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»Der Mensch hat das Schwein zur Sau gemacht«

Verhätschelte, falsch behandelte Hobby-Tiere, staatlich geförderte Quälerei an Nutztieren -- das Verhältnis der Deutschen zum Tier ist gestört. Doch nicht nur darüber sind Mahner wie Horst Stern, umstrittener Tierautor im Fernsehen, bekümmert: Ihm gelten Adler und Störche, Fische und Wölfe zugleich als »Umwelt-Indikatoren«. »Sterbende und aussterbende Tiere«, meint Stern, das seien »die Warnlampen eines defekten biologischen Systems«.
aus DER SPIEGEL 53/1973

Auf dem Bildschirm tanzen zu elektronischer Musik Kohlweißling und Pfauenauge. Eine Riesenraupe von Einzel-Räupchen kraucht, von mysteriösen Motiven getrieben, durchs Gelände. Und wackelnd wie zur Striptease-Show streift eine Puppe die letzte Hülle ab, um sich als Madame Butterfly zu entlarven.

Wunder der Natur? Gewiß. Aber für den TV-Tier-Dokumentaristen Horst Stern, 51, sind solche Metamorphosen ganz einfach hormonal gesteuerte Vorgänge, die er durch exakte biologische Information erklären möchte: Als am zweiten Weihnachtsabend um 20.15 Uhr im ARD-Programm zum 14. Mal »Sterns Stunde« schlug, machte der Star vorn Südfunk Stuttgart zum wohlkomponierten Farb- und Formenspiel im Film sachliche »Bemerkungen über den Schmetterling«.

Er machte sie, wie üblich, mit rauher Stimme und spitzer Zunge, in sarkastischen Aphorismen und frivolen Apecus und war sich dabei doch sicher. daß er diesmal, trotz einiger Häppchen Kopulation und Vivisektion, »Millionen Menschen ein Weihnachtsgeschenk bereitete«.

Schließlich mag er ja, sagt Stern. »nicht immer nur Emotionen hochpeitschen«; vor allem aber will er »bei den Leuten nicht ewig als Weihnachtsschänder in Erinnerung bleiben« -- als jener Unhold, der am Heiligen Abend 1971 mit »Bemerkungen über den Rothirsch' dem ganzen tiernärrischen Fernsehvolk aufs Gemüt schlug, indem er zur Rettung des deutschen Waldes den Massenmord am Edelwild predigte.

So brachte ein guter Stern Frieden auf Erden und selbst Jägern ein Wohlgefallen, und dies um so freudiger, als neues Ärgernis schon vorbereitet ist:

Wenn im Februar seine nächste Stunde kommt, will der einstige Gerichtsdolmetscher und Gerichtsreporter wieder als öffentlicher Ankläger auftreten -Sterns »Bemerkungen über eine Urlaubslandschaft« (ARD, 12. Februar, 20.15 Uhr) illustrieren Zitherzupfern, Schuhplattlern und Ruhpoldinger Blasmusik die von Jäger, Förstern, Politikern, Großgrundbesitzern, Baugesellschaften und Touristik-Unternehmen rüstig vorangetriebene Zerstörung der Kulturlandschaft in den Alpen.

Denn das gefährlichste Raubtier auf Erden, das ist für den militanten Tier- und Naturschützer Stern allemal der »Homo carnivoris«, der fleischfressende Mensch: und seit je waren Sterns Bemerkungen über Huhn und Schwein und Hirsch und Hund nur zu oft auch Jeremiaden über den menschlichen Ausbeutungs- und Zerstörungstrieb.

Solch drastische Lektionen brachten Stern hohe Publikumsgunst; sie brachten ihm einen »Goldenen Bildschirm«. eine »Goldene Kamera«, einen »Sonderpreis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft« sowie unlängst den »Bayerischen Naturschutzpreis«, und sie »werden ihm demnächst auch noch einen Ehrendoktorhut der Universität Hohenheim eintragen.

Doch sie schufen zugleich viel Haß und Hader. Empfindsamere Zuschauer. durch die liebenswürdigen Plaudereien sanfter Tieronkels verwöhnt, protestierten gegen den »Schweine-Kolle« und »Sadisten«, den man seiner »abwegigen Gefühle« wegen »ins Weidloch treten« und »auspeitschen« müsse.

Sie wehrten sich gegen die Belehrung, daß die moderne Gesellschaft »keine Antennen mehr hat für die feineren Schmerzsignale unserer Notztiere«, gegen den bösen Verdacht, daß der fleischfressende Mensch »das Kainsmal des Tiertöters rosig überschminkt, indem er das Nutztier total aus seinem Bewußtsein verdrängt und sein schlechtes Gewissen darüber oft genug in eine fanatische Afterliebe zu Hund und Katz und zum Kanarienvogel Hansi umfunktioniert«.

Das sind in der Tat auch rüde Vorwürfe gegen eine Nation, die laut Meinungsumfrage das Ohrfeigen der Ehefrau für verzeihlicher hält als das Prügeln der Kreatur und die ihren Tieren (81 Prozent) mehr zugetan ist als ihren Kindern (66 Prozent).

Hat sie diesen Schimpf wirklich verdient? »Eine Tierliebe wie die deutsche«. rühmte einst Hermann Löns, gebe es seines Wissens »auf der Welt nicht wieder«. Und wenn das auch nicht ganz stimmt, so sind doch die Deutschen nach den Niederländern und Angelsachsen immer noch Tierliebhaber von makellosem Weltruf.

Rund drei Millionen Hunde, 3,7 Millionen Katzen, eine Million Goldhamster, 100 000 Meerschweinchen, 15 Millionen Zierfische, 4,5 Millionen Wellensittiche und Kanarienvögel leben gegen. wärtig in der Bundesrepublik, mindestens 450 Millionen Mark haben sie 1972 verfressen.

Im selben Jahr machten zirka 1500 Kleintierhändler -- 500 mehr, als es 1965 waren, 500 weniger, als es 1975 sein werden -- einen Umsatz von annähernd 1,7 Milliarden. Mark. Sie profitierten an Käfigen und Körbchen, an Aquarien und Terrarien, an Knabberstangen und Lebenselixieren, an Heu und Spreu und Spray, vor allem aber an der Lebendware Tier -- etwa an Rasse-Kläffern wie dem Deutschen Schäferhund (ab 350 Mark), dem Chow-Chow (ab 450 Mark), dem Greyhound (ab 600 Mark), dem Irish Setter (ab 700 Mark), der Deutschen Dogge (ab 900 Mark), dem Chihuahua (ab 1500 Mark).

Mittlerweile trotten die in Hamburg besonders geschätzten Bassets und Beagle-Snoopys im Brillantenkollier zum Hirndefrisiersalon, pinkeln Pinscher im Nerz auf den Kudamm, watscheln Dackel im Trachten-Look über den Stachus, schnüffeln Möpse mit falschen Wimpern die Kö entlang.

Kein Zweifel: Die von Löns so gepriesene, die Stern so verdächtige Tierliebe der Deutschen hat sich Anfang der siebziger Jahre zur nationalen Leidenschaft mit unverkennbar hysterischen Zügen gesteigert. In jedem dritten Haushalt der Bundesrepublik wohnt inzwischen ein Zier- oder Hobby-Tier, auch Ausländer sind erwünscht -- etwa ein kleines Krokodil für die Badewanne oder eine Boa constrictor für den Wintergarten.

Alles, nahezu alles ist in Deutschlands Zoohandlungen und Kaufhäusern zu haben: exotische Picasso-, Diskus- und Doktorfische, Pinselohr- und Totenkopfäffchen, Siamhörnchen und Wickelbären, Aras und Kakadus, Riesentausendfüßler und Kraken. Zwischen 50 und 250 Mark kosten Zwergpapagei und Grüner Leguan, zwischen 200 und 300 Gürteltier und Pampaskatze; ein Nasenbär kommt auf 350, ein thailändischer Sumpfotter auf rund 900 Mark.

Schätzungsweise 1000 Raubkatzen, zum Verkauf an Privatleute bestimmt, wandern jährlich über die Grenzen der Bundesrepublik. Als aparteste Rarität unter ihnen gilt der Ozelot, der seinem indianischen Fänger allenfalls 15, seinem deutschen Händler wenigstens 2500 Mark einbringt und seinen Besitzer bei täglichen Fleischrationen von zwei bis drei Pfund noch weit mehr kostet.

Bedenkliche Passionen. Ihnen zuliebe plündern die Tierfänger Busch und Dschungel aus, daß man, laut »Tages spiegel«, beispielsweise in Ecuador »selbst auf einem wochenlangen Urwaldmarsch kaum mehr einen Papagei oder Affen zu Gesicht bekommt«.

Im März dieses Jahres haben 27 Staaten, darunter die Bundesrepublik, in Washington eine Konvention unterzeichnet, die den Handel mit 375 Tierarten der freien Wildbahn völlig verbietet und das Geschäft mit 239 weiteren Spezies von behördlichen Genehmigungen der Ausfuhr- wie der Einfuhrländer abhängig macht.

Doch solange das internationale Abkommen nicht ratifiziert ist, verrecken alljährlich weiterhin Hunderttausende, wenn nicht Millionen von exotischen Säugetieren, Vögeln und Fischen auf dem Transport. »Für zehn Tiere, die lebend nach Europa gelangen«, belehrt Dr. Richard Faust vom Frankfurter Zoo, »sterben 80 bis 90 beim Fang und auf der Reise.«

Und wenn das Alligatorenbaby, das glücklich im deutschen Heim gelandet ist, dann zusehends wächst und wächst, weiß sein Besitzer oft nicht, wohin mit dem gefährlichen Biest -- ins Tierheim. in den Müllschlucker oder zur Kadaververwertung?

Die wahre Liebe ist das nicht. Aber die mag Horst Stern nicht einmal dem ganz normalen Hunde-Herrchen zubilligen: »Man interessiert sich doch gar nicht für diese Tiere. Man macht sie zu bellenden Menschen, verhätschelt sie als Ersatzwesen und liebt sie zu Tode.«

Und bisweilen, so klagt der Nobelpreis-Verhaltensforscher Konrad Lorenz' begeht man an ihnen auch die »schwere Sünde« einer »sozialen Sodomie«, die »ebenso ekelerregend ist wie die geschlechtliche« -- man hätschelt sie aus purem Menschenhaß.

»Seit ich die Menschen kenne«, knurrte einst Preußens größter Friedrich, »liebe ich die Tiere.« Der französische Literat Paul Léautaud (1872 bis 1965), der in einem berühmten Tagebuch wüsten Hohn über Zeitgenossen goß, kompensierte seine Misanthropie' indem er im Lauf der Jahre 150 Hunde' 300 Katzen, eine Ziege und einen Affen versorgte -- die »armen verlassenen und verlorenen Tiere« nötigten ihm »mehr Mitgefühl ab als sämtliche Geschichten von Bergwerksunglücken« --

Zoo-Professor Grzimek sieht jedoch noch ein anderes Motiv für die »etwas krankhaft übersteigerte Neigung zu Tieren": die »Verstädterung«.

Vor 100 Jahren lebten etwa 64 Prozent der deutschen Bevölkerung auf dem Land, in täglichem Umgang mit Kühen, Pferden, Hunden, Katzen, und Hühnern. Inzwischen wohnen mehr als drei Viertel aller. Bundesbürger in der Stadt, fern von den Haustieren ihrer Urgroßväter und verarmt durch den Schwund einer nie mehr reproduzierbaren Natur -- daher die Nostalgie. Voller Sehnsucht nach Surrogater wandern deshalb in Deutschland-Ost und -West alljährlich 30 Millionen Bürger in die rund 200 öffentlichen Tiersammlungen' »um deren Zukunft«, sagt Grzimek' »man sich keinerlei Sorgen zu machen braucht«.

Länger und länger werden die bundesdeutschen Autoschlangen, die sich durch Wald und Heide winden immer hinein in die von doppelten Drahtgittern umsäumten, mit Sichtblenden, Elektroschleusen und Wachtürmen bestückten Tiergefangenenlager der Drive-in-Safari-Parks. wo sich Elefanten und Nashörner, Giraffen und Zebras, Zebus, Yaks und Kaffernbüffel im deutschen Winter Rheuma' Rotz und Arthritis holen.

Immer gewaltiger wird derweil auch die Papierflut von Tierzeitschriften, -pamphleten und -broschüren, von Tiererzählungen, Tierkalendern und Tierbildbänden, von Tierserien in Illustrierten und Tierberichten in Tageszeitungen, von zoologischen Studien und Lexika, die des Deutschen Leidenschaft zum Tiere nährt -- zum Beispiel mit Grzimeks Zeitschrift »Das Tier«, von der monatlich 200 000 Exemplare an den Mann kommen. »Grzimeks Tierleben« in 13 Normal- und zwei Supplement-Bänden hat bei einem Subskriptionspreis von 1484 und einem Ladenpreis von 1874 Mark inzwischen das 60. Tausend erreicht.

Trost vom australischen Großfußhuhn.

Am gewaltigsten aber ist die Macht des Animalischen, die vom Medium ausgeht. Hier, im deutschen Fernsehen, wo Flipper kichert. Clarence schielt und Lassie schier unsterblich mit dem Schwanz wedelt, offenbart sich schon den Kleinen der Nation die Kreatur in märchenhafter Unschuld. Und auch die Großen finden Trost, sobald ARD und ZDF ins »Reich der wilden Tiere« laden -- weit fort von den Schauplätzen menschlicher Gewalttätigkeit und Niedertracht.

So jedenfalls war es bisher. Wenn im Bayerischen Rundfunk der kürzlich gestorbene Eugen Schuhmacher auftrat, um über fast zwei Jahrzehnte hinweg und durch annähernd 100 Folgen hindurch betulich »auf den Spuren seltener Tiere« zu wandeln; wenn bislang im NDR Heinz Sielmann mit ästhetisch perfekten Bildern und gewähltem Vokabular (Lieblingswort: »possierlich") von seinen »Expeditionen ins Tierreich« plauderte, dann war Köpckes Zusammenfassung der wichtigsten Katastrophen des Tages vergessen, dann war der Mensch aus dem Spiel und die Welt folglich im Lot.

Farben schön stolzierte das australische Großfußhuhn auf dem Weg zum Brutplatz durchs unversehrte Biotop, graziös hangelte sich die Orang-Utan-Familie durchs Dschungel-Paradies Borneos, putzig huschten die Kobolde des Waldes auch mal im heimischen Revier.

»Wenn ich einen Specht-Film mache«, sagt Sielmann, »werde ich zum Specht.« Das gefiel den Leuten, sie dankten mit Traumnoten bis + 9. Und da es auch der biedere Schwabe Schuhmacher dem Millionenpublikum recht machen wollte, klangen seine Ermahnungen zu Tier- und Naturschutz immer eher beiläufig.

»üble Schweinereien im Hühnersilo und Kuhstall.«

Selbst der mächtige Alte aus dem Frankfurter Zoo. selbst Professor Grzimek, der seit 1957 im Hessischen Rundfunk bei Einschaltquoten von rund 70 Prozent einen »Platz für Tiere« beansprucht, mochte bis vor kurzem noch dem Fernsehvolk das Recht aufs schöne Bild nicht schmälern.

Zwar forderte er gern, mit dem Affen auf der Schulter und der Kontonummer im Insert, »Hilfe für die bedrohte Tierwelt«. Oft auch hat er mit weichem Timbre und starkem Effekt seine »lieben Freunde« gegen die Robbenmörder vom St.-Lorenz-Strom' gegen lachhafte Großwildjäger und Damen im Leopardenfell aufgewiegelt.

Aber er fand: »Wenn man die öffentliche Meinung beeinflussen will, dann muß man das sehr vorsichtig machen.« So sorgte er vor allem mit seltenen Tieren in fernen Ländern für Tränen der Rührung und damit für hohen Seh-Index. Denn »was ich brauche«, sagte er. »ist eine erfolgreiche Sendung«.

Doch inzwischen ist der liebenswürdige Professor schon zu »massiveren Frechheiten« bereit. Grzimek' der im vergangenen Frühjahr sein Amt als Bundesbeauftragter für den Naturschutz aus Enttäuschung über die Bonner Umweltpolitik zurückgegeben hat, erinnert sich nun plötzlich, daß er es »immer gesagt« habe: »Man muß Tiersendungen politisieren. Unsere Zukunftsentwicklung ist derart katastrophal, daß man Krach machen muß.«

So fand denn unlängst Grzimeks Gemeinde in der 119. Folge der Reihe »Ein Platz für Tiere« ihren Serengeti-Helden im heimischen Schweinekoben. Hühnersilo und Kuhstall wieder: Der beliebteste aller Fernseh-Professoren klagte gegen die »üble Schweinerei« und »grauenvolle Tierquälerei« der »standortungebundenen Nurstallhaltung« in Massenbetrieben, wie sie Bundesminister Josef Ertl will.

»90 Millionen Mast- und Legehühner. 20 Millionen Schweine, 14 Millionen Rinder mitten unter uns', so hatte sich Horst Stern vor zwei Jahren beschwert, das sei eben kein Thema für Deutschlands Verhaltensforscher. »Unseren schreibenden Tierprofessoren und filmenden Tierforschern«, schimpfte er damals, sei »bei ihren Studien kein Urwald zu dicht -- nur in einen Stall, da bringt sie niemand hinein«.

Nun ist's erreicht -- und wohl nicht zuletzt dank Sterns vorreiterischer Aggressivität. Stern, rühmt Grzimek, habe »eine völlig neue Masche in die Tiersendung gebracht«, eine »neue Diktion«, so bestätigt Sielmann vorsichtig, die »vermutlich besonders von Intellektuellen geschätzt wird«.

Gemeint ist damit offenbar ein Asphaltjournalisten-Stil, in dem sich Stern immerhin ·seit über zwei Jahrzehnten erprobt hat: Der gelernte Bankkaufmann, 1922 in Stettin geboren, während des Krieges Fallschirmjäger in Afrika und Gefangener in Amerika, nach 1945 Dolmetscher der US Army in Ludwigsburg, schrieb jahrelang Gerichtsberichte für die »Stuttgarter Nachrichten«. Er war außerdem Chefredakteur der VW-Zeitschrift »Gute Fahrt« sowie des Reisemagazins »Unterwegs« und ist heute noch Herausgeber der Hamburger Segler-Zeitschrift »Die Yacht«.

Als ihn Stuttgarts Fernsehdirektor Horst Jaedicke 1969 für den Südfunk entdeckte, hatte sich Stern aber auch als Tierschriftsteller längst bewährt. Der passionierte Einzelgänger, der sich in den fünfziger Jahren, assistiert von Frau Anneliese und zwei Söhnen, in einem gepachteten Obstgarten Käuze, Eulen, Falken, Marder und Füchse hielt, hatte mehrere Dutzend Tiersendungen für den Schulfunk verfaßt -- sie sind in der Neuerscheinung »Stern für Leser« abgedruckt -- und 1961 eine populäre Reitlehre (letzte Auflage: 100 000 Exemplare) veröffentlicht**.

Das alles waren Beweise einer Vielseitigkeit, die den Stuttgarter Bildschirm-Herrn Jaedicke zu schönsten Hoffnungen ermutigten. Schon sah er seinen Stern als eine Art Anti-Grzimek erstrahlen. Denn seit langem bereits schien ihm »diese etwas lockere Manier. die Herr Grzimek im Fernsehen pflegt. durchaus noch verbesserungsfähig": seit langem, fand er, hatte das ARD-Publikum nach den ewigen Serengeti-Safaris Abwechslung verdient: Jaedicke wünschte sich, von Stern humorvoll dargeboten, eine 13teilige Serie über Haustiere -- Verhaltenslehre mit »kulturhistorischem Hintergrund«.

Aber schon in seiner ersten Stunde schoß Stern über Jaedickes Ziel hinaus. Nach pflichtschuldig absolvierter Belehrung über das Pferd im Wandel der Zeiten zog er gegen Deutschlands Reiterei zu Felde. Nicht »Siegeswille«, sondern Angst und Panik, belehrte er, treibe Pferde beim Rennen dem Ziel ent-

* Oben: Einband-Illustration zu Heine Sielmann: »Tiere zum Liebhaben«. Esso AG; 112 Seiten; 5,95 Mark -- Unten: Umschlag-Illustration zu »Eugen Schuhmacher«. Herausgegeben von Dr. Hermann Gerstner. Hohenloher Druck- und Verlagshaus, Gerabronn: 328 Seiten; 28 Mark.

** »Stern für Leser -- 272 Seiten; 24 Mark. -- Horst Stern: »So verdient man sich die Spuren«. 184 Seiten; 16,80 Mark. Franckh'sche Verlagshandlung. Stuttgart.

gegen. Vor allem aber, so polemisierte er gegen die Herren Winkler und Schockemöhle, sei die Sprungreiterei nichts anderes als »ekelhafteste Vergewaltigung« der Pferdenatur: »Die Anatomie dieser Lauftiere scheint geradezu gemacht zu sein, um mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben.«

Resultat: »Die Reitpresse keilte gleich so heftig nach mir aus, als hätte in hippologischer Gastarbeiter Feuer in ihren exklusiven Stall geworfen.«

Dem schwäbischen Fernsehdirektor Jaedicke war dieser Krawall durchaus lieb. »Ich hätte nie daran zu denken gewagt« » sagt er, »daß Stern gleich so wuchtig im Programm sein würde. Und da sich die Wucht bei Einschaltquoten bis zu 57 Prozent und einem Durchschnittsindex von +5 fortan noch steigerte, war es ihm auch recht. daß die ganze Kulturhistorie allmählich verschwand -- zugunsten der Zoologie.

Was blieb, das waren die witzigen. mitunter auch bitterbösen Lehrstunden eines Fernsehjournalisten. der (so die katholische »Funk-Korrespondenz") mit »Brisanz und Tücke«, mit »Sachverstand und Präzision« sein »Thema auf rationale Ebene« hob. Es waren -- unter anderem -- Lektionen in Biologie und Tierpsychologie' die nach Sterns Willen zeigen sollten, »daß Tiere etwas anderes sind als bloß Hätschelwesen ohne eigene Persönlichkeit«.

Stern, meldete »Fernsehen und Film«, biete »den Zuschauern ein neues Eier-Gefühl": »Da werden keine Idylen herausgefiltert' da wird nichts beschönigt. Brutalitäten bleiben brutal, das Blut fließt rot.«

Stern präsentierte die Biene als »Putzfrau, Portier, Diätköchin, Hofdanie'

Wachsfabrikanten. Maurer. Architekten. Fernaufklärer' Warme- und Kältetechniker, Nahrungsmittelchemiker, Pflanzenzüchter und Nachrichtensprecher« und erntete so mit seinem Kameranmann Kurt Hirschel (der früher für Hans Hass Haifische filmte) »den süßen Honig einer Infratestnote + 7«.

Er beobachtete französische Eber bei der Trüffelsuche und spanische Jungstiere im Korral. Er ging in den Löwenkäfig, uni die Flucht- und Angriffsreaktionen bei Raubkatzen zu testen, er zeigte dank Hirchels Infrarotkamera den Igel im simulierten Winterschlafquartier und geizte auch nie mit »Wachmacherstellen« mit Bildern von kopulierenden Hengsten und triolierenden Störchen und deftigen Bemerkungen übers animalische Geschlechtsleben, etwa der Information, daß »die harten Schweineburschen« bei einem einzigen Decksprung einen Viertelliter Sperma spenden.

Doch er hatte auch noch ganz andere Lehren parat -- zornige Bemerkungen über eine zeitgenössische Gesellschaft, der er in düsteren Stern-Stunden den Appetit auf Gans und Huhn, auf Kalb und Schwein verdarb.

Er demonstrierte, durch welch viehische Prozedur bei der Mast die gelbgrüne, schmierige Fettmasse der delikaten Gänseleberpastete zustande kommt. Er filmte infarktgefährdete Bullen und anämische Kälber in dunkler Bewegungslosigkeit -- »vollgestopft mit Antibiotika und gekettet an den perversen Feinschmeckerwunsch nach weißem Fleisch. das durch nichts so zart wird als durch menschliche Roheit«.

»Man rettet den Wald nicht, indem man »O Tannenbaum' singt.«

»Erst der Mensch', dozierte er, habe »das Schwein seelisch und körperlich zur Sau gemacht« und er zeigte dazu bei psychedelischer Musik drogenberauschte Schweine »in bester Kotelettverfassung auf ihrem letzten Trip« ins Schlachthaus

Er berichtete vom Tier im Handel. dieser »in Kisten und Kasten weltweit herumgestoßenen Ware«. und führte in scheußlichen Bildern aus Thailand die Opfer westlicher Tierliebe vor Augen -- hochgradig erregte Panther, die sich im Käfig zerfleischten, Haufen von Krokodilen bei brutaler Abschlachtung: »Preßluft zwischen die Haut und das noch zuckende Muskelfleisch. das geht viel schneller und damit billiger.« Stern: »Auch Bangkok ist ein Platz für Tiere.«

Sogar seinen verehrten Lehrmeister Konrad Lorenz korrigierte er, der bis dahin die Meinung vertreten hatte daß Vögel sich um so behaglicher fühlen, je mehr Eier sie legen -- sehr zum Triumph deutscher Hühner-Fabrikanten. die sich damit unverhofft als Wohltäter am Huhn brüsten konnten.

»Wer zum erstenmal in seinem Leben«. so klagte Stern, »die Tiermaschinerie eines modernen Batteriebetriebes sieht, wo bis zu einer Million Legehennen unter wenigen Hallendächern lebt zu dritt, zu viert in enge Drahtkäfige gesperrt, übereinander und nebeneinander gestapelt, auf schrägen Maschenböden hausend, damit der Kot durchfällt und die Eier abrollen, versorgt von einem einzigen Mann, der

für 15 000 Hennen nur 59,8 Minuten Arbeitszeit pro Huhn und Jahr aufwendet -- wer das zum erstenmal sieht, der möchte nach der Polizei rufen:'

Lorenz wandelte nach dieser Stern-Stunde über das Huhn seine Lehrmeinung ab: Sie gelte nur für Wildvögel.

»Der Stern«, so sah Lorenz ein, »hat recht gehabt.« Und auch dies erkannte der Autor der »Acht Todsünden der zivilisierten, Menschheit": »Der Stern ist ein Weltverbesserer' ein Prediger. Nur schießt er manchmal zu scharf.«

Am bisher schärfsten schoß er wohl in der stillsten Nacht des Jahres 1971, als er zur Jagd aufs ehrwürdige Weidwerk blies: »Der deutsche Wald«, verkündete Stern damals seinem weihnachtlichen Publikum in »Bemerkungen über den Rothirsch"' sei »krank bis auf den Tod«. Man rette ihn auch nicht, »indem man »O Tannenbaum' singt«. Man schütze ihn nur durch eine »biologische, umweltgerechte Jagd«, die der explosionsartigen Vermehrung des Schalenwilds mittels »Bleidüngung« radikal zu Leibe rücke.

Goldmedaillen. Geweihe für die Kegelbahn.

1962 ästen in deutschen Forsten. die immerhin 30 Prozent bundesrepublikanischer Bodenfläche bedecken, 60000 Stück Rotwild' heute sind es 90000. dazu kommen 1,5 Millionen Rehe, Während in den menschenleeren Wildgebieten Osteuropas auf 1000 Hektar Wald nur drei Stück Schalenwild kommen, sind es hierzulande regional 30 bis 50 Exemplare.

Ein einziger Hirsch aber, belehrte Stern, richtet im Lauf seines zwölf- bis 15jährigen Lebens am stehenden Holz und am Zuwachs Schäden bis zu 30000 Mark an. Die Tiere äsen die. Terminaltriebe der Tannen und der seltenen Laubholzarten ab, sie schälen die vitaminreiche Rinde von saftigen Kiefern. Und »der deutsche Wald steht stumm dabei und leidet« -- er pervertiert zur »baumartenarmen' naturwidrigen Holzfabrik«, wo nur noch die Fichte grünt.

Schuld an diesem Jammer sind, nach Stern, Deutschlands Jagdherren' die sich weigern, das blutige Geschäft des ausgerotteten Wolfs zu übernehmen. Denn längst nicht genug schießen diese »Renommierjäger« aufs weibliche Rotwild, auf die Massen schmuckloser Ricken und Jungtiere. die früher von Wolf und Luchs und Bär gerissen wurden. Ihr Ziel ist der kapitale Hirsch mit einem Goldmedaillen-Geweih von über zehn Kilogramm oder doch wenigstens ein Rehgehörn von 500 Gramm.

Nicht für eine gesunde Landschaft, sondern fürs »Rothirschgeweih als Sta-

* Links: Leoparden-Paar; rechts: Hans Günter Winkler auf Jägermeister.

tussymbot«, für die »Knochenschau an Herrenzimmer- und Kegelbahnwänden

à Helmut Horten« und somit »für möglichst viele starke Hirsche« -- dafür' so räsonierte Stern' zahlten Deutschlands Weidmänner, die »sogenannten Führungskräfte der Wirtschaft« voran, ihre »absurd hohen, järlich in die Zehntausende gehenden Pachtpreise«

Wenn aber »riesige Erholungsräume wie unsere Alpen oder der Bayerische Wald durch feudalistische Wildansammlungen an den Rand des Ruins gebracht werden, dann«, so schloß Sterns Plädoyer, sei »es an der Zeit, über die Privilegien einiger weniger auf Kosten der Allgemeiheit öffentlich zu reden«. Was Stern da dem Fernsehvolk kundtat, war den Experten von Forst und Jagd längst bekannt. Die Absenkung überhegter Wildbestände zum Schutz des Waldes -- wie sie im Schwarzwald schon um 1825 ein großherzoglich-badischer Befehl zum Totalabschuß des Rotwilds verfügt hat -- wird seit Jahrhundertbeginn von Forst wissenschaftlern diskutiert und von der Jägerschaft unwirsch verworfen.

Um so heftiger war deutscher Weidmanns-Zorn, als Stern das Übel derart lauthals publik machte. Jagdzeitschriften wie »Wild und Hund« verfluchten den »Sozialorgasmus« und die »häßliche, gar haßerfüllte Ketzerei« des »Heiligabend-Stern. Auf Bayerns Straßen protestierten Jagdfreunde mit Spruchbändern, in München kam Unruhe ins Parlament, aus drei deutschen Universitäten drang forstwissenschaftlicher Applaus. Selbst Bonn hatte seine Stern. Stunde: Der Bundestagsausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten lud zur Sondervorführung des Rothirsch -Films.

Inzwischen hat die bayrische Staatsregierung den freistaatlichen Jägern höhere Rotwild-Abschüsse empfohlen, die Regierung von Hessen eine Reduzierung der überhöhten Wildbestände angeordnet. Im österreichischen Achental. wo der Magenbitter- Fabrikant Emil Underberg seit Jahren nach wildbiologischem Modell jagt, werden die von Stern verkündeten Lehren gleichfalls befolgt: Underbergs Jägermeister sollen in Zukunft das Hirsch-Jungvolk noch radikaler als bisher verdünnen -- vorausgesetzt. die österreichischen Forst- und Jagdbehörden stimmen zu.

Das alles sind Wirkungen, wie sie bislang noch kein Tier-Apostel im Fernsehen erzielt hat. Spätestens nach »Sterns Stunde' über Wald und Wild wurde den deutschen Verhaltensforschern. Wildbiologen. Tierfreunden und Naturschützern klar, was für ein rhetorisches Talent ihnen da zugelaufen war.

In Sterns polemischen Aphorismen, so erkannten sie, wandelte sich dk. arme Kreatur vor den Aigen der Nation unversehens zum Zoon politikon, zum politischen Tier. wenn nicht gar zum apokalyptischen -- zum »Bio-Indikator. an dem man ablesen kann, wo es mit unserer Umwelt nicht mehr stimmt« (Stern).

Und das »läßt sich nicht bloß an der Bevölkerungsexplosion im Hirschrevier ablesen, sondern erschreckend deutlicher noch am Sterben der Arten.

In den letzten 400 Jahren, so meldet ein unlängst von internationalen Naturschutzorganisationen veröffentlichtes »Red Data Book"' sind auf der Erde 475 Tierarten ausgestorben. 76 davon seit dem Ersten Weltkrieg -- sie waren das Opfer übermäßiger Jagd. eingeschränkter Lebensräume oder veränderter Umweltbedingungen.

Seit Jahrhundertbeginn ist der Bestand indischer Königstiger von 40 000 auf 3600 Exemplare zusammengeschrumpft. Von der Ausrottung bedroht sind -- unter vielen anderen Arten -- Pumas und Leoparden. Berggorillas und Orang-Utans, drei Robben und vier Walspezies, vier von fünf Nashorngattungen. Immer rarer geworden sind Wölfe. Riesenschildkröten und Krokodile. deren Haut für Damenhandtaschen zu Markte getragen wird.

Und die heimischen Tiere in freier Natur sind nicht weniger gefährdet. 1958 gab es in der Bundesrepublik noch 5000 Störche. 1980. fürchten die Experten, werden auch die letzten vertrieben sein: denn in den entwässerten Wiesen und ausgetrockneten Tümpeln fehlt es an [-röschen. in den verseuchten Flüssen an Fischen, in der zersiedelten Landschaft an Nistplätzen' im zerdrahteten Biotop an freiem Flugraum.

Von den 50 Seeadler-Paaren. die nach Kriegsende in Norddeutschland beobachtet wurden, sind nur noch acht übrig. 19 Vogelarten sind in der Bundesrepublik am Aussterben -- ihre Nahrungskette ist durch Pflanzenschutzmittel, Insektizide und Industrie-Müll reduziert oder vergiftet worden »Sterbende und aussterbende Tiere aber«, sagt Stern, »sind die roten Warnlampen eines durch Wohlstandsgifte defekten biologischen Systems aus fein verknüpften Abhängigkeiten zwischen Erde, Wasser, Luft. Pflanze und Tier.«

Ähnliche Predigten hatten in den vergangenen Jahren auch schon andere Tier- und Umweltschützer gehalten. »Der Mensch«, sagte etwa Eugen Schuhmacher. spüre »instinktiv, was die Bedrohung der Tierwelt für ihn bedeutet«. Nur sagte er es zu leise und ohne rechte Überzeugungskraft.

Stern hingegen machte mobil -- er suchte »die offensive geistige Auseinandersetzung mit den Leitbildern einer menschlichen Raub-Ameisen-Gesellschaft. die den Profit im Herzen und den Umweltschutz auf den Lippen trägt«. Er erkannte: »Ein Naturschutz' der sich nicht politisiert. ist keinen Pfifferling wert.«

Und so landete er folgerichtig bei der denkwürdigsten außerparlamentarischen Opposition, die es in der Bundesrepublik bisher gegeben hat: Stern wurde 1972 Gründungsmitglied der »Gruppe Ökologie«, in der sich Verhaltensforscher wie Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Otto Koenig und Paul Leyhausen mit Tier-Experten wie Grzimek und Sielmann sowie Forstwissenschaftlern. Naturschützern und Journalisten zur Fronde gegen das politische wie wirtschaftliche Establishment formiert haben.

Das Wort Ökologie, das die Wissenschaft von den komplexen Beziehungen aller Lebewesen zu ihrer Umwelt bezeichnet, gehört neuerdings ebenso zum allgemein-zeitgenössischen Vokabular wie das von den »Grenzen des Wachstums«. Für den grünen Kreis um Lorenz ist es eine Zauberformel, die den bösen Geist des Fortschritts bannen soll,

»Wir wollen ja gar nicht zum Kienspan zurück«, versicherte Ende Oktober der Nobelpreis-Patriarch, als er mit seiner Gruppe auf dem Vergnügungsdampfer »Austria« durch die schöne Wachau donauabwärts fuhr, Richtung Wien. Was er mit seiner Gefolgschaft auf dieser »Studienfahrt« wollte, wurde den gleichfalls geladenen österreichischen Regierungsbeamten und Sachverständigen von Schiffahrt und Energie schnell klar: Eine Donau-Staustufe sollte mit heftigen und gewiß vergeblichen Argumenten verhindert werden. Mit ähnlich unbequemen Aktionen. mit Pressekonferenzen, Demonstrationen und Denkschriften macht sich die »Gruppe Ökologie' gern auch bei deutschen Politikern mißliebig.

Ein biologischer Stoßtrupp läuft hier Sturm, eine wissenschaftliche Opposition muckt hier auf, die, nach Gruppen-Mitglied Grzimek' »ganze Denkgebäude zum Einsturz bringt« und der mit Begriffen wie »rechts« und »links« kaum beizukommen ist.

»Konservativ«, beteuert Lorenz. »sind wir alle.« Aber er, bekennt Stern. sei es eben nicht, er sei »unbestreitbar ein Linker«.

So dient ein roter Stern den echten. rechten Konservativen vom Lorenz-Strom als Robespierre und schlägt gemeinsam mit ihnen auf christlich-soziale Bayern wie auf sozial-liberale Bonner ein -- auf Politiker, die laut Grzimek »in diesem System grundsätzlich nicht das tun, was dringend getan werden muß, sondern was bei der nächsten Wahl Stimmen bringt«. »Erst geht die Kuh, dann geht der Gast.«

Ob rot oder schwarz -- gemeinsam protestieren sie (so der friedfertige Tierfilmer Sielmann) gegen den »Fort-Schritt von der Natur weg' und gegen eine »unkontrollierte Technologie, die unsere Erde melkt«. Sie rufen (so der Gruppen-Geschäftsführer Hubert Weinzierl) nach »geplanter Wirtschaft« und verfluchen (so Stern) ein »marktwirtschaftliches System«, in dem »die Natur als Ware behandelt wird, an der jeder sich bereichern kann, der Geld hat, sie zu kaufen«.

»Auf jedem der 110 Hektar Kulturland«, schrieb Stern kürzlich in der Zeitung »Das Parlament«, »die täglich in der Bundesrepublik an Stahl und Beton verlorengehen, zahlen Menschen, Tiere und Pflanzen mit Leben und Gesundheit für den Fortschritt' für die Konkurrenzfähigkeit, für die Rentabilität von Wirtschaft und Industrie.«

Wie teuer sie zahlen, das sollen im kommenden Februar auch Sterns »Bemerkungen über eine Urlaubslandschaft« (Untertitel: »Wer Alpen sagt, muß auch Bauer sagen« beispielhaft illustrieren.

Selbst dort nämlich, wo die Alpen glühen und der Wildbach rauscht' hat Stern einen teuflischen Regelkreis menschlicher Zerstörungswut entdeckt: Die Kulturlandschaft der Alpen, keineswegs »ein Werk Gottes, sondern ein Maul-Werk der Kuh«. wird konsequent verwüstet.

Und das geschieht so: Der Bergbauer, durch die allgemeine landwirtschaftliche Strukturkrise bedrängt, zieht sich von den unrentablen Almen ins Tal zurück. Die Folgen sind Sozialbrache und Erosion. denen nur durch Aufforstung begegnet werden kann. Das aber bedeutet eine Verdüsterung der Landschaft: Wo früher satte Matten waren, kriecht jetzt der Wald drohend bergab.

Er folgt dem Bauern, der sich im Tal niedergelassen hat und verdienen will. wie es einem modernen Ökonomen zusteht: Er muß seinen Hof sanieren, er muß Maschinen anschaffen, wenn er konkurrenzfähig sein will; also braucht er Geld und verkauft, weil er mit dem Ertrag seiner Agrargüter nicht auskommt, sein Land -- an Baugesellschaften, die es mit Beton übergießen. Aus dem Landwirtschaftsboden wird Siedlungsland. Zur Verdüsterung kommt noch eine maßlose Zersiedelung hinzu -- und ein Fremdenverkehr, der auf Betonpisten durchs Hochgebirge zum nächsten Almhotel' zum nächsten Rummelplatz strömt.

Schon sieht Stern »einen Siedlungsbrei, der .sich von München bis Mailand durch die Alpen zieht«. Doch bereits jetzt scheint ihm das Elend des Bauern perfekt. Denn den Touristen kann eine derart verfinsterte und urbanisierte Urlaubslandschaft auf die Dauer nicht behagen. Sie bleiben weg. Der landlose Bauer aber, der sie selbst einst herangelockt hat, ist ärmer dran als je zuvor. Stern: »Erst geht die Kuh, dann geht der Gast -- wen soll man da noch melken?«

Daß Stern mit diesem Film wieder Ärger macht, darüber ist er sich schon jetzt im klaren -- Ärger mit den Jägern. denn natürlich ist auch vom Rothirsch wieder die Rede; Ärger mit den Bauern, denen er zeigt, »was sie in ihrer Landschaft angerichtet haben«; Ärger mit seinen Freunden, den Ökologen, die im Bauern den »größten Landschaftsschädling« sehen, während er für Stern immer noch der »billigste Landschaftspfleger« ist; Ärger vor allem mit den bayrischen Fremdenverkehrsvereinen, denen er vorwirft, daß sie »den Touristen mit Schuhplattlern, Trachtentanz und Bauerntheater seit Jahrzehnten eine heile bäuerliche Welt vorspielen«.

»Man wird mir wieder vorwerfen«. sagt Stern, »daß ich ein Thema emotionalisiere. Dabei mache ich es doch nur journalistisch sinnfällig.«

Aber soviel Sinnfälligkeit' die Stern zukünftig auch in Bemerkungen über den »Hund in der Stadt«, das »Tier im Tourismus« und das »Tier in »der Medizin« sowie über »Gift in der Landschaft« und »Gift in der Nahrung« vor Augen führen will, hat selbstverständlich ihre Tücken:

Mittlerweile klagt Stern schon über »verschlossene Türen«, über »eine zunehmende Behinderung meiner Arbeit, wo immer ich auftauche«, über »anvisierte Gesprächspartner, die sich aus Furcht vor öffentlicher Kritik. aber auch aus bloßem Mißverständnis meiner Absichten verleugnen lassen und Aufnahmen verweigern«.

Doch der publicityscheue Journalist und »Einzelkämpfer« (Stern), der seit Anfang 1973 auch als staatlich beauftragter Naturschützer in seinem Heimatkreis Lindau Dienst tut (monatliche Aufwandsentschädigung: 75 Mark), klagt über noch mehr: »In meinem Kopf geht alles durcheinander -- Schmetterlinge, Kühe, Erosion, Ökologie, Tagungen, Flurbegehungen, Gutachten, ein Buch über Wald und Wild. eine Monographie über den Barbarossa-Enkel Friedrich 11., die neue Nummer der »Yacht' -- das ist mir alles zu viel.«

Vor kurzem hat sich Stern im Westallgäu einen Berghof gekauft. Dort will er Schafe züchten und »wieder Substanz ansammeln« -- Substanz für jene neuartige, militante Naturschützerpraxis, die er als »grüne Mafia« preist.

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