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SCHISCHAKLI / INTERNATIONALES Der Preuße Arabiens

aus DER SPIEGEL 1/1953

Seit Mitte Dezember tagt in Kairo das Politische Komitee der Arabischen Liga. In den exklusiven Bars der ägyptischen Hauptstadt, wo zu später Stunde elegant uniformierte Offiziere der Delegationen die Debatten des Tages fortsetzen, hört man, daß die Liga nicht nur gegen Westdeutschland (wegen der Israel-Reparationen), sondern auch gegen Frankreich (wegen Tunis und Marokko) den Wirtschafts-Boykott verhängen will.

Es sieht so aus, als ob es dem »starken Mann Syriens«, Oberst Adib Schischakli, gelungen ist, Ägyptens traditionelle Führung in der arabisch-islamischen Politik zu übernehmen. Sein ägyptischer Kollege, General Mohammed Nagib, mußte seine kompromiß-bereite Politik weitgehend korrigieren.

Eine Woche vor der Konferenz hatten sich Mohammed Nagib und Adib Schischakli in Kairo getroffen. Am Silbernen Sonntag vor Weihnachten nahmen sie - beide klein und hager von Statur und einander ähnlich, wie es Soldaten nach langen Jahren des Front- und Garnisondienstes überall sind - die größte Parade der ägyptischen Armee seit Menschengedenken ab.

Der scheppernde Trab von Tausenden von Pferdehufen und die flatternden weißen Burnusse der ägyptischen Wüstenpolizei versetzte die Menge auf dem Freiheitsplatz von Kairo in fiebrige Erregung. Nagib und Schischakli aber lauschten entzückt dem Rasseln der Sherman-Panzer und dem pfeifenden Donnern der Motoren von Ägyptens Flugzeugstaffeln. Als die letzte Lafette vorübergerollt war, wandte sich Oberst Schischakli spontan zu seinem Kameraden aus dem Palästina-Krieg, General Nagib, und umarmte ihn: »Diese Armee ist der Stolz des Orients!«

Der Ägypter mit dem dunklen Teint (einem Erbteil seiner sudanesischen Mutter) quittierte die Begeisterung des kleinen drahtigen Syriers mit einem leise angedeuteten melancholischen Lächeln. Ihm konnte nicht entgangen sein, daß Adib Schischakli mit seiner enthusiastischen Bemerkung Ägyptens Armee für ein größeres Ziel als Ägypten es ist, okkupierte: für den Orient, für »Groß-Arabien«.

In zwei Punkten gibt es unterscheidende Nuancen zwischen den beiden soldatischen sozialrevolutionären »starken Männern« des Orients, die sich sonst so gleichen:

* Nagib ist vorsichtiger als Schischakli; er bewertet die militärische Stärke Ägyptens und der arabischen Staaten wesentlich nüchterner als sein syrischer Kollege,

* Nagib fühlt sich in erster Linie als der Mann, der - möglichst auf dem Verhandlungswege - Ägypten (und erst in zweiter Linie Arabien) von den letzten Resten der britischen Oberherrschaft befreien, den Lebensstandard der verelendeten Fellachen heben und die alten islamischen Sitten wieder herstellen will. Schischakli dagegen ist der Brausekopf der pan-arabischen Revolution.

Schischakli, den man in Damaskus gewöhnlich in einem früher Adolf Hitler gehörenden Mercedes sieht, fühlt sich als der kommende Bismarck der Völker »zwischen dem Indischen Ozean und dem Atlantik« ("Auszug aus dem 31-Punkte-Programm von Schischaklis syrischer Einheitspartei, der .Arabischen Freiheitsbewegung'"). Das Leitmotiv seiner Politik formulierte er kürzlich so: »Ich will aus Syrien das Preußen Arabiens machen.«

Zu diesem Zweck hat sich Schischakli seit 1948 über dreißig deutsche Berater aus dem in Potsdam zerstückelten Preußen verschrieben. Den Anfang hatten der schlesische Panzer-Graf und Brillanten-Träger Hyazinth von Strachwitz und der SS-Standartenführer Rauff (einst Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Mailand) gemacht.

Das war zu einer Zeit, als Schischakli noch glaubte, die Geschäfte des Staates Syrien aus dem Hintergrund leiten zu können.

Damals hatte er den Obersten Husni Zaim zum nominellen Staatschef Syriens

gemacht. Dem aber stiegen die neuen Titel - darunter der eines Marschalls - zu Kopf. Darum ließ Schischakli um 4 Uhr morgens des 14. August im Jahre 1949 sein Panzer-Regiment vor dem Präsidenten-Palast in Damaskus auffahren. Es nützte nicht viel, daß der deutsche Leutnant Lipkau, Chef der Leibwache Zaims, nibelungen-treu um sich schoß. Noch in derselben Nacht wurde Zaim zum Tode verurteilt.

Dann ließ Schischakli eine Weile lang den Obersten Sami Hinnawi regieren. Aber auch der mißfiel ihm dann. Ende 1949 mußte Hinnawi nach dem benachbarten

Libanon flüchten, wo er kurze Zeit darauf ermòrdet wurde.

Zwei Jahre lang führten, genehmigt und doch verachtet von Schischakli, in Syrien die Parlamentarier das große Wort. Dann hatte er es endgültig satt. Er schickte sie in das Gefängnis der nahe Damaskus gelegenen Festung Mezze und regiert seit 1952 Syrien von seinem Zimmer im Generalstabsgebäude als »stellvertretender Ministerpräsident«. Der deutsche Oberst Kriebel und dessen Beraterstab sind ihm dabei auf militärischem Gebiet behilflich - und das laut Schischakli »zu unserer vollen Zufriedenheit«.

Schischaklis Entschluß, Arabien auf preußische Weise mit »Blut und Eisen« zu einen, stammt - wie Nagibs Entschluß, Ägypten von den Korruptionisten zu säubern - aus dem Krieg gegen Palästina (1948-1949).

Dieselbe Welle front-soldatischer Empörung über die Korruption der Etappe spülte in Syrien Schischakli und in Ägypten Nagib in ihre jetzigen Stellungen. Schischakli: »Nur in der Palästina-Frage liegen die Gründe zu den Erneuerungbewegungen in Syrien und Ägypten.«

Der gemeinsame arabische Kampf gegen Israel ist die zündende Parole, mit der Schischakli aus den engen und künstlich gezogenen Grenzen des kleinen Syrien (3 Millionen Einwohner) auf das weite Feld einer großarabischen Politik hinausgelangen will. Deswegen seine Gründung der »Arabischen Freiheitsbewegung«, die er nicht nur als national-syrisches, sondern als allgemein arabisches Anliegen begriffen haben will. Deswegen seine aufpeitschenden Reden gegen Israel: »Im Vorderen Orient gibt es keinen Platz für Araber und Juden gemeinsam. Zwei Alternativen stehen zur Debatte. Entweder werden die Araber in die Wüste gejagt oder die Juden kehren in die Länder zurück, aus denen sie gekommen sind.«

Am Silbernen Sonntag vor Weihnachten fuhren Mohammed Nagib und Adib Schischakli nach beendeter Parade durch die

mit jubelnden Menschen gefüllten Straßen Kairos zum Klubhaus des »Vereins der freien Offiziere«, aus dessen Reihen einst der Impuls zu Nagibs Revolution gegen Faruk gekommen war.

General Nagib hielt eine ägyptisch-nationalistische Rede: »Für Besatzer ist unter uns kein Platz mehr.« Gemeint waren die Engländer in der Suez-Kanal-Zone. Er erntete damit höflich begeisterten Beifall. Frenetischer Jubel aber schlug in der pompösen Halle des Klubhauses hoch, als Schischakli in drei einprägsamen Sätzen seine Meinung sagte:

* »Die Araber bilden eine einzige Nation«;

* »Immer, wenn Damaskus und Kairo sich einig waren, haben die Araber ihre Schlachten gewonnen«;

* »Ich habe das Gefühl, daß General Nagib und ich zwei Körper mit einer Seele sind.«

Die letzte Redner-Floskel Schischaklis wird im interessiert abhörenden israelischen Jerusalem mit einiger Sorge dahingehend gedeutet, daß der maßvolle und nüchterne Nagib von dem hitzigen Schischakli in den großen Gefühls-Strom panarabischer Begeisterung und hemmungsloser Israel-Feindschaft manövriert worden sei. Man weiß in Jerusalem, daß Nagibs Position nicht so fest ist wie am Anfang.

Nagibs vorsichtiges Paktieren mit den Engländern in der Frage der Räumung der Kanalzone und in der Sudan-Frage hat ihm viel »public appeal« gekostet. Desgleichen seine zumindest unklare Haltung hinsichtlich der deutschen Reparationen an Israel. Schischakli ist in dem letzten Punkte viel deutlicher und daher auch für die arabischen Gemüter viel attraktiver: »Wir bedauern, die Deutschen als unsere Feinde betrachten zu müssen, weil die deutsche Regierung uns dazu zwingt. Die Regierung Adenauer hat den Arabern einen Dolch in den Rücken gestoßen«, leitartikelte Schischaklis offiziöses Organ »Al Fayha« unter der Überschrift »Kummer im Herzen«.

Israels löwenmähniger Ministerpräsident David Ben-Gurion hatte sich nach Nagibs Juli-Revolution Hoffnungen gemacht, den israelisch-arabischen Waffenstillstand von 1949 endlich durch einen Friedensvertrag ersetzen zu können. Diese Hoffnung scheint nach Schischaklis Besuch nun für die nächste Zeit zerstört zu sein.

Abgesehen von Jerusalem, ist diese Ablehnung in Washington »mit tiefem Bedauern«

aufgenommen worden. Die zweijährige Sisyphus-Arbeit des State Department, das künstliche Puzzle-Spiel der arabisch-islamischen Staaten des Orients (geschaffen nach dem 1. Weltkrieg durch die Zerstörung des osmanisch-türkischen Reiches) unter den Helm einer Mittel-Ost-Verteidigungs-Organisation zu bringen, muß von neuem begonnen werden.

Um den Stein der Mittelost-Verteidigung wieder auf den Gipfel zu hieven, haben die Amerikaner allerdings einen kräftigen Hebel: beide ausschlaggebende Männer des Orients sind, wie ein amerikanischer Offizier sagte, »düsenjäger-toll«. Sie möchten um jeden Preis ihre Armeen modernisieren, vielleicht - und das ist die Hoffnung der Amerikaner - sogar für den Preis eines arabisch-israelischen Friedensvertrages. »Militärische Stärke«, so raunte Schischakli in Kairos Klub der freien Offiziere seinem Kameraden Nagib ins Ohr, »ist das einzige Argument in der internationalen Politik. das überzeugt.«

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