Zur Ausgabe
Artikel 20 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Der Papst und ich

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 5/1995

Wie, zeugt unsere Überschrift nicht von einem gelinden Größenwahn? Der Papst, den hundert Millionen Menschen erleben, und ein Journalist, den nur etliche tausend Leser dem Namen nach kennen?

Der Dominikanerpater Basilius Streithofen sieht es so im Berliner Tagesspiegel. Die katholische Kirche und der Papst seien Zielscheibe der von mir inaugurierten SPIEGEL-Häme. Die neben mir arbeiten, sind Mitläufer, Nachahmer oder böswillige Ignoranten.

Haben wir das verdient? Gewiß nicht alle meine Kolleginnen und Kollegen. Ich aber schon. Ich bin nicht tolerant gegenüber einer Institution, die im Februar des Jahres 1600 den Philosophen Giordano Bruno und im Laufe der Jahrhunderte Millionen anderer »Ketzer« hat verbrennen lassen, ohne Reue.

Ehrfurcht vor Heuchelei und Machtmißbrauch empfinde ich nicht. Achtung vor angemaßter Autorität ist mir fremd. Wieso bin ich kirchenfeindlich, wenn ich gegen die Papstkirche auftrete? Und areligiös? Das hat mir noch keiner gesagt. Ein diametral Andersdenkender, praktizierender Katholik, war über viele Jahre mein engster Mitarbeiter. Intolerant gegen die Intoleranz, ja, das will ich sein.

Ich bin gegen Papst Wojtyla *___weil er sich ernsthaft für den Stellvertreter Christi ____auf Erden ausgibt, als »von Gott gesetzt«, um mit ____Martin Luther zu reden; *___weil er keine andere Meinung gelten läßt als seine ____eigene, mag sie auch dem Fundus des »Ratzingerismus« ____entnommen sein, wie die Pariser Tageszeitung Liberation ____das nennt: Dieser Sänger werde mehr gerühmt als sein ____Lied; *___weil Menschen bei ihm durchweg auf der Strecke bleiben, ____wenn er seine Unfehlbarkeitspose in Gefahr sieht. Er ____ist nicht der Bruder seiner Brüder, nicht der Bruder ____des Bischofs _(* Während der Seligsprechung von Mutter ) _(Mary MacKillop in Sydney. ) von Evreux, Jacques Gaillot, sondern ihr Großherr, ihr Sultan, ihr Padischah; *___und weil, dies ist wohl der gewichtigste Einwand gegen ____ihn, seine sei es verklemmte, sei es fromme, sei es ____disziplinierende Sexuallehre ein Fluch für die ____Menschheit ist.

Wer sagt uns denn, daß der Papst nur als ein großer Kostüm-Kommunikator auftritt, dessen Lieder man hört, aber nicht befolgt? Natürlich ist er für die Todesstrafe, wie sein Vorgänger Pius XII., der Hitler dem Stalin vorgezogen hat. Die Atomkraft, friedlich oder kriegerisch, beurteilt er ebenfalls aus der Kirchturm-Perspektive.

Wer sagt uns, daß niemand hinhört, wenn der Papst Regierungen und ganze Menschenmengen auffordert, nur ja keine künstliche Empfängnis zu dulden oder zu praktizieren? Wenn er Kondome in Aids-verseuchten Ländern, etwa in Uganda, verteufelt? Und jegliche Empfängnisverhütung auf der ganzen Welt, sogar in China?

Er mag den vorehelichen Sex brandmarken, hier hört wohl tatsächlich keiner mehr hin, das schadet dann ja nicht. Aber am Rande der Kriminalität früherer päpstlicher Jahrhunderte bewegt sich, wer die Bevölkerungsexplosion nicht zur Kenntnis nimmt, sondern noch anheizt.

Hier ist es zu Ende mit Ehrfurcht, Achtung und Toleranz. Die Zukunft der Menschheit, ihr Überleben steht wortwörtlich zur Disposition, während der Papst sich mit dem Status wiederverheirateter Geschiedener beschäftigt.

Mit den viel zu vielen Menschen und dem unaufhaltsamen Bevölkerungswachstum hängt alles zusammen: Die kaum noch durchschaubare Umweltproblematik, die Armut und das Analphabetentum - ihrerseits wiederum Beschleuniger der Überbevölkerung. Der Apokalyptiker Johannes auf Patmos würde erbleichen.

Sir Karl Popper, der Optimismus zur Pflicht erklärt, hat gegen Ende seines langen Philosophenlebens geraten, »aus Gründen der Menschlichkeit darauf hinzuarbeiten, daß nur erwünschte Kinder geboren werden« - Tableau! Abtreibung! -, denn es sei grausam und führe allzuoft zu psychischer wie auch physischer Gewalt, wenn man ein unerwünschtes Kind in die Welt setze.

Die Zukunft sei offen, meint der Optimist Popper, wir alle könnten sie mitbestimmen. Sie ist aber auch offen für jede Art Apokalypse. Mit dieser Kirche, unter diesem Papst erst recht.

Er, gerade er, hat in seinem Erfolgsbuch den Buddhismus als »negative Heilslehre« kritisiert - wohl nicht ahnend, daß er den Buddhisten in Sri Lanka, immerhin 70 Prozent der Bevölkerung des Landes, demnächst seinen »höchsten Respekt« bezeugen werde.

Wie soll der Vatikan den Dialog mit anderen Weltreligionen oder auch nur den Protestanten führen, solange er die doktrinäre monolithische Geschlossenheit praktiziert, gegen die dieser Papst doch aus seiner Krakauer Zeit gefeit sein sollte. Solange er ex cathedra seine Überzeugungen verkündet, die kirchlichen Dogmen verdächtig nahekommen, muß er das ihm 1870 von Papst Pius IX. vermachte Unfehlbarkeitsdogma gar nicht einmal in Anspruch nehmen.

Der Bischof von Evreux hatte eigene Ansichten, und schon das war zuviel. Aber auch mit den ihm treuen Bischöfen Lehmann, Kasper und Saier läßt Wojtyla den Dialog lieber durch andere auf unterstem Niveau führen. Die chinesischen Katholiken hat er wissen lassen, sie müßten ihn als Oberhaupt der Kirche anerkennen, sonst dürften sie sich nicht als wirkliche Katholiken betrachten.

Dagegen hätte auch Luther nicht protestiert, der es noch nicht mit einem unfehlbaren Papst zu tun hatte, sondern nur mit Konzilien, die er für fehlbar hielt.

Heute sind »wirkliche« Katholiken etwa die Bischöfe Dyba (Fulda), Krenn (Sankt Pölten), Haas (Chur), die »auf skandalöse Weise ihre Diözese ruinieren«. Wer spricht so? Bösartige SPIEGEL-Ignoranten? Nein. In einem Solidaritätstelegramm protestierten acht deutschsprachige Theologen derart gegen den »päpstlichen Willkürakt« der Amtsenthebung des Bischofs Jacques Gaillot. Unter den achten war der schon 1979 mit dem Entzug der Lehrerlaubnis gestrafte Hans Küng.

Mit der Wojtyla-Kirche geht es in eine Zukunft ohne Hoffnung. So sagt es der gemaßregelte sanfte Rebell Eugen Drewermann: _____« Man kann nicht sein Leben damit verbringen, auf die » _____« Erlaubnis zum Leben von seiten einer Kirche zu warten, » _____« die seit Jahrhunderten nur noch den Friedhof ihrer » _____« eigenen musealen Vergangenheit verwaltet. »

Kann man es treffender sagen? Man kann nicht. Oder müssen wir jetzt noch Drewermanns »Persönlichkeitsstruktur« erörtern, was Pater Basilius bei mir erklärtermaßen nicht will (ich übrigens bei ihm auch nicht).

PS: Zur Erinnerung: Die letzte Absetzung eines Bischofs war im Jahre 1983, die des Emmanuel Milingo in Lusaka, weil er Wunderheilungen praktizierte. Gaillot wurde nicht nur schlichtweg amtsenthoben, sondern zudem auch noch verhöhnt. Er ist zum Titularbischof von Partenia in Mauretanien zurückgestuft worden, einer längst untergegangenen Gemeinde im Wüstensand.

Johannes Paul II., »Bruder in Christo«, selbstverpackt.

* Während der Seligsprechung von Mutter Mary MacKillop in Sydney.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.