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»Der Mensch droht zu stolpern«

Der Bonner Philosoph und Bioethiker Ludger Honnefelder über Genexperimente mit Föten, die Irrungen seines Kollegen Sloterdijk und die Renaissance einer naturwissenschaftlich aufgeklärten Moral
Von Carolin Emcke und Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 39/1999

Honnefelder, 63, lehrt an der Universität Bonn Philosophie und ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Wissenschaft und Ethik. In mehreren Beratergremien untersucht er mit Medizinern und Biologen die moralischen Probleme der modernen Gentechnik. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Professor Honnefelder, Ihr Kollege Sloterdijk will allen Ernstes die Zähmung der Bestie Mensch durch genetische »Züchtung« erreichen. Versagen die Philosophen als seriöse Kritiker der Biotechnologie?

Honnefelder: Dass Gentechnik und Biotechnologie die größte ethische Herausforderung der Gegenwart sind, ist längt bekannt. Der Rat der Philosophen wird gesucht.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Honnefelder: Ein Anruf der urologischen Abteilung einer Universitätsklinik mit der Frage: »Dürfen wir dem Wunsch einer Patientin entsprechen und den Samen ihres gerade bei einem Unfall ums Lebens gekommenen Ehemanns übertragen? Wir werden von dem Wunsch der Patientin bedrängt und wissen nicht, was wir tun sollen.«

SPIEGEL: Hatten Sie Mitleid?

Honnefelder: Natürlich. Aber das Interesse des Kindes hat Vorrang. Deshalb verbietet das deutsche Recht solche Übertragung.

SPIEGEL: Gilt die Zustimmung aller Betroffener als Voraussetzung und Grenze des Machbaren? Gerade beim Klonen, also dem genetischen Kopieren eines Menschen, könnte die Zustimmung doch gar nicht eingeholt werden?

Honnefelder: Durch Klonen würde ein Mensch hergestellt, der zum größten Teil eine Kopie eines Genoms eines anderen Menschen ist. Ihm würde etwas genommen, was bisher zur natürlichen Ausstattung eines Menschen gehört: dass seine Abstammung sich dem Zufall der Kombination des elterlichen Erbguts verdankt. Er würde aus der genetischen Lotterie herausgenommen und der Verfügung durch einen Dritten ausgeliefert.

SPIEGEL: Warum erzeugt ein geklontes Wesen Angst?

Honnefelder: Es ist die Fremdbestimmung, die im Klonen liegt, die die Ablehnung begründet. Wenn ich ein Kind, das ich durch einen Unfall verloren habe, wieder zum Leben erwecken will, indem ich mit Hilfe des Dolly-Verfahrens ...

SPIEGEL: ... Sie meinen das erfolgreiche Klonen des schottischen Schafs ...

Honnefelder: ... ein neues Kind zeuge, das mit dem verstorbenen genetisch identisch ist, einen zeitversetzten eineiigen Zwilling sozusagen, dann nehme ich diesem Kind das Stück Freiheit, das im Zufall liegt.

SPIEGEL: Aber die Genetik möchte die Macht des Schicksals begrenzen. In der vorgeburtlichen Diagnostik zum Beispiel. Dort erhoffen sich viele Eltern Auskunft über mögliche Behinderungen ihrer Kinder. Was ist daran aus Sicht eines Ethikers problematisch?

Honnefelder: Hier kann es zum Konflikt zweier grundlegender Güter kommen. Die große Gefahr ist eine ungewollte Eugenik von unten.

SPIEGEL: Gibt es noch andere Bedenken der Philosophen gegen die Genmedizin?

Honnefelder: Bei der Keimbahntherapie zum Beispiel ...

SPIEGEL: ... die bedeutet, dass ein Eingriff an den Genen vorgenommen wird, der auch die zukünftigen Kinder prägt ...

Honnefelder: Ja, Befürworter sagen, diese Intervention in das Genmaterial sei gerechtfertigt, wenn der zukünftige Mensch eine so schwere Krankheit hätte, dass man unterstellen kann, dass er als Betroffener sie nicht wollen kann. Dann, so sagen manche, wäre es doch geradezu die Pflicht des Arztes, diese Therapie anzuwenden.

SPIEGEL: Was als »Krankheit« gilt, ist allerdings soziokulturell bestimmt.

Honnefelder: Eben hier beginnt das Problem.

SPIEGEL: Vielleicht wäre Händel nie zur Geburt zugelassen worden - er war Epileptiker.

Honnefelder: Das ist der Grund für mich, einer solchen Argumentation nicht zuzustimmen. Wir müssten ein wirklich eindeutiges Kriterium für eine schwere Krankheit haben. Dass einer den Veitstanz als genetische Disposition seinen Nachkommen nicht wünscht, leuchtet ein. Aber wie steht es mit Zwergwüchsigkeit, bestimmten Augenfehlern? Wo ist die Grenze? Von den Menschenversuchen, die erforderlich wären, ganz abgesehen.

SPIEGEL: Ästhetischen Bedürfnissen soll die Gentherapie also auf keinen Fall dienen?

Honnefelder: Weltweit ist man sich einig, dass auf jeden Fall die Verbesserung von wünschenswerten Eigenschaften wie beispielsweise Eingriffe zu Gunsten eines besseren Aussehens oder Gedächtnisses verboten werden müssen.

SPIEGEL: Ihr Kollege Sloterdijk überschreitet doch diese Grenze, wenn er bessere Menschen züchten will. Ist seine Vorstellung im Kern faschistisch?

Honnefelder: Die von Sloterdijk ins Gespräch gebrachte Menschenzüchtung beruht auf einer viel zu deterministischen Vorstellung von Genetik, die nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht. Dahinter steht ein völlig falsches Verständnis von Natur, als sei sie nach einer Blaupause gemacht, bei der man bestimmte fehlerhafte Einzelheiten reparieren kann. Wir wissen heute mehr denn je, dass die Natur ein hochkomplexes Ganzes ist, das die gezielte Erzeugung eines neuen Menschentyps ausschließt.

SPIEGEL: Noch oder für immer?

Honnefelder: Ich vermute, dass das immer so bleibt. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung. Wir werden nach Abschluss des Genom-Projekts zwar eine weitgehende Entzifferung des menschlichen Erbguts haben, aber das Zusammenwirken der Gene im Rahmen der Zellbiologie ist bisher noch eine Terra incognita.

SPIEGEL: Haben Sie einen moralischen Einwand gegen Sloterdijk? Er schlägt ja vor, die Philosophen sollten »aktiv« werden und in das »Spiel« der Züchtung des Menschen eingreifen.

Honnefelder: Die Absicht von Experten, über andere zu bestimmen, auch wenn sie noch so gut gemeint wäre und erstrebenswerte Eigenschaften zum Ziel hätte, stellte einen Tugendterror dar und verstieße gegen die ethische Selbstbestimmung, die jedem eigen ist. Ein Menschenbild, das »Züchter« und »Gezüchtete« unterscheidet, ist ein elementarer Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip, das darauf beruht, dass jeder das Vermögen hat, sittliches Subjekt zu sein.

SPIEGEL: Wenn die Philosophen nicht als »Züchter« des moralischen Menschen berufen sind, inwieweit taugen sie als Kontrolleure der Genforschung?

Honnefelder: Die großen moralischen Theorien verstehen sich - im Gegensatz zu Sloterdijk und einer bestimmten Platon-Interpretation - als Aufklärung des moralischen Urteils von jedermann. Es ist ein Missverständnis, dass die Ethiker so etwas wie ein Vormund sein könnten. Die Ethik kann nur bei der moralischen Urteilsfindung behilflich sein.

SPIEGEL: Hegel sagt, dass die Philosophie ihren Flug immer erst in der Dämmerung beginnt, also wenn es schon spät ist. Muss nicht Ihr Fach - gerade bei einer so stürmisch sich entwickelnden Wissenschaft wie der Humangenetik - hinterherhinken?

Honnefelder: Die Gefahr, immer zu spät zu kommen, ist zweifelsohne gegeben. Aber bei der Entwicklung der Gentechnik hat die kritische Reflexion sehr früh eingesetzt.

SPIEGEL: Mit welchen Ergebnissen?

Honnefelder: Die Keimbahnintervention ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten und auch nach der Menschenrechtskonvention des Europarats nicht erlaubt. Sie wird weltweit nicht praktiziert.

SPIEGEL: Aber daran wird doch schon gearbeitet?

Honnefelder: Es ist die Frage, was Sie unter »arbeiten« verstehen. Es gibt Experimente mit Spermien und unbefruchteten Eizellen. Möglicherweise auch im Frühstadium von befruchteten Eizellen. Aber es wäre mir neu, wenn man versucht hätte, solche Experimente bis hin zur Schwangerschaft und Geburt weiterzuführen.

SPIEGEL: Aber wenn es trotzdem passiert, würden Sie mal wieder zu spät kommen. Wann ist es Ihnen denn schon mal gelungen, der Forschung voraus zu sein?

Honnefelder: Hinsichtlich der jüngsten, besonders aktuellen Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen sind die ethischen Probleme bereits zum Gegenstand gemacht worden, noch bevor die ersten Experimente im Humanbereich begannen.

SPIEGEL: Worum geht es dabei?

Honnefelder: Dabei geht es um die Frage, ob man »überzählige« Embryonen als Zwischenstationen benutzen darf, um daraus dann Gewebe und Organe zu züchten.

SPIEGEL: Wie haben Sie ethisch argumentiert?

Honnefelder: Wir betrachten den menschliche Embryo als ein Lebewesen, das dem mit der Menschenwürde verbundenen Schutz und damit dem Instrumentalisierungsverbot unterliegt. Selbst wenn es um höhere Zwecke ginge, darf ein menschliches Lebewesen nicht instrumentalisiert werden.

SPIEGEL: Sloterdijk fragt, was der Humanismus zur Zähmung des Menschen überhaupt noch leisten kann.

Honnefelder: Es ist doch umgekehrt: Wir brauchen die Idee der Humanität mehr denn je. Das Argument, dass das Projekt des Humanismus durch Menschenzüchtung abgelöst werden soll, widerlegt sich schon dadurch, dass sich die Genetiker über die Ziele einig werden müssten - und dann wären wir wieder bei der Frage nach der Humanität. Genetiker wie Ethiker müssten erst einen Konsens über den gewünschten, den wünschbaren Menschen erzielen. Dass wir auf das Expertenwissen der wenigen, kundigen Ideenfreunde zurückgreifen sollen, wäre eine Lösung, die durch die Philosophiegeschichte längst als widerlegt gilt.

SPIEGEL: Kommt die öffentliche Diskussion in Deutschland nicht viel zu spät?

Honnefelder: Sie hat inzwischen intensiv eingesetzt, doch gibt es immer noch die Tendenz zu Schwarzweißmalerei. Manche verfahren nach dem Motto: Wenn die Dinge zu komplex sind, vermeidet man die Diskussion lieber ganz und ruft nach Verbot. Oder man folgt einfach dem zynischen Argument: Was technisch möglich ist, wird sowieso gemacht.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Honnefelder: Wir müssen angemessene Formen für ethische Auseinandersetzungen in Wissenschaft und Gesellschaft finden. Die Probleme der Gentechnik treffen uns in einer Situation, in der viele geglaubt hatten, die Moral zu einer Privatsache erklären zu können oder sich auf rechtliche Regelungen zu beschränken. Nun entdecken wir, dass die Moral der »Preis der Moderne« ist, wie Otfried Höffe sagt. Die Menschheit hat Jahrtausende gegen den Widerstand der Natur angekämpft, diesem Widerstand sein Leben abgerungen. Nachdem der Widerstand der Natur in wichtigen Teilen weggefallen ist, droht der Mensch nach vorne zu fallen und zu stolpern. Nicht mehr die Natur setzt ihm Grenzen, er muss sich selbst Grenzen setzen.

INTERVIEW: CAROLIN EMCKE, NIKOLAUS VON FESTENBERG

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