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»Der Präsident weiß genau, was er will«

Reagans früherer Außenminister Alexander Haig schrieb seine Memoiren Nun weiß man es aus erster Hand: Nicht der Präsident regiert in Washington, sondern der Beraterstab des Weißen Hauses, Bürokraten ohne Vision oder auch nur politische Erfahrung, aber mit einem ausgeprägten Sinn für Intrigen und den eigenen Nachruhm. Das schreibt Alexander Haig, knapp anderthalb Jahre lang Ronald Reagans erster Außenminister, in seinen Memoiren, aus denen der SPIEGEL Auszüge veröffentlicht (Seite 186). *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Juni 1974, Gipfel in Moskau. Im Gefolge des bereits durch Watergate schwer angeschlagenen US-Präsidenten Richard Nixon befehden sich die beiden Nixon-Mitarbeiter, ohne die nichts mehr geht in Washington: Henry Kissinger, als Secretary of State Zar der amerikanischen Außenpolitik, und Alexander Haig, als Stabschef des Weißen Hauses Lenker des Regierungsalltags.

Wer, darum geht es, soll im Kreml die Suite gleich neben der des Präsidenten beziehen? »Es war«, so Kissinger später in seinen Memoiren, »wie der Streit um die besten Plätze am Kapitänstisch der ''Titanic'', nachdem das Schiff den Eisberg gerammt hatte.«

Den Kampf im Kreml gewann Alexander Haig, der wichtigste Mann des Stabes triumphierte über den wichtigsten Mann des Kabinetts - verdrängte diese Erfahrung offenbar aber im Laufe der Jahre.

Denn als der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Haig im Januar 1981 selbst als Außenminister ins State Department einzog, war er zunächst verblüfft, dann verbittert darüber, daß die neuen Männer im Weißen Haus ihren Ronald Reagan nun ebenso eifersüchtig abschirmten, wie er einst als Stabschef Richard Nixon unter Verschluß gehalten hatte.

Schlimmer noch: Während Nixon auch in seiner von Alkohol und Depressionen gezeichneten Schlußphase wenigstens gelegentlich noch das Verlangen verspürt hatte, direkt mit seinem Außenminister zu kommunizieren, war Reagan von Anfang an am täglichen Regierungsgeschäft so gut wie nicht interessiert. Er hatte, während des Wahlkampfes bereits, die allgemeine Marschrichtung angegeben - gegen den Kommunismus -, und solange niemand vom rechten Pfad abwich, war''s der Präsident zufrieden.

Der Außenminister aber nicht. Denn in dem Maße, in dem sich Ronald Reagan in die Rolle des über dem Alltag stehenden Landesvaters zurückzog, wuchsen Einfluß, Macht und Selbstbewußtsein der Männer um ihn, und die waren vielleicht gute Bürokraten, keineswegs aber erfahrene, auch von den Ministern respektierte Politiker.

Alexander Haig, von Natur aus impulsiv, als Ex-General ohnehin ans Kommandieren gewöhnt und gerade von einer Bypass-Operation genesen (nach der manche Patienten angeblich besonders intolerant und jähzornig werden), begehrte also auf, forderte direkten Zugang zu Ronald Reagan. Der bescheinigte ihm zwar mehrmals wortreich und öffentlich, daß in Fragen der Außenpolitik tatsächlich der Außenminister der Sprecher der Regierung sei, Haig selbst ernannte sich sogar zum »Vikar« der US-Außenpolitik - doch es half nichts.

Im Intrigenspiel der US-Zentrale stand der Minister, obwohl unter Nixon erst als militärischer Gehilfe des Sicherheitsberaters Kissinger, dann als dessen Stellvertreter und schließlich als Stabschef des Präsidenten bestens geschult, von vornherein mit den schlechteren Karten da: *___Als früherer Kissinger-Mann war Haig ein Relikt aus ____jener Entspannungs-Vergangenheit, die Reagan und dessen ____rechte Freunde beendeten. *___Als früherer Nato-OB besaß Haig in Fragen der Außen-, ____Verteidigungs- und Sicherheitspolitik einen Erfahrungs- ____und Wissensvorsprung, der bei den Bürokraten Neid ____erregen mußte. *___Als Sohn der Europa zugewandten amerikanischen ____Ostküste, der obendrein noch mehrere Jahre lang in ____Europa gelebt hatte, war und blieb Haig ein Außenseiter ____in dem nach Washington verpflanzten kalifornischen ____Klüngel; anders als etwa Reagans Chefberater Edwin ____Meese, Verteidigungsminister Caspar Weinberger oder ____Haigs erster Stellvertreter William Clark konnte er ____nicht auf eine jahrzehntelange Bekanntschaft oder gar ____Freundschaft mit dem Präsidenten verweisen.

Wie der kalifornische Klüngel die Macht usurpierte, wie er Ronald Reagan zeitweise - wohl kaum ohne das Einverständnis des alten Herrn - zur kopfnickenden Galionsfigur der Wende a la USA degradierte, wie dabei die amerikanische Außenpolitik zur »Achterbahnfahrt«

(so der Kongreßabgeordnete Benjamin Rosenthal) verkam, auf deren Kurs der Außenminister bald so wenig Einfluß hatte, daß er schon nach nicht einmal 18 Monaten aus dem Amt schied - das hat dieser Außenminister jetzt im Detail beschrieben: in einem Memoirenband mit dem nur für Lateiner auf Anhieb verständlichen Titel »Caveat«. _(Alexander M. Haig, Jr.: »Caveat«; ) _(Macmillan, New York; 384 Seiten; 17.95 ) _(Dollar. - »Caveat« (wörtlich: Man hüte ) _(sich) ist im englischen ) _(Gerichtsverfahren die Aufforderung, ) _(einen Prozeß auszusetzen, bis die ) _(Gegenseite gehört worden ist. )

Als Caveat, als Warnung an den Präsidenten, als Einspruch gegen die Art, wie in Reagans Weißem Haus Politik, Außenpolitik vor allem, gemacht wird, will der Ex-Minister sein Buch verstanden wissen; denn noch - so Haig zum SPIEGEL - sei es »nicht zu spät«, noch könne der Präsident durch entschiedenes Durchgreifen alles zum Besseren wenden - ein zweifelhafter Optimismus.

Wohl hat der Präsident seinen »inneren Kreis« mehrmals verändert - erst ersetzte er seinen Sicherheitsberater Richard Allen, der nicht zum kalifornischen Klüngel gehörte, durch seinen Vertrauten William Clark; dann beförderte er Clark zum Innenminister; schließlich diente er der Nation seinen Chefgehilfen Edwin Meese als neuen Justizminister an (SPIEGEL 12/1984).

So wurde aus der Troika in Reagans Umgebung, dem »dreiköpfigen Ungeheuer« (Haig) der ersten Reagan-Tage - Meese, Baker, Vizestabschef Deaver -, zunächst eine Quadriga und dann ein Tandem.

Doch bewirkt hat das wenig. Auch in ihren neuen Amtsstuben haben die Helfer von gestern unverändert das Ohr des Präsidenten, mischen sie mit, wo immer es geht, und so hat Reagans zweiter Außenminister, George Shultz, anders als Haig gewiß kein von einem überlebensgroßen Ego getriebener Politiker, derzeit an der Spitze des Außenministeriums beinahe dieselben Probleme wie Vorgänger Haig.

Dessen Leidensgeschichte begann praktisch schon am ersten Arbeitstag. Vielleicht, um seinen eigenen Parcours so großräumig wie möglich abzustecken, vielleicht aber auch, weil er aus Erfahrung um das Machtbewußtsein und die Intrigen von Präsidentenberatern wußte, hatte Haig - so schreibt er jetzt - gemeinsam mit seinen beiden künftigen Kabinettskollegen Weinberger (Verteidigung) und Casey (CIA) ein Papier ausgearbeitet, das bis ins letzte Detail festlegte, wer in der Außenpolitik was zu sagen haben sollte - Haig natürlich am meisten. Das einzige, was noch fehlte, war die Unterschrift des Präsidenten.

Doch Ronald Reagan hat das »National Security Decision Document 1« vermutlich nie zu Gesicht bekommen. Die Reagan-Riege ließ es verschwinden - und bis auf den heutigen Tag gibt es keine klare Kompetenzverteilung etwa zwischen dem Sicherheitsberater, dem Verteidigungsminister, dem CIA-Chef und dem Außenminister.

Das Fehlen solcher Richtlinien aber, so Haig, führte dazu, daß sich beinahe jeder Reagan-Mitarbeiter berechtigt fühlte, »im Namen des Präsidenten« Erklärungen zur Außenpolitik abzugeben.

Nicht einmal unter Carter hatte Washington derartige Kaskaden einander _(Mit Präsident Nixon 1973. )

widersprechender Analysen und Belehrungen ausgestoßen, war die Außenpolitik der Vormacht des Westens eine solche Folge von »Korrekturbewegungen« (so 1981 Bonns damaliger AA-Staatssekretär van Well) gewesen, hatten Kompetenzgerangel und Eifersüchteleien zu einem solchen Chaos geführt.

Da suchte der Außenminister im Falklandkrieg zu vermitteln, pendelte - neuer Strecken-Weltrekord für Vermittler - bis zur physischen Erschöpfung hin und her zwischen Buenos Aires, London und Washington - und erfuhr nichts davon, daß Kollege Weinberger den Briten längst die totale Unterstützung der USA angeboten hatte, bis hin zur Überlassung des amerikanischen Flugzeugträgers »Guam«.

Da suchte der Außenminister die großen Vereinfacher im Weißen Haus und im Pentagon davon zu überzeugen, daß zwar hinter manchem, aber keineswegs hinter jedem Busch ein Kommunist hocke, und wurde sofort durch gezielte Indiskretionen öffentlich verdächtigt, eine »Taube« zu sein.

Wenn der Präsident, auf Drängen seiner kalifornischen Berater, einen Beschluß von außenpolitischer Bedeutung faßte, wurde der Außenminister kaum je konsultiert, erfuhr er davon häufig erst von Außenstehenden oder aus den Zeitungen, etwa als Reagan, an Haig vorbei, den Vizepräsidenten George Bush zum Krisen-Koordinator der Regierung ernannte.

Unabhängig davon, daß dem Vizepräsidenten für eine solche Aufgabe kein geeigneter Apparat zur Verfügung steht, empfand Haig diese Entscheidung Reagans als derart schwere persönliche Brüskierung, daß er sogleich - und da war er gerade zwei Monate im Amt - ein Rücktrittsgesuch diktierte. Er legte es freilich nie vor: Ronald Reagan beschwichtigte ihn persönlich, ohne jedoch seine Entscheidung zu revidieren.

Ein paar Tage später nur ernannte sich Alexander Haig selbst zum Krisenmanager auf Zeit: Als Ronald Reagan, von dem Attentäter John Hinckley getroffen, auf dem Operationstisch lag und Vize Bush auf einer Dienstreise irgendwo im amerikanischen Luftraum schwebte, trat der Außenminister, sichtlich außer Atem, Schweißperlen auf der Stirn, vor die Presse und verkündete: »Verfassungsmäßig, meine Herren, kommt erst der Präsident, dann der Vizepräsident, dann der Außenminister, in dieser Reihenfolge ... Ab sofort übernehme ich hier im Weißen Haus die Kontrolle.«

Mit sardonischem Lächeln fügte Haig noch hinzu, als Nachsatz gewissermaßen: »Das Krisenmanagement ist in Kraft.«

Seine Widersacher vergaben ihm das nie, obwohl sie, so Haig in seinen Memoiren, genau wußten, daß Atemlosigkeit und Transpiration nicht auf die greifbare Nähe der Macht, sondern darauf zurückzuführen waren, daß er im Laufschritt aus dem Lagezentrum des

Weißen Hauses hinaufgehastet war in den Presseraum, um zu verhindern, daß der über keinerlei Details des Attentats informierte stellvertretende Pressesprecher Larry Speakes ("Dazu kann ich nichts sagen ...") noch weiteres Unheil anrichtete.

Spätestens seit jenem Tag hatte Alexander Haig bei seinen Widersachern verspielt. Zwar konnten sie nicht verhindern, daß er sich gelegentlich, selten genug kam es vor, mit seinen Vorstellungen behauptete - etwa, als er Ronald Reagan veranlaßte, die Sorgen und Bedenken der Europäer wegen der Nachrüstung nicht einfach als kommunistisch gesteuerten Pazifismus abzutun, und überhaupt einen amerikanischen Vorschlag in die Genfer Gespräche über atomare Mittelstreckenwaffen einzubringen. Doch meist war es nur eine Frage von Tagen, bis die Rivalen zum Gegenschlag ausholten.

Schließlich glaubte Alexander Haig nur noch, die außenpolitischen Vorstellungen seines Präsidenten zu vertreten, und behauptete wacker: »Der Präsident weiß genau, was er will und welchen außenpolitischen Kurs er einschlagen will.« Wissen konnte Alexander Haig das nicht, denn die Mauer um Ronald Reagan wurde für ihn immer undurchdringlicher; ins Oval Office ohne einen der Vorzimmer-Aufpasser vorzustoßen war praktisch unmöglich.

Zum Bruch kam es dann, als die Kalten Krieger im Juni 1982 Haigs Abwesenheit von Washington nutzten, um hinter seinem Rücken eine ihrer Lieblingsideen zu verwirklichen, von denen sie wußten, daß der Europa-Freund Haig sie entschieden ablehnte: das Embargo gegen die sowjetisch-westeuropäische Erdgas-Pipeline.

Zurück in der Hauptstadt, begehrte Haig eine Audienz beim Präsidenten und trug ihm nun eine lange Liste seiner Klagen einschließlich Rücktrittsangebot vor. Reagan reagierte erst einen Tag später - er zitierte Haig zu sich und offenbarte ihm, er nehme die Demission an.

In seinem schriftlichen Rücktrittsgesuch, das er anschließend verfaßte, formulierte Haig, die Außenpolitik der USA weiche zunehmend »von dem Kurs ab, den wir gemeinsam mit aller Sorgfalt abgesteckt hatten«.

Als er ging, forderte Richard Holbrooke, bei Carter Unterstaatssekretär im State Department: »General Haig muß jetzt, wie Luther, seine Thesen an die Tür nageln« und »offen und mit seinen eigenen Worten« erklären, warum er ausgerechnet in einer kritischen außenpolitischen Situation sein Amt niedergelegt habe.

Für die Formulierung seiner Thesen nahm sich Haig etwa so viel Zeit, wie er an der Spitze des State Department verbracht hatte.

In einer dreiteiligen Serie (siehe Seite 186) veröffentlicht der SPIEGEL Auszüge aus den Haig-Memoiren: »Einspruch, Mr. President!«

Alexander M. Haig, Jr.: »Caveat«; Macmillan, New York; 384 Seiten;17.95 Dollar. - »Caveat« (wörtlich: Man hüte sich) ist im englischenGerichtsverfahren die Aufforderung, einen Prozeß auszusetzen, bisdie Gegenseite gehört worden ist.Mit Präsident Nixon 1973.

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