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LANDTAGSWAHL Der Mutmacher aus Hessen

Die CDU hat einen neuen Superstar. Wahlsieger Roland Koch setzte mit der Unterschriftenaktion gegen den Doppel-Paß auf Ressentiments - und gewann damit auch die Jungwähler.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Licht aus, Musik, der Sieger kommt. Zu den Klängen der Hymne »Olympic Spirit« stürmt Roland Koch aufs Podium des großen Saals im Kurhaus von Bad Nauheim. Seit 20 Stunden steht fest: Der hessische CDU-Chef hat die Wiesbadener Staatskanzlei erobert, und die mehr als 200 Parteifunktionäre und Wahlkampfhelfer, die zur internen Nachlese herbeigeströmt sind, klatschen, johlen, jubeln.

Den Triumph des 40jährigen Rechtsanwalts aus Eschborn bei Frankfurt hatte selbst in der eigenen Partei kaum jemand vorhergesehen - zu gering schienen die Popularitätswerte, zu negativ die Prognosen der Meinungsforscher, zu verheerend die Niederlage der CDU bei der Bundestagswahl im vergangenen September.

Doch mit einer fulminanten Steigerung von 39,2 auf 43,4 Prozent der Stimmen gelang es Koch nicht nur, die seit acht Jahren regierende rot-grüne Koalition unter SPD-Ministerpräsident Hans Eichel aus dem Amt zu fegen. Sein Sieg ist auch der erste schwere Rückschlag für den rot-grünen Aufbruch in Bonn.

Roland Koch Superstar - die CDU der Ära nach Kohl hat einen neuen Helden. Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, der in einem Jahr die Macht in Schleswig-Holstein erobern will, rühmt den Mann mit dem straffen Scheitel und den vollen Lippen als »Mutmacher für die gesamte Union«. Und die konservative »Frankfurter Allgemeine« ist sicher: Kochs »Methode wird in der CDU Schule machen«.

Wochenlang hatte der stets sprungbereite Wahlkämpfer Koch viele Themen, aber keine Botschaft - bis Edmund Stoiber zur Weihnachtszeit die Kampagne gegen den geplanten Doppel-Paß erfand. So lieferte der bayerische Ministerpräsident die rechten Parolen zur rechten Zeit. Der Sieger von Hessen dankt es Stoiber, der seine Ambitionen auf die nächste Kanzlerkandidatur kaum verhehlen kann, indem er gern und oft ein Loblied auf das bayerische Vorbild darbringt.

Daß er seinen Triumph einer Abstimmung mit ausländerfeindlichen Untertönen verdankt, ficht Koch nicht an: »Wir müssen in der Politik häufig Gratwanderungen unternehmen, und diese haben wir blendend bestanden.«

Nun droht er zwar, die Union werde die Bundesregierung in der Frage der Staatsbürgerschaft so lange unter Druck setzen, bis eine für beide Lager annehmbare Kompromißformel auf dem Tisch liegt. Doch als designierter Ministerpräsident braucht er keine Kampfparolen mehr: »Aufgabe der Opposition ist die scharfe Profilierung, dem Regierenden bringt der Ausgleich Erfolg«, lautet Kochs Formel für den neuen Job. Im internen Kreis beschwört er seine Führungskader ("und jetzt meine nachdrücklichste Bitte"): »Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können.«

Vom großen Vorbild Stoiber will er lernen, wie man Mehrheiten nicht nur gewinnt, sondern auch behält. Der Bürger müsse »einen persönlichen Nutzen« von seiner Regierung haben: »Wenn in den großen Münchner Banken oder in der Maxhütte etwas passiert, ist Stoiber sofort da.« Das imponiert ihm.

Daß ein aufrechter Landespolitiker sich auch einmal mit den Bossen anlegen muß, gehört für Koch dazu. Hoechst-Chef Jürgen Dormann, der den Traditionskonzern zerschlagen und viele Arbeitsplätze in den Frankfurter Stammwerken vernichtet hat, ist so einer, mit dem er schon als Oppositionschef Tacheles geredet hat. Dormanns Beteuerungen, den Stellenabbau zu stoppen, begegne er mit »großem Mißtrauen«.

Zum Ausbau des Frankfurter Flughafens, einem der zentralen wirtschaftspolitischen Themen in Hessen, fällt ihm allerdings nicht viel mehr ein als seinem Vorgänger: Die von Eichel angestoßene Mediation, eine Quasselrunde ohne Entscheidungsbefugnisse, läßt Koch einfach weiterlaufen (siehe Seite 52).

Von »ideologischem Gequake« hält der geschliffene Rhetoriker wenig. Für Koch, der seit seiner Schulzeit Politik macht und in allen Ämtern als eine Art Kinderstar auffiel, sind programmatische Aussagen reine Manövriermasse. Nur eines will er unbedingt: den Erfolg. Und weil er die Spielregeln so vorzüglich beherrscht, schafft er es sogar, politische Widersprüche als persönliche Charakterstärke vorzuführen. Notfalls flüchtet er in Flapsigkeit: »Für Gesäßgeographen, die nur nach links oder rechts fragen, bin ich ein Problemfall.«

Klar, in letzter Zeit ist er immer mehr nach rechts gerückt, schließlich liegt dort die Mitte seiner Landes-CDU. Das Herz der hessischen Union schlägt noch immer für den erzkonservativen Übervater Alfred Dregger, 78, der die Partei in den sechziger und siebziger Jahren von 26 Prozent auf das Rekordhoch von 47 Prozent führte.

So ist denn auch Dregger bei der internen Bad Nauheimer Jubelfeier der zweite Redner nach Koch. Mit brüchiger Stimme beschwört der Greis den alten Kampfesmut: »Auch damals wollte die SPD aufbrechen zum demokratischen Sozialismus.« Die Sozialdemokraten unter Willy Brandt seien »bereit gewesen, der Sowjetunion die Beute des Zweiten Weltkriegs völkerrechtlich verbindlich zu übertragen«. Dagegen habe er »in Hessen Front gemacht«, so wie Koch gegen Rot-Grün zu Felde zog: »Die Vorgänge sind vergleichbar«, wettert Dregger und erntet dafür tosenden Beifall.

Auch die Jungen im Saal klatschen begeistert. Konservatives Gedankengut ist, wie die Ergebnisse der Hessenwahl zeigen, beim politischen Nachwuchs angesagt. Der CDU-Zuwachs bei Wählern unter 30 beträgt satte zehn Prozent. Die Grünen haben dagegen ihr angekratztes Image als Jugendpartei vollends eingebüßt - die Ökos brachen in der gleichen Altersgruppe von 22 Prozent auf 11 Prozent ein.

Der CDU-Spitzenmann hat den konservativen Jugendtrend gezielt gefördert. Seit Monaten stand ihm ein rund 40köpfiges »Roland-Koch-Team« zur Seite, das die gesamte Logistik seiner Reisen und Wahlkampftermine im Griff hatte. Wo immer Koch sich blicken ließ, wuselten freundliche junge Menschen in blauen Blousons und weißen Sweatshirts umher, schleppten Plakatpappen und verteilten Werbebroschüren, als gelte es, eine neue Zigarettenmarke in den Markt zu drücken.

Organisator des »Roland-Koch-Teams« ist der angehende Jurist Reinhard Knöppler, 25. Seit drei Jahren arbeitet Knöppler für die CDU, den Job bei Koch bekam er über eine Zeitungsannonce. Seinen Chef bewundert er »als eine Vaterfigur, aufrecht, souverän, gelassen«. So einer komme einfach gut an. »Die jungen Leute haben es satt, sich von den 68ern vollabern zu lassen«, glaubt Knöppler. »Wir brauchen Leute, die anpacken.«

Auch der Wahlsieger ist überzeugt: »Wir bringen die junge Generation mit.« Die Fans feiern ihn in der Nacht des Triumphs mit frenetischen Sprechchören: »Roland, wir danken dir.«

Die erste Bewährungsprobe sind nun die Koalitionsverhandlungen mit der FDP. Obwohl die Liberalen von 7,4 auf 5,1 Prozent abgestürzt sind und also nur knapp im Landtag überlebt haben, kann Koch seine künftigen Partner nicht allzu schlecht behandeln. Bei einer Kräfteverteilung von 56 Sitzen der neuen Regierungsparteien zu 54 Sitzen der rot-grünen Opposition muß er mit der knappsten Mehrheit regieren.

So spricht einiges dafür, daß die FDP zwei Minister stellen darf, Parteichefin Ruth Wagner für die Hochschulen und den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Dieter Posch für die Wirtschaft.

Für alle anderen Ressorts hat Koch im Wahlkampf Schattenminister präsentiert: Als Chef der Staatskanzlei soll sein Vertrauter Franz Josef Jung Attacken auf den politischen Gegner organisieren und Schaden vom eigenen Haus abwenden. Regierungserfahrung aus der Zeit des bisher einzigen hessischen CDU-Ministerpräsidenten Walter Wallmann (1987 bis 1991) haben Kochs Kandidaten Karlheinz Weimar (Umwelt), Volker Bouffier (Inneres) und Christean Wagner (Justiz).

Wagner fällt die im Wahlkampf vielbeschworene Aufgabe zu, »Deutschlands härtesten Strafvollzug« zu organisieren. Hohe Erwartungen liegen auch auf dem Schulressort, für das die junge Landtagsabgeordnete Karin Wolff bereitsteht. Einziger Nicht-Hesse ist der designierte Finanzminister Hans Reckers, der bis zum Herbst als Haushaltsdirektor des Bonner Finanzchefs Theo Waigel amtierte.

Sollten alle Anwärter ihre Posten einnehmen, würde das Kabinett um zwei Ministerämter wachsen - gegen den erklärten Willen der Liberalen. Doch von den FDP-Appellen läßt sich Koch nicht beirren: »Wenn ein zusätzlicher Minister gut arbeitet, kann er sehr, sehr viel Geld einsparen.« DIETMAR PIEPER

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