Zur Ausgabe
Artikel 9 / 56
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Otto Köhler DER MILITÄRDEMOKRAT

aus DER SPIEGEL 29/1967

Wie an anderen Tagen auch, so versammelten sich am letzten Donnerstag unsere Brüder und Schwestern in der Zone vor dem Fernsehgerät, um das eigens für sie ausgestrahlte vormittägliche Gemeinschaftsprogramm der beiden bundesdeutschen Anstalten entgegenzunehmen.

Unseren Brüdern und Schwestern in der Unfreiheit war es an diesem Vormittag bestimmt, sich Aufklärung anzueignen über einen besonders freien Teil der Freien Welt. Der Nachrichtensprecher der vom Vorabend wiederholten Tagesschau verkündete ihnen: »Seit drei Tagen demonstrieren südkoreanische Studenten in der Hauptstadt Seoul gegen den Ausgang der Parlamentswahlen. Immer wieder muß die Polizei mit Knüppeln und Tränengas gegen die Jugendlichen vorgehen.«

Sie müssen, die bedauernswerten Polizisten, denn schließlich demonstriert kein guter Demokrat gegen »den Ausgang« einer Wahl. Gewiß, der vierte Satz der Meldung erwähnte schließlich, daß die Studenten der Regierung »Wahlfälschungen großen Ausmaßes« vorwerfen, am Ende also -- so könnte man erraten -- nicht gegen den Wahlausgang, sondern gerade für einen korrekten Wahlausgang demonstrierten.

Doch genau das, was umstritten war, stellte der Nachrichtensprecher ganz objektiv als unbestreitbare Tatsache fest: »Diese jüngsten Parlamentswahlen hatten großen Stimmzuwachs für die Partei des Staatspräsidenten Park Tschung-hi ergeben.«

Und auch die folgende ARD-Meldung über das »mysteriöse Verschwinden« von Südkoreanern aus der Bundesrepublik fand eine allseits wohlformulierte Auflösung: Die südkoreanische Botschaft habe, nein, nicht etwa erklärt oder behauptet, sondern »bestätigt«, daß »16 Koreaner die Bundesrepublik verlassen hätten, gegen die in ihrer Heimat Verfahren wegen Gefährdung der Staatssicherheit liefen. Sie seien jedoch freiwillig abgereist«.

Solchermaßen eingestimmt, konnte es unseren Brüdern und Schwestern nicht schwerfallen, die folgende ZDF-Sendung mit Respekt zu betrachten. Ihr Titel: »Park Tschung-hi -- der Militärdemokrat«.

Präsident Park, so erfuhren unsere nach freiheitlicher Information darbenden Bi uder-Schwestern, liebt dank »seiner Herkunft als General militärische Knappheit und mag kein langes »Palaver«. Diese schätzenswerte Eigenschaft -- und nur sie allein hat ihm »gelegentlich« den völlig unverständlichen »Vorwurf« eingetragen, »er herrsche diktatorisch«.

Doch genau hier vermag das Mainzer Fernsehen, die unter einer wirklichen Diktatur lebenden Zonenbewohner zuverlässig zu beruhigen: »Im frei gewählten südkoreanischen Parlament sitzt eine legale lautstarke Opposition. Und die Presse Südkoreas ist um Welten freier als die Presse des liberalsten kommunistischen Landes.«

Wohlgetan von unserem Fernsehen, daß es unsere Brüder-Schwestern so intensiv über die große Freiheit in Südkorea unterrichtet. Wie gut tut es ihnen, vom ZDF zu erfahren, daß die südkoreanische Regierung »durch eine freie demokratische Wahl legitimiert« ist. Denn wenn sie jetzt noch die großen amerikanischen Zeitungen über die letzten Wahlen in Südkorea nachlesen könnten, dann müßten sie erkennen, daß sie gar nicht von einer Diktatur unterdrückt werden, sondern gleichfalls eine durch demokratische Wahlen legitimierte Regierung besitzen.

Die »Herald Tribune« etwa berichtete, daß bei den Wahlen die Polizei angewiesen war, Oppositionspolitiker nicht vor Gewalttaten zu schützen. Wörtlich: »Die Gewalttaten schienen einen Höhepunkt am 8. Juni, dem Wahltag, zu erreichen, als Banden, hinter denen die Regierungspartei stehen soll, in die Wahllokale eindrangen, die Beobachter der Opposition vertrieben, Zeitungsreporter verprügelten und in einem Fall einen Wahlbeamten erstachen.«

Das ist eine freie Wahl, die auch unsere Brüder-Schwestern, wenn sie wollten, erleben könnten. Und die Pressefreiheit, von der ihnen das ZDF erzählte, sieht nach dem Bericht der »Herald Tribune« so aus: »Koreanische Journalisten erklären, daß Reporter verhaftet wurden, Verleger angewiesen wurden, was sie drucken und was sie nicht drucken dürfen, und Nachrichten gefälscht wurden.«

Wo alles So idyllisch zugeht, lassen die Studenten -- laut ZDF-Bericht -- auch von veralteten Mode-Torheiten ab: »Zivilistisch-friedlich unterm Regenschirm streben die Studenten den Hörsälen zu. Die Straßendemonstrationen sind aus der Mode gekommen ...

Was sollen unsere Brüder-Schwestern mit dieser staatspolitisch wertvollen Sendung anfangen? Sie können mit uns eine in diesen Tagen besonders verheißungsvoll klingende Lehre aus ihr ziehen: »Für Präsident Park ist die Bundesrepublik Deutschland nicht irgendein Staat unter vielen, sondern Koreas wichtigster und beliebtester Partner in Europa.«

Otto Köhler
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 9 / 56
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel