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KOSOVO Der Preis des Friedens

Kurz vor der endgültigen Entscheidung über die Zukunft des Kosovo wächst im Westen der Provinz die Anspannung. Die Rückkehr zur Gewalt verhindert dort bisher, mit ausdrücklichem Segen der internationalen Verwalter, ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher - Ramush Haradinaj.
Von Renate Flottau und Walter Mayr
aus DER SPIEGEL 6/2007

Noch ist nichts entschieden, noch ist das Kosovo Teil Serbiens. Doch in den Dörfern des Amselfelds und Metochiens wird die Geschichte schon neu geschrieben. Albaner errichten gefallenen Brüdern Heldendenkmäler - Wallfahrtsorte für die Zeit nach der Unabhängigkeit.

Der Flecken Glodjane am Fuß der Verfluchten Berge, des Prokletzje-Massivs, ist so ein Ort. Immer mehr tote UÇK-Kämpfer sind zuletzt auf den Heldenfriedhof umgebettet worden. Die mit Plastikblumen geschmückten Gräber überragt ein Museum in Form einer Kulla, eines traditionellen albanischen Steinhauses mit Fenstern ähnlich wie Schießscharten. Zwei weitere Steintürme entstehen dahinter, zu Ehren des Haradinaj-Clans.

Drei Söhne der Familie liegen bisher auf dem Heldenfriedhof begraben. Ein vierter ist nach Verbüßung einer Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge derzeit wieder auf freiem Fuß. Ein fünfter hat eine Vorladung vor das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag in der Tasche - Kosovos Ex-Premier Ramush Haradinaj.

In und um Glodjane, wo das Kosovo nach Westen gegen Albanien und Montenegro hin ausläuft und das Stammland der albanischen Freiheitskämpfer liegt, gelten Konflikte mit der Obrigkeit und ein Blutzoll, wie ihn die Haradinajs entrichtet haben, als Auszeichnung. Zumal, wenn es gegen die Serben ging, die Zuchtmeister der albanischen Mehrheitsbevölkerung im Kosovo.

Von den Anfängen des Guerillakriegs gegen die Truppen Belgrads 1997 bis heute umgibt das Haus der Haradinajs der Ruf einer Rebellenfestung. Trutzig steht das Bauerngehöft am Ortsrand, wo es mit gekalkten Mauern nach vier Seiten Front macht gegen die Außenwelt. Über der Eingangstür prangt das Wappen der UÇK, der Mitte der neunziger Jahre gegründeten Befreiungsfront für das Kosovo.

Auf mehrmaliges Rufen hin lässt sich ein halbwüchsiger Junge im Flur sehen. Durch den Innenhof führt er in den Salon, wo unter der albanischen Flagge mit dem schwarzen Doppeladler ein Kaminfeuer prasselt. Pflaumenschnaps und Zigaretten kreisen, ehe der Hausherr erscheint.

Hilmi Haradinaj ist ein weißhaariger Patriarch von Anfang sechzig. Er bittet, die »ärmlichen Verhältnisse« zu entschuldigen, in denen er lebt. Fünf Kühe und ein paar Schafe, dazu dieses Haus, mehr sei ihm nach den Zerstörungen im Krieg gegen die Serben nicht geblieben. Dann spricht er davon, dass das Kosovo nun bald unabhängig und die Zeit der Gewalt vorbei sein werde. Auf einen leisen Wink hin füllt der Sohn Pflaumenschnaps nach.

Gastgeberpflichten erledigt Hilmi Haradinaj inzwischen mit einer Mischung aus traditioneller Höflichkeit und professioneller Abgebrühtheit. Mit dem beschaulichen Leben auf dem Bauernhof ist es vorbei, seit Sohn Ramush Karriere gemacht hat - vom Türsteher in einem Schweizer Nachtclub aufgestiegen zum Kommandeur der UÇK und 2004 zum Ministerpräsidenten. Der Hof der Haradinajs hat sich dabei

zu einer Bühne der Geheimdiplomatie im Kosovo entwickelt.

Anfangs, zu Kriegszeiten, konnte es noch vorkommen, dass einem deutschen Oberstleutnant a. D., EU-Beobachter im Kosovo-Krieg, beim Überraschungsbesuch im Innenhof der Haradinajs eine Kalaschnikow in den Bauch gebohrt wurde. Als aber im März 2005 die höchsten Vertreter der Vereinten Nationen und der Nato im Kosovo sich die Ehre geben, da tafelt und trinkt man bereits einträchtig auf dem Bauernhof und beratschlagt mit Ramush Haradinaj, wie der Frieden zu sichern sei.

Die Anklageschrift des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals in Den Haag gegen Ramush Haradinaj und andere, Aktenzeichen IT-04-84, vorgelegt von Chefanklägerin Carla Del Ponte, ist den Spitzenvertretern der demokratischen Wertegemeinschaft im Kosovo an diesem Abend bereits bekannt. Im Schriftsatz ist festgehalten, dass Ramush Haradinaj alias »Smajl« der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 37 Fällen, darunter des Mordes, der Verschleppung und Folter im Kriegsjahr 1998, angeklagt ist.

Festgehalten ist des Weiteren, dass zu den Mitgliedern der von Ramush Haradinaj geleiteten »kriminellen Vereinigung« unter anderem dessen Brüder Daut, Frasher und Shkelzen zählten. Und: dass für Planung und Ausführung der Verbrechen der Familiensitz im Dorf Glodjane zeitweise als Kommandozentrale benutzt worden sei. In unmittelbarer Nähe des Gehöfts sind 32 zum Teil schwerstverstümmelte Leichen von Serben, Roma und Albanern gefunden worden. Haradinaj hat bisher jede Schuld von sich gewiesen.

Dass der damalige Uno-Verwalter Sören Jessen-Petersen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher lange Zeit als »engen Partner und Freund« würdigt, der »für eine bessere Zukunft des Kosovo so viel geopfert und beigesteuert« habe, führt zwar am Ende zu einem Wechsel an der Spitze der Uno-Behörde, nicht aber zu grundsätzlichem Umdenken. Haradinaj macht seit seiner Rückkehr aus Den Haag im Juni 2005, wo das Verfahren gegen ihn vorläufig auf Eis liegt, mit dem Segen der Uno-Mission (Unmik) weiter, als wäre nichts passiert.

Er lässt sich öffentliche Auftritte von der Unmik genehmigen, steuert die kleinere Regierungspartei AAK als Vorsitzender und empfängt in seiner pompösen Residenz am Diplomatenhügel Dragodan von Pristina handverlesene Gäste zu Whisky und Cohiba-Zigarren. Bei einem feierlichen Empfang zu Ehren der Kosovo-Schutztruppe TMK findet er den Promi-Platz zwischen den Gesandten Washingtons und Londons für sich reserviert.

Nicht auszuschließen ist, dass Haradinajs besonnene Stellungnahmen in den vergangenen zwei Jahren dazu beigetragen haben, die Lage in der Provinz unter Kontrolle zu halten. Auszuschließen hingegen ist, dass die internationale Gemeinschaft, durch die Uno-Resolution 1244 verpflichtet, im Kosovo den Schutz der Menschenrechte und die Achtung vor dem Gesetz zu garantieren, nicht weiß, zu welchem Preis sie sich den Frieden erkauft hat.

Ein Bericht der Uno-Polizei im Kosovo bringt Haradinaj mit Kokainhandel in Verbindung. Und in einer Analyse des Bundesnachrichtendienstes (BND) von 2005 heißt es: Die Gruppe um Haradinaj befasse sich »mit dem gesamten Spektrum krimineller, politischer und militärischer Aktivitäten, die die Sicherheitsverhältnisse im gesamten Kosovo erheblich beeinflussen. Die Gruppe zählt ca. 100 Mitglieder und betätigt sich im Drogen- und Waffenschmuggel und im illegalen Handel mit zollpflichtigen Waren«.

Träfe die BND-Analyse zu, hätte sich Haradinaj ganz nebenbei einer der Schlüsselindustrien des Kosovo verschrieben. Das Haushaltsbudget der zu 90 Prozent von Albanern besiedelten Provinz entspricht mit knapp 700 Millionen Euro nach Expertenmeinung gerade einmal der Hälfte der Einnahmen, die im Drogenhandel erzielt werden.

Die ärmste Provinz des ehemaligen Jugoslawien steht bei minimalem Wirtschaftswachstum und einer Arbeitslosenquote von über 40 Prozent vor einem schier unlösbaren Problem - eine immer größere Zahl junger Menschen lebt in einem Landstrich, der nichts produziert. Die Einwohnerzahl hat sich im vergangenen halben Jahrhundert fast verdreifacht. Der Anteil der Exporte am Außenhandelsvolumen liegt lediglich bei knapp sechs Prozent: Außer Metallschrott führt die Provinz - offiziell - so gut wie nichts aus.

Der Vorschlag zum künftigen Status des Kosovo mit seinem Prinzip einer eingeschränkten Unabhängigkeit, den der Uno-Vermittler Martti Ahtisaari am Freitag in Belgrad und Pristina hinterlegt hat, geht vielen jungen Albanern nicht weit genug. Zu groß ist inzwischen der Zorn gegen die internationalen Demokratiesendboten von Uno, Nato, OSZE und EU, die die Provinz seit 1999 faktisch regieren.

»Wish you were not here« steht auf den Aufklebern, die der selbsternannte Volkstribun Albin Kurti mit seiner Bewegung »Selbstbestimmung« seit einiger Zeit verteilen lässt. Die heimlichen Herren des Kosovo, soll das heißen, mögen doch alsbald verschwinden - die Landrover fahrende Internationale aus Verwaltungsbeamten mit doppelter Auslandszulage, die diplomierten Geisteswissenschaftler mit Interesse an fremden Völkern ebenso wie die global erprobten Technokraten mit belastbaren Lösungsansätzen.

Dass sieben irische Manager mit einem Zehn-Millionen-Euro-Vertrag für zwei Jahre ins Kosovo kommen müssen, um die Bilanzen

eines Kraftwerks zu sanieren, mögen die Einheimischen nicht mehr so einfach hinnehmen. Zu offensichtlich nützt das Protektorat im Kosovo denen, die an den Hebeln der Macht sitzen.

»Die Unmik-Leute geben offen zu, dass sie sich in London Apartments von ihren doppelten Gehältern hier kaufen«, sagt der Oppositionelle Kurti. »Und auch Leute wie Haradinaj verdienen am Status quo. Sie werden von der Unmik geschützt, damit sie das Volk im Zaum halten, und dürfen dafür ungestört reich werden.«

Im Kosovo sei noch immer keine zivile Elite entstanden, sagt der ehemalige Exil-Premier Bujar Bukoshi. Mit den Parteiführern Haradinaj und Hashim Thaçi sowie Premier Agim Çeku tummeln sich drei ehemalige UÇK-Rebellenführer am vordersten Rand der politischen Bühne. Die bisher stärkste Partei, die Demokratische Liga des Kosovo, ist in zwei Lager zerfallen und hat ihre auseinanderdriftenden Standpunkte zuletzt mit einer Massenprügelei im Parlament bekräftigt - »ein mühsamer Prozess der Demokratisierung mit Fäusten und Stuhlbeinen«, wie Bukoshi spottet.

Auch er befürworte im Grunde die sofortige Unabhängigkeit Kosovos, sagt der Ex-Premier, andererseits sei mit einer neuen Republik, an deren Spitze Raufbolde oder Rauschgifthändler stünden, auch keinem gedient: »Ich will kein unabhängiges Kosovo, das von Schurken wie Haradinaj regiert wird. Für ein europäisches Land braucht man europäische Menschen.«

Wie es weitergeht mit dem Kosovo nach der endgültigen Entscheidung der Uno, das wird sich nicht zuletzt in Haradinajs Heimat im Westen der Provinz entscheiden. In jenem Landesteil, den die Serben als Metochien, Klosterland, verehren, und den die Albaner nach einem mittelalterlichen Freiheitskämpfer Dukagjini nennen.

Hier liegt das Kerngehäuse des Zankapfels Kosovo, hier prallen Stolz und wilde Sitten der albanischen Bergstämme auf kulturelle Überlieferung und Sendungsbewusstsein der serbischen Restbevölkerung. »Eure Seele ist in unserem Körper«, sagen die Albaner zu den Serben, was so viel heißen soll wie - ihr habt alte Klöster, wir haben junges Volk.

Rund um die Kleinstadt Decani gibt es, bedingt durch die Nähe zu Albanien und großzügige Überweisungen ausgewanderter Familienmitglieder, mehr Geld und Waffen als im Rest der Provinz. Und hier harrt bis heute ein stattliches Aufgebot an UÇK-Veteranen neuer Aufgaben.

»Es wäre für die Gruppierungen in Decani ein Leichtes«, heißt es in einem Bericht der Brüsseler »Crisis Group«, »beträchtliche Kräfte zu mobilisieren, um entweder Unmik anzugreifen oder ein serbisches Einschreiten im Norden Kosovos zu erwidern.«

»Vorhersagen sind schwierig, aber wenn unsere Erwartungen von der Uno nicht erfüllt werden, kann ich nichts ausschließen«, sagt Nazmi Selmanaj, der Bürgermeister von Decani. Er ist einer von denen, auf die es in dieser Gegend ankommen wird, wenn Ramush Haradinaj wie angekündigt im Februar seine Koffer für Den Haag packen muss. Selmanaj kommt aus Glodjane wie die Haradinajs und hat die nötigen Verbindungen in die Machtzentrale. Sein Bruder, Minister in Pristina, hat kurz vor Weihnachten Schlagzeilen gemacht, als er seinen Berater entließ, der im Zusammenhang mit der Beschlagnahme eines Arsenals von Panzerabwehrwaffen, Maschinengewehren und Munition verhaftet wurde.

Öffentlich beschwören alle den Frieden in diesen Tagen, doch die eigentliche Tonlage wird hinter den Kulissen geprobt. So auch beim Festakt für Jusuf Gervalla, den 1982 ermordeten Dichter und Vorkämpfer der albanischen Sache, auf dessen Erbe sich die UÇK-Veteranen berufen. Der Kulturpalast von Decani ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als ein schmaler junger Mann in dunklem Anzug ans Mikrofon tritt.

»Der ehemalige Kommandeur der heldenhaften Brigade Jusuf Gervalla, General Daut Haradinaj«, kann der Moderator gerade noch ins Publikum schleudern, schon richtet der jüngere Bruder von Ramush das Wort ans Volk. Er spricht von Meilensteinen auf dem Weg zur Unabhängigkeit des Kosovo und davon, dass »wir heute diesem Ziel näher denn je sind«.

Beifall im Auditorium. Dass Daut Haradinaj, im März 2006 aus seiner Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge entlassen, aufgrund einer anhaltenden Blutfehde mit einem rivalisierenden Clan aber unter akuter Lebensgefahr, sich wieder öffentlich zeigt, wird als Zeichen von Selbstbewusstsein gedeutet. Und als Signal für die Bereitschaft, in die Bresche zu springen, sollte Bruder Ramush demnächst in Den Haag verurteilt werden.

Draußen, vor dem Kulturpalast, wo Bronzestatuen seiner gefallenen Brüder stehen, lässt Haradinaj sich ins Auto fallen und zu einem versteckt gelegenen Restaurant fahren. Im »Besiana-F« erwartet er am Ehrentisch Ali Ahmeti, den Anführer des Albaner-Aufstands in Mazedonien 2001. Ahmeti ist zur Feier des Tages mit seinem nicht minder berühmten Onkel Fazli Veliu über die Grenze gekommen.

Dass die beiden, bis Mai 2003 wegen Terrorismusverdachts mit Einreiseverbot in die USA belegt, sich nun öffentlich mit UÇK-Veteranen im Kosovo zeigen, folgt patriotischer Logik. Im historischen Gedächtnis der Albaner sind die Staatsgrenzen zwischen ihren Siedlungsgebieten in Albanien, Mazedonien, Kosovo, Serbien, Montenegro und Griechenland als beklagenswertes Ergebnis jahrhundertelanger Fremdbestimmung verankert.

Beim Verlassen des Restaurants nehmen sich Ahmeti und Haradinaj kurz in die Arme. Dann besteigen sie Geländewagen mit getönten Scheiben, während die Leibwächter zur Tarnung einen schwarzen Mercedes S-600 steuern und in die Mitte der Kolonne ein Pritschenwagen eingefädelt wird, von dessen Ladefläche, zwischen Kohlköpfen verborgen, zwei Gewehrläufe in die Luft ragen.

Während sich die Uno noch mit ihrem Ja zur Unabhängigkeit des Kosovo plagt, sind radikale Kräfte in und um Decani in Gedanken längst weiter. »Wir sind alle Albaner, Enver Hodscha war auch unser Präsident«, riefen Demonstranten im vergangenen Jahr vor dem Rathaus bei einer Festkundgebung zum 98. Geburtstag des albanischen Diktators. Danach brachten

sie ein Glückwunschtelegramm an die Witwe des Stalinisten in Tirana auf den Weg.

Wirre Träume von Groß-Albanien oder kühl kalkulierte Provokation? Dass die Hodscha-Gedenkfeier vom gleichen UÇK-Veteranenführer veranstaltet wurde, der auch Protestkundgebungen organisiert, wenn es einem der Haradinajs an den Kragen geht oder die orthodoxen Mönche im Kloster am Stadtrand ein wenig erschreckt werden sollen, das wissen alle in der Stadt. Auch die internationalen Verwalter.

Aber den Hetzer selbst müssen sie sich deshalb nicht vorknöpfen. Noch haben sie Ramush. Den ruft der kommandierende Nato-General persönlich an, wenn auf dem Klostergelände sieben Granaten einschlagen wie 2004. Ramush hilft auch unbürokratisch, wenn die Zufahrtsstraße zum Gelände der Mönche blockiert wird wie im April 2006. Er greift dann einfach zum Telefon, ermahnt die Unruhestifter, alte Kumpel aus gemeinsamen Fronttagen, und der Fall ist erledigt.

Ohne Eskorte wagen sich die Mönche des fast 700 Jahre alten orthodoxen Klosters von Decani seit langem nicht mehr in die Stadt. »Ich bin sehr besorgt, beinahe noch mehr als während des Kriegs«, sagt Vater Sava, der stellvertretende Abt. »Wir würden gern Teil der neuen Gesellschaft sein, aber wie sie aussehen soll, wissen wir nicht. Alles hier wird über Stammeskanäle gelöst, das Recht zählt nichts.«

Unwirkliche Stille umgibt das Klostergelände an diesem Abend. Vor dem zum Unesco-Weltkulturerbe erklärten Kloster haben wie immer italienische Schützenpanzer Stellung bezogen, und während Vater Sava in der Bibliothek von der Zukunft spricht, läuten die Glocken zum Donnerstagsgebet.

Schlag sieben öffnet der Abt im mittleren Raum der Kirche, unter Ikonen aus dem 14. Jahrhundert, bei unruhig flackerndem Kerzenlicht den Deckel zum Sarg von König Stefan, dem 1331 verstorbenen Klostergründer. Weihrauchduft erfüllt die Luft, und unter einer dicken Lage Goldbrokat im Sarg ragt nun sichtbar die Hand des toten Königs hervor - lang, feingliedrig, mit brauner, fast lederner Haut, von der ein goldener Ring absticht.

Vor dem Krieg hat die wundersam erhaltene Hand des mittelalterlichen Königs, die den Gesetzen der Vergänglichkeit zu widerstehen scheint, auch Albaner in die Klosterkirche von Decani gelockt. Inzwischen sind die Serben mit ihrer Reliquie allein - 28 Mönche, 4 alte Flüchtlingsfrauen und ein paar Arbeiter harren aus zwischen den steinernen Mauern.

Ein Albaner immerhin habe in letzter Zeit wegen eines Besuchs anfragen lassen, sagt der Abt des Klosters, und zwar mehrfach - Ramush Haradinaj. Man habe sich allerdings gezwungen gesehen, seine Bitte abzulehnen: »Ein solcher Schritt käme zu früh. Haradinaj hat noch Den Haag vor sich.« RENATE FLOTTAU, WALTER MAYR

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