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MISSBRAUCH Der Pfarrer und die Madln

In Simbach am Inn bat eine Mutter den Pastor, er möge auf ihre 14-jährige Tochter aufpassen. Der verstand das auf seine Weise. Für die Mutter begann ein einsamer Kampf - gegen die Kirche und den halben Ort. Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 44/2000

Das schreckliche Mädchen ist die berühmteste Bürgerin Passaus. Es mischte Niederbayern auf, als es für einen Aufsatzwettbewerb den »Alltag im Dritten Reich« in ihrer Heimatstadt zu erforschen begann, gegen Wände anrannte und sie niederriss. Regisseur Michael Verhoeven hat »Das schreckliche Mädchen« 1988 verfilmt, und wie einsam sich jene Anna Rosmus damals gefühlt haben muss, das kann Heidi Schmideder ziemlich gut nachfühlen.

Die Schulsekretärin Heidi Schmideder, 42, kommt aus Passau und wohnt seit neun Jahren rund 50 Kilometer weiter in Simbach am Inn. Sie sitzt, rote Locken, roter Pullover, in ihrem kleinen Wohnzimmer mit Blick Richtung Österreich, als sie von dem Buch erzählt, an dem sie arbeitet und mit dem sie warnen will.

Dann erzählt sie ihre Geschichte. Der Tag, an dem alles begann, jene Affäre, die Heidi Schmideder zur schrecklichen Simbacherin machen sollte, war ein Tag im Juli 1997.

Dass der damals 43-jährige evangelische Pfarrer, den Schmideder in ihrem Buch »Bernhard Sachse« nennt, ihre Tochter, die »Katharina« heißt, zum Spaghetti-Essen eingeladen hat, findet die Mutter damals ungewöhnlich, aber nicht beunruhigend; sie hatte den Pastor ja selbst gebeten, besonders auf Katharina aufzupassen.

Dass die Ehefrau und die drei Söhne des Pastors im Urlaub sind, fällt Heidi Schmideder allerdings erst wieder ein, als ihre damals 14-jährige Tochter seit zweieinhalb Stunden fort ist. Und deshalb radelt die Mutter in die Albert-Seidl-Straße zum Pfarrhaus.

Katharinas Fahrrad liegt im Gebüsch, die Jalousien sind heruntergelassen. Heidi Schmideder klingelt, niemand öffnet. Sie rennt ums Haus, schwitzt, wird panisch, da drinnen ist ihr Kind! Sie läutet Sturm, und nach 15 Minuten öffnet der Pfarrer, und sagt: »Ach, du bist das! Läutest du schon lange? Du musst entschuldigen, aber wir haben Musik aufgelegt.« Draußen aber war kein Ton zu hören gewesen.

Und da ist er: der erste Verdacht. »Hat er dich angefasst«, fragt die Mutter. »Ach Mama, was du schon wieder denkst«, antwortet die Tochter, »so was macht doch der Berni nicht.«

Wochenlang bekämpft Heidi Schmideder ihre Gedanken. Die Tochter leugnet weiter, und der eigenen Tochter muss eine Mutter doch vertrauen. Warum aber schenkt der Herr Pfarrer Katharina getragene Boxershorts? Wieso überreicht er der allein erziehenden Mutter Kalender mit Fotos von Katharina, auf denen das Mädchen geschminkt und im schulterfreien Top auf einem Bett liegt?

Als Heidi Schmideder endlich, viel zu spät, an ihren Verdacht zu glauben begann, musste sie den Kampf gegen halb Simbach aufnehmen: Der evangelische Kirchenvorstand schützte seinen Pastor; die Polizistin hatte keine Termine frei; Eltern, die von Sachse getraut worden waren und ihn jeden Sonntag so leidenschaftlich predigen hörten, entschieden sich für die Ruhe im Ort und gegen den Skandal. Und damit gegen ihre Töchter, die laut eigenen Aussagen ebenfalls missbraucht worden waren.

Eineinhalb Jahre dauerte es, bis Schmideder Pfarrer »Sachse« überführt hatte und die knapp 10 000 Simbacher an jenem Problem nicht mehr vorbeikamen, das evangelische und katholische Funktionäre gleichermaßen fürchten: Sexueller Missbrauch durch Geistliche ist Sprengstoff, weil eine Affäre wie die von Simbach Glauben, Vertrauen und Moral erschüttert und damit so ziemlich alles, was wacklige Kirchengemeinden noch zusammenhält.

Heidi Schmideder hat ihr Buchmanuskript »Gottes Kinder für den Pfarrer« genannt, und natürlich halten ihr die Simbacher vor, nun die eigene Tochter zur Schau zu stellen. »Das Buch muss sein, weil unser Fall keine Ausnahme ist«, sagt sie. Denn auch in Gemeinden im Emsland und bei Heilbronn sprachen Kirchgänger im Sommer über wenig anderes als die Sünden ihrer Geistlichen. Und in Sonnefeld im Kreis Coburg kam es zum größten anzunehmenden Eklat, als der Familienvater Gheorge Cionoiu vor mehr als eineinhalb Jahren während des Hochamtes zum Altar schritt und den Betenden mitteilte: »Der Mann, der das Wort Gottes verkünden sollte, hat meinen Sohn mehrere Male missbraucht.« Jener Mann war der katholische Pfarrer Wolfdieter W., mittlerweile zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

In Simbach am Inn war Pfarrer Thomas B., dem Heidi Schmideder in ihren Erinnerungen den Namen Bernhard Sachse gegeben hat, einer, der das Dorf oder zumindest seine 2400-köpfige Kirchengemeinde zusammenhielt. Er fischte die Jugendlichen von der Straße. Sie spielten Theater und er auf der Bühne den Teufel; Grillfeste mit Übernachtungen organisierte er, Badeausflüge, Kegel-, Spiel- und Filmabende. Dass da Horror- und Sex-Videos gezeigt wurden, wussten die Eltern nicht, und sie hatten keine Ahnung davon, dass der nette Berni mit dem blonden Wuschelkopf beim Toben und Kitzeln nur seine Unterhose vom TSV 1860 München trug und ganz gern mal unter den Bettdecken der Madln verschwand.

Eine Freundin ihrer Tochter, im Buch Sieglinde genannt, erzählte Heidi Schmideder dann, dass Pastor und Tochter bei einer Ferienfreizeit im Haus zurückblieben, wenn die anderen schwimmen gingen. Und dass »der Berni« einmal »so komisch auf Katharina draufgelegen« habe.

Zweimal pro Woche, die Mutter erledigte im Schulsekretariat die Post, parkte der blaue Kirchenbus in der Nähe des Hauses der Schmideders. Die Nachbarn staunten, aber sie sagten nichts. Es kam vor, dass Heidi Schmideder die Wohnungstür aufschloss und drinnen den Pfarrer seltsam verrenkt vorfand. »Mir ist schlecht geworden«, sagte er und machte die Hose zu.

Das hätte ihr natürlich reichen müssen. Eigentlich. Aber natürlich wollte sie es nicht glauben. »Berni ist wie ein Vater zu mir«, sagte Katharina, »kann es sein, dass du nur eifersüchtig bist?« »Auf ihn?« »Nein, auf mich. Weil du ihn nicht gekriegt hast.« Dann schwiegen sie wieder für ein paar Wochen.

Einmal kam der Pastor ins Schulbüro und fragte: »Sag mal, was höre ich denn da? Was denkst du von mir? Hältst du mich für so ein Schwein?« Einen Brief reichte er nach: »Für mich ist Freundschaft nicht nur Gaudi und Freizeitgestaltung.« Er könne seine Freundschaft nur anbieten.

So vergingen Monate, ehe Heidi Schmideder den Mut zum offenen Gespräch fand. Am 25. Januar 1999 fragte sie den Pastor nach seinen Boxershorts, die seine Tochter im Schrank hatte. »Das ist etwas, was schon hart an der Grenze ist«, sagte der, »aber die haben ihr halt so gut gefallen, da habe ich gesagt, sie soll sie behalten.« Er liebe Katharina eben wie jene Tochter, die er, Vater dreier Söhne, sich immer gewünscht habe, und er »würde doch so ein Vertrauensverhältnis von den Eltern niemals ausnutzen«.

Ob sie mal mit seiner Frau reden könne? »Das würde mich wieder wahnsinnig zurückwerfen. Ich hab dir ja schon anvertraut, dass unsere Ehe nicht die beste ist.«

Alles, was sie über sexuelle Gewalt finden konnte, las die Mutter. Sie lernte, dass Missbrauch von Minderjährigen so funktioniert, dass die Kinder zu Geheimnisträgern und deren Eltern damit zu Gegnern gemacht werden; dass die Täter die Rolle der Wissenden, der Aufklärer, der Lehrer übernehmen und sich Liebe mit Geschenken kaufen; und dass dann, wenn alles hochkommt, der Täter zum Opfer und das Kind zum Täter wird.

»Sie wollte es ja selbst. Sie hatte schon was davon.« »Nicht mal ein Pfarrer kann immer widerstehen.« Noch heute sagen Menschen, die auf der Münchner Straße in Simbach einkaufen gehen, diese Sätze.

Damals schlossen sich die Reihen schnell. Warum sie ihr Kind nicht aus der Jugendgruppe genommen habe, soll die Kriminalbeamtin, die im Buch Frau Weingeist heißt, gefragt haben. »Geben Sie auf, geben Sie Ruhe, Sie haben keine Chance«, habe Frau Weingeist dann gesagt, »hier haben andere Leute das Sagen.« Katharinas Vertrauenslehrer riet der Mutter: »Bitte kein Aufsehen«. Und selbst die Mutter von Katharinas bester Freundin meinte nur: »Eine Anzeige wegen Missbrauchs, wie konntest du nur? Sie haben ja wohl beide was davon gehabt.« Also schrieb Heidi Schmideder an den Kreisdekan und bekam eine dreizeilige Antwort. Kernaussage: »Wir wollen der Angelegenheit weiter nachgehen.« Nichts passierte.

Doch eines Abends steht Katharina daheim am Herd und bräunt Sonnenblumenkerne und weint. »Ich kann nicht mehr«, sagt sie, »was willst du wissen?« Und endlich beichtet sie.

Angefangen hatte es zwei Jahre zuvor, als Katharina gerade 14 geworden war. Pfarrer Sachse habe die Tochter zur kranken Mama ins Hospital gebracht und auf dem Rastplatz geküsst. Während der Ferienfreizeiten sei er unter ihre Bettdecke geschlüpft, und dann, nach zehn Monaten, habe er mit ihr geschlafen. Einmal, immer wieder. Sie wählten Betten, die nicht knarrten, und sie taten es spät in der Nacht oder früh am Morgen. Verhütet habe er mit Kondomen, die er in leeren Zigarettenschachteln gehortet habe.

Der Pfarrer gibt alles zu; nun kann keiner mehr zurück: Das niedliche Simbach, Stoiber-treu und bayerisch rein, hat seinen Skandal. Der Ort will den Schmuddelkram auch bewältigen - auf bayerische Art.

Frau Sachse ruft an und sagt: »Sie zerstören meine Familie.« Ein Anwalt erscheint und schlägt einen Handel vor: Die Kirche sei eingeweiht, Sachse würde nie wieder eine Robe anziehen; Bedingung: Katharina dürfe nicht bei der Polizei aussagen, da es natürlich auf keinen Fall einen Prozess geben könne. Der Kreisdekan schreibt und erklärt die Befragung weiterer Personen für überflüssig.

Doch Heidi Schmideder will nicht verhandeln; immer wieder haben ihr selbst Freundinnen und Nachbarn gesagt, dass ja wohl ihre Tochter, diese Lolita, den armen alten Mann verführt habe. Die Mutter gilt in Simbach längst als rachsüchtig und hysterisch, und das ist sie auch - doch welche Mutter könnte im ähnlichen Fall besonnen und strategisch handeln? »Ich konnte doch nur noch nach vorn fliehen«, sagt Schmideder.

Also sucht sie nach den anderen Mädchen, nach jenen Opfern, die vor und nach Katharina mit dem Pfarrer auf den Matratzen im Keller des Pfarrhauses, zwischen Billardtisch und Kicker, gelegen haben. Es ist keine schwierige Suche: In Wahrheit kennen viele im Ort die Geschichte, und jeder weiß ein bisschen was.

Eines der Mädchen ist die Tochter eines Kirchenvorstands. Der fragt: »Was wollen Sie denn von mir?« - »Ich würde gern mit Ihnen über meine Tochter und den Pfarrer reden.« - »Dafür besteht kein Anlass. Ich bin ausreichend informiert.« - »Er hat sich doch auch schon mal an Ihre Tochter rangemacht.« - »Das hat sich aber damals ganz anders dargestellt.« - »Warum haben Sie damals nichts unternommen?« - »Ich halte diese Unterhaltung für überflüssig.«

Ein Oberkirchenrat, schreibt sie, bietet Geld: »Verreisen Sie. Die Kirche zahlt alles.« Die evangelische Landeskirche bestreitet, jemals Schweigegeld offeriert zu haben.

Heidi Schmideder macht weiter und trifft Anwälte, Zeugen. Am 24. April 1999 wird Pfarrer Sachse suspendiert. Ein Kirchenvorstand hält einen Wortgottesdienst und lässt für den Pfarrer beten.

Am 9. Juni 1999 wird Katharina vom innerkirchlichen Untersuchungsausschuss befragt. Es sei nie einfach, wenn eine harmonische Beziehung in die Brüche gehe, sagt der Untersuchungsführer.

»Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter 16 Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung anvertraut ist, vornimmt ... wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft«, heißt es in Paragraf 174 des Strafgesetzbuches.

Am 19. April dieses Jahres verhandelt das Amtsgericht Eggenfelden den Fall »Sachse« (AZ 1 LS 10 JS 15769/99). Obwohl Heidi Schmideder mehrere betroffene Mädchen gefunden hat, kommt nur der Missbrauch an Katharina zur Sprache.

Eine Strafe von zwei Jahren Gefängnis würde dem Geistlichen die »pastorale Wiederverwendung« verbauen; Gericht und Anwälte verhandeln über das Maß. Sachse legt ein umfassendes Geständnis ab; zweifellos habe er seine Fürsorgepflicht verletzt, »aber es war eben auch eine echte Liebesbeziehung von einem jungen Mädchen und einem Mann, der sich nach der Geburt seines dritten Kindes an den Rand gedrängt sah«, sagt sein Rechtsanwalt Jürgen W. Heike. Das Urteil: ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung.

Der Verurteilte, der über den Fall nicht sprechen mag, »da das kirchliche Disziplinarverfahren noch läuft« (Heike), ist mit seiner Familie fortgezogen. Seine Frau arbeitet als Pfarrerin und er im Büro eines Dekanats.

Heidi Schmideder und ihre Tochter sind in Simbach geblieben - die Mutter eine Aussätzige, die Tochter ein hübsches Mädchen mit einem gleichaltrigen Freund.

Man kann nicht sagen, dass Katharina ihrer Mutter dankbar wäre. »Was«, fragt Heidi Schmideder, »hätte ich tun sollen?«

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