnet er. Die Stalin-Noten vom 10. März und 9. April 1952 kommentierte er, als sie denn kamen, positiv: Man solle zumindest verhandeln. Es ist ein Mangel dieser Biographie, daß die wortwörtlichen Rundfunkzitate, die unsereiner noch in Erinnerung hat, nicht wortwörtlich gebracht werden.

Im Auftrag seines Chefs teilte Herbert Wehner den Amerikanern mit, weitere Festlegungen über die Oder-Neiße-Linie (von Schumacher bis dahin stets verworfen) müßten nicht Gegenstand vorheriger Verhandlungen, sondern eben Verhandlungsgegenstand sein - in Wahrheit schon längst keiner mehr.

Adenauer hingegen wollte gerade eben solche »Vorbedingungen«,

auf die Moskau nicht eingehen konnte. Und Dean Acheson, Außenminister der USA, verlangte die Unterzeichnung der (Moskau ausschließenden) »Integrationsverträge« ultimativ bis Ende Mai 1952. Es ging ihm und den Franzosen und den Engländern nur darum, ihren deutschalliierten Kanzler nicht mehr als nötig zu kompromittieren. Hierzu Schumacher in gewohntem Unmut gegenüber der United Press: »... hört auf, ein Deutscher zu sein.«

Ja, er blieb bis zum Schluß ein Patriot, ein Nationalist, ein gescheiter und ein gescheiterter dazu, ein besiegter, wie man ihm in Paris nachrief.

Nun, er war besiegt. Es stimmte ja, Adenauer hatte »das Gute nicht gewollt«, wie er es wollte, sondern das in Adenauers Augen Bessere.

Schumacher sah nicht, daß die Westdeutschen an der Wiedervereinigung (die ihm innenpolitisch Vorteile eingetragen hätte) weniger interessiert waren als an einer von englischen Bezugsscheinen, von englischer Investitionslenkung und englischer Planwirtschaft freien Wirtschaftspolitik.

Kann man von Schumacher sagen, daß er im Bundestagswahlkampf 1949 seiner Partei durch seine ätzende Suada bestenfalls nicht geschadet hat - entgegen den mir gegenüber noch am Vortag der Wahl geäußerten Erwartungen blieb seine Fraktion fünf Sitze hinter CDU und CSU zurück -, so muß man doch Ludwig Erhard das Verdienst gutschreiben, daß gerade er diesen psychologisch nicht unwichtigen Vorteil für Adenauer - stärkste Fraktion - herauskämpfte.

Es ist ein Märchen, daß 1949 eine große Koalition durch Adenauers Tricks verhindert worden wäre (oder durch den großen Bayern-Löwen Strauß). Schumacher selbst hat sie verhindert, indem er Erhards Posten für seine - nicht mehrheitsfähige - Partei verlangte.

Adenauer ist mit nur einer, seiner eigenen, Bundestagsstimme im ersten Wahlgang zum Kanzler gewählt worden. Aber er hatte für weitere Wahlgänge noch potentielle Bundesgenossen. Schumacher hingegen wäre überhaupt nicht gewählt worden. Woher hätte er Bundestagsstimmen außerhalb der verbal auf Verstaatlichung festgelegten SPD nehmen sollen? Von den Kommunisten? Und er gebot noch nicht einmal über die stärkste Fraktion.

Nein, es droht keine »Schumacher-Renaissance«, wie seine Gefährtin Annemarie Renger in der »Welt« suggeriert. Es wäre mit Schumacher sicherlich schwieriger geworden, der SPD und ihm klarzumachen, daß er weder koalitionsfähig noch mehrheitsfähig war.

Vor einer Koalition zwischen ihm und Adenauer kann einen nur das Grausen ankommen. Er, der große Unbestechliche, aber Unbelehrbare; der andere, ein großer Häuptling, nur nicht gesprächsfähig. Daß die Militärgouverneure bei Schumachers Totenfeier präsent waren, Adenauer aber nicht, versteht sich nach allem beinahe von selbst.

PS: Der Verlag hätte gerade bei diesem Mann kein Porträt auf den Buchtitel setzen sollen, das wie eine kolorierte Photographie wirkt (Karl Wohlrab, 1955). Der Titelheld war ein Held des Schwarz-Weiß. Nicht zufällig enthält die »Musterrede« zum Parteijubiläum 1988, von PR-Leuten erstellt, über ihn nur den einen Satz: »Kurt Schumacher (1895 bis 1952) organisierte von Hannover aus den Wiederaufbau der SPD, für die 1945 ein Neubeginn, nicht aber der Bruch mit ihrer bisherigen Geschichte bedeutete.«

Fried Wesemann: »Kurt Schumacher. Ein Leben für Deutschland«. HerkulVerlags-Anstalt, 1952.Schumacher wußte vermutlich nicht, daß Adenauers vage Vorstellungen1945 wieder auf die zwischen 1918 und 1923 verfolgten Ideenzuliefen, einen möglichst großen Rheinstaat ("bis Hannover") zuschneidern, der politisch selbständig sein sollte (!),wirtschaftlich und staatsrechtlich aber mit einem deutschenNordstaat und einem deutschen Südstaat verbunden bleiben müsse,damit diese beiden anderen westlichen Separatstaaten dem Sog desSowjet-Imperiums nicht anheimfielen.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.