Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 42

ARTISTIK / CHARLIE RIVEL Der Mensch ist schlecht

aus DER SPIEGEL 14/1953

(s. Titel und Rücktitel)

»Das Leben ist lausig; die alten Clowns sind tot, und es sind keine neuen gekommen, weil diese Generation nicht gut ist.«

(Adrian Wettach, genannt »Grock")

Trotz dieses abfälligen Werturteils über die heutige Generation unternahm der schweizerische Musical-Clown, Zirkuspächter und Schloßbesitzer ("Nit mööglich!") im vorigen Jahr immerhin den Versuch, einen dieser »Toten« für eben diese »nicht gute« Generation zum Leben zu erwecken.

Es war im März 1952. Von Paris, wo Wettach-Grock gerade im Zirkus Medrano gastierte, fuhr er auf einen Sprung nach dem kleinen Nest Chennevières an der Marne, zog dort am schmiedeeisernen Portal eines abgelegenen Châteaus eine altmodische, halb verrostete Glocke und wartete. Zunächst blieb alles still, dann sprangen zwei riesige Wolfshunde bellend von innen gegen das Tor.

Wieder vergingen Minuten, endlich näherten sich Schritte. Ein kleiner, untersetzter Mann in einer Gärtnerschürze linste mißtrauisch durch das Gitter.

Auf diese etwas merkwürdige Weise sahen sich die beiden größten noch lebenden Spaßmacher des unspaßigen 20. Jahrhunderts nach Jahren zum erstenmal wieder: der 73jährige Schweizer Adrian Wettach, genannt Grock, und der 56jährige Spanier und Wahlfranzose José Andreu (sprich Andre-u), genannt Charlie Rivel.

Das Ergebnis dieses Zusammentreffens in Chennevières war das deutsche Comeback des Clowns Charlie Rivel, der am 3. September 1952 von München aus zu einer Tournee quer durch Westdeutschland startete. Die »Come-back«-Reise endete mit großem Sukzeß vor wenigen Tagen in Westberlin.

Der prächtige Erfolg seiner Gastspiele war eine Überraschung, am meisten für Charlie Rivel selbst. »Ich weiß nicht«, hatte er in Chennevières gegenüber Freund Grock gezweifelt, »ob mich die Leute noch verstehen. Die Alten sind nicht mehr da; der Krieg liegt dazwischen, und was an Jungen heute so rumläuft, ist durch das Kino gründlich verdorben.«

Den größten Horror, außer vor seiner eigenen Schüchternheit, hatte Charlie Rivel vor dem durch die moderne Unterhaltungsmanufaktur des Films veränderten Publikumsgeschmack gehabt. »Wie kann da ein armer Clown mit derselben Nase und denselben großen Latschen wie vor zwanzig Jahren noch gegen an?«

Charlie Rivel konnte. Und zwar so, daß er sich streckenweise an seine große Berliner Zeit, an die zwanziger und dreißiger Jahre erinnert fühlte. »Wohl fallen viele Artisten von der Leiter«, analysierte »Die Neue Zeitung« das spezifisch Rivelsche, »wohl sind viele Clowns traurig und kämpfen unentwegt mit der besonderen Tücke des Objektes. Wie er es aber tut, das wird nur ihm bleiben.«

Von geradezu »visionärer Eindringlichkeit« sei seine Szene mit dem Staubwedel; Beim Abstauben eines Dieners schiebt er den Wedel mit der rechten Hand von hinten zwischen Körper und Arm des Dieners hindurch und sucht ihn mit der Linken zu erfassen. Im Augenblick aber, als diese zupacken will, zieht die Rechte den Federbusch wieder zurück. Immer und immer wieder. Und bei aller List will es der Linken

nicht gelingen, den Staubwedel zu fassen.

»Dieses atemberaubende Gleichnis - hier weiß die Linke wirklich nicht mehr, was die Rechte tut - läßt fast das Lachen verstummen, und man fühlt sich wie erlöst, als er, den Staubwedel in der rechten Hand frei vor sich hertragend und kurz bevor seine staubwedeljagende Linke sich auf die Rechte stürzen will, endlich feststellt und begreift, daß er etwas einfangen wollte, was er vor sich selbst immer wieder verborgen hatte.

»So verspottet er eine Stunde lang die menschlichen Unzulänglichkeiten, beweint seinen eigenen Kummer und schlägt unaufhörlich mit gelassener Heiterkeit eine Brücke zwischen den Menschen, die ihn zu sehen gekommen sind.«

In München waren sämtliche Veranstaltungen Wochen hindurch ausverkauft. Das Hansa-Theater am Steindamm in Hamburg, in dem Charlie Rivel im vergangenen November seine Possen riß, erhöhte die Eintrittspreise. Im Althoff-Bau in Frankfurt brachte Charlie sogar noch einmal seine patinierte Chaplin-Parodie mit anhaltendem Erfolg unter die Leute.

Dazwischen graste er im Januar und Anfang Februar kleinere Plätze wie Mannheim, Heidelberg, Saarbrücken und Bremen ab. In Saarbrücken - mitten in der Trapeznummer - traf ihn der Hexenschuß in den verlängerten Rücken. »Ich hätte vor Schmerzen heulen mögen. Aber die Leute lachten. Sie meinten, ich parodierte.«

Auch die Gagen erreichten mit 1500 Mark je Abend nahezu sein früheres Niveau, so daß Charlie Rivel auch in dieser Beziehung (neben dem Magier Kalanag) als der erfolgreichste Artist in Bundesdeutschland gilt.

Das glänzende Come-back eines Clowns aber, der in Deutschland längst als »abgelacht« galt, bewies, daß Grock mit seinem bissigen Aphorismus (die heutige Generation sei nicht gut) im Unrecht ist. »Denn um einen Clown zu verstehen«, sagt Charlie, »muß man ein guter Mensch sein.«

Dabei war es Freund Grock nicht leicht gewesen, den Einsiedler von Chennevières aus seiner Eremitage zu locken, in der er, ähnlich dem heiligen Franz von Assisi, in einer frommen Idylle lebte. Er hatte sich mit Tieren umgeben, nach dem von ihm selbst aufgestellten Glaubenssatz: »Der Mensch ist schlecht - ein Hund ist besser.«

Eine Ausnahme machte lediglich Carmen ("Maman") Andreu. Die ehemalige Zirkusreiterin und Enkelin eines spanischen Generals ist ihm vor 33 Jahren in der Kathedrale von Valencia angetraut worden. »Und wir sind noch heute so närrisch miteinander wie am ersten Tage.«

Die übrigen Hausgenossen Charlies: die Wolfshunde Iwan und Tommy, der Königspudel Blacky und der Yorkshire-Terrier Chico. Dazu das Huhn Susi und die Ente Quak-quak.

Die Ente Quak-quak ist noch heute der Stolz der Rivels. Sie ist schon so alt und gebrechlich, daß sie mit eigener Kraft nicht mehr zum Wasser kann. Charlie oder Maman müssen sie tragen. Eines Tages wurde sie von einem Hund in den Rücken gebissen. Der herbeigerufene Tierarzt sagte nur: »Schlachten.« Charlie Rivel schickte ihn wieder fort, nähte mit Nadel und Zwirn die klaffende Rückenwunde zusammen und bandagierte das geduldige Tier derart, daß vorn nur noch der Schnabel herausguckte. Quak-quak genaß.

Seitdem bekommt Charlie, wo er auch gerade stecken mag, regelmäßig das Gesundheits-Bulletin der Ente. Darin heißt es dann beispielsweise: »Die Ente ist wohlauf. Sie hat gestern etwas Futter zu sich genommen ...« Wenn Quak-quak einmal stirbt, versichert Charlie, wird sie im Garten von Chennevières beigesetzt.

Dieser Garten, der größte Teil der insgesamt 1500 Quadratmeter großen Rivelschen Besitzung, ist ein Paradies für Kaninchen. Sie hoppeln frei umher,

reagieren auf Pfiffe und fressen Kohlblätter aus der Hand. Im Hintergrund des Gartens liegt eine Grotte mit einem Standbild der Jungfrau von Lourdes, das äußere Zeichen der altspanischen Rivelschen Frömmigkeit.

Wenn Charlie in Chennevières ist, vergeht kein Tag, an dem er nicht andächtig zur Grotte pilgert. Seine Strenggläubigkeit hindert ihn jedoch nicht, wie die meisten Artisten abergläubisch zu sein. Nie wagt er es, in der Garderobe zu pfeifen, nie duldet er einen aufgespannten Regenschirm in der Nähe. Und wenn ein Spiegel zerbricht, gießt er kaltes Wasser über die Scherben.

Die Idylle von Chennevières war dem frommen Träumer so ans Herz gewachsen, daß er sie am liebsten nicht mehr verlassen hätte. »Aber«, rechnet die praktische Maman Rivel, »das Haus mit seinen 30 Zimmern kostet Geld; die beiden Gärtner und das Dienstmädchen wollen bezahlt sein. Wir könnten zwar bis an unser Lebensende von dem, was uns geblieben ist, leben, aber nur sehr bescheiden - und das sind wir nicht gewöhnt.«

Insofern gab Freund Grock bei seinem Besuch in Chennevières dem schon längst gefaßten Entschluß Charlie Rivels, sich anstatt dem Huhn Susi und der Ente Quak-quak wieder der europäischen Menschheit zuzuwenden, nur den letzten Stups. Ausgebrütet wurde der Plan, auf die Bretter zurückzukehren, in der Stierkämpferbar des Hauses in Chennevières.

Charlie hatte die Bar zur Erinnerung an einen Freund, der als Torrero sein Leben ließ, vor Jahren eingerichtet. Aus der Wand schaut mit gläsernen Augen der Schädel eines erlegten Stieres, eingerahmt von den Banderillas und der Capa de Gala, der Spitzenmantille des getöteten Matadors.

Während nun der Spanier José Andreu, genannt Charlie Rivel, zur Gitarre andalusische Flamencos sang, kam es ihm auf einmal selbst rätselhaft vor, daß er solange der närrischen Welt hatte entsagen können. Für seine Rückkehr stellte er sich jedoch eine Bedingung: »Ich arbeite überhaupt nur wieder, wenn ich in Deutschland arbeiten kann.«

Deutschland ist immer die große Domäne der Rivels gewesen, ähnlich wie Rußland das fast exklusive Revier der zweiten großen Clowntruppe, der Fratellinis, war, Obwohl die Fratellinis Italiener waren (Paul starb 1946, Francois 1951, Albert betreibt heute als alter Mann in Pereux sur Marne bei Paris ein kleines Kino), sind sie niemals in Italien aufgetreten, dagegen um so öfter in Rußland. Die Spanier Rivels haben nur in ihrer Anfangszeit in Spanien gastiert.

Mit feinem Instinkt haben die Clowns, die »letzten Interpreten einer uralten Volkskunst«, immer gefühlt, wo ein Publikum für sie war. Als aufgeschlossenes Clown-Publikum galten die Deutschen noch vor den Engländern und Skandinaviern, wenn auch hinter den Russen. Von den Russen sagten die Fratellinis: »Ihre Seele ist der Seele der Clowns verwandt.«

Die romanischen Länder Frankreich, Italien und Spanien dagegen wurden von den Clowns auffällig gemieden, obwohl nach einer stehenden Redensart noch heute von zwanzig Clowns ungefähr sechs Spanier sind, sechs Italiener, acht Franzosen und der Rest Engländer oder Deutsche. (Auch der Schweizer Wettach-Grock ist von Mutterseite her Franzose.) Mit dem gleichen Organ für Publikums-»Psyche« verstanden es die Clowns, die jeweilige völkische Mentalität zu kitzeln. Es gab einzelne Nummern, die in einem Lande ganz sicher gingen: Der »Todessprung« über die Bajonette von Soldaten in Rußland, das »box about« (Wegboxen) bei den Engländern, Musik-Parodien in Frankreich, große Schaunummern in Deutschland und Stierkampf-Parodien in Spanien.

Für Charlie Rivel gab es keinen Zweifel, daß er sein Come-back in Westdeutschland beginnen müsse. Acht Jahre hatte er das Land nicht mehr betreten,

dessen Publikum er, wie er sagt, »am meisten liebt«, und in dem er vor dem Kriege acht von zwölf Monaten im Jahr verbracht hatte. Rivel spricht deshalb heute von seiner »Heimkehr aus dem Exil«.

In Deutschland (genauer: Scala, Berlin) war es auch, wo im Jahre 1931 aus einer spontanen Eingebung die Nummer »Akrobat - schööön!« entstand, die anschließend die Runde durch die Welt machte. In den nordischen Ländern säuselte Charlie: »Akrobat - oh!«, in England: »Akrobat - very nice!« und in Frankreich: »Akrobat - oh, que c''est beau!«

Bei einem Theaterbesuch in Dortmund sah er eines Tages eine tragische Sängerin auf der Bühne. Charlie rief spöttisch: »Quelle taille - quelle femme!« Es war ein gewaltiges Weib, dessen Stimme vor Seele bibberte.

Gleich am Morgen nach der Vorstellung rannte Charlie Rivel ins nächste Warenhaus und kaufte sich ein mächtiges Kleid mit weiten, flatternden Ärmeln, Rüschen und Bordüren. Dazu setzte er sich eine Blechkrone auf, klebte sich bis auf den Boden hängende Hanfzöpfe an und steckte sich zwei Luftballons in den Busenlatz. Einen dieser Ballons ließ Charlie dann während der Vorstellung platzen.

Diese Verballhornung des übertriebenen, tragischen Pathos trug neben dem komischen Trapez-Akt, der »Brücke«, »Akrobat - schööön!« und einem Flohtrick aus dem Jahre 1916 das Repertoire, mit dem Charlie Rivel jetzt in Westdeutschland zu den alten Lorbeeren neue pflückte.

Im Jahre 1941 feierte Charlie Rivel mit 43 Jahren in der Berliner Scala sein 40jähriges Bühnenjubiläum. Willi Schaeffers vom Kabarett der Komiker brachte einen Toast auf den »Brückenbauer des Lachens« aus und überreichte ihm einen Blankovertrag für sein Kabarett. Die Gage möge Charlie selbst einsetzen - »denn ich kann sie ja doch nie bezahlen«.

Zu dieser Zeit war die original Rivelsche Brücke schon mehrere Jahre zusammengebrochen, und Charlie Rivel baute sie mit den beiden französischen Clowns Maiss und Mimille neu.

Anlaß für das Rivelsche Familien-Zerwürfnis war die patriarchalische Einstellung von Vater Pedro (der vor kurzem 87 Jahre alt wurde). Der alte Pedro Andreu, ein ehemaliger Tischlergeselle, war mit seiner Familie im Zigeunerkarren jahrelang durch die Lande gewalzt. Zu überdurchschnittlichem artistischen Können hatte er es nicht gebracht.

Da er aber meinte, daß seine Söhne nur durch ihn zu Ruhm und hohen Gagen gekommen seien, schob er nach spanischer Familiensitte die Einkünfte in seine Tasche. Sohn Charlie ist noch heute darüber erbittert, daß er als Star der Rivel-Truppe in der Scala bei Einkünften von manchmal 100 000 bis 130 000 Mark pro Monat vom Vater mit ganzen zwei Mark pro Tag abgespeist wurde. In Frankfurt am Main kam es damals zum Krach.

Charlies vier jüngere Brüder stellten sich auf die Seite des Vaters. Sie waren schon lange neidisch, weil es in den Programmen und auf den Plakaten immer nur hieß: »Charlie Rivel mit seinen Brüdern und Kindern.« Oder: »Die drei Rivels mit Charlie Rivel.« Die Brüder wollten sich einen eigenen Namen machen.

Im Sommer des Jahre 1935 verhandelte die Erste Zivilkammer des Landgerichts in Frankfurt a. M. in Sachen Andreu gegen Andreu. Charlie versuchte, das mittlerweile weltbekannte Pseudonym »Rivel« für sich schützen zu lassen. Aber die Rechte gehörten gewissermaßen dem Vater: er hatte den Namen eines andalusischen Verwandten namens Riva abgeleitet und nach der damaligen Mode verenglischt.

Infolgedessen entschied das Gericht, daß das Pseudonym Rivel allen Kindern Pedros zustehe. Es müsse jedoch der jeweilige Vorname davor gesetzt werden.

Das Recht an der Clown-Nummer »Akrobat - schööön!« dagegen wurde ausschließlich Charlie zugesprochen, da er die Idee zu der Nummer allein gehabt hatte. Es hat zur Charlies menschenverachtender Vereinsamung beigetragen, daß sich die Brüder vielfach nicht an den Frankfurter Vergleich gehalten haben.

Bruder Polo behalf sich zeitweise mit der Variation »Akrobat - oh, süüüß!« Die drei anderen Brüder, René, Roger und Celito, dagegen hätten, murrt Charlie, noch im vergangenen Jahr ganz offen die Nummer »Akrobat - schööön!« propagiert.

Insgesamt spukt heute der Name Rivel gleich vierfach durch die Welt. Und zwar in den Clown- und Artistengruppen:

* Polo Rivel und Kinder,

* René, Roger, Celito Rivel,

* Charlie Rivel und den

* Charlivels.

Die Charlivels sind Charlies Söhne Juanito, Charlie und Valentino. Charlies einzige Tochter Paulina ist seit 1944 mit dem dänischen Zirkusdirektor Albert Schumann verheiratet.

Die Feindschaft zwischen Charlie und seinen vier Brüdern lodert bis heute. Als Charlie im vergangenen November im Künstlerlokal von »Guschi« Marquardt an der Bremer Reihe in Hamburg saß und jemand ihn darauf aufmerksam machte, daß sein Bruder René, den er mehrere Jahre nicht mehr gesehen hatte, im gleichen Lokal sitze, wehrte er ab: »Ich will ihn nicht sehen.«

Charlie blieb der mit Abstand größte Rivel, als der er heute nicht ansteht zuzugeben, daß er seinerseits sich am Beispiel eines »noch Größeren« hochgearbeitet hatte, bevor er seine originale Form fand. Von diesem »Größeren« schreiben die Clown-Biographen, er habe, obgleich er kein Clown im klassischen Sinne sei, den modernen Clowns das Bewußtsein ihrer Gattung eingepflanzt. Dieser »Größere« ist Charlie Chaplin.

Als der recht durchschnittliche Clown José Andreu während des ersten Weltkrieges Chaplin zum erstenmal auf der Leinwand sah, kaufte er sich Melone und Stöckchen und begann, Chaplin zu parodieren. Es entstand die komische Nummer »Charlot am Trapez«, eine der besten Chaplin-Parodien, die es bis heute gibt.

»Comico Charlot!« schrie das spanische Publikum entzückt, als es den Akrobat-Clown

José Andreu zum erstenmal in dem vom Kintopp bekannten Chaplinschen Habitus am Trapez baumeln sah. In dem Pleonasmus »Komischer Chaplin« lag gleichzeitig das höchste Lob, das Clown Andreu erhalten konnte. Er griff den Zuruf auf, und als der Name Rivel gefunden war, setzte er stolz das »Charlie« davor.

Später versuchte die Filmgesellschaft, bei der Chaplin in seiner Anfangszeit arbeitete, dem Parodisten Rivel das Auftreten in Chaplins Maske zu untersagen.

Einen Erfolg hatten die Filmleute jedoch nicht. Als Charlie Rivel die Chaplin-Maske schließlich ablegte, geschah es freiwillig und erst während der Hitlerzeit.

Mit der Übernahme Chaplinscher Pantomime und Chaplinscher Possen in sein Repertoire aber konnte Charlie Rivel seinen künstlerischen Stammbaum bis zur »Neandertaler-Zeit« der Clowns verlängern. Denn Chaplin selbst hat noch bei der damals weltberühmten Karno-Truppe die traditionelle Ausbildung eines klassischen Music-Hall-Clowns bekommen: in Akrobatik, Mimik, Pantomime, Gesang und Tanz und allen Finessen der Lachpsychologie.

Als die ersten englischen Clowns*) Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen mit der Affentheorie Darwins und den Sarkasmen Schopenhauers in Frankreich auftauchten, waren die Franzosen entsetzt. Um ihr phlegmatisches englisches Publikum aufzurütteln, hatten sich die Clowns abstoßend-schreckliche Masken angelegt: Trauerkleidung, mit Mehl bestäubte Gesichter (in der Farbe der englischen Schwindsucht), mit blutroten Flecken betupfte Wangen. Mit ihren makabren, schauerlichen Pantomimen gaben sie, schreibt ein Augenzeuge, »ein schreckliches Schauspiel der Unvernünftigkeit«.

Später nahmen die Clowns unter dem Einfluß des eleganten, spritzigen französischen Pierrot (Peterchen), des komischen Kammerdieners der französischen Bühne,

*) Die Bezeichnung »Clown« wird von dem altenglischen Wort clod = Klumpen, Tölpel abgeleitet. ein etwas freundlicheres Aussehen und bessere Manieren an.

Vorfahre des Chaplinschen Tramp war der Vagabund, eine der gängigen Clownstypen, die sich fast ein halbes Jahrhundert darauf beschränkten, zu gestikulieren, Grimassen zu schneiden oder Purzelbäume zu schlagen. Allenfalls durften sie Spottlieder krähen oder musizieren, aber sprechen durften sie nicht. Erst vor 70 Jahren tauchte der »August« auf, von dessen Maske Charlie Rivel später einige Bestandteile übernahm. Und zwar kam der englische Clown Tom Belling, ein gewaltiger Säufer, im Zirkus Renz in Berlin eines Tages betrunken in die Manege und schlug zu Boden. Als er sich ächzend hochrappelte, rief jemand aus dem Publikum: »August, August!«

Belling mit seiner roten Säufernase schaute blöd um sich, begriff aber, daß die unbeabsichtigte Form seines Auftritts als Gag »ankam«. Er machte weiter, alberte mit dem Publikum, und der sprechende Clown war erfunden.

Der erste August trug etwa das, was der betrunkene Belling angehabt hatte: Klappzylinder, Schwalbenschwanz, Harmonikahose, lange weiße Weste, zu kleine Handschuhe. Die einzelnen Kleidungsstücke wurden hernach vielfältig variiert. Grock, der als erster Clown den Sprung von der Manege zur Bühne machte, soll auch als erster die Quadratlatschen getragen haben.

Ab 1890 war die neue Clown-Figur des dummen August ständiger Partner der älteren Clowntypen. Typ »August« kontrastierte effektvoll zu ihren mit Flitter besetzten, bunt bestickten, glänzenden Kostümen und ihren weiß geschminkten Gesichtern. Schwergewicht des Clown-Entrees*) war nun der gesprochene Dialog.

Heute gibt es drei Clownstypen:

* den Teppich-Clown, der Kurzweil treibt, während die Stalldiener den großen Manegeteppich auflegen; er schneidet Grimassen, fällt auf die Nase

*) Von einem Clown-Entree wird gesprochen, wenn Clowns nicht nur als Zugabe, sondern selbst als Programmnummer auftreten. und bekommt Ohrfeigen: er darf schreien, aber nicht sprechen:

* den Reprisen-Clown, der die Pausen ausfüllt. Gewöhnlich treten zwei Reprisen-Clowns zusammen auf, ein weißer Clown und ein August; sie bringen Reprisen (kleine Scherze oder Witze), die sie meist mit der Frage einleiten: »Herr Stallmeister, kennen Sie den Unterschied ...«, und schließlich

* den Entree-Clown, der im Trio erscheint (gewöhnlich ein weißer Clown und zwei Auguste) und einen ganzen Auftritt (Entree) im Programm bestreitet; die Auftritte der Entree-Clowns, die kleine Komödien aufführen, dauern heute oft über eine Stunde.

Zu den Entree-Clowns, der höchsten Clown-Spezies, gehörten die Fratellinis und gehören Charlie Rivel ebenso wie Grock. (Grock, der als Charakter-Clown gilt, kommt als einziger ohne Clown-Partner aus.)

Im Clown-Trio ist der weiße Clown der Vernünftige und Geistesgegenwärtige. Er verkörpert die vernünftige Welt und in ihr den Streber, den Ellenbogentyp, der die beiden Unvernünftigen, Naiven, Phantasievollen, die Auguste, zur Aktivität ankurbelt.

Die Auguste gehen zwar auf die Forderungen des »Weißen« ein, erheben sich aber durch ihre spaßige Verspieltheit über sie. Dabei ist der Vernünftige, der sie zu beherrschen glaubt, oft der Gelackmeierte. An dem Gegensatz zwischen dem vernünftigen Weltmann und dem weltabgewandten und deshalb meist ungeschickten, verspielten Träumer entzündet sich die Komik, die aber bei echten Clowns nie in politische Witzeleien abrutschen darf. Eine Ausnahme machten nur die russischen Clowns.

Typische Beispiele für ihre politischen Pflaumereien waren die Possen des Wladimir Leonidowitsch Dourow. Zu Wilhelms II. Zeiten trat er in Berlin auf. Er brachte ein kleines Schwein auf die Bühne, taufte es auf den Namen Wil und setzte ihm einen preußischen Offiziershelm auf. Das Schwein schüttelte sich, und der Helm drohte herunterzufallen.

Um das Tier auf den herabfallenden Helm aufmerksam zu machen schrie Dourow gestikulierend: »Wil, Helm! Wil, Helm!« Wegen Verhöhnung der Kaiserlichen Majestät wurde er darauf aus Deutschland ausgewiesen.

Charlie Rivel hat sich während seiner Jahre in Deutschland, auch in der Hitler-Zeit, nie auf solche Clown-Frechheiten und nie auf politische Witzeleien eingelassen. Noch bis in die totalen Kriegsjahre, bis Frühjahr 1944, blieb er in Deutschland. Dann erst ging er auf eine Gastspiel-Reise durch Schweden. Aber sein Ausharren in NS-Deutschland hatte ihn schon in den Verruf gebracht, der »Clown von Hitler« zu sein.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht teilte Charlie Rivel das deutsche Schicksal. Er war in Deutschland Millionär geworden. Während des Krieges konnte er jedoch sein Vermögen nicht transferieren. 1948 fiel es unter die Währungsreform. Sein französisches Vermögen verdunstete unter der Abwertung des Franc. »Man hat mir nichts gelassen als mein Haus und meine Nase.«

Trotz dieser bitteren Erfahrungen fühlt sich der blonde Andalusier in Deutschland noch immer am wohlsten. Er denkt jetzt sogar daran, Chennevières einmal zu verkaufen und sich ganz in Deutschland niederzulassen. »Ein Häuschen in Oberbayern«, schwärmte Maman Rivel am Ende der Deutschland-Tournee in Berlin, »nur für Charlie und mich.«

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 42