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»Der Mensch löst sich auf«

Dem Hamburger Pastor Paul Schulz, 39, wird vor einem Gremium der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands der Glaubensprozeß gemacht. Schulz, der weder an einen persönlichen Gott noch an ein Jenseits glaubt, befindet sich, so seine Vorgesetzten, »in allen Punkten in Widerspruch zur Lehre der Kirche«.
aus DER SPIEGEL 45/1976

SPIEGEL: Herr Pastor Schulz, Sie sind seit 1970 evangelischer Pfarrer an der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. Jetzt wollen Ihre Vorgesetzten Sie Ihres Amtes entheben, beurlaubt sind Sie schon. Sie sollen ein Ketzer sein.

SCHULZ: Ich habe versucht, christliche Theologie mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen von heute zu versöhnen. Wenn das Ketzerei ist.

SPIEGEL: Ihnen ist der Glaube an Gott abhanden gekommen, heißt es. Sind Sie Atheist?

SCHULZ: Wenn Gott eine Person sein soll und wenn Gott die Welt erschaffen haben soll, dann allerdings bin ich Atheist. Gott als Person und Schöpfer, das sind völlig überholte Denkmodelle.

SPIEGEL: Die christliche Theologie und Philosophie ging bislang davon aus, daß Gott Person ist.

SCHULZ: Es liegt aber doch viel näher, daß dieses Jahrtausendealte Bild von dem persönlichen Gott eine tröstliche Erfindung von Menschen ist. Der Mensch, der von Gott spricht, spricht im Grunde nur von sich selbst.

SPIEGEL: Beten wäre also sinnlos, weil da kein Gott zuhört?

SCHULZ: Beim Beten reflektiere ich in Wirklichkeit mich selbst und meine Beziehung zum andern. Gerade deshalb kann Beten doch sinnvoll sein: Die Ich-Du-Form kann jemandem helfen, seine Probleme mit der Umwelt besser auszusprechen. Ein psychologischer Kniff gewissermaßen.

SPIEGEL: Sie glauben nicht an einen persönlichen Gott. Wieso nicht einmal an einen Schöpfer-Gott?

SCHULZ: Weil ich die Welt ohne einen Weltenschöpfer genausogut, wenn nicht besser verstehen kann.

SPIEGEL: Wie ist denn die Welt Ihrer Meinung nach entstanden?

SCHULZ: Ich weiß es nicht. Ich brauche es auch nicht zu wissen. Für mich ist entscheidend, daß die Naturwissenschaften ohne übernatürliche Kategorien auskommen. Nirgendwo haben sie einen Beweis dafür entdeckt, daß das Leben von Gott kommt.

SPIEGEL: Es ist nicht Aufgabe der Naturwissenschaften, über Metaphysik nachzudenken.

SCHULZ: Die Naturwissenschaften haben sich eigentlich für jede Art von Wirklichkeit zu interessieren. Dieses Jenseits der alten Theologie kann nur deshalb nicht Thema der Naturwissenschaften werden, weil es nicht existiert.

SPIEGEL: Und wenn es doch existiert, wie es bedeutende Denker, darunter zahlreiche Naturwissenschaftler, für möglich halten?

SCHULZ: Wer daran glauben will und kann, mag es glauben. Ich kann ihm das Gegenteil nicht beweisen. Aber mir erschließt sich der Wert des Seins nur in dieser Welt. Es spricht nichts dafür, daß sich das Wesentliche außerhalb abspielt.

SPIEGEL: Das ist beste atheistischmaterialistische Denktradition. Aber ist es noch Theologie, Lehre von Gott? Sind Sie noch Theologe?

SCHULZ: Auf das Wort »Gott« könnte ich verzichten. Auf das alte Bild von Gott habe ich längst verzichtet. Nicht jedoch auf die damit gemeinte Sache. Denn was alle Kulturen mit dem Wort Gott letztlich meinen, ist doch eine Art Zentralwert des Seins. In diesem Sinne kann auch ich von Gott reden: Gott, das Absolute, ereignet sich beispielsweise in den mikro- und makrokosmischen Entwicklungsprozessen. In diesem Sinne bleibe ich Theologe.

SPIEGEL: ... der sich von den alten Glaubenswahrheiten seiner Kirche weit entfernt hat. Angeblich hat Gott selbst sie in der Bibel geoffenbart.

SCHULZ: Ein Gott, den es nicht gibt, kann auch nichts offenbaren. Die Bibel ist die Dokumentation eines jahrhundertelangen geistigen Entwicklungsprozesses bestimmter Menschen. Sie ist der Versuch, mit der Fiktion eines persönlichen Schöpfergottes Sinn in dieses Leben zu bekommen. Das muß man ernst nehmen. Man kann es aber nicht ungeprüft übernehmen.

SPIEGEL: Das biblische Gottesbild haben Sic schon gestrichen, was noch mehr?

SCHULZ: Genauer Prüfung bedürfen die sittlichen Gebote der Bibel, beispielsweise die Verbote des Ehebruchs oder der Ehescheidung. Weil es vor 4000 Jahren vielleicht sinnvoll war. nicht mit einer anderen Frau zu schlafen oder den Partner zu wechseln, muß das unter den veränderten Umständen heute noch lange nicht sinnvoll sein.

SPIEGEL: Es gibt also keine absolut gültigen Normen und Gebote?

SCHULZ: Alle Handlungen sind für sich genommen wertfrei. Sie laufen im Rahmen der vorgegebenen Naturgesetze ab. Und die Naturgesetze sind, wie sie sind: Sie unterliegen keinerlei sittlicher und moralischer Beurteilung. Es gibt keine von den Naturgesetzen losgelöste. transzendente Instanz, die kontrolliert. Der Mensch ist es, der die Werte, Normen und Gebote setzt und verantwortet.

SPIEGEL: Also kein »Jüngstes Gericht« und keine »Hölle«, egal welcher Fehltritt vorausging?

SCHULZ: Solche Schreckbilder sind die listige Erfindung von Klerikern, die ihren Klienten erst mit der Hölle drohen, um ihnen dann bei entsprechendem Wohlverhalten mit dem Paradies zu winken.

SPIEGEL: Was, glauben Sie, kommt nach dem Tod?

SCHULZ: Nichts weiter. Der Tod ist das natürliche Ende. der Mensch löst sich auf. Der Glaube an ein Weiterleben ist nur der Wunsch danach.

SPIEGEL: Können Sie der Bibel überhaupt noch etwas abgewinnen?

SCHULZ: Zum Beispiel den Menschen Jesus von Nazaret. Dieser Mann mit seiner Lehre und seinem Leben ist für mich Vorbild geworden.

SPIEGEL: Jesus glaubte aber an ein Jenseits und einen persönlichen Schöpfer-Gott.

SCHULZ: Jesus dachte in den Bildern seiner Zeit. Aber ich muß ja nicht Jesu zeitbedingtes Weltbild übernehmen. Das Wesentliche und Zeitlose an Jesus ist für mich etwas anderes: seine Lehre von der unbedingten Liebe zum Nächsten, besonders zum Schwachen und zum Feind -- das optimale Modell für menschliches Zusammenleben. Dieses Modell Jesu ist der Grund dafür. warum ich noch Christ bin und warum ich Pfarrer bleiben möchte. Ich möchte es noch möglichst vielen Menschen vermitteln.

SPIEGEL: Ein Lehrbeanstandungsverfahren vor dem Senat für Lehrfragen der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, das erste seit Erlaß der Verfahrensordnung im Jahre 1956, könnte das verhindern.

SCHULZ: Ein solches Verfahren wäre ein Rückfall in katholische Verhältnisse, wo nicht die Bibel Maßstab ist, sondern ein Papst. ich wehre mich dagegen, daß eine Kommission per Abstimmung über die Wahrheit befindet. Das ist unevangelisch.

SPIEGEL In dem Verfahren sollen Sie lediglich gemessen werden an jenen evangelischen Bekenntnisschriften, die Sie vor Ihrer Ordination selber unterschrieben haben.

SCHULZ: Wenn sich alle evangelischen Theologen, die mal die Bekenntnisschriften unterschrieben haben, immer daran gehalten hätten, herrschte heute in der Kirche die Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts. Dann müßten Sie heute glauben, daß Gott die Welt in sechs Tagen gemacht hat.

SPIEGEL: Ihre Kritiker sind der Meinung, daß Sie weiter als all diese Theologen gegangen sind. Zu weit für deren Geschmack.

SCHULZ: Was heißt »zu weit«? Nehmen Sie den kürzlich verstorbenen Marburger Theologen Rudolf Bultmann. Dieser Schriftgelehrte hat mit seiner Entmythologisierung des Neuen Testaments das Denken über die Bibel so total umgekrempelt, daß viele Geistliche das 35 Jahre danach noch nicht verdaut haben. Ein Lehrzuchtverfahren gegen ihn wurde zwar angestrebt, aber schließlich abgelehnt. Das nenne ich echte evangelische Freiheit.

SPIEGEL: Luther, der Initiator solch evangelischer Freiheit, wäre vermutlich skeptisch.

SCHULZ: Wenn ich mir Luthers Theologie besehe, werde ich auch skeptisch. Etwa seit 1525, seit dem Bauernkrieg, wird Luthers Theologie immer etablierter und katholischer. Mit dem alten Luther ist keine Reformation mehr zu machen.

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