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SCHWABING Der Mittelpunkt Kitt

aus DER SPIEGEL 38/1950

Das Licht ist nach wie vor gedämpft. Aber Clubwirtin Elli Spitzauer trinkt jetzt statt Kognak schwarzen Tee (sogar abends), schläft neuerdings nachts (natürlich unruhig) und hält die Erinnerung an bessere Umsätze durch Blättern in ihrem Gästebuch frisch.

Aus vergangenen Nächten sind darin bemerkenswerte Namen verzeichnet, in hochrotem Einband, mit Goldprägung: »Poesie«. Die Poesie ist nun passee.

»Zwei Tage später wäre Orson Welles gekommen!«, tremuliert Elli Spitzauer (Waage-Typ, Jahrgang 04, 98 Kilo, 1,67, 140 Brust-Umfang). Sie leidet unter der Leere, die sich in ihrem zweckentfremdeten Schlafzimmer, München 23, Clemensstr. 6, breitgemacht hat.

Als Bar mit warmen, südländischen Motiven verziert, diente dieses Schlafzimmer seit 4. April 1950 dem Schwabinger »Cercle Privé« als Tagungslokal Vielmehr Nachtungslokal zwischen 1 und 5. Bis kürzlich der kriegsinvalide Parkwächter Jupp die Ouvertüre gravierender Ereignisse vor dem Haus erlebte.

Reihenfolge: Im Morgengrauen wollte ein später Jüngling wissen, ob zum Einlaß in Mutti Spitzauers Clubräume ein besonderes Klingelzeichen verlangt werde. Jupp hatte wahrheitsgemäß verneint. Trotzdem verzog sich der Jüngling wieder um die Ecke.

Dann bewies Stammgast Vicky Brettschneider seine gute Nase. Rechtzeitig kam er noch mit einer hosentragenden Dame aus dem Haus, kletterte in seinen weißen Antiquitätenhändler-Olympia und rauschte ab. Knapp bevor vier andere Autos lautlos vor die Haustür huschten: Zwei Funkstreifenwagen der Münchner Stadtpolizei und zwei Jeeps der MP.

Bevor Parkwächter Jupp begriffen hatte, sprangen die Insassen der Wagen schon die Treppe hinauf und klingelten bei Spitzauer. Dort öffnete Barmann Frederic, Elli Spitzauers Verlobter. Der Volksmund des privaten Zirkels nennt ihn »Lissy«. Ein beziehungsvoller Spitzname, dessen Berechtigung allerdings von einer Anzahl Schwabinger Damen mit Grund bestritten wird.

In diesem nächtlichen Augenblick stammte Frederics Unsicherheit daher, daß die Sperrkette der Wohnungstür nicht vorgelegt war. Noch vor seinem ersten Alarmruf enterten Uniformierte die politische Wohnung der Kz-Hinterbliebenen Elli Spitzauer.

Als deren Kulleraugen hinter der Bar aufschauten, lehnten zwei GI gelangweilt im Türrahmen Das völkerverbindende »Halloh, boys!« der schwergewichtigen Wohnungsinhaberin beantworteten die vermeintlichen Gäste aber nur mit kurzer Blickwendung zu ihren Armbinden. MP.

Da rückten auch schon die deutschen Polizisten nach vorne. Sie hatten zwar keinen Hausdurchsuchungsbefehl (Inspektor Fenk: »Notstand, Abstellung einer strafbaren Handlung"), dafür aber großes Interesse an Bar und umliegender Privatwohnung.

Elli war schon glücklich darüber, daß die MP kein Betätigungsfeld fand: »There is no US-soldier in here.« Als ob ein nachtwacher Instinkt sie gewarnt hätte, waren die Neger-Soldatensänger des Münchner US-Senders AFN in dieser Nacht nicht erschienen. Blieben ein paar deutsche und Schweizer Staatsbürger als Gäste dieser Nacht zu notieren.

Deren zukünftiges Schicksal ist teilweise in Paragraph 29, Ziffer 10 des Reichsgaststättengesetzes von 1930 festgelegt: »Wer in einer nichtkonzessionierten Schänke alkoholische Getränke zu sich nimmt, wird mit einer Geldstrafe bis zu 150 Mark bestraft.«

Die handgreiflichen Beweise verwerflichen Nachtlebens, die dem Inspektor Fenk, 5. Pol.-Revier, Leopoldstraße, in zahlreichen meist anonymen Anzeigen in Aussicht gestellt waren, fielen aus. Vor Monaten schon hatte die Spitzauerin entfesselte Höhepunkte der Eröffnungswochen mit matronenhafter Entschlossenheit gedrosselt. Nur ganz alte Stammgäste wissen noch von nackten schweißglänzenden Oberkörpern, die in ekstatischen Verrenkungen tanzten. Bis zum gegenseitigen Küssen der Sockenhalter. Schwabing - Frühjahr 1950.

Es hatte mit Ringelnatz und anderen Meistern der Vergangenheit begonnen. Damit, daß einige wohlmeinende Ueberlebende nach. Weltkrieg II dem alten Schwabing wieder Luft einblasen wollten. Sie sehnten sich nach dieser spezifisch münchnerischen Nonchalance, die auch zugereisten Künstlern und Studenten so schnell geläufig ist.

In der Gegend um den Feilitzschplatz versucht man, damit das Leben mehr oder minder zu meistern. Erste gemeinsame Uebungen fanden in der »Seerose« statt. Das Lokal konnte die Gäste gar nicht fassen beim artistisch-brillanten Stegreif-Kabarett der Mannschaft Peter Paul Althaus und Axel von Ambesser, der Kiaulehn und Hesterberg, der Froebe und Gondrell.

Sie machten Schwabing vorübergehend lebendig. Unbekümmert darum, daß der Seerosenwirt die kommerziellen Möglichkeiten dieser voreiligen Renaissance nicht übersah und gegen den Aufschwung immun blieb.

Nach Lokalwechsel füllten sich - gleich um die Ecke - in Mutti Breus »Pfälzer Hof« die Wände allmählich mit surrealistischen Gegenleistungen für Abendessen und Getränke. Junge Talente stießen vereinzelt zu den Schwabing-Routiniers. Die Gemeinde der unzertrennlichen Gleichgesinnten wuchs.

Höhepunkt der Entwicklung waren die 49er Sommernächte. Da drängten sich die tanzenden Paare, die im »Pfälzer Hof« keinen Platz mehr fanden, noch in den Straßen. Das eigenwillige Schwabinger Volk der Schriftsteller, Maler, Tänzerinnen, Schauspieler, Journalisten Dichter, Sportlehrerinnen fand hier mit Textilhändlern, Schrottfachleuten und Autoschiebern einen nachkriegsgesellschaftlichen Mittelpunkt.

An der Bar verdiente seit dem Fasching Hicks, die für ihre Bilder in diesen Zeiten keine Käufer fand. Als Barfrau kann sie nun in etwa leben.

Durchs vollbesetzte Restaurant zwängte sich allabendlich Marcel. Er suchte Käufer für seine hohe Lyrik, die er auf Saugpostpapier hektographiert mit Namenszug des Autors offerierte. Fest entschlossen, etwaige Verkaufserlöse umgehend in Kognak zu verwandeln.

Für Kognak war auch Sternchen zu erweichen, Marcels ständig etwas müde, blasse Freundin mit dem locker gesteckten Blond.

Doch zwischen Sternchen und dem »Pfälzer Hof« zerriß das Tischtuch sehr plötzlich. Sternchens Stern sank deshalb nicht. Zwei Straßen weiter im »Siegesgarten« hatte sich Wirtin Meyer einen Sommer lang das Pfälzer-Hof-Leben par distance anhören müssen. Auch die Meldungen vom finanziellen Aufschwung des Unternehmens. Sie hatte vor, ihren »Siegesgarten« ins Rennen zu bringen. Und das besorgte Sternchen. Inklusive der erforderlichen surrealistischen Bilder und der Boheme-Atmosphäre.

Der projektierte Name »Chez Marcel« setzte sich zwar nicht durch. Dafür aber die Sambas dieser neuen Oase der Schwabinger Nachtnomaden. Und das Essen.

Daß nun die Nacht aber immer mit der Polizeistunde zu Ende sein sollte, wirkte bei der unverhohlenen Abneigung gegen engbürgerliche Ordnungen gerade hier sehr störend. Es gehört zu den Eigenarten des Schwabingers, seine Schlafzeiten südländisch zu verteilen.

Die restlichen Stunden des Tages kann man bei Sonne auf den Beton-Liegen des Ungerer-Bades, Südseite, verbringen. Oder, neuerdings üblich, bei Wermuth im Ecarté-Klub des bürgerlich-soliden »Café Koch« und des »Rio«. Wer sich bei dieser liberalen Lebensplanung das unauffällige Bewußtsein des eigenen Wertes erhält, der hat in Schwabing Chancen, allmählich den Ruf einer profilierten Originalität zu erwerben.

Originalität strömte auch, von der verschlossenen Tür mit individuellem Einlaß angefangen, Mutti Spitzauers Clemensstraße aus. (Das Etablissement hatte noch keinen eigenen Namen bekommen, seit es im Fasching mit rauschenden Hausbällen eröffnet war.) Die Clemensstraße schloß die Lücke im gastronomischen System Schwabings in mancherlei Hinsicht. Vor allem aber: Wenn anderswo die Stühle auf den Tisch gestellt wurden, ging es hier erst recht los.

»Ohne Konzession«, behauptet aber Amtmann Grundel von der 22. städtischen Bezirksinspektion. (Sprechstunde nur von 11 bis 12.30 Uhr). »Mit Schankerlaubnis«, erhitzt sich Elli Spitzauer.

»Es steht fest, daß nur eine Toilette für beide Geschlechter gemeinsam vorhanden ist«, wird die Bezirksinspektion amtlich Darauf Elli, unlogisch zwar, aber glaubhaft: »Meine Gäste haben sich trotzdem bei mir immer sehr wohl gefühlt.«

Die Eröffnung ihres Lokals war zeitbedingt. Elli Spitzauer war 1949 endlich rechtskräftig getraut worden, mit Wirkung vom 1. Juli 1936, Gesetz Nr. 95 des Länderrats über die Anerkennung freier Ehen von politisch und rassisch Verfolgten hatte das gestattet. Ellis Mann ist im KZ Oranienburg umgekommen.

Mit drei Kindern reichten 160 DM Nachkriegsrente knapp. Auf dem Wege zum Nebenverdienst räumte Elli also das größte Zimmer ihrer Wohnung aus und baute dahinein die Clemensbar. 2500 DM dazu lieh der tschechische Kaufmann David Gans, ein Freund des Hauses.

Nach inoffiziellem Faschingsstart wurde am 4. April der »Cercle privé« eröffnet. Die Klubkarte - Entwurf Werbeatelier Leo, Kaulbachstraße 94 - brauchte aber nicht mehr gedruckt zu werden. Sie sah in Visitenkartenformat links oben die bourbonische Lilie vor. Diese Lilie welkte jäh, als Inspektor Fenk mit seinen Männern erschien.

Seitdem stehen die Autos, die früher in der Clemensstraße parkten, 5 Minuten entfernt vor der leicht snobistischen »Zelt«-Bar, Occernstraße. Dort freut sich Professor MacZimmermann, Impresario und Manager des Ladens, über Zuwachs. Der hagere Berliner Surrealist, Barett- und Bartträger Zimmermann ist gesellschaftlich schaftlich stark engagiert. Neben seinem Jour fixe im Haus der Kunst ist er allabendlich geistiger Mittelpunkt des »Zelt«. Daß er trotzdem noch malt, beweisen die Zäune, Zirruswölkchen und Ballons an den Wänden, die der Bar neben roten Zeltlaternen ihre Note geben.

Sie lockt das internationale Nachtlokal-Publikum der Schwabinger Autobesitzer und Fremden, der Künstler, der Film-Synchron-Großverdiener und Geschäftsleute. Inge Scheck mit klassischer Schwabinger Nachkriegskurve, von der Rundfunk-Kabarettistin über die Barsängerin zur Bardame, mixt ihren Gästen mehr oder minder scharfe Prärieaustern. Und Anette verkauft Blumen.

Damit will die begabte Musikstudentin ihr Studium finanzieren. Für eine Wohnung reicht es aber schon nicht mehr. In den letzten drei Monaten schlief sie im Abstellraum der Garderobenfrau.

Dieses Schwabing hat Anni Trautner mit sorgsam gehüteter Originalität nun in die Innenstadt verlagert. Zwar, sie (Ex-Stummfilmstar) ist durch herzzerreißende Heiserkeit am Vortrag verhindert. Aber wenn sie Hulla-Hulla, Samba oder Rumba vortanzt, dann herrscht die künstlich eingeheizte Atmosphäre von Neu-Schwabing 1950 (s. Rücktitel).

Schwierigkeiten gab es bei Anni Trautner noch nie. Das Textliche des Abends übernimmt Sohn Rudy, sprachgewandt, weitgereist, offenherzig und gepudert. Mit ihrem Namen »Soho-Bar"*) haben Trautners die ganze Großzügigkeit Schwabings in die Innenstadt importiert.

Kritiker Günter Groll ist pessimistisch genug, diese Großzügigkeit Schwabings heutzutage im allgemeinen und im Fasching im besonderen als »Saisonausverkauf in Liebe« zu apostrophieren.

Um jeden Preis das Normale zu vermeiden, ist jener Gilde Schwabinger Bohemiens

*) Soho: Gangster-Viertel von London. restlos gelungen, die jeden Freitag in Stachus-Nähe, 17 Meter tief in Katakomben steigt. Davon versprechen sich diese Schwabinger eine Wiederbelebung des alten schönen Lebensstils. Werbe-, Lieder-, Schlager- und Chansontexter Karl Theodor Langen hat dieses Unternehmen ins Kellerleben gerufen, mit Kellermeister Laurin, steuerfreiem Wein, Kerzen und dem Sänger Knoll.

Knoll, in jugendbewegter Kniehose, singt jeden Freitag bemitleidenswert fistelnd seine »Zuhälter-Ballade«. Sein kürzlich gestarteter, verfehlter Versuch, in die bürgerliche Vergangenheit des ländlichen Klavierspielers zurückzukehren, scheiterte. Schwabing lockte ihn zurück. Nach dem 64. Klavier.

Gegen 22 Uhr am Freitagabend schließt Schwabings Zukunftsbar den Keller auf, aber nicht die Illusion. Diese Illusion zu demonstrieren, erzählen böswillige Auch-Schwabinger die Geschichte vom Kirchenfenster des Schriftstellers Ken Kaska. Dieses Kirchenfenster war ein ganz normales Fenster in Kens Schwabinger viertem Stock-Zimmer. Nur die Scheibe hatte ein Loch in der Mitte. Das störte, besonders nachts, so von Ende August an. Ken hatte den Schwabinger Einfall, dieses Loch vermittels einer Kittfüllung origineller zu schließen als durch Auswechseln der Scheibe. Er füllte Kitt.

Bald darauf störte ihn das kalte Grau des Kitts. Ein blauer Anstrich schaffte Linderung. Schnelle und naheliegende Assoziationen an van Goghs »Sonnengemälde« verleiteten ihn dazu, dem Blau einen gelben Strahlenkranz zu geben. Es endete damit, daß das ganze Fenster schließlich bemalt war. Seitdem hat das Zimmer auch bei Tage eine Grundstimmung, die Ken Kaskas finanzieller Situation entspricht. In Schwabing heißt dieses Fenster seitdem »Das Kirchenfenster«. Dabei ist der Mittelpunkt nach wie vor Kitt. Und das Ergebnis düster.

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