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»Der Messias kommt nicht, Begin geht nicht«

Henri Zoller, 53, gebürtiger Berliner, ist seit 1948 israelischer Staatsbürger, seit 1968 SPIEGEL-Korrespondent.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Israel im Sommer 1978: Das niederdrückende Gefühl, dieses Land könne eine vielleicht nie wiederkehrende wunderbare Friedenschance verspielen, hat sich schon das letzte halbe Jahr verfestigt, jetzt wirkt es fast erstickend.

Die meisten Israelis sind bereit, die Macht ihres Landes durch Mäßigung, ihre Zuversicht durch Verzicht zu beweisen. Doch der Zweifel an Versöhnlichkeit und politischem Verständnis des Regierungschefs lasten immer spürbarer auf dem jüdischen Kleinstaat.

So wächst denn die Befürchtung, Menachem Begin sei weniger Realpolitiker als halsstarriger Ultra, getragen von einem künstlich hochgezüchteten Selbstbewußtsein und der tiefverwurzelten Überzeugung in seine angeblich heilige Mission. Sogar Koalitionskollegen wie Sozialminister Israel Katz fürchten, das völlige Unverständnis, mit dem Begin der arabischen Welt und Mentalität gegenübersteht, treibe ihn zu Härte selbst in Nebensächlichkeiten.

Jede Demokratie ist bei Verhandlungen mit einem autoritären Staat wie Ägypten benachteiligt -- das wissen wir, das müßte auch Begin wissen. Er aber versucht sichtbar, Sadat-ähnlich wie der Vertreter eines Ein-Mann-Regimes aufzutreten, so daß der sozialdemokratische Abgeordnete Gad Jakobi schon »faschistoide Züge« zu entdecken glaubt.

Neun Monate nach Sadats Besuch in Jerusalem versickern die Aussichten eines großzügigen Dialogs mit Kairo im Treibsand eines kleinmütigen Feilschens, trägt Begin eine aggressive Überheblichkeit zur Schau, die wahrscheinlich auf innere Schwächen hinweist.

Seine Treuen, besonders in der Diaspora, loben ihn als »den jüdischsten aller israelischen Regierungschefs«, doch in Israels Pionier-Gesellschaft wirkt der hoheitsvolle Superpatriot manchmal wie ein Fremdkörper, ein Europäer in Tun und Ton, mit seinem steifen, weißen Hemd und seinen modischen Krawatten, die er ständig mit nervösen Gesten zurechtrückt.

Er erscheint beseelt vom Nationalismus des polnischen Judentums seiner Jugend, da man das Heil vor antisemitischer Verfolgung in der zionistischen Revolte und der Renaissance Israels sah. Die von den Nazis angestrebte Endlösung der Judenfrage hat in ihm einen Auschwitz-Komplex hinterlassen, der in der altneuen Heimat leicht zu einem Samson-Komplex führen könnte.

Denn Politik bleibt für Begin vor allem die Bewältigung der Vergangenheit. Hitler ist längst tot, aber für Begin ist er aus Israels Alltag und Denken nicht zu vertreiben. Auch wenn der Regierungschef Sadats Friedfertigkeit vertraut, bangt er weiter, ob der ägyptische Präsident für Arafats Wohlverhalten bürgen, oder sogar seiner eigenen etwaigen Nachfolger verbindlich verpflichten könne. Denn für Begin ist Israels staatlicher Bestand immer

* Begin zerreißt ein Schriftstück um die Wertlosigkeit eines Friedensplans der Opposition zu demonstrieren.

noch ständig in Frage gestellt, eine Denkweise, die viele Israelis heute nicht mehr teilen können oder wollen.

In einer Mischung von Mißtrauen und Messianismus, persönlichem Machtwillen, politischer Paranoia und Propheten-Wahn, mit demagogischer Rücksichtslosigkeit und brutaler Gleichgültigkeit schweigt Begin weiterhin in der Vergangenheit und verbaut so seinem Land vielleicht die Zukunft.

Dieser Mann erklärt sich leicht, wenn man ihn dieses Jahr im großen Saal des alten Tel Aviver Museums gesehen hat, wo sich Israels Prominente trafen, um die Gründung des Staates zu feiern, zum zweiten Mal.

Die historische Stunde vom 14. Mai 1948 wurde, 30 Jahre danach, neu inszeniert, auf direkte Anweisung und unter Regie Begins, der endlich, anstelle seines verstorbenen Protagonisten Ben-Gurion selber die Führungsrolle spielen konnte.

Zur ursprünglichen Staats-Proklamierung nämlich war Begin, damals erst sieben Jahre im Lande der Vorväter, nicht geladen gewesen. Denn obwohl charismatischer Chef militanter, rechtslastiger Terrorbewegungen, blieb er lange ein Außenseiter in Israels politischer Landschaft. In dem vor knapp einer Dekade erschienenen Standardwerk von Amos Elon »Die Israelis, Gründer und Söhne« wird Begins Name kein einziges Mal erwähnt.

So etwas schmerzte den empfindlichen Schreibtisch-Propheten. Denn für ihn gab es keine glorreicheren Zeiten als die Tage des Kampfes um Israels Unabhängigkeit. Natürlich war ihm auch seine Nominierung zum Premier weniger wichtig als die Staatsgründung, die, oh, welche Mißgunst des Schicksals, sein Erzgegner Ben-Gurion erzwang.

Deshalb vor allem fühlt sich Begin heute vorrangig berufen, den damals unterbrochenen Kampf um das ersehnte Großisrael weiterzuführen, nachdem er während fast dreier Jahrzehnte sogar in der Legalität fast wie im Untergrund gewirkt hatte.

Desbalb wird seine Politik auch jetzt noch von persönlichen Gefühlen und Erinnerungen bestimmt, von der Obsession. nicht nur als Retter der Nation, als jüdischer de Gaulle, zu erscheinen, sondern auch als Ben-Gurions Nachfolger.

Achtmal scheiterte Begin bei Wahlen und mußte immer wieder, wie er sagte, »dem Volk in der Opposition dienen«. Einst ein feuriger Fanatiker, wurde er auf den Hinterbänken der Opposition müde und mürbe, ohne jedoch sein Geltungsbedürfnis einzubüßen.

Erst am 17. Mai vergangenen Jahres schlug dann seine und vielleicht Israels Schicksalsstunde, weil das Volk die abgewirtschaftete Arbeitspartei abwählte und Begins rechter Likud-Block als einzige Alternative übrigblieb. Trotz manchen Zweifels begrüßten wir damals die Begin-Ära mit schüchterner Hoffnung. Denn schlimmer als 30 Jahre Filzokratie und Vetternwirtschaft könne es kaum werden, dachten die überdrüssigen Wahlbürger. Doch diese Zuversicht erwies sich als trügerisch, es wurde bald schlimmer. Wenn dieser Tage sogar Begin meinte, »sechs Monate funktionierte das Kabinett perfekt; seitdem knirscht es im Getriebe«, so beschrieb er den Zustand damit nur höchst unzulänglich -- auch innenpolitisch.

Die versprochene soziale Gesundung blieb leerer Slogan, die als unerläßlich bezeichnete Reform von Regierung und Verwaltung hat nicht stattgefunden, die Bürokraten regieren weiterhin das Land.

Denn für Wirtschaft und Soziales hat der Premier kein Verständnis. »Was heißt denn Wirtschaftsminister? Das bin ich auch, denn ich muß ja schließlich meine Familie recht, aber schlecht versorgen«, scherzte er vorige Woche bei der Debatte über ein Zusatzbudget.

Hinter dem Image des starken Mannes entdeckten wir einen Mangel an Urgrund, dafür ein Übermaß von Stolz ohne Substanz und Würde, ohne Weis-

* Beim Verlassen des Krankenhauses in Tel Aviv am 29. Mai 1977.

heit. Sogar von einem anfangs rigiden Regierungsstil »blieb in der Ministerrunde nur noch das Rauchverbot bestehen«, klagte die »Jerusalem Post«.

Im übrigen sackte das neue Regime schnell in einen Sumpf von Hader über Kompetenzen und politische Kleinkrämerei. »Mit einer solchen Regierung braucht man wahrlich keine äußere Opposition«, klagte die Likud-Abgeordnete Sarah Doron.

Nur in der Außenpolitik schien der Machtwechsel vorübergehend auf Neuland zu fuhren. Zwar beteuerte der chauvinistische Premier seine eherne Entschlossenheit, die friedensstörende Besiedlung der besetzten Gebiete mit Hochtempo fortzusetzen. Doch zugleich suchte er zielstrebig Kontakte mit dem Gegner.

Wenige Wochen nach Amtsantritt informierte er Sadat, er sei bereit, als Preis für einen Frieden mit Ägypten den besetzten Sinai zu räumen, und schuf damit die Voraussetzung für Sadats dramatische Geste des Friedensfluges nach Jerusalem. Ex-Premier Golda Meir: »Wenn wir ihm den ganzen Sinai offeriert hätten, wäre Sadat auch zu uns gekommen.«

Begin formulierte einen Friedensplan von 26 Punkten, den er zuerst Präsident Carter, dann dem Fernseh-Star Barbara Walters und schließlich auch seinem Kabinett vorlegte und »als großzügige Geste« lobte. Widersprüche und Zweifel wischte er vom Tisch: Carter, »Israels bester Freund«, habe den Plan gebilligt, fabulierte er.

Mit felsenfestem Zweckoptimismus, mit mehr Sinn für Pathos als für außenpolitische Ziele, überzeugte Begin sich selber, der Durchbruch zur Détente sei in Reichweite gerückt. Eine Zeitlang steckte dieser Optimismus sogar viele Israelis an. Denn Frieden in unserer Zeit, ein trotz ununterbrochener Waffengänge nie verblaßter Traum, erschien uns beinahe schon glaubhaft geworden.

Doch diese Zuversicht war nicht nur verfrüht, sondern auch verfehlt, denn auf dem steilen Weg zum erstrebten Arrangement tauchte ein hartes Hindernis auf -- Menachem Begin, entschlossen, seiner Friedfertigkeit genaue geographische Grenzen zu stecken: Erstens, so erläuterte er, bedeute eine totale Evakuierung des Sinai natürlich, (laß Israel seine über 20 Wehrsiedlungen sowie die auf der Halbinsel errichteten Flugplätze behalten und militärisch absichern werde.

Zweitens seien das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser sowie ein völliger Rückzug Israels aus Westjordanien und dem Gazastreifen indiskutabel. Und in der Tat ist für den Juristen Begin Besitz 90 Prozent des Rechts und Israels Präsenz in Westjordanien für alle Ewigkeit unantastbar. »Anzunehmen, er werde diese verbissene Anschauung ändern, bedeutet, von der Orthodoxie eine Abkehr von Gott zu erwarten«, höhnte Golda Meir.

Im Herzen von Judäa und Samaria, wie Begin Westjordanien biblisch nennt, konnten sich im vergangenen Jahr zwar weniger als tausend jüdische Neusiedler niederlassen. Aber für diese provokative Politik der großen Worte und der kleinen Gesten muß Israel jetzt schon einen hohen Preis zahlen: ein gespanntes Verhältnis zur Schutzmacht Amerika und vielleicht den totalen Abbruch der Kontakte mit Kairo.

Sogar viele Likud-Leute meinen, das alles erinnerte an die dunkelsten Kapitel früherer Kabinette, und bangen, Begin »funktioniere« nicht mehr richtig.

Doch andererseits hat gerade die Erkenntnis der jetzigen Führungskrise viele seiner Anhänger veranlaßt, die Reihen dichter zu schließen. Denn ohne Begin, der bei den Massen immer noch populär ist, hat seine Partei weder Anziehungskraft noch Leben.

So bleibt Menachem Begin auch in dieser Stunde vorrangig von Ja-Sagern umgeben, ohne Berater, denen er zuhören, geschweige denn zu folgen bereit wäre: ein Mann einsamer, unabänderlicher Entschlüsse.

Kritik konnte der Patriarch der Partei sowieso nie richtig ertragen. Er überhört sie geflissentlich oder begegnet ihr nach eigenen Worten »mit eiskalter Verachtung«.

Das aber genügt nicht, um unsere Zweifel auszuräumen. ob Begin der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz ist, ob er in Israels Geschichte noch als Friedensmacher oder nur als Fußnote eingehen wird. »Er möge 120 Jahre alt werden, aber nicht an der Spitze der Regierung«, wünscht der sozialistische Abgeordnete Meir Pail. der damit zugleich einen Beitrag zur Diskussion über die physische Gesundheit des Premier leistete.

Solcher Besorgnis begegnete Begin schon lange mit ironischen Bemerkungen wie »Ich habe mich eben erkundigt, meinem Arzt geht es ausgezeichnet«. Doch die Zeiten der Witze sind längst vorüber.

Denn schließlich mußte Begin, der seinen ersten Herzanfall schon in den sechziger Jahren erlitt, in den vergangenen 15 Monaten dreimal ins Krankenhaus, er leidet an Perikarditis, zu hohem Blutdruck und Diabetes. Bei längeren Knesset-Debatten steht stets eine Ambulanz für ihn bereit.

Begin selber beteuert so oft, wie wohl er sich fühle, daß man erwartet, er werde sich demnächst wie Tarzan auf die Brust schlagen, um seinen Schlachtruf auszustoßen. In Wirklichkeit jedoch ist Begin, der in der nächsten Woche 65 wird, ein müder Mann, der sich schonen muß.

Er steht schon längst nicht mehr, wie einst üblich, morgens um fünf Uhr auf und verzichtet auch nie auf seine zweistündige Mittagsruhe. Zwar behauptet sein persönlicher Arzt, Dr. Basil Lewis, er nehme keine Medikamente, oder

* Am 14. Mai 1948 in Tel Aviv.

höchstens ein, zwei Aspirin täglich, doch das überzeugt nicht jeden.

Denn, wenn alle müde sind, erscheint er plötzlich jugendfrisch, selbstsicher, euphorisch, leutselig und selbst geschwätzig. Der frühere Polizeiminister Schlomo Hillel befürchtet, diese Haltung sei eine »unvermeidbare Folge der Medikamente«.

Indessen geben sogar die Vertrauensmänner des Ministerpräsidenten zu, es habe in der letzten Zeit mehrmals schwere Stunden gegeben. So sei der Premier im März, nach seiner Rückkehr aus Washington, sehr ermattet gewesen. Und bei einer hochwichtigen Kabinettssitzung am 18. Juni mußten dringende politische Diskussionen über Westjordanien wegen einer Unpäßlichkeit des Premiers vertagt werden.

Da schließlich bestätigte Begin selbst: »Ich war krank und erschöpft.« Freilich nur, um sogleich hinzuzufügen, aber jetzt sei er wieder wohlauf und in voller Form.

Selbst wenn aber seine Gesundheit gänzlich wiederhergestellt wäre, sind die Flüsterkampagnen über seine wahren oder vermeintlichen Krankheiten inzwischen ein Politikum geworden. Sie schränken Begins Glaubwürdigkeit ein und belasten die Politik des Regierungschefs.

Die Opposition mahnt unterdessen, Begin müsse endlich die Konsequenzen ziehen, denn »wer sich als Regenmacher rühmte, ist ebenfalls für die Dürre verantwortlich«, sagte Schimon Peres. Und Ex-Außenminister Allon appellierte an den Regierungschef, es sei jetzt höchste Zeit, aus purem Patriotismus zurückzutreten.

Doch der Chef selbst bleibt sarkastisch, arrogant und autoritär: An einen Rücktritt denke er nicht, zumindest nicht vor dem Ende seiner Amtszeit im November 1981. Im Gegenteil, so erläuterte er ungerührt der Knesset, jetzt werde seine Regierung »regieren«, was Gelächter und die Frage provozierte, was die Regierung denn wohl in den vergangenen 14 Monaten getan habe.

Aber aufs Zweifeln und Zuhören hat sich Israels kurzsichtiger Visionär ja nie verstanden, sondern die Wirklichkeit lieber grandios verkannt. Es spricht für die Juden, daß sie auch über Begin trotz aller Beklemmungen noch witzeln können: Was eigentlich sei der Unterschied zwischen dem Messias und Begin? Antwort: Der Messias kommt nicht, und Begin geht nicht.

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