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Artikel 20 / 55

Der Orden unter dem Totenkopf

Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 53/1966

11. Fortsetzung

Die Judenvernichtung in Rußland

Im Oktober 1939 trat Adolf Eichmann an die Spitze der antijüdischen Politik der SS. Gestapo-Müller hatte seinen Posten als Geschäftsführer der Reichszentrale für die jüdische Auswanderung aufgegeben und vorgeschlagen, Eichmann zu seinem Nachfolger zu ernennen. Beflissen ließ sich Eichmann die Sprossen der Gestapo-Hierarchie emporschieben, wohl erstaunt darüber, daß ihm der SS-Oberführer Müller eine solche Bedeutung beimaß.

Er wurde in das Amt IV (Gestapo) des Reichssicherheitshauptamts berufen. Er bekam das Referat IV D 4 (Auswanderung und Räumung). Er wechselte über zu IV B 4 (Judenangelegenheiten. Räumungsangelegenheiten). Er holte sich seine alten Mitarbeiter aus Wien und Prag, er bezog das vierstöckige Haus Kurfürstenstraße 116, mit seinen Marmortreppen und großen Sälen »denkbar ungeeignet für eine Behörde« (Eichmann). Und er war sich nicht bewußt, daß er den Kommandostand der kommenden Judenvernichtung betreten hatte.

Bis zur letzten und grausamsten Version der Endlösung war noch ein weiter Weg, denn zunächst glaubte Eichmann an die Fortsetzung der Auswanderungspolitik. Allmählich fiel aber auch ihm auf, daß sich kaum ein jüdischer Antragsteller in der Kurfürstenstraße meldete. Eichmann: »Tendenz lustlos, möchte ich sagen.«

Doch Eichmann klammerte sich illusionär an das Auswanderungskonzept; er kannte keinen anderen Weg, die Judenfrage zu lösen. Da schien ihm der Polenfeldzug die Möglichkeit zu bieten, das Ziel doch noch zu erreichen. Eichmann und der Standartenführer Walter Stahlecker hatten schon früher einmal ein Programm entworfen, das Eichmann auf die Formel komprimierte: »Gebt den Juden Territorium, dann ist das ganze Problem für alle gelöst.«

Die beiden SS-Führer schlugen vor, im Osten des deutschbesetzten Polen ein Judenreservat zu errichten, in dem alle Juden Deutschlands und die neu hinzugekommenen 1,9 Millionen polnischen Juden konzentriert werden sollten. Eichmann und Stahlecker fuhren nach Polen, ein geeignetes Gebiet zu suchen. Südwestlich von Lublin, nahe dem Städtchen Nisko am San, fanden sie es.

»Wir sahen ein riesiges Gebiet«, so begeisterte sich Eichmann mit der Ekstase des Propheten, der das Land seiner Sehnsucht gefunden hat, »wir sahen den San, Dörfer, Märkte, kleine Städtchen, und wir sagten uns, das sei das Gegebene. Dann sagten wir uns, warum soll man nicht einmal Polen umsiedeln und Juden hier in ein großes Territorium geben.«

Ohne es zu merken, hatten Eichmann und Stahlecker die Judenpolitik der SS um eine weitere Schraubendrehung entmenschlicht. Strich um Strich war das Konzept gnadenloser, die Methode inhumaner geworden. Erst hatte die SS Juden »freiwillig« auswandern lassen wollen, dann war daraus die Zwangsauswanderung geworden, jetzt folgte die konzentrierte Austreibung und Deportation der Juden.

Sipo-Chef Heydrich erläuterte am 21. September 1939 seinen engsten Mitarbeitern den neuen Feldzugsplan; eine Niederschrift hielt stichwortartig seine Orders fest:

- Juden so schnell wie möglich in die

Städte;

- Juden aus dem Reich nach Polen; - systematische Ausschickung der Juden aus den deutschen Gebieten mit

Güterzügen.«

Das hieß: Die Juden in den annektierten, ehemals polnischen Ostgebieten und die auf dem Lande lebenden Juden im deutschbesetzten Rest-Polen sollten im Raum östlich von Krakau in Städten konzentriert werden, in den Gettos seien Ältesten- oder Judenräte zu gründen, die später die Selbstverwaltung in dem projektierten Judenreservat ausüben sollten.

Anfang Oktober begannen die ersten Transporte nach dem Eichmannschen Juden-Utopia Nisko zu rollen: Baumaterial, Ingenieure und 4000 Ansiedler, die von der Sicherheitspolizei in der

Deportation polnischer Juden: »Wir sahen ein riesiges Gebiet ...

Tschechoslowakei und in Wien zusammengetrieben worden waren.

Alsbald setzte die Sipo zu der großen Jagd auf die Juden in den Ostgebieten an. Rücksichtslos wurden die jüdischen Menschen aus ihren Heimen vertrieben und ins Generalgouvernement gehetzt: 6000 Juden aus Stettin, Wien und Mähren sowie 87 000 aus den sogenannten wiedereingegliederten Gebieten. Zug um Zug fuhren die Juden in den Wilden Osten Eichmannscher Phantasie, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Adolf Eichmann sah sich schon als künftigen Gouverneur des Judenstaates, als Herr über ein jüdisches Ansiedlervolk im Osten. Da aber eckte der Mann in der Kurfürstenstraße mit einem Faktor nationalsozialistischer Judenpolitik an, den er verärgert so umschrieb: »Jede Stelle mengte sich rein, es gehörte zum guten Ton, sich in Judenangelegenheiten dreinzumengen.«

Generalgouverneur Hans Frank war es, der sich »dreinmengte«. Ihm mißfiel, daß er allein die ausgetriebenen Juden aufnehmen solle; die ehrgeizige Judenpolitik der SS zerstörte die ohnehin schmale Ernährungsgrundlage des Generalgouvernements, die immer abenteuerlicheren Umsiedlungsprojekte Heydrichs und Eichmanns zerrütteten die Wirtschaft des Landes. Frank rebellierte gegen die Judentransporte.

Am 12. Februar 1940 reiste er nach Berlins und beklagte sich bei Göring über die chaotische Weise, in der man die Juden ins Generalgouvernement bringe. Sein Protest hatte Erfolg. Göring befahl die Einstellung der Transporte, ab Ende März durften nur noch Juden nach Polen geschickt werden, wenn Frank einverstanden war. Und er war selten einverstanden. Eichmanns Traum zerrann, am 13. April 1940 wurde die jüdische Barackenstadt Nisko aufgelöst.

An die Stelle des Unternehmens Nisko rückte ein anderer Plan der antisemitischen Utopisten, der noch weit phantastischer war. Nach dem Ende des Frankreich-Feldzugs kamen NS-Diplomaten auf den Gedanken, alle Juden Europas auf der ostafrikanischen Insel Madagaskar anzusiedeln; lautester Wortführer solcher Überlegungen war der Legationsrat Franz Rademacher, Leiter des Juden-Referats in der Deutschland-Abteilung des Auswärtigen Amts.

Frankreich, so forderte er, müsse im Friedensvertrag Madagaskar an Deutschland abtreten, alle dort wohnenden Franzosen seien auszusiedeln, ein »Großgetto« für vier Millionen Juden sei einzurichten und der Sicherheitspolizei zu unterstellen. Eichmann griff das Projekt begierig auf und fertigte Expertisen an, die das Wohlwollen Himmlers und Heydrichs fanden.

Wieder sah sich Eichmann als Generalgouverneur eines Judenstaates, seine makabre Phantasie riß selbst die Oberen des Reiches mit. »Man könnte einen israelischen Staat auf Madagaskar errichten«, erklärte Hitler seinem Bündnispartner Mussolini bei einer Begegnung am 18. Juni 1940.

Doch abermals entschwand das Land der Verheißung dem Seherblick des Adolf Eichmann. Bald sah er »den kritischen Punkt; wo ich mir sagte, jetzt ist der Bart ab, aus der Traum, nichts mehr zu machen«. In der Tat: Der Madagaskar-Plan war die letzte Regung der SS-Auswanderungspolitik. Was folgte, war der Rassenmord.

Der Diktator, der noch kurz zuvor Mussolini die Gründung eines jüdischen Staates auf Madagaskar empfohlen hatte, war entschlossen, wahr zu machen, was er bereits am 21. Januar 1939 dem tschechoslowakischen Außenminister Chvalkovsky laut amtlichem Protokoll eröffnet hatte: »Die Juden würden bei uns vernichtet«, und was er neun Tage später prophezeit hatte: Wenn es zum Krieg komme, dann werde »das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa«.

Adolf Hitler war zur Ausrottung eines ganzen Volkes bereit. Wann er den Befehl zur allerletzten Endlösung der Judenfrage gegeben hat, ist unbekannt; kein Aktenstück verrät das Datum der ungeheuerlichen Entscheidung.

Der Historiker Helmut Krausnick, Experte für die Geschichte der Judenverfolgung, hat zusammengetragen, was - sich mit Gewißheit über die Entstehung des Endlösungs-Plans sagen läßt. Krausnick: »Sicher ist wohl, daß, je mehr Hitlers Plan ausreifte, mit Sowjetrußland den letzten möglichen Gegner auf dem europäischen Kontinent niederzuwerfen, desto stärker ihn auch der Gedanke beschäftigte - der ihm längst als 'Maximallösung' vorschweben mochte -, die Juden in seinem Herrschaftsbereich auszurotten. Spätestens im März 1941, als er mit der Absicht herauskam, die politischen Kommissare der Roten Armee erschießen zu lassen, dürfte er daher auch den geheimen Befehl zur Ausrottung der Juden erteilt haben.«

Eine Art Vorbefehl läßt sich dokumentarisch nachweisen: Am 3. März 1941 diktierte Adolf Hitler dem Chef seines Wehrmachtführungsstabes, General Alfred Jodl, Richtlinien für den bevorstehenden Krieg gegen die Sowjet-Union, in denen zum erstenmal der Satz auftauchte, der Reichsführer SS Heinrich Himmler solle im Osten die Aufgabe übernehmen, die jüdisch-bolschewistische Führungsschicht auszurotten.

Hitler sprach, und Jodl notierte: »Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz als bisheriger Unterdrücker des Volkes muß beseitigt werden.« Vor allem seien sämtliche »Bolschewistenhäuptlinge und Kommissare« zu vernichten, möglichst noch im Operationsgebiet der vorrückenden Truppen; ob es »notwendig sei, auch dort schon Organe des Reichsführers SS neben der Geheimen Feldpolizei einzusetzen, müsse mit dem Reichsführer SS geprüft werden«.

Hitler sprach zunächst nur von der Vernichtung der jüdisch-sowjetischen Führungsschicht. Keine Zeile seiner Richtlinien verriet, daß später praktisch jeder Jude von der Ausrottungsmaschine erfaßt werden sollte.

Die Militärs ahnten denn auch nichts von dieser Eskalation des Grauens. Aber Hitlers Hinweise auf die bevorstehende Schlüsselrolle des Reichsführers SS im Osten veranlaßte sie, sofort Verhandlungen mit Himmler aufzunehmen, um seinen Einheiten die befohlene Schmutzarbeit zu überlassen, ohne dabei die Rechte der Wehrmacht zu gefährden.

Am 13. März saß der Generalquartiermeister des Heeres, Generalmajor Eduard Wagner, dem RSHA-Chef Reinhard Heydrich gegenüber und fragte

ihn, wie sich das Reichssicherheitshauptamt die Zusammenarbeit im Osten vorstelle. Heydrich gab bereitwillig Auskunft: Der Reichsführer SS werde wie im Polenfeldzug Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD verwenden.

Ungeklärt war nur, wieweit die Einsatzgruppen der kämpfenden Truppe unterstellt werden sollten. Heydrich beauftragte Gestapo-Müller mit den Verhandlungen im Oberkommando des Heeres, doch der ungeschlachte Leiter der Geheimen Staatspolizei verfuhr so hochmütig, daß die Diskussionen in eine Sackgasse gerieten.

Da kündigte Hitler am 30. März in der Reichskanzlei vor 200 hohen Offizieren der Wehrmacht an, daß der Ostfeldzug der barbarischste Krieg aller Zeiten werden würde: Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Kommissare und GPU-Leute sind Verbrecher und müssen als solche behandelt werden.«

So entstand der berüchtigtste Befehl deutscher Militärgeschichte, jener Kommissarbefehl, der die Kommandeure der Heeresverbände verpflichtete, gefangengenommene Politische Kommissare der Roten Armee nicht als Soldaten zu behandeln, sondern als politische Verbrecher zu liquidieren oder der Sicherheitspolizei zur Exekution zu übergeben.

Die Völkerrechtler des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) begannen bereits, den Kommissarbefehl zu formulieren, als Generalquartiermeister Wagner nun von sich aus Heydrich den Entwurf einer Vereinbarung über die Rolle der Einsatzgruppen im Ostfeldzug sandte. Nicht gewillt, offen gegen den verbrecherischen Kommissarbefehl Hitlers aufzumucken, wollte es die Generalität der SS überlassen, die Mord-Arbeit zu übernehmen. Resultat: Das Heer gab den Einsatzgruppen freie Hand für eine nahezu unbegrenzte Tätigkeit.

Wagners Entwurf sah vor, in rückwärtigen Armeegebieten seien die Einsatzgruppen »hinsichtlich Marsch, Versorgung und Unterbringung« den Armeen unterstellt, disziplinarisch und fachlich hingegen dem Reichssicherheitshauptamt. Allerdings, der Oberbefehlshaber einer Armee dürfe Aktionen der Einsatzgruppen dort unterbinden, wo sie möglicherweise die militärischen Operationen stören könnten.

Der für Heydrich befreiende Kernsatz steckte in einem Passus des Wagner-Entwurfs, der besagte: »Die Sonderkommandos (Einsatzgruppen) sind berechtigt, im Rahmen ihres Auftrages in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen.« Heydrich akzeptierte das Wagner-Papier. Im April 1941 rief er die Amtschefs des Reichssicherheitshauptamtes zusammen, um ihnen einen »harten Auftrag« im Osten anzukündigen.

Der RSHA-Chef erläuterte, es gehe darum, den russischen Raum mit den Mitteln der Sicherheitspolizei und des SD »zu sichern und zu befrieden«. Heydrich: »Ich brauche ganze Männer und hoffe, daß meine Amtschefs sich rückhaltslos zur Verfügung stellen werden.«

Kripo-Herr Arthur Nebe trat einen Schritt vor, schlug die Hacken zusammen und erklärte: »Gruppenführer, Sie können auf mich rechnen.« Heydrich nickte: Der erste Chef einer Einsatzgruppe hatte sich gemeldet, noch ehe sie zusammengestellt worden war, allerdings auch ehe Heydrich seinen Mitarbeitern das ganze Ausmaß des geplanten Massenmordes offenbart hatte.

Die überlebenden Freunde des Widerstands-Konfidenten Nebe haben sich später große Mühe gegeben, die Freiwilligenmeldung des Kripo-Chefs zu erklären. Hans Bernd Gisevius erzählt in seinem neuesten Buch ("Wo ist Nebe?"), Nebe habe nur unter schwersten Bedenken und auf Rat der Widerstandsgruppe Beck-Goerdeler das Kommando übernommen. Gisevius führt ferner zugunsten seines Freundes Nebe an, es seien die »überdimensionalen Greueltaten erst angelaufen, als er wieder (aus Rußland) zurück war«. Immerhin verzeichnete die Einsatzgruppe Nebes 45 000 ermordete Juden.

Sicher ist, daß der um Heydrichs Gunst und Kriegsauszeichnungen bangende Nebe bei seiner Meldung nicht wissen konnte, daß der »Osteinsatz« mit dem größten Massenmord der Geschichte identisch sein würde. Sicher aber ist auch, daß Nebe der einzige Freiwillige unter den Führern der Einsatzgruppen blieb. Alle anderen hatten

triftige persönliche Gründe, dem Befehl Heydrichs zu folgen:

Der Inland-SD-Chef Otto Ohlendorf, wegen seines Räsonierens als übellaunischer »Gralshüter des Nationalsozialismus« bei Himmler in Ungnade gefallen, hatte zweimal einen Osteinsatz abgelehnt und gehorchte schließlich der Heydrich-Order nur, mit sich nicht weiterhin dem Vorwurf der Feigheit auszusetzen. Der SS-Brigadeführer Walter Stahlecker, ein in das Auswärtige Amt übergewechselter Gegenspieler Heydrichs, wollte sich im Osteinsatz die Rückkehr ins RSHA erkämpfen. Und der im ostpreußischen SD-Abschnitt gestrandete SS-Brigadeführer Dr. Dr. Otto Rasch witterte eine Chance, durch Ost-Aktivität in der Berliner Zentrale einen Chefposten zu ergattern.

Von den Amtschefs des RSHA praktizierten ausgerechnet die Außenseiter Nebe und Ohlendorf den Judenmord im Osten. Ihre Komplicen verstanden es weit besser, Zurückhaltung zu üben:

Die Amtschefs Franz Six (Vorkommando Moskau) und Heinz Jost (Einsatzgruppe A) verließen ihre Einheiten schon nach wenigen Wochen, während sich die übrigen Amtschefs - Heinrich Müller, Bruno Streckenbach und Dr. Neckmann - vollends an jedem Einsatzgruppen-Heldentum vorbeidrückten.

Das mittlere Führerkorps der Einsatzgruppen - Sturm- und Obersturmbannführer - wurde von Heydrich aus allen Bereichen des SS-Polizei-Apparats zusammengelesen, meist entstammte es intellektuellen Berufen. Eine seltsame Gruppe von Judenliquidatoren formierte sich: Vollakademiker mit zwei Doktorgraden, Ministerialbeamte und Rechtsanwälte; auch ein ehemaliger protestantischer Geistlicher und ein Opernsänger waren darunter.

Einige sprangen von der Mordmaschine ab, sobald sie konnten. Sogar mindere Dienstgrade konnten sich dem Mordbefehl entziehen. Der SS-Oberscharführer Mathias Graf lehnte es in Rußland ab, ein Unterkommando zu übernehmen; er wurde verhaftet und ins Reich abgeschoben. SD-Professor Six erinnerte sich: »Man konnte zumindest versuchen, von einer Einsatzgruppe wegversetzt zu werden. Auf jeden Fall wurde niemand deshalb erschossen.«

Um die erforderlichen Mannschaftsdienstgrade für den Osteinsatz zusammenzubringen, ließ Heydrich alle Dienststellen der Gestapo, Kripo und des SD durchkämmen. Er war sogar gezwungen, bei Ordnungspolizei und Waffen-SS Männer auszuborgen. Ein Berliner Polizeibataillon wurde aufgelöst und zugweise auf die einzelnen Einsatzgruppen verteilt.

Im Mai 1941 hatte der RSHA-Chef etwa 3000 Mann zusammen, aus denen er vier Einsatzgruppen bilden konnte:

- Stahlecker übernahm die Einsatzgruppe A, die der Heeresgruppe Nord in die Baltischen Staaten bis nach Leningrad folgen sollte;

- Nebe leitete die Einsatzgruppe B im

Gefolge der Heeresgruppe Mitte, deren Operationsraum zwischen den Baltenstaaten und der Ukraine lag;

- Rasch führte die Einsatzgruppe C, die in den westlichen, nördlichen und östlichen Gebieten der Heeresgruppe Süd operierte;

- Ohlendorf wurde Chef der Einsatzgruppe D, die in den Südbezirken der Heeresgruppe Süd zwischen Bessarabien und Krim eingesetzt werden sollte.

Die Stärke einer Einsatzgruppe schwankte zwischen 990 Mann (Gruppe A) und 500 Mann (Gruppe D). Jede Einsatzgruppe gliederte sich in mehrere Einsatz- oder Sonderkommandos, jeweils etwa 70 bis 120 Mann, die einer Armee zugeteilt wurden, und in meist unabhängig operierende Teilkommandos, jeweils etwa 20 bis 30 Mann stark.

Die Einsatzgruppe A war in ihrer Zusammensetzung typisch für alle Einsatzgruppen. Die Männer entstammten der Gestapo (9 Prozent), dem SD (3,5), der Kriminalpolizei (4,1), der Ordnungspolizei (13,4), ausländischer Hilfspolizei (8,8) und der Waffen-SS (34 Prozent); den Rest füllte technisches und Schreibstuben-Personal aus.

Ende Mai rief Heydrich die 120 Führer der Einsatzgruppen und Einsatzkommandos zusammen und ließ sie in der Grenzpolizeischule Pretzsch an der Elbe den Vernichtungsfeldzug gegen den Rassenfeind üben. Allmählich zog Heydrich die Schraube der weltanschaulichen Indoktrination an: Instrukteure aus dem Reichssicherheitshauptamt trimmten die Männer immer schärfer und eindeutiger auf den Rassenmord.

Mitte Juni ließ Heydrich die 3000 Männer der Einsatzgruppen nahe dem Städtchen Düben an der Mulde aufmarschieren. In Feldherrn-Pose stand der Chef der Sicherheitspolizei und des SD vor seinen im Viereck angetretenen Todesbrigaden. Er hielt eine zugleich markige und vage Rede: Er sprach von einem Einsatz, der unerhörte Härte verlange.

Später wurde er in dem alten Barockschloß von Pretzsch, das die Grenzpolizeischule beherbergte, vor den Führern der Einsatzgruppen deutlicher. Standartenführer Dr. Walter Blume konnte sich nach dem Krieg an Heydrichs Formulierung erinnern, »daß das Ostjudentum das Reservoir des Bolschewismus sei und deshalb nach Ansicht des Führers vernichtet werden« müsse.

Auch Ohlendorf wußte noch Jahre danach, Heydrich habe ihnen in Pretzsch einen Führerbefehl übermittelt, in dem »kommunistische Funktionäre und Aktivisten, Juden, Zigeuner, Saboteure und Agenten grundsätzlich als Elemente bestimmt werden, die die Sicherheit der Truppe durch ihre Existenz gefährden und daher ohne weiteres Verfahren hinzurichten sind«.

Gralshüter Otto Ohlendorf will in Pretzsch »laut und deutlich angesichts aller versammelten Einsatzgruppenchefs und Kommandoführer gegen die Hinrichtungsforderungen protestiert« haben; allerdings sei es für ihn Pflicht gewesen, »den Befehlen meiner Regierung zu gehorchen, unabhängig davon, ob ich ihre Befehle für sittlich oder unsittlich hielt«.

Jeder gehorchte. Die Einsatzgruppen nahmen in ihren Bereitschaftsräumen Aufstellung. Am 23. Juni 1941, einen Tag nach dem Einfall in die Sowjet-Union, begann die Jagd der 3000 Männer Heydrichs auf Rußlands fünf Millionen Juden.

Der mörderische Schlag der Einsatzgruppen traf das russische Judentum völlig überraschend. Nur wenige Juden waren sich der Todesgefahr des braunen Antisemitismus bewußt, die Presse im latent antisemitischen und zuletzt mit dem Dritten Reich befreundeten Stalin-Rußland hatte kaum über die nationalsozialistische Judenhetze berichtet. Es gab Städte, so in der Ukraine, deren Judengemeinden die Soldaten Adolf Hitlers mit jenen des Kaisers von 1918 verwechselten und die NS-Deutschen als Befreier begrüßten.

»Die Juden sind auffallend schlecht unterrichtet über unsere Haltung ihnen gegenüber«, meldete der Sonderführer Schröter am 12. Juli 1941 aus Weißrußland. Desto grausamer traf sie der Schlag der Heydrichschen Endlöser.

Die Einsatzgruppen folgten den vorstoßenden Truppen dicht auf dem Fuße, um den Überraschungseffekt brutal ausnutzen zu können. Ihre Hauptziele waren die sowjetischen Städte, in denen über 90 Prozent der Juden wohnten. Sobald eine Einheit der Einsatzgruppen eine Stadt erreicht hatte, sahen sich die jüdischen Bewohner von einem tödlichen Würgegriff umklammert, dem täglich und stündlich Tausende Menschen zum Opfer fielen.

Keine Brutalität schien den Männern Heydrichs zu gering, kein Trick zu hinterlistig, keine Barbarei zu infam, uni das grausige Soll zu erfüllen. Meldung um Meldung, in der Sprache von Kühlschrankfabrikanten und Schädlingsbekämpfern abgefaßt, bezeugt den fanatischen Eifer der Endlöser.

Ereignismeldung Nr. 153 von der Einsatzgruppe D: »Arbeitsbereich der Teilkommandos vor allem in kleineren Orten judenfrei gemacht. In der Berichtszeit wurden 3176 Juden, 85 Partisanen, 12 Plünderer, 122 kommunistische Funktionäre erschossen. Gesamtsumme 79 276.«

Ereignismeldung Nr. 17 von der Einsatzgruppe C: »Auf Grund der vom RSHA gegebenen Weisungen wurden in allen genannten Städten Weißrußlands die Liquidierungen an Funktionären des Staats- und Parteiapparats vorgenommen. Betreffs der Juden wurde im gleichen Sinne nach den Befehlen gehandelt.«

Einsatzkommando 6: »Von den übrigen 30 000 wurden ungefähr 10 000 erschossen.« Einsatzgruppe D: »In der Berichtszeit wurden 2010 Personen erschossen.« Einsatzkommando 8: ... brachte 113 Juden zur Liquidierung.« Vorkommando des Einsatzkommandos 4a: »... insgesamt 537 Juden (Männer, Frauen und Jugendliche) erfaßt und liquidiert.«

Der Schreckensruf der Einsatzgruppen verbreitete sich wie ein Steppenbrand. Je weiter die deutschen Truppen in das Innere Sowjetrußlands vordrangen, desto panischer flohen die Juden aus den vom deutschen Vormarsch bedrohten Städten. Die Juden waren endlich gewarnt, die Endlösung wurde schwieriger.

Verdrossen verzeichnete ein Einsatzkommando: »Gerüchte über Erschießungen aus anderen Gebieten erschwerten die Aktion ... erheblich. Allmählich sickert durch geflüchtete Juden, Russen und auch Redereien deutscher Soldaten das Vorgehen gegen die Juden durch.«

Die Menschenjäger entfalteten ihnen angemessenen Scharfsinn, ihre Opfer massenweise zu fangen. Der Verfasser einer Meldung berichtete: »Die Juden der Stadt waren aufgefordert worden, sich zwecks zahlenmäßiger Erfassung und zur Unterbringung in einem Lager an bestimmter Stelle einzufinden. Es meldeten sich etwa 34 000 einschließlich der Frauen und Kinder. Alle wurden, nachdem sie ihre Wertsachen und Kleidungsstücke hatten abgeben müssen, getötet, was mehrere Tage in Anspruch nahm.«

In Kiew wurde, so hielt die Einsatzgruppe C fest, »durch Maueranschläge die jüdische Bevölkerung zur Umsiedlung aufgefordert. Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von etwa 5000 bis 6000 Juden gerechnet hatte, fanden sich über 30 000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor der Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten.«

Die kalte Bürokratensprache der Massenvernichter verriet nichts von dem Sumpf der Scheußlichkeit und Infamie, in dem Rußlands Judentum versank. Aber auch die Zeugnisse unbeteiligterschrockener Zuschauer vermochten kaum das Entsetzliche zu artikulieren: den Leidensweg der Tausende und Hunderttausende, die Gruben mit den Leichen, den Todesmarsch der ihrer Kleider beraubten Frauen - Säuglinge auf- den Armen-, die Tragödien am Grubenrand.

Major Rösler, Kommandeur des 528. Infanterie-Regiments, wurde Ende Juli 1941 in seinem Quartier in Schitomir durch wildes Gewehrfeuer alarmiert. Er ging der Sache nach und stieß an einem Bahndamm auf »ein Bild, dessen grausame Abscheulichkeit auf den unvorbereitet Herantretenden erschütternd und abschreckend wirkte«. Vor Rösler erstreckte sich eine Grube, in der sich zahllose Leichen erschossener Juden jeden Alters und jeden Geschlechts befanden; herbeigelaufene Soldaten und

Zivilisten starrten neugierig in die Tiefe.

Rösler: »Unter anderem lag in dem Grab ein alter Mann mit einem weißen Vollbart, der über seinem linken Arm noch ein kleines Spazierstöckchen hängen hatte. Da dieser Mann noch durch seine stoßweise Atemtätigkeit Lebenszeichen von sich gab, ersuchte ich einen der Polizisten, ihn endgültig zu töten, worauf dieser mit lachender Miene sagte: 'Dem habe ich schon siebenmal was in den Bauch gejagt, der krepiert schon von alleine.'

Die Juden eines russischen Dorfes hatten sich versteckt, weil sie von dem Herannahen eines Mordkommandos informiert worden waren; als die SS Männer das Dorf erreichten, fanden sie nur eine Frau vor, die mit einem Baby auf dem Arm am Straßenrand stand.

Die Frau weigerte sich, das Versteck der Juden zu verraten. Daraufhin entriß ihr einer der Männer das Baby, packte es an den Beinen und zertrümmerte dessen Kopf an einer Tür. Ein SS-Mann erinnert sich: »Es klang, als wenn ein Reifen zerplatzte. Ich werde den Ton mein Leben lang nicht vergessen.« Die Frau verriet das Versteck.

In Riga sah ein SS-Mann zwei Juden, die einen Balken trugen. Gelassen zog er seinen Revolver und schoß einen Juden nieder. Kommentar: »Für diese Arbeit langt einer!« In Kaunas setzte die SS freigelassene Zuchthäusler ein, die mit Eisenstangen Juden erschlugen.

Bei der Räumung eines lettischen Gettos wurden die kranken Juden auf Liegen herangetragen. Ein SS-Führer schritt mit seiner Dienstpistole von Bahre zu Bahre und erschoß die Kranken einen nach dem anderen.

Erbarmungslos lichtete das Feuer der Einsatzgruppen die Reihen des russischen Judentums. Bis Anfang 1942 meldete

- Einsatzgruppe A 249 420 liquidierte

Juden;

- Einsatzgruppe B 45 467 liquidierte

Juden;

- Einsatzgruppe C 95 000 liquidierte

Juden;

- Einsatzgruppe D 92 000 liquidierte Juden.

Der ersten Welle der Einsatzgruppen folgte bald eine zweite Welle SS-gelenkter Judenmörder. Inzwischen hatte sich hinter der Front eine deutsche Zivilverwaltung etabliert, geleitet von dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, dem die Reichskommissariate »Ostland« und »Ukraine« unterstanden, die sich wiederum in Generalkommissariate gliederten.

Auch in dieser Zivilverwaltung besaß der Reichsführer SS eine Schlüsselposition; in einem Führer-Erlaß vom 17. Juli 1941 war Himmler die »polizeiliche Sicherung der neu besetzten Ostgebiete« und das Recht übertragen worden, »den Reichskommissaren im Rahmen seiner ... Aufgabe Weisungen zu erteilen«. Zuvor schon hatte Himmler Höhere SS- und Polizeiführer zu seinen Hauptbeauftragten in Rußland ernannt:

- den Gruppenführer Hans Prützmann zum HSSPF Nord (Riga),

- den Gruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski zum HSSPF Mitte

(Minsk)

- den Obergruppenführer Friedrich Jeckeln zum HSSPF Süd (Kiew). Zu ihnen stieß ab Mitte 1942 der Brigadeführer Gerret Korsemann als HSSPF Kaukasus.

Diese Repräsentanten Himmlers, denen jeweils ein Regiment der Ordnungspolizei und bestimmte Einheiten der Waffen-SS unterstanden, erhielten ähnliche Liquidierungs-Aufträge wie die Chefs der Einsatzgruppen. Sie sollten das ausrotten, was den ersten Mordbrigaden entgangen war.

Die HSSPF hatten den Ehrgeiz, den Judenmord der Einsatzgruppen zu übertrumpfen. Mit ihren Einheiten, verstärkt durch miserabel ausgebildete Helfer ("Hilfswillige«, abgekürzt: Hiwis) aus den Baltenstaaten und der Ukraine, versuchten sie, noch höhere Liquidierungsziffern zu erreichen.

Wie viele Juden die Einheiten der Höheren SS- und Polizeiführer in den ersten Monaten des Ostfeldzugs getötet haben, läßt sich nicht genau feststellen. Nachweisbar ist jedoch: Als Einsatzgruppen und HSSPF-Verbände am Jahresende ihre Operationen einstellten und bis zum folgenden Frühjahr neue Kräfte sammelten, waren 500 000 Juden umgebracht, von denen etwa 300 000 auf das Konto der Einsatzgruppen gehen,

Trotz ihrer Mord-Rekorde verrieten die SS-eigenen Judenvernichter offenkundige Anzeichen der Erschöpfung. Der Brigadeführer Eberhard Herf schrieb dem Chef des SS-Personalhauptamtes, er wolle »weg aus dem Osten, da ich nun offen gesagt die Schnauze voll habe«.

Einsatzgruppen-Chef Rasch fuhr in einen Urlaub, von dem er nie zurückkehren sollte. Und Arthur Nebe gab im November seinem Stellvertreter Werner ("Arthur, wenn du nicht mehr kannst, werde ich dich loseisen") das verabredete Zeichen zur Heimholung; er war, laut Gisevius, »nur noch ein Schatten seiner selbst, übernervös, unfroh«; sein Fahrer hatte sich angesichts der Judengreuel erschossen.

Ein paar Monate später sollte auch Himmlers aggressivster Funktionär im Osten dem Alptraum des Judenmords erliegen: HSSPF von dem Bach-Zelewski, nach einem Nervenzusammenbruch und wegen eines Darmleidens ins SS-Lazarett Hohenlychen gebracht, schrie des Nachts auf und hatte Halluzinationen eigener Schuld und Verdammnis.

»Er leidet insbesondere an Vorstellungen im Zusammenhang mit den von ihm selbst geleiteten Judenerschießungen und anderen schweren Erlebnissen im Osten«, meldete der Reichsarzt SS seinem obersten Chef.

Auf die Frage des Arztes nach dem Grund der Angstzustände hatte ihn Bach-Zelewski angebrummt: »Kunststück, daß ich - fertig bin, Wissen Sie denn nicht, was in Rußland geschieht? Da wird das ganze jüdische Volk ... ausgerottet.«

Als der Patient Bach-Zelewski den Reichsführer fragte, ob man nicht endlich mit den Judentötungen im Osten Schluß machen könne, wurde Himmler böse. Himmler: »Das ist ein Führerbefehl. Die Juden sind die Träger des Bolschewismus ... Wenn Sie Ihre Finger nicht aus den Judenangelegenheiten draußenlassen, dann sollen Sie sehen, was Ihnen passiert!«

In den Einsatzgruppen war eine entschlossene Todesarmee entstanden, wie sie selbst in der SS ihresgleichen suchte. Mit ihrer schrankenlosen Vergötzung von Leistung und Härte bekannte sie sich zu einer Gefühllosigkeit, die allenfalls von der seelenlosen Automatik der KZ-Wachmannschaften übertroffen wurde.

Hier rotteten sich Juristen, Spießer und Sadisten, Mörder, Idealisten und Bürokraten zu einer Elite jenes barbarisch-leistungswütigen Menschentums zusammen, das Himmler zum Idealtypus der Schutzstaffel erhoben hatte: ein Orden unter dem Totenkopf, losgelöst von der bürgerlichen Umwelt und den moralischen Kategorien des Abendlandes, verfügbar für jeden Auftrag der Führung.

Als typisch deutsche Eigenart begleitete groteskes Selbstmitleid die bestialischen Taten der Einsatzgruppen. »Eine schöne Arbeit ist das nicht!« klagte der in Serbien mordende Gruppenführer Turner. Und der Führer des Einsatzkommandos 4a, Paul Blobel, fand noch nach dem Krieg, die eigentlich Bedauernswerten seien doch sie, die Liquidatoren, gewesen, denn »unsere Männer waren mehr mit ihren Nerven runter als diejenigen, die dort erschossen werden mußten«.

Der Gendarmeriemeister Fritz Jacob in der Ukraine, der sich beklagte, ohne die Nähe des heimischen Herds Juden liquidieren zu müssen, mußte erst von dem Gruppenführer Querner auf seine vaterländische Pflicht hingewiesen werden. Jacob gelobte Besserung: »Ich danke Ihnen für Ihre Mahnung. Sie haben sehr recht. Wir Männer des neuen Deutschland müssen hart mit uns selbst sein, auch wenn es sich um eine längere Trennung von der Familie handelt.«

Himmler kannte nur zu gut die Qualen seiner Spießer-Seelen. Er ließ keine Gelegenheit aus, die Männer der Einsatzgruppen moralisch wieder hochzupäppeln.

»Von euch werden die meisten wissen«, so sprach er sie an, »was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.«

Auch Himmler übte Selbstmitleid. Die Endlösung war »für mich die schwerste Frage meines Lebens geworden«, wie er einmal auf einer Tagung von Reichs- und Gauleitern erklärte.

Selbst engsten Mitarbeitern verschleierte er das wahre Ausmaß der Judenvernichtung. Tief in seinem Innern fühlte er sich isoliert wie seine Schergen, sah er sich dem Entsetzen der Umwelt ausgeliefert - die täglichen Bittgesuche um Rettung von Juden bewiesen es ihm.

»Bedenken Sie selbst«, so Himmler zu Gauleitern, »wie viele - auch Parteigenossen - ihr berühmtes Gesuch an mich oder irgendeine Stelle gerichtet haben, in dem es hieß, daß alle Juden selbstverständlich Schweine seien, daß bloß der Soundso ein anständiger Jude sei, dem man nichts tun dürfe. Ich wage zu behaupten, daß es nach der Anzahl der Gesuche und der Anzahl der Meinungen in Deutschland mehr anstandige Juden gegeben hat, als überhaupt nominell vorhanden waren.«

Aus dieser Isolierung gab es nur einen Ausweg: sich selber und den Endiösern im Osten immer wieder einzureden, daß man das Werkzeug einer Jahrtausend-Mission sei, Handlanger eines Werkes, das menschliche Vorstellungskraft sprenge.

Unentwegt ermunterte Himmler die Einsatzgruppen, ihre »schwere Aufgabe« zu erfüllen, stets hatte er ein Trostwort für die geplagten Henker im Osten: »Ich kann Ihnen sagen, es ist scheußlich und furchtbar für einen deutschen Menschen, wenn er das ansehen muß. Das ist es, und wenn es nicht scheußlich und furchtbar für uns wäre,

dann wären wir ja keine deutschen Menschen mehr und wären wir ja keine Germanen. Ebenso scheußlich wie es ist, ebenso notwendig ist es gewesen und wird es auch in vielen Fällen noch sein, daß wir es durchführen.«

Himmler bereiste auch die Einsatzgruppen, um die seelisch ramponierten Endiöser aufzumöbeln. In Minsk ließ er sich die Hinrichtung von 150 Juden vorführen. Dabei erlitt er einen solchen Schock, daß Gruppenführer Karl Wolff, Chef des Persönlichen Stabes Himmlers, Mühe hatte, ihn aufrechtzuhalten. Wolff zu seinen Begleitern. »Der soll nur merken, was er den Leuten zumutet.«

Erst allmählich faßte sich Himmler und begann eine pathetische Durchhalte-Rede. Die Männer, so erklärte der Reichsführer, hätten sicherlich bemerkt, daß ihm »das blutige Handwerk zuwider« sei, aber jeder müsse seine Pflicht tun, so schwer sie auch sei. Himmler erklärte dem zuständigen Einsatzgruppen-Chef Nebe, man müsse eine neue Hinrichtungsmethode finden. Das war die Geburtsstunde eines neuen grausigen Hinrichtungsinstruments: des Gaswagens.

Die Führer der Einsatzgruppen vertrauten freilich nicht allein der Überzeugungskraft Himmlerscher Suada. Ohlendorf, Rasch, Nebe und Stahlecker fürchteten nichts mehr als den Zusammenbruch der Disziplin. Genaue Vorschriften sollten gewährleisten, daß die Exekutionen schnell und wirkungsvoll abliefen, ehe die Henker zur Besinnung kamen oder enthemmte Judenmörder zu sadistischen Einzelaktionen schritten.

Ohlendorf zog bei seiner Einsatzgruppe D in einer makabren Perversion des Soldatischen die Hinrichtungen als militärische Exekutionen auf. Dahinter verbarg sich eine wohlüberlegte Politik: Der Mann in der Einsatzgruppe sollte als einzelner keine Berührung mit den Opfern haben, er sollte in ein Kollektiv eingefügt sein, das gemeinsam und nur auf Befehl eines Vorgesetzten handelte, damit kein individuelles Schuldgefühl entstand.

Niemals durfte der einzelne Juden erschießen, stets nahm Ohlendorf darauf Bedacht, daß die Opfer bis zur letzten Minute Ruhe bewahrten, barg doch jeder Aufruhr unter den Todgeweihten die Gefahr in sich, daß die Liquidatoren wild in die Opfer hineinfeuerten und einen Amoklauf auslösten, den Ohlendorf mehr fürchtete als eine Massenflucht der Juden.

Derartige Sorgen, nicht humanitäre Überlegungen, ließen Ohlendorf auch vor der Verwendung von Gaswagen zurückschrecken. In dem Gaswagen sah er eine »unzumutbare seelische Belastung« für seine Männer: Nach der Exekution mußten die entstellten, oft mit Kot verschmierten Leichen aus dem Gaswagen gehoben werden - damit aber sah sich der Exekutor wieder der eigenen Tat konfrontiert, jener Sekunde der Wahrheit, die ihm Ohlendorf ersparen wollte.

Der Chef der Einsatzgruppe C, Dr. Dr. Otto Rasch, verfolgte eine andere Taktik: Jeder Mann seiner Einsatzgruppe mußte zum Partner einer kollektiven Schuld werden. Das gemeinsame Erleben des Grauens war dazu bestimmt, um die Einsatzgruppe das Band einer Kameradschaft zu schlingen. Das kollektiv verschuldete Blut sollte zum Kitt werden, der alle zusammenhielt.

Kein psychologischer Trick wurde ausgelassen; um den Henkern die Arbeit zu erleichtern. Schon die Sprachregelung diente diesem Zweck. Das Vokabularium der Mörder kannte das Wort Mord nicht, wohl aber eine verwirrende Fülle von Verharmlosungen und Tarnungen: Sie reichten von »Sonderaktionen«, »Sonderbehandlung«, »Ausschaltung« bis zu »Vollzugstätigkeit«, »Säuberung« und »Aussiedlung«.

Eine propagandistische Dauerberieselung, in Rußland noch verstärkt, verfolgte außerdem das Ziel, in dem Endlöser das Gefühl abzutöten, daß der Jude ein Mensch sei. In der Diktion der Propaganda verwandelte sich der Jude in den Schädling, in das Ungeziefer, das zu vertilgen sei. Zudem geschah das Ungeheuerliche in den unendlichen Weiten Rußlands, die - von der heimatlichen Umwelt Siriusfern - den Mord in einer anderen Welt geschehen ließen.

Der amerikanische Historiker Raul Hilberg, der die Aktionen der Einsatzgruppen untersuchte, fand außerdem, »daß die psychologische Rechtfertigung ein wesentlicher Teil der Tötungsoperationen war. Wenn eine vorgesehene Aktion nicht gerechtfertigt werden konnte, fand sie nicht statt«.

Zwei Arten von Rechtfertigungsversuchen überwogen: Sorge vor Seuchengefahr und Abwehr jeder Zusammenarbeit der Juden mit dem Feind. In Balti wurden Juden wegen »Angriffen« auf die Wehrmacht liquidiert, in Nowo Ukrainka wegen einiger »Übergriffe«, in Kiew wegen Brandstiftung, in einer anderen Stadt wegen »Oppositionsgeist«.

»In Rußland hätten wir«, so belog Himmler 1942 nach eigener Aufzeichnung den italienischen Diktator Benito Mussolini, »eine nicht unerhebliche Anzahl von Juden, und zwar Mann und Weib, erschießen müssen, da dort selbst die Frauen und halbwüchsigen Kinder Nachrichtenträger für die Partisanen gewesen wären.« Die Juden seien ja »überall die Träger der Sabotage, Spionage und des Widerstandes sowie der Bandenbildung«.

Diese Alle-Juden-sind-Partisanen -These gehörte bereits zu einem neuen Vernichtungsprogramm, das Anfang 1942 begann. Es war nicht ohne Raffinesse ausgedacht: Der Judenmord verbarg sich jetzt unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Partisanen und verhedderte auch die Wehrmacht in die Schuldverstrickungen des Jahrhundert -Verbrechens.

Da das Heer die Einsatzgruppen auch gelegentlich zu militärischen Aufgaben (Bekämpfung versprengter Truppenteile des Feindes) heranzog, unterhielten die Führer der Frontverbände gute Beziehungen zu Heydrichs Beauftragten. »Wehrmacht erfreulich gute Einstellung gegen die Juden«, rühmte das Einsatzkommando 4b, und die Einsatzgruppe A fand, die Kontakte zur 4. Panzerarmee seien »eng, ja fast herzlich«.

Die Panik der verfolgten Juden und erste Aktionen der Partisanen verleiteten die Militärs dazu, die Einsatzgruppen zu verstärktem Kampf gegen die Juden anzuspornen:

- Im September 1941 erbat die 17. Armee vom Einsatzkommando 4b, die Juden der Stadt Kremenschug auszurotten. Anlaß des Hilferufs: In Kremenschug waren dreimal Fernsprechkabel der Armee von unbekannten Tätern zerstört worden.

- Im August forderte die Geheime Feldpolizei des XXX. Korps eine Abteilung des Einsatzkommandos 10a für einen Schlag gegen die Juden der ukrainischen Stadt Kodyma an, weil dem GFP-(Geheime Feldpolizei-)Hauptmann Krämer gemeldet worden war, die Juden planten einen Angriff auf deutsche Soldaten.

Das Liquidieren von Juden erschien manchen (freilich nicht allen) Militärs keineswegs als ein so ungewöhnliches Unterfangen, ermahnte doch Generalfeldmarschall Walter von Reichenau die Soldaten seiner 6. Armee in einem Tagesbefehl, als »Träger einer unerbittlichen völkischen Idee« hätten sie »für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis« aufzubringen.

Ihr Verständnis ging weit: Die 17. Armee ordnete an, für den Fall, daß die Hintermänner von Sabotageakten nicht festzustellen seien, müßten Juden, vor allem jüdische Komsomolzen (Angehörige der kommunistischen Jugend -Organisation) erschossen werden, und die Einsatzgruppe A meldete, bis zum Dezember 1941 habe die Heeresgruppe Mitte 19 000 Partisanen und Verbrecher, in der Mehrzahl Juden, liquidiert.

Nervös reagierten die Militärs auf jedes Anzeichen der Unruhe unter den ihnen anvertrauten Juden. Der Ortskommandant von Dschanskoi witterte in dem ihm unterstellten Juden-KZ Seuchengefahren und bat die Einsatzgruppe D, alle Juden des KZ zu liquidieren; er mußte auf die zahlenmäßig schwache Einsatzgruppe lange Zeit einreden, bis sie endlich bereit war, gemeinsam mit der Geheimen Feldpolizei den Wunsch des Ortskommandanten zu erfüllen.

Einzelne Militärs drängten den RSHA-Beauftragten zusätzliche Liquidierungs-Aufgaben so hartnäckig auf, daß der Sturmbannführer Lindow vom Reichssicherheitshauptamt einmal ärgerlich ausrief, die Gestapo sei doch nicht »der Henker der Wehrmacht«.

Je mehr der sowjetische Gegner den Partisanenkrieg gegen die Deutschen aktivierte, desto emsiger riefen die Militärs nach den Einsatzgruppen. Als Heeres-Generalstabschef Halder im Dezember 1941 die Befehlshaber der Armeen in Orscha versammelte, hörte er ein einstimmiges Loblied auf die Einsatzgruppen: »Diese Leute sind für uns Goldes wert, denn sie sichern die rückwärtigen Verbindungen und ersparen so die Heranziehung von Truppen für diese Aufgabe.«

Die Einsatzgruppe A war die erste gewesen, die sich den Partisanen entgegengestellt hatte. Ende September 1941 waren im Raum Leningrad sowjetische Partisanen gesichtet worden; bis Ende des Jahres hatte sich das Gros von Stahleckers Totschläger-Armee an der Nordfront konzentriert, um die Partisanen auszuräuchern. Stahlecker selber fiel 1942 im Kampf gegen Partisanen.

Himmler hatte schnell die Gelegenheit ergriffen, unter dem Tarnmantel des Partisanenkrieges die Vernichtung der Juden zu forcieren. Er befolgte praktisch nur, was Hitler schon im Juli 1941 ausgesprochen hatte: »Dieser Partisanenkrieg hat auch wieder seinen Vorteil; er gibt uns die Möglichkeit, auszurotten, was sich gegen uns stellt.«

Der SS-Chef maskierte die Armee seiner Endlöser als soldatenähnliches Anti-Partisanen-Heer, offiziell »Bandenkampfverbände« genannt. Die Einsatzgruppen verwandelten sich in stationäre Kommandostellen der Sicherheitspolizei; aus den Chefs der Einsatzgruppen A und C wurden Befehlshaber, aus den Führern der Einsatzkommandos Kommandeure der Sicherheitspolizei und des SD.

Zu diesem Heerhaufen der Partisanenjäger, die später einem Chef der Bandenkampfverbände (Bach-Zelewski) unterstellt wurden, stießen fünf Regimenter der Ordnungspolizei und die landeseigene Miliz der deutschbesetzten Ostgebiete. Gesamtstärke Ende 1942 14 953 Deutsche und 238 105 Ost-Hiwis.

Mit dieser Armee traten die sorgfältig getarnten Endlöser zum neuen Angriff an, der von Fall zu Fall durch Einheiten des Heeres und der Waffen -SS verstärkt wurde. Der an die Nordfront versetzte HSSPF Jeckeln machte den Anfang.

Im Februar und März 1942 eröffnete er »Aktion Sumpffieber«, eine Operation gegen Juden und Partisanen. Er konnte nach Abschluß des Unternehmens melden: 389 Partisanen getötet, 1274 Verdächtige erschossen, 8350 Juden liquidiert.

Das kombinierte Juden- und Partisanen-Unternehmen »Aktion Sumpffieber« wurde zum Vorbild jener Mordoperationen, mit denen Himmler unter Vorspiegelung militärischer Erfordernisse die Ausrottung jüdischer Menschen fortsetzen ließ. Unternehmen Erntefest, Unternehmen Hamburg, Unternehmen Altona, Unternehmen Nürnberg - sie alle dienten der Vernichtung des jüdischen Volkes.

Zugleich wurde auch die Schlinge um die Juden, die sich nicht zu den Partisanen gerettet hatten, immer enger gezogen. Die Liquidatoren hatten die Masse der Juden in Gettos und Konzentrationslagern zusammengetrieben; im Ostland lebten noch 100 000 Juden, davon etwa 68 000 in den Städten. Gegen sie richtete sich ein weiterer tödlicher Schlag.

Im Mittelpunkt dieser Vernichtungsaktion lag das Generalkommissariat Weißrußland, das die neuen Herren Weißruthenien getauft hatten. Eine Stadt nach der anderen suchten die Polizeibataillone und die Hiwi-Brigaden heim, Getto um Getto fiel unter den Maschinenpistolen der Liquidatoren. Die Höheren SS- und Polizeiführer, ihre Sipo-Befehlshaber und Sipo -Kommandeure konnten sich schon ausrechnen, wann der letzte Jude Weißrutheniens ausgelöscht sein würde.

In just diesem Augenblick erwachte in den Ziviladministratoren des Reichskommissariats Ostland ein Besitzer- und Beschützerinstinkt, der altgediente Nazis zu einer seltsamen Auflehnung gegen den Rassismus des Dritten Reiches trieb. An der Spitze dieser Rebellion stand einer der korruptesten »Goldfasane": Gauleiter Wilhelm Kube, der Generalkommissar von Weißruthenien.

Kube nahm, wie auch andere NS Kolonialherren im Osten, daran Anstoß, daß die hastigen Judenaktionen der SS-Polizeiverbände die wirtschaftiche Grundlage des Ostlands erschütterten. »Eine sofortige Ablösung aller im Arbeitsprozeß eingesetzten Juden (ist) nicht möglich, insbesondere noch nicht in den großen Städten«, hatte einst sogar Stahlecker gewarnt, aber sein Nachfolger Heinz Jost und dessen Beauftragter in Weißruthenien, der Sipo-Kommandeur und SS-Obersturmbannführer Dr. Eduard Strauch, trieben die Liquidierungen fanatisch voran.

Weißrutheniens cholerischer Herr, der mit russischen Professoren und Intellektuellen eine Selbstverwaltung einrichten wollte, sah die Wirtschaft seines Landes zusammenbrechen, denn die weißrussischen Juden stellten die einzige Handwerker- und Facharbeiterschicht des Landes. Noch ärgerlicher aber wurde Kube darüber, daß die SS amtlichen Killer über die Juden herfielen, ohne ihn vorher benachrichtigt zu haben. Kubes Zorn datierte noch aus der Zeit vor der neuen Offensive der totalen Endlöser.

Am 27. Oktober 1941 meldete sich in Sluzk der Adjutant des Polizeibataillons 11 und eröffnete dem Gebietskommissar Carl, innerhalb der nächsten Stunden würde mit der Liquidation sämtlicher Juden der Stadt begonnen werden. Parteigenosse Carl erschrak. Er bat den Kommandeur des Polizeibataillons, die jüdischen Handwerker zu schonen, doch die Polizei ignorierte Carls Bitte. Die Juden von Sluzk wurden ausgerottet.

»Das ganze Bild war überhaupt mehr als grauenvoll«, meldete Carl dem Generalkommissar Kube am 30. Oktober. »Mit einer unbeschreiblichen Brutalität sowohl von Seiten der deutschen Polizeibeamten, wie insbesondere von den litauischen Partisanen (Hilfspolizisten) wurde das jüdische Volk ... aus den Wohnungen herausgeholt und zusammengetrieben. Überall in der Stadt knallte es, und in den Straßen häuften sich Leichen erschossener Juden.«

Carl hatte mit seinen Beamten noch versucht, »zu retten, was zu retten war. Mehrfach habe ich buchstäblich mit gezogenem Revolver die deutschen Polizeibeamten wie auch die litauischen Partisanen aus den Betrieben herausdrängen müssen«.

Wilhelm Kube stellte gegen das gesamte Offizierkorps des Polizeibataillons 11 Strafantrag wegen Disziplinlosigkeit. Es sei, zürnte Kube in einem Brief, »eine bodenlose Schweinerei«, angeschossene Juden - wie in Sluzk geschehen - lebendig zu begraben, »mit derartigen Methoden läßt sich die Ruhe und die Ordnung in Weißruthenien nicht aufrechterhalten«.

Der Alt-Antisemit Kube (1934: »Der Pestträger muß ausgemerzt werden") hätte freilich gegen eine »ordentliche« Vernichtung des russischen Judentums nichts eingewandt, wären nicht plötzlich Tausende deutscher Juden zur Vernichtung nach Minsk deportiert worden. Als Kube der deutschen Juden ansichtig wurde, zerbrach in ihm eine Welt: Der Judenfeind Kube wandelte sich zum Judenbeschützer.

Kube erfuhr, unter den deutschen Juden befänden sich auch Männer, die im Ersten Weltkrieg Soldaten gewesen und mit hohen Orden ausgezeichnet worden seien. Der Gauleiter ließ sich eine Liste zusammenstellen und appellierte an das Reichssicherheitshauptamt, als habe er niemals von einer Endlösung der Judenfrage gehört.

Ärgerlich konterte Heydrich, es habe alles seine Richtigkeit, im übrigen gebe es wohl »kriegswichtigere Aufgaben als dem Geseires von Juden nachzulaufen, zeitraubende Ermittlungen anzustellen und so viele meiner Mitarbeiter von anderen und weit wichtigeren Aufgaben abzuhalten«. Heydrich an Kube: »Ich bedaure, sechseinhalb Jahre nach Erlaß der Nürnberger Gesetze noch eine derartige Rechtfertigung schreiben zu müssen.«

Doch Kube wollte nicht verstehen. Er stellte die deutschen Juden unter seinen persönlichen Schutz und eilte herbei, sobald sich die Sicherheitspolizei des Obersturmbannführers Strauch zum tödlichen Schlag anschickte.

»Eine merkwürdige Einstellung zur Judenfrage«, mäkelte Strauch, ehe er begriff, daß einer der ersten Gauleiter des Dritten Reiches unter die Judenfreunde gegangen war. Strauch verzweifelte an dem Sinn der Welt. Er hielt fest: »Ich betonte, daß es mir unverständlich sei, daß deutsche Menschen wegen einiger Juden uneins würden. Ich könne immer wieder feststellen, daß man meinen Männern und mir Barbarei und Sadismus vorwerfe, während ich lediglich meine Pflicht täte.«

Was aber entgegnete der Nationalsozialist Kube? Strauch notierte: »Diese Art unseres Vorgehens sei eines deutschen Menschen und eines Deutschlands Kants und Goethes unwürdig. Wenn der deutsche Ruf in aller Welt untergraben würde, so sei es unsere (der SS) Schuld. Im übrigen sei es auch richtig, daß meine Männer sich an diesen Exekutionen geradezu aufgeilen würden.«

Kube begnügte sich nicht damit, die Endlöser öffentlich als Barbaren zu brandmarken. Er ließ die SS-Wachen vor seinem Amtsgebäude durch SA Männer ersetzen. Er war stets zur Stelle, wenn ein SS-Mann sich an Juden vergangen hatte. Er sabotierte die Judenpogrome, wo immer er konnte.

Für den 1. März 1942 hatte Sipo -Strauch eine Vernichtungsaktion gegen das Minsker Getto angesetzt; 5000 Juden bekamen von der Sicherheitspolizei Order, sich zwecks »Umsiedlung« an einem bestimmten Platz zu versammeln. Doch Kube verriet die Aktion. Durch ihn erfuhren die Juden Strauchs wahre Absichten; die in den Stäben des Generalkommissariats beschäftigten Juden wurden von Kube indirekt gewarnt, das Getto zu betreten. Strauch mußte versuchen, die Juden einzeln zu verhaften.

Dabei kam es zu Aufläufen, die wiederum den Generalkommissar zu einem Protest veranlaßten. Strauch meldete: »Er hat mehrere meiner Männer erheblich beschimpft. Dabei fielen immer Ausdrücke wie 'Schweinerei' und 'wir sprechen uns wieder'.«

Der Endlöser Strauch sah sich von dem Alten Kämpfer Kube derartig behindert, daß er seine Vorgesetzten alarmierte. Himmler beklagte sich bei Kubes höchstem Vorgesetzten, dem Ostminister Alfred Rosenberg, und der versprach denn auch prompt, den SS Kritiker Kube zu verwarnen. Kube gab jedoch nicht nach, zumal er wußte, daß auch sein nächsthöherer Dienstherr, der Ostland-Reichskommissar Hinrich Lohse, den Himmler-Apparat verabscheute.

Ein neues als Schlag gegen die Partisanen getarntes Unternehmen zur Massenliquidierung von Juden ("Großunternehmen Cottbus") benutzte Kube, um die gesamte Kampfweise der SS Verbände zu kritisieren. Die politischen Auswirkungen solcher Unternehmen, monierte er in einem Bericht an Rosenberg, seien »verheerend«, denn die von der Polizei liquidierten Russen seien zum Teil gar keine Partisanen, sondern harmlose Bauern.

Kube: »Wenn bei 4500 Feindtoten nur 492 Gewehre erbeutet wurden, dann zeigt dieser Unterschied, daß sich auch unter diesen Feindtoten zahlreiche Bauern des Landes befinden.«

Zu Kubes Bericht schrieb SS-Gegner Lohse am 18. Juni 1943 den Kommentar: »Was ist dagegen Katyn? Man stelle sich nur einmal vor, solche Vorkommnisse würden auf der Gegenseite bekannt und dort ausgeschlachtet! Wahrscheinlich würde eine solche Propaganda einfach nur deshalb wirkungslos bleiben, weil Hörer und Leser nicht bereit wären, derselben Glauben zu schenken.«

Die Herren des Terrorapparates wußten nicht, wie sie sich ihres Gegners in Minsk entledigen könnten. Da halfen ihnen die sowjetischen Partisanen: In der Nacht zum 22. September 1943 fiel Wilhelm Kube einer Bombe zum Opfer, die ihm sein Dienstmädchen, eine Agentin der Partisanen, unter das Bett geschoben hatte. Himmler strahlte: Kubes Tod - so erklärte er - sei ein Segen.

Er konnte gelassen urteilen, denn die Arbeit der Endlöser in Rußland ging zu Ende. Sie hatten viel erreicht: von den 2,5 Millionen Juden Rußlands, die nicht vor den Deutschen hatten fliehen können, waren 900 000 liquidiert worden. Noch ehe die Sowjetarmeen die deutschen Eindringlinge zurücktrieben, machte sich Standartenführer Paul Blobel auf, die Spuren der Mörder zu verwischen.

An der Spitze eines Sondertrupps, der sich »Kommando 1005« nannte, öffnete er die Massengräber der liquidierten Juden und ließ die Leichen auf ölgetränkten Eisenrosten verbrennen, die übriggebliebenen Knochenreste in Spezialmühlen zerhacken. Das Feuer der Leichenschänder erleuchtete eine gespenstische Szene, letzter Akt eines pervertierten Soldatentums, das in der Geschichte der Feldzüge und Kriege einmalig dasteht.

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... daß ich fertig bin": Erschlagung von Juden in Kowno*

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Gefangene Sowjet-Partisanen: Durch gemeinsames Grauen ...

Gehängte Partisanen in Minsk (1942)

... eine Kameraderie der Schuld

Generalkommissar Kube*: Bombe unter dem Bett

* 3. v. r.: Höherer SS- und Polizeiführer Nord (Riga) Hans Prützmann.

* Bei einer Exekution in Lijepaja (Lettland).

* Durch freigelassene Zuchthäusler, 1941.

* Mit der aus Ostpreußen stammenden Frau

des russischen Professors Zwanow vor der Kantine des Generalkommissariats in Minsk, 1942.

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