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Artikel 3 / 80

Der Minister und sein General

Von General a. D. Gerd Schmückle *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Karl XII. von Schweden stünde, lebte er heute, im Jahrbuch der Rekorde: 43 Wochen lang hütete er in der Türkei das Bett, um das Land nicht verlassen zu müssen. Ähnliches hatte wohl der Bundesverteidigungsminister im Sinn, als er General Kießling vorschlug, sich für die nächsten 28 Wochen krank zu melden. Danach - am 31. 3. 1984 - würde Kießling dann, so der Minister, ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Ehrenvoll natürlich. Nahm der General an.

Kießling stimmte dem gutgemeinten, jedoch naiven Vorschlag zu. Er wußte, der Minister wollte sein Bestes. War er nicht seit langem einer seiner engsten militärischen Vertrauten? Minister und General merkten anscheinend gar nicht, daß ein solches Spiel mit der Krankmeldung eines der höchsten Generale gar nicht durchzuhalten wäre. Kießling gehorchte. Er verschwand aus dem Alliierten-Hauptquartier in Casteau. Da er nicht wieder erschien, passierte die erste Panne: Sein Büro wurde nach einiger Zeit praktisch aufgelöst. Kein Mensch wußte, weshalb. General Rogers mußte schweigen.

Der Verteidigungsminister hatte bereits seinen entscheidenden Fehler gemacht. Er hatte dem General eröffnet, in Homosexuellen-Lokalen identifiziert worden zu sein. Damit beraubte sich Wörner der Chance, schweigen zu können, wenn der Tag für Kießlings Entlassung heranrücken würde. Auch anderes vergaß der Minister:

Jeder Hinweis auf Homosexualität bei einem so hohen General mußte die Erinnerung an den Fall des Generalobersten von Fritsch wieder wachrufen - zumindest bei einer ganzen Offiziersgeneration. Gegen eine solche Mißdeutung glaubte sich Wörner wohl dadurch geschützt, daß er Minister in einem Rechtsstaat ist. Ein Lumpenstück, wie es Hitler, Göring und Himmler mit Fritsch getrieben hatten, konnte sich also schon deshalb nicht wiederholen. Abgesehen davon stimmten weder Motivation noch politische Zielrichtung mit der damaligen Schandtat überein.

Dies alles war richtig gedacht, doch die menschliche Wirklichkeit ließ Wörner unberücksichtigt. In so großen Apparaturen wie dem Verteidigungsministerium blüht der Klatsch. Besonders, wenn es um delikate Fälle geht. Was der Minister Kießling vorgeworfen hatte, wußten zu viele. Im Flüsterton wurde es weitergegeben. Hatte der Minister eine gute Absicht gehabt, so mißriet sie ihm unter seinen eigenen Augen. Kießling hatte ihm sein Wort gegeben, was ihm vorgeworfen werde, stimme nicht.

Der Minister versprach, die Sache aufzuklären. Hiermit beauftragte er dieselbe Gruppe, die ihm die erste Meldung vorgelegt hatte. Wie in Bürokratien üblich, suchte sie weniger nach Ent- als nach Belastungsmaterial. Am wichtigsten war, recht zu behalten. Denn die eigene Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel. Eine neue, völlig andere Gruppe zusammenzustellen kam Wörner nicht in den Sinn. Wiederum handelte er formal richtig. Das Wesen der menschlichen Natur berücksichtigte er nicht.

General Kießling hatte ebenfalls seinen entscheidenden Fehler gemacht. Indem er zustimmte, sich so lange Zeit krank zu melden, schnitt er sich von jedem direkten Einfluß auf den Gang der Dinge in Bonn ab. In fast kindlicher Weise - in diesem Punkt Fritsch ähnelnd - vertraute er darauf, ihm werde ohnedies Gerechtigkeit verschafft. Der Minister, so meinte Kießling, lasse Material sammeln, das ihn entlaste. Um so mehr war er schockiert, als im Dezember seine Pensionierung bekanntgemacht wurde: auf der Stelle entlassen. Begründung der Hiobsbotschaft: Homosexualität.

Sicher hatte auch der Minister auf entlastendes Material gehofft. Doch nun sahen die Akten nicht besser aus als vorher. Wörner wurde gedrängt zu entscheiden. Er ging nach dem Grundsatz vor, der für Truppenführer gilt: »In Zweifelsfällen ist Handeln besser als Unterlassen.« Für einen Politiker ist dies wohl der schlechteste Rat. Die Wörter »Sicherheitsrisiko« und »Erpreßbarkeit« tauchten auf. Der Minister gab - das Interesse der Sicherheit der Bundesrepublik im Auge - nach. Er war zu kurze Zeit Herr der Hardthöhe, um zu wissen, wie mit solch vagen Begriffen operiert werden kann. Es begann, was Augstein die »Vorhinrichtung« nannte.

Kießling wurde nun fertiggemacht. Indiskretionen strömten aus dem Verteidigungsministerium. Unter der Flut der Pressemeldungen, die dadurch entstanden, schob das Ministerium scheibchenweise offizielle Informationen nach - nicht eine einzige zugunsten des ins Unglück geratenen Mannes. Es hieß, Kießling sei 200 Tage im Jahr von seiner Dienststelle entfernt gewesen, doch anscheinend vergaß man dabei, die Wochenenden abzuziehen. Auch wurde nicht gesagt, daß Offiziere internationaler Stäbe oft monatelang in fremden Ländern unterwegs sind.

Andererseits hielt Kießling sich nicht immer daran, sich als Schwerkranken darzustellen. Er hielt einige Vorträge, um den Minister zu unterstützen, von dessen Sicherheitspolitik er überzeugt war. Doch die Beobachter auf der Hardthöhe sahen sein Wirken anders. Sie sagten, Kießling bricht die Vereinbarung, krank zu spielen.

Nun paßte das Puzzlespiel zusammen. Das Drama ist bekannt. Der Minister war in Urlaub, und dies viel zu lange.

Der militärische Scherbenhaufen begann sich zu türmen. Selten, wohl nie in der deutschen Militärgeschichte, wurde der Fall eines hohen Generals öffentlich so taktlos behandelt. Man schielte auf die öffentliche Wirkung und vergaß die Armee. Man schützte den Minister und belastete den General, der schon am Boden lag. Die Generalität blieb stumm, sprachlos, wie mit einem General umgesprungen wurde, und verblüfft, wie ein Minister mit der ganzen Macht seiner Apparatur gegen einen Mann arbeitete, der noch vor kurzem sein engster Mitarbeiter gewesen war.

Wörner agierte bedenklich. Denn als Oberbefehlshaber hätte er auch auf das Prinzip der Kameradschaft Rücksicht nehmen müssen. Er kann nicht Loyalität von unten fordern, wenn Menschlichkeit von oben nicht gewährt wird. Kameradschaft - das sollte der Minister wissen - ist im Kasino billig zu haben. Wichtig wird sie erst denjenigen gegenüber, die in Not geraten sind. Kießling war in Not.

Es kam, wie es kommen mußte. Die Stimmung in der Truppe neigte sich immer mehr Kießling zu. Der Ex-General gefällt, wie er im Fernsehen auftritt. Ohne die Hilfe der Presse, so meint er im persönlichen Gespräch, wäre er ohnedies längst völlig erledigt. Nur die Journalisten hätten sich an den Grundsatz gehalten, auch ihn, den anderen Teil, zu hören. So sehr sich die Sympathie Kießling zuneigt, so sehr nimmt sie für den Minister ab. »Wenn ich daran denke, mir könnte dies widerfahren«, meint ein Oberst, »dann wäre ich ohne jede Hilfe.«

Viele Offiziere bezeichnen das Vorgehen Wörners als fehlerhaft. Die oberste Generalität bleibt von Lob ausgespart. Wörner hat sie ja - taktisch geschickt - in seine Entscheidungen eingebunden. Noch mehr: Er sagte, er hätte im Einvernehmen mit der Generalität gehandelt. Die wenigsten Generale wissen dies.

Solidarität in der Bundeswehr baut sich auf. Offiziere beginnen, Kießling teilnehmende Briefe zu schreiben. Gut ist die Stimmung nicht, doch sie ist ohne Hysterie. Man will den Fall bereinigt sehen - so schnell wie möglich. Die Regierung muß das Vertrauen einer gedemütigten Armee wiedergewinnen. Denn das Ansehen der Armee ist beschädigt, der Skandal längst internationalisiert.

Auch wäre die Regierung gut beraten, im Geschichtsbuch nachzulesen: Trotz der Halunken, die den Fall Fritsch einfädelten, wurde der Generaloberst nach relativ kurzer Zeit freigesprochen, seine Ehre wiederhergestellt. Die guten Menschen von der Hardthöhe müssen darauf achten, daß sie in der Behandlung des Falles Kießling nicht noch schlechter abschneiden als damals die Bösewichte.

Gerd Schmückle
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