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Der Müll, die Stadt und der Tod

Global Village: Im südsudanesischen Juba gibt es genügend gutwillige Helfer, doch genau wie die Regierung versagen viele im Angesicht der Krise.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Sultan Ismail Jambo weiß nicht, wie oft er in seinem klapprigen zitronengelben Peugeot heute schon diese staubige Schlaglochpiste auf und ab gefahren ist. 30-mal? Oder 40-mal? Immer wieder hat er die gleiche Botschaft über das knarzende Megafon, das auf dem Dach des Wagens montiert ist, möglichst laut verkündet.

Wascht euch bitte die Hände. Trinkt nur sauberes Wasser. Wer Durchfall hat, soll sich in einem Gesundheitszentrum melden. Vorsicht vor Gemüse.

In einer Stadt, in der die Mehrheit der Bewohner Analphabeten sind, kann Jambo Leben retten. In Juba herrscht nicht nur die Truppe der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA), sondern auch die Cholera. Einige hundert Menschen sind schon gestorben, einige tausend haben sich infiziert.

Die patrouillierenden Blauhelme aus Bangladesch, die ihm auf seiner Tour mehrmals täglich entgegenrumpeln, tragen Mundschutz. Über Juba liegt schwer der Gestank von Fäkalien und Verwesung. Die Bangladescher rollen mit den Augen. Der Dreck ekelt sie an. Etwas dagegen zu unternehmen kommt ihnen nicht in den Sinn.

Jambo ist der Einzige, der vor Seuchengefahren warnt. Er macht das freiwillig, er macht das umsonst, nur gelegentlich bekommt er etwas zu essen oder ein bisschen Kleingeld. Jambo ist der Stadtschreier von Juba, der Herold, ein Held des Alltags.

Die SPLA stellt zwar die Regierung, hat aber keine Zeit, sich um die Cholera zu kümmern. Sie ist mit der Einfuhr neuer Toyota-Geländewagen mit verdunkelten Scheiben beschäftigt, die in großen Transportmaschinen aus Khartum eingeflogen werden. Ein gutes Dutzend steht vor dem Haus des Präsidenten, Stückpreis rund 50 000 Dollar. Allerdings fahren die Toyotas nur selten, es gibt kaum Straßen in Juba. Es gibt aber Geld in Juba, 700 Millionen Dollar soll die SPLA aus den sudanesischen Ölgeschäften von der Regierung in Khartum überwiesen bekommen haben.

Ein Panzerfriedhof neben den Zeltlagern dient den Hilfsorganisationen als monumentale Kloake. Niemand hat Lust, Latrinen zu errichten, nicht einmal die Kadaver verendeter Rinder werden aus dem Weg geräumt. Über die Gräber auf dem Hay-Malakal-Friedhof fliegen Plastiktüten und Papierfetzen. Regenfälle spülen den Unrat durch die Straßen. Seit Tagen füllen sich die Krankenhäuser der Stadt.

Nirgendwo ist der Machtwechsel im Sudan leichter zu erkennen als hier in der Provinz Bahr al-Dschabal am Nil. Jahrelang war die 300 000-Einwohner-Stadt Juba eine heruntergekommene Garnisonsherberge im Süden des Landes, von den Truppen der islamistischen Regierung in Khartum beherrscht und aus der Luft umständlich versorgt von den Antonow-Transportmaschinen der Armee, weil die Rebellen der SPLA sämtliche Wege blockierten.

Ein Brückenkopf der Araber in schwarzafrikanischem Feindesland war die Soldatenstadt am Nil. Hier galten die eisernen Gesetze der Scharia, von den Minaretten schrien die Muezzine ihre monotonen Rufe in die Stadt. Durch die staubigen Straßen marschierten Soldatenstiefel, in den Hauseingängen kauerten barfüßige Flüchtlinge in Lumpen.

Heute gibt es ein Abkommen zwischen der SPLA und Khartum, heute ist Juba ein ziemlich heruntergekommenes Entwicklungshelfer-Dorado. Hunderte mögen es sein, die in ihren weißen Landcruisern herumkurven, die Workshops, Meetings, Brainstormings, Seminare veranstalten. Meist sind es etwas blasse junge Männer und Frauen in ausgewaschenen Jeans. Sie sehen sich so ähnlich, dass sie Kappen tragen, auf denen das Kürzel ihres Arbeitgebers steht: Internationale Organisation für Migration (IOM), Norwegische Volkshilfe (NPA), Lutherischer Weltverband/Abteilung für weltweite Dienste (LWF/DWS) oder Südsudan Operation Gnade (SSOM). Man nennt sie Chawadschas in Juba: Fremde.

Juba lässt sich von den Chawadschas nicht retten. Die Stadt am Nil ist eine Müllkippe, nicht eine Stadt der Verheißungen. Am Stadtrand stapeln sich die Reste des Kriegs zu kleinen Bergen. Schwedische 84-mm-Carl-Gustaf-Panzerfäuste liegen herum, Granaten chinesischer, russischer oder jugoslawischer Bauart, Panzer- und Personenminen.

»Keiner hat Lust aufzuräumen«, sagt Jambo, der Herold, und lacht sein herzliches Lachen: »Die Menschen in Juba denken, die Chawadschas seien gekommen, um den Müll wegzuräumen. Aber die Chawadschas veranstalten lieber Workshops. Deshalb macht jetzt niemand mehr etwas Sinnvolles, und der Unrat türmt sich an jeder Ecke.«

Jambo fährt gerade am Krankenhaus vorbei. Ein Deutscher von der Organisation Ärzte ohne Grenzen versorgt ein paar kranke Sudanesen. Es ist eine Sisyphosarbeit. Den Doktor ärgern die Schlaumeier, die auf dem Weg zu Gleichstellungsseminaren vorbeikommen, »anstatt Müll wegzuräumen, wenn sie schon da sind und Gutes tun wollen«. Ausgezehrte, abgemagerte Kinder mit streichholzdünnen Beinchen kauern vor seinem Hospital. Die Opfer des Drecks.

»Good morning, Doctor«, ruft Jambo beim Vorbeifahren herüber, obwohl es schon dämmert. »Good morning, Doctor« sind seine einzigen englischen Worte.

Der Doktor winkt müde zurück.

THILO THIELKE

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