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Frankreich Der Meister des Doppelsinns

aus DER SPIEGEL 17/1995

Giesbert, 46, ist Chefredakteur des Figaro und Autor einer Mitterrand-Biographie ("Le President").

Ich habe ein so glückliches Leben geführt, daß es mir schwerfällt zu sterben.« Diesen Satz hat Francois Mitterrand in letzter Zeit oft ausgesprochen, mit einem Leuchten im Gesicht, das auch die Krankheit nicht verdecken konnte.

Der Präsident weigerte sich, Abschied zu nehmen, von seinem Leib wie vom Elysee. Er liebt die Macht so sehr, daß er sie nur unter großem Bedauern, ganz allmählich, aus der Hand geben möchte, ohne seinem Nachfolger auch nur eine Sekunde zu schenken.

In diesen Monaten haben die Franzosen seine Charakterstärke bewundert. Von seinem Leiden gezeichnet, ging Mitterrand dennoch wie gewohnt seinen Staatspflichten nach. Ohne Zögern, ohne Scheu sprach er über die Krankheit und den nahenden Tod.

»Mit zunehmendem Alter habe ich weniger Hunger auf die Macht«, sagt er und lächelt verschmitzt. »Aber ich verspüre trotzdem noch etwas Appetit.« Mitterrand blieb bis zum Schluß ein Mann, der sich selbst zuschauen konnte, als hätte er das Zweite Gesicht. »In der Politik«, wiederholt er gern, »hat nur Erfolg, wer Abstand hält.«

Den hat er immer gehalten. Er brauchte große Feindschaften, sogar urtümlichen Haß, um sein Schicksal zu verklären. Das macht die Person, die er 50 Jahre lang für die Franzosen spielte, zu einer Gestalt wie aus einem Roman.

Am 2. Dezember 1943 in Algier lehnte sich Mitterrand zum erstenmal gegen Charles de Gaulle auf; der General hatte von ihm verlangt, seine Widerstandsgruppe mit einer anderen zu verschmelzen, die sein eigener Schwiegersohn leitete. Daraufhin verfolgte er de Gaulle während dessen ganzer Regierungszeit, von 1958 bis 1969. In seinem Buch »Der permanente Staatsstreich« - gut geschrieben, aber schlecht durchdacht - ging er soweit zu fragen: »Und wer ist er, dieser de Gaulle? Duce, Führer, Caudillo, Conducator?«

Später hat sich Mitterrand schonungslos jedem widersetzt, der in der französischen Politik zählte: Guy Mollet, Valery Giscard d'Estaing, Michel Rocard, Jacques Chirac oder Edouard Balladur. Alle bekamen ihren Teil von seinem ätzenden Spott ab.

Sein letzter Feind ist der Krebs. Er hat über ihn immer wie über einen politischen Gegner geredet: »Ich werde ihn bezwingen.« Wie ein Feldherr plante er den Kampf gegen die Krankheit: »Das ist wie eine Schlacht, diese Geschichte. Ich werde mein Austerlitz oder mein Waterloo erleben.«

Die Franzosen, die noch immer für Vercingetorix schwärmen, lieben solchen Mut. Mitterrand blieb immer ein Widerstandskämpfer, gegen alles. Er braucht Widerstände, um voranzukommen. Sie zu beseitigen hat ihm freilich nie gereicht. Selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht, im Allerheiligsten des Elysee, sprach er manchmal wie ein Oppositionspolitiker über das eigene Regime - das er doch selbst verkörpert.

Aber dieser Profi der Politik lebt auch gern wie ein Schöngeist, der es liebt, über Gott, Frauen und Literatur zu sprechen, der davon träumt, ein anderer zu sein, ein Schriftsteller zum Beispiel. Deshalb gefiel es Mitterrand während seiner Amtszeit, Persönlichkeiten zu empfangen, welche die westliche Diplomatie für wenig empfehlenswert hielt, beispielsweise Fidel Castro. Aus demselben Grund umgab er sich mit Abenteurern wie Bernard Tapie - der amüsierte ihn. »Ich begebe mich gern in zweifelhafte Gesellschaft«, hat er einmal gesagt.

Nicht zufällig ist Mitterrand ein Schüler Voltaires, dieses Botschafters des Skeptizismus, der für ihn »den Geist des französischen Charakters am besten widerspiegelt«. Zyniker und Literat, Idealist und Lebemann, Visionär und Machiavellist: Francois Mitterrand ist seine ganze Karriere lang eine seltsame Mischung gewesen, in der das Schlimmste neben dem Besten existierte.

In den dreißiger Jahren, als Student, liebäugelte er vage mit dem Rechtsextremismus. Als er nach der Niederlage aus deutscher Gefangenschaft floh, suchte er Unterschlupf in Vichy, nicht in der Resistance. Gleichwohl kollaborierte er nicht mit den Besatzern; er tändelte nur mit den Kollaborateuren herum, bis er sich einige Monate später gegen die Regierung des Marschalls Petain erhob. Da wurde er zum großen Widerstandskämpfer, den General de Gaulle in seinen Memoiren würdigte.

In der Stunde der Befreiung war er einer von nur 15 Männern, die im Namen des Generals den Auftrag erhielten, die Regierungsgewalt zu übernehmen: Mit 27 Jahren sah sich Mitterrand in höchste Würden katapultiert. Als Generalsekretär für Kriegsgefangene und Deportierte war er faktisch ein Minister.

Danach wurde er noch oft Minister: elfmal während der Vierten Republik, als Vorsitzender einer kleinen Mitte-Links-Partei, die bezeichnenderweise den Namen »Demokratische und Sozialistische Widerstandsunion« führte und in vielen Koalitionsregierungen eine Schlüsselstellung innehatte. In den sechziger Jahren wechselte er zum Sozialismus - nur um auch mit dessen Dogmen zu brechen, als er in den Elysee einzog.

Francois Mitterrand verkörpert auf perfekte Weise das doppelgesichtige Frankreich - das Land, das Petain feierte, bevor es de Gaulle in den Himmel hob; das immer geordnete Reformen ablehnte, um sich besser der Revolution hingeben zu können. Frankreich ist flatterhaft und aufrührerisch. Wenn man glaubt, Frankreich begriffen zu haben, hat man aufgehört, es zu verstehen.

Während seiner ganzen Karriere war er ein Anhänger von Alain, dem Philosophen des französischen Radikalsozialismus, der schrieb: »Eine Idee, die ich habe, muß ich leugnen: Das ist meine Art, sie zu erproben.« Oder auch: »Nichts ist gefährlicher als eine Idee, wenn man nur eine hat.« Mitterrand hatte nie nur eine Idee, und er hat fast alle ausprobiert.

Der Präsident liebte es, mit Gegensätzen zu spielen. Ein Meister des Doppelsinns, zitierte er oft einen Satz, den er mal dem Kardinal de Retz, mal dem Kardinal de Bernis zuschreibt: »Man entkommt der Zweideutigkeit nur zum eigenen Nachteil.« Er jedenfalls entkam ihr nur ausnahmsweise, bei einigen großen Anlässen, wenn Europa auf dem Spiel stand: so in seiner berühmten Ansprache im Bundestag am 20. Januar 1983, als er vor den sowjetischen SS-20-Raketen warnte.

Ansonsten hat er meistens laviert. Er gehört zu jenen Politikern, die meinen, daß Versprechen nur die binden, die an sie glauben. Die Wahrheit zu sagen war nie seine Stärke. Versprechen hieß für ihn nie, sich an das Zugesagte zu halten. Deshalb hat er soviel versprochen. Daß er sowenig gehalten hat, erklärt die Enttäuschung seiner Genossen und die Haßausbrüche im eigenen Lager.

Jetzt, da er sich anschickt, sein geliebtes Schattenspiel zu verlassen, um in die Geschichte einzugehen, wird er zweifellos gerechter beurteilt. Niemand hört mehr auf seine Feinde, die ihn am Ende seiner Amtszeit zu verteufeln wagen.

Welche Spuren wird er zurücklassen, dieser politische Abenteurer, der keine große Überzeugung außer der europäischen hatte, der immer auf der Lauer lag, imstande zu erstaunlichen Kehrtwendungen? Zuerst die Zeit: Er ist der erste Präsident in der Geschichte der Republik, der zweimal sieben Jahre durchstand. Wie alle Kirchenoberhäupter hat er behauptet, die Zeit arbeite für ihn, als gehörte ihm die Ewigkeit.

Während dieser beiden Amtszeiten hörte man ihn oft sagen: »Man muß der Zeit ihre Zeit lassen.« Francois Mitterrand ist nicht so lange an der Macht gewesen wie der Kaiser von Japan, Hirohito (63 Jahre); auch nicht so lange wie Francisco Franco (36 Jahre) oder Josef Stalin (30 Jahre). Aber das spielt keine Rolle, denn er hat alle Rekorde in Frankreich geschlagen, auch den von de Gaulle, der zehn Jahre regierte.

Er übernahm 1981 die Macht, indem er den Helden der französischen Geschichte im Pantheon seine Ehre erwies, dem Sozialistenführer Jean Jaures, dem legendären Führer der Resistance Jean Moulin und Victor Schoelcher, der 1848 in den französischen Kolonien die Sklaverei abschaffte. Anschließend träumte er selbst vom Pantheon.

Dieser Wunsch nach Geschichtlichkeit ist eine echt französische Krankheit. Frankreich hat den Tod Jeanne d'Arcs und den General de Gaulles immer noch nicht verwunden. Ihre Geister suchen auch Francois Mitterrand heim. Als er versucht hat, über sich selbst hinauszuwachsen, machten sich die Franzosen heimlich über ihn lustig. Dann zogen sie den Hut vor ihm.

Was hat Mitterrand Frankreich vererbt? Einige öffentliche Bauten in Paris, mehrere große Reformen, Fortschritte in der Europapolitik und geplatzte Illusionen. Anders als die Legende behauptet, hat er die Linke nicht in dem Zustand zurückgelassen, in dem er sie vorgefunden hat: zerrissen und zersplittert. Er hat sie modernisiert und verwandelt, dabei die Kommunistische Partei in die Bedeutungslosigkeit gestoßen. Die französische Linke, lange in ihrer marxistischen Scholastik eingeschlossen, hat sich der Marktwirtschaft geöffnet. Sie ist in der Regierung gereift und zu einer Partei geworden, die morgen wieder die Macht übernehmen kann.

Eine Umfrage für das Figaro Magazine ergab kürzlich, daß 56 Prozent der Franzosen (zu 33) die Amtszeit Mitterrands als »eher positiv« bewerten. Das ist nicht alles: 67 Prozent glauben, daß die Ära Mitterrand einen wichtigen Platz in der Geschichte Frankreichs einnehmen wird.

Die Monumente zu seinen Ehren sind noch nicht erbaut. Aber Francois Mitterrand erscheint fortan als eine der großen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts, nach General de Gaulle.

Stets genügt der Abtritt von der Bühne, um bedauert zu werden. Y

Franz-Olivier Giesbert
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