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»Der Pest den Kopf abgehauen«

aus DER SPIEGEL 31/1992

27. Juni 1934

Es gärt im Lande. Reichswehr ist nicht ganz rein. Führer zu gutmütig. (Hitlers Stellvertreter Rudolf) Heß hat eine gute Rede am Rundfunk gehalten. Gegen Revolution. Scharf für Führer. Versteckt (Vizekanzler Franz von) Papen angegriffen. Der intrigiert ruhig weiter. Seine Rede von (Papen-Intimus Edgar) Jung ausgearbeitet . . .

Wir müssen aufpassen. Wenn Ernst, dann aber zuschlagen . . . Papen hat furchtbar geschadet. Die Herrenclique bedient sich zynisch des Auslandes . . . Mittags beim Führer. Er ist gleichmäßig ruhig. Aber er paßt auf . . .

29. Juni 1934

Mittwoch: Die Lage wird immer ernster. Der Führer muß handeln. Sonst wächst uns die Reaktion über den Kopf . . . Donnerstag: . . . Heute morgen Anruf vom Führer, gleich nach Godesberg fliegen. Es geht also los. In Gottes Namen. Alles ist besser als dieses furchtbare Warten. Ich bin bereit.

1. Juli 1934

Freitag: . . . Es muß gehandelt werden. Führer kommt um 4h. Er ist sehr ernst. Gibt mir gleich ausführlich Bericht: Samstag handelt er. Gegen (SA-Stabschef Ernst) Röhm und seine Rebellen. Mit Blut. Sollen wissen, daß Auflehnung Kopf kostet. Ich stimme zu. Wenn schon, dann rücksichtslos. Beweise, daß Röhm mit (Andre) Francois-Poncet (französischer Botschafter in Berlin), (Ex-Reichskanzler Kurt von) Schleicher und (Gregor) Straßer (Hitler-Rivale) konspirierte. Also Aktion!

Der Führer ist nach seinem Entschluß sehr ruhig. Wir verbringen den Tag in Verhandlungen. Keiner darf etwas merken. Aussprache mit (Viktor) Lutze, dem neuen Stabschef. Er ist gut . . . Führer gespannt, aber ganz solide. Schweigen unter uns. Telephon von Berlin: die Rebellen rüsten. Also keine Zeit verlieren . . . Dann ab nach Wiessee. Chronologie: Wiessee Verhaftung. Führung sehr tapfer. Chef (Hitler) glänzend. (SA-Obergruppenführer Edmund) Heines jämmerlich. Mit einem Lustknaben. Röhm behält Haltung. Alles reibungslos. Zurück nach München . . . Alarmnachrichten. Aber alles ruhig . . . Etwas Essen. Dann Aufruf an das Volk. Keine Minute Schlaf.

Aus Berlin: Straßer, tot, Schleicher tot, (Papen-Vertrauter Herbert von) Bose tot, (Ministerialdirektor Erich) Klausener tot. München 7 S.A. Führer erschossen. Darunter (Röhm-Adjutant Karl) Ernst, der in Berlin fällt. Strafgericht.

Zurück nach Berlin. Führer ganz groß gewesen. Riesenempfang. Alles in Begeisterung. Göring berichtet. In Berlin programmgemäß. Keine Panne als die, daß auch Frau Schleicher mitfiel. Schade, aber nicht zu ändern . . .

Sonntagmorgen: alles in Ordnung. Volk ruhig und viel Begeisterung. Hitler hat an Ansehen kolossal gewonnen. Wir haben der Pest den Kopf abgehauen. Alpdruck fällt von uns ab . . .

4. Juli 1934

Jetzt hat man wieder Überblick. Ereignisse haben sich in dramatischer Zuspitzung abgespielt. Das Reich stand vor dem Abgrund. Der Führer hat es gerettet.

Sonntag. Mittags gleich zum Führer. Er ist wohlauf, etwas blaß von der Verantwortung und der Bitterkeit, die er in sich trägt . . . Executionen fast fertig. Einiges noch nötig. Das fällt schwer, ist aber nötig . . . Noch ein letztes Handeln, dann ist alles ausgestanden. Es fällt schwer, ist aber nicht zu umgehen. 20 Jahre muß jetzt Ruhe sein. Den ganzen Nachmittag beim Führer . . . Mit größtem Ernst werden die Todesurteile gefällt. Alles in allem etwa 60.

Röhm werden mit einer Pistole zweimal 20 Minuten gegeben. Er nützt sie nicht aus und wird dann erschossen. Damit ist alles ausgestanden. Das Volk ist ganz auf unserer Seite. Eine grenzenlose Begeisterung geht durchs Land. Die Rebellen haben das Volk ganz falsch eingeschätzt . . .

(SS-Gruppenführer »Sepp") Dietrich berichtet über Executionen. Ganz bleich. Wir eignen uns nicht zum Henker. Schwere Pflicht. Immer mehr Scheußlichkeiten kommen von Röhm heraus. Man hat kein Mitleid mehr . . .

Montag: (Pressechef Walther) Funk gibt ausführlich Bericht über Neudeck. Der alte Herr (Reichspräsident Paul von Hindenburg) hat sich fabelhaft benommen. Selbst im Fall Schleicher und Papen. Ein richtiger Soldat! . . .

Beim Führer. Wieder ein Schwarm von Neuigkeiten. Aktion abgeschlossen. Liste von 60 Hingerichteten. Furchtbare Verluste. Fabelhaftes Telegramm von Hindenburg an den Führer. »Sie haben Deutschland gerettet.« Der alte Herr ist bewundernswert. Nun höre gottlob das Schießen auf. Und die S.A. darf nicht allzu sehr geknickt werden. Vor allem nicht von der Polizei . . .

Dienstag: Kabinett: Führer gibt Bericht. Sehr eindringlich. Alle auf seiner Seite. Mitten drinnen kommt Papen, ganz gebrochen. Erbittet Dispenz. Wir erwarten alle seinen Rücktritt. Seine Leute sind alle erschossen. Auch Edgar Jung. Der hat's verdient . . . Der Führer nach Neudeck zum Bericht . . .

6. Juli 1934

Beim Führer. Große Gesellschaft. Führer berichtet mir: Hindenburg war knorke. Der alte Merr hat Format . . . Auch (SA-Brigadeführer Karl) v. Wechmar erschossen . . . Schicksal. Opfer der Revolution . . . *HINWEIS: Im nächsten Heft Tagebuchschreiber Goebbels über den Hitler/Stalin-Pakt und die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs - Alliierte Invasion in der Normandie 1944

Joseph Goebbels

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