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HENRY MILLER Der Parasit

aus DER SPIEGEL 11/1957

Der amerikanische Romanschriftsteller Henry Miller, dessen Werke zwar von der Literaturkritik, sehr viel weniger aber von den Zensurbehörden geschätzt werden, veröffentlichte kürzlich in Amerika unter dem Titel »Ein Teufel im Paradies« eine skurrile Chronik, deren Übersetzung* soeben auch in Europa - in Paris - erschienen ist.

In diesem Buch hat der heute 65jährige Schriftsteller, dessen Produktion bei den amerikanischen und französischen Zensoren oft als unmoralisch gilt und daher zum Teil nicht öffentlich verkauft werden darf, zur Überraschung seiner internationalen Lesergemeinde die Position eines Moralisten bezogen: Er berichtet von den schmählichen Folgen eines von ihm unternommenen Versuches, eine gute Tat zu verrichten.

Miller, der aus Opposition gegen die amerikanische Gesellschaft zu Beginn der dreißiger Jahre nach Europa emigriert war, durch den zweiten Weltkrieg aber zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten gezwungen wurde, hatte sich in dem wilden und öden Bergland von Big Sur, südlich von San Francisco, ein kleines Landhaus zimmern lassen, in dem er noch heute mit seiner Familie von den schmalen Erträgnissen seiner Buchausgaben lebt. In dieses Haus lud sich Miller bald nach Kriegsende einen europäischen Freund und sicherte ihm in enthusiastischem Überschwang zu, er dürfe hier den Rest seiner Tage mit Faulenzen verbringen, falls dies sein Wunsch sei. Millers neuestes Buch nun erzählt die Vorgeschichte und die schaurigen Folgen dieser Einladung, wobei der Schriftsteller offensichtlich sein Erlebnis zwar zuweilen satirisch überspitzt, die Fakten aber kaum retuschiert hat.

Miller hatte seinen späteren Gast 1936 in Paris kennengelernt. Der Mann interessierte ihn damals wegen seiner okkulten Praktiken und seiner intimen Kenntnis der mystischen Geheimlehren. Er besaß einen Schweizer Paß auf den Namen Conrad Moricand und wohnte in einem dubiosen Hotel des Montmartre-Viertels, wo er für gelegentliche Interessenten Horoskope ausarbeitete.

Dieser Astrologe Moricand - Miller gibt ihm in seinem Buch den Namen »Tericand« - hatte bereits damals sein gesamtes Vermögen durchgebracht und das Schnorren nach und nach zu einer subtilen Lebensphilosophie entwickelt. Er lebte hauptsächlich auf Kosten einer surrealistischen Schriftstellerin, die ihn loswerden wollte und ihn deshalb eines Tages mit Miller bekannt machte: Der Schriftsteller Miller stand schon damals im Ruf, auf die Bekanntschaft mit kuriosen Leuten versessen zu sein, die ihm für seine Romanfiguren Modell stehen sollten.

Miller beschreibt Moricand als einen breitschultrigen, massigen Menschen, dessen Quadratschädel« ihn physiognomisch an den Schauspieler Emil Jannings erinnert habe. Der kultivierte Schnorrer sprach Französisch wie ein Dichter; er beherrschte die Subtilitäten der Sprache wie ein Musiker sein Instrument - aber er aß mit der Gier eines Trunksüchtigen. Nicht der Wein, sondern die ungeheuren Mengen an Essen, die er vorsorglich verschlang, schienen ihn in einen euphorischen Zustand zu versetzen.

Conrad Moricands Hotelzimmer war mit Horoskopen tapeziert; an einem Ehrenplatz in einer Nische befand sich des Astrologen eigenes Horoskop, das er wie ein Barometer ständig beobachtete, um eine »Öffnung für den Lebensstrom« in der Planeten-Konstellation zu erspähen. Mit blauen und roten Strichen pflegte der Astrologe Progression und Regression der sogenannten »Glückszone« zu markieren; jede ihrer fiktiven Bewegungen verfolgte er mit Bangen oder Frohlocken - obschon sich dadurch an seiner parasitären Lebensart nicht das geringste änderte.

Zur Rede gestellt, warum er nicht für eine Weile seine Sterne vergessen wolle, gab Moricand dem Autor Miller bedeutungsvoll zur Antwort: »Das Glück - mein einziges Glück sind im Augenblick Sie, mein Freund.« Der Astrologe deutete dabei mit dem Zeigefinger auf eine Stelle in seinem Horoskop, an der nach seiner Behauptung die Funktion Millers klar zu erkennen war.

Er behauptete überdies, einen sechsten Sinn zu besitzen, der ihm nicht nur bei der Deutung seiner Horoskope zustatten kam. Bei einem Festschmaus der Poetengruppe, zu der Miller und der Astrologe gehörten, bewies Moricand diese Behauptung durch ein verblüffendes Experiment. Er sagte jedem Anwesenden - so behauptet Miller - auf den Kopf zu, welches sein Tierkreiszeichen sei, »Er lieferte noch andere, seltsamere, verwirrendere Beweise«, rühmt Miller den Astrologen, »und jedesmal war seine Schaustellung unübertrefflich; keine spiritistische Sitzung hätte ihr den Rang streitig machen können.«

Nach seiner Abreise aus Paris hörte Miller acht Jahre lang nichts von diesem sonderbaren Menschen; er glaubte ihn tot. Dann aber erreichte ihn plötzlich ein Brief aus der Schweiz: Moricand lebte in einem Dorf bei Vevey am Genfer See - unter miserablen Umständen, wie er verlauten ließ. Sein Zimmer sei nicht geheizt, klagte der Astrologe, er habe nichts zu essen, er könne die Miete nicht bezahlen, und sein Gesundheitszustand sei auch nicht der beste.

Der Amerikaner versorgte den unglücklichen Moricand zunächst mit Carepaketen und kam endlich auf die Idee - die er heute als »monumentale Dummheit« beklagt - die Leiden des Astrologen durch einen Akt selbstloser Großmut zu beenden. Er lud Moricand nach Kalifornien ein, er bezahlte ihm die Schiffspassage nach New York und die Flugkarte nach San Francisco.

Die Augen des Parasiten waren wässrig, als er seinen Freund Miller in die Arme schloß. Die Begegnung fand in den letzten Dezembertagen statt; aber in Kalifornien war die Luft lind und wohlig wie im Frühsommer. Der Astrologe stand im gepflegten Straßenanzug vor Millers Behausung und betrachtete verzückt einen Geier, der im Tiefflug vorüberglitt. Dann starrte er auf das glitzernde Blau des Pazifischen Ozeans, der sich zu seinen Füßen in unendliche Weiten verlor, und bestätigte dem Gastgeber Miller ergriffen: »Ein wahres Paradies.«

Eine Vorahnung seines Unheils befiel den Autor, als sein Gast nach einer ausgedehnten Bartrasur Puder von ihm verlangte. Miller reichte ihm seine Puderdose; doch Moricand lehnte indigniert ab: Er benutze eine andere Marke. Ob Miller nicht in die Stadt fahren und ihm diese Marke besorgen könne.

Von diesem ersten Tage an begann dann im Hause Miller jene Leidensgeschichte, die es dem Hausherrn heute unmöglich macht, von seinem einstigen Gast anders als in Schimpfworten zu reden: In seinem Buch nennt er ihn abwechselnd Teufel, Ratte, Erdwurm, Bastard und Blutegel. Der Gast aus Paris, von dem der frankophile Amerikaner süffisante Bonmots und geistreiche Kulturlektionen zu hören hoffte, habe sich als eines jener parasitären Ungeheuer« erwiesen, denen von jeher »die Heiligen und die Einfältigen eine leichte Beute« seien - Miller läßt offen, zu welcher der beiden Gruppen er sich dabei rechnet.

Der Astrologe verlangte nach einer französischen Speisenfolge, nach Gauloise-Zigaretten, Eau de Cologne, Cognac und einer bizarren Sorte Schreibpapier, die in den Vereinigten Staaten nicht aufzutreiben war. Miller beobachtete obendrein mit wachsendem Unbehagen, daß sich Moricand des öfteren ungeniert zu kratzen begann: daran war ein allergisches Hautjucken schuld. Der gepeinigte Müßiggänger, der - Millers Bericht zufolge - in das ihm eingeräumte Zimmer ohnehin niemals frische Luft einließ, stellte nun auch noch die zivilisatorische Übung ein, das Badezimmer zu benutzen: Bäder, so erklärte er, seien Gift für seinen Organismus.

In Millers Parasiten-Chronik wird der Beschreibung jenes Hautjuckens ein bedeutender Platz eingeräumt. Der psychologisch geschulte Gastgeber, der seinen Lesern die Details dieser Erkrankung keineswegs vorenthält, kommt zu dem Schluß, daß es sich dabei um die Symptome einer Neurose gehandelt habe, die von der manischen Selbstbemitleidung seines parasitären Gastes herrührte: Sobald Moricand durch eine gute Mahlzeit, eine angeregte Konversation mit Französisch sprechenden Besuchern oder durch Briefe seiner Freunde aufgeheitert worden sei, habe er auch sein Jucken für eine Weile vergessen.

Gerade die Astrologie, die Miller und Moricand zusammengeführt hatte, wurde schließlich der Anlaß eines erbitterten Disputes zwischen den beiden. Moricand erkundigte sich bei Miller, ob sein Interesse für die Astrologie etwa nachgelassen habe, da er nie mehr darauf zu sprechen komme. Der Schriftsteller erwiderte, daß die Astrologie für ihn nur eine Art Klaviatur gewesen sei - sein wahres Interesse gelte aber ausschließlich der Literatur.

»Was hat Ihnen die Astrologie denn eingebracht?« beschimpfte Gastgeber Miller den Parasiten. »Hat sie Ihnen geholfen, Ihre Fehler zu korrigieren? Hat sie Ihnen geholfen, sich in der Welt einzurichten? Hat sie Ihnen Frieden und Freude eingetragen? Warum kratzen Sie sich dann wie ein Verrückter?«

Nach diesem Gespräch reifte in Miller der Entschluß, sich den Parasiten, der ihn und seine Familie terrorisierte, mit List vom Halse zu schaffen. Er mietete ihn zunächst in einem Hotel der nächstgelegenen Stadt ein - unter dem Vorwand, daß die Hautkrankheit des Astrologen ärztliche Fürsorge verlange. Dann schickte er ihm seine Sachen nach und besorgte ihm die Rückfahrkarte. Moricand stellte eine Bedingung: Gegen die Zahlung von 1000 Dollar auf sein Pariser Bankkonto sei er bereit, dem »Paradies« den Rücken zu kehren.

Als Miller ablehnte, drohte der Astrologe mit einem Memorandum, das er über den wahren Charakter des Schriftstellers verfassen und nach seiner Rückkehr in die Pariser Presse lancieren wolle. Dann verschwand er.

Ende 1954 erfuhr der Amerikaner aus einem Nekrolog der surrealistischen Zeitschrift »Goéland«, daß Conrad Moricand gestorben war. Der Herausgeber dieser Zeitschrift behauptete in seinem Nachruf, Moricand habe seinen Tod auf Tag und Stunde genau vorausgesagt.

* Henry Miller: »Un Diable au Paradis«; Editions Corrêa, Paris; 189 Seiten; 540 ffrs.

Schriftsteller Henry Miller

Ein Pariser in Amerika

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