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FÜRSTENHÄUSER / WELFEN Der Preuße fiel ins Land

aus DER SPIEGEL 4/1958

Die welfentreuen Hannoveraner, die auch heute noch ihrem angestammten Herrscherhause die Treue halten, werden bald einen späten, aber schönen Triumph feiern können: Der letzte König von Hannover, Georg V., den die Preußen 1866 nach der Schlacht von Langensalza aus dem Lande trieben, soll achtzig Jahre nach seinem Tode und dreizehn Jahre nach dem Ende Preußens in die Residenz Hannover heimkehren; und das Land Niedersachsen, dessen Verfassung »den Grundsätzen des republikanischen ... Rechtsstaates« entspricht, wird einen wesentlichen Teil der Kosten für die neue Ruhestätte Georgs V. tragen.

Georg V., »der blinde König«, und die Schlacht von Langensalza sind noch heute Gegenstand, ergreifender Feiern der letzten Unentwegten in ländlichen Reiter- und Schützenvereinen, in Frauenbünden und in der »Deutsch-Hannoverschen Partei«. »Gerade unter Georg V. und zu seinen Lebzeiten«, so heißt es im Welfenblatt »Der Landesbote«, »loderte in einzigartigster Weise die Liebe der Hannoveraner zu ihrem Königshause auf ... Am Denkstein Georgs V. versammeln sich noch jedes Jahr die treuen Hannoveraner unter ihren gelbweißen Fahnen und ehren den Erben seiner Krone.«

Georg V., 1819 geboren, war schon in seiner Jugend erblindet und bestieg 1851 - nach dem Tode seines Vaters Ernst August - mit 32 Jahren den hannoverschen Thron. Weil ihm daran lag, sein Augenleiden vor dem Volke zu verbergen, besuchte er Galerien, besichtigte Truppen und tat überhaupt so, als ob er sehen könne.

Als 1866 Preußen und Österreich in Streit gerieten, trat der blinde König an Österreichs Seite. Während die Preußen das ganze Land in wenigen Tagen besetzten, versammelte sich die hannoversche Armee, etwa 20 000 Mann stark, in aller Eile bei Göttingen.

Die Truppe war nicht recht ausgerüstet, und eine Reihe von Generalen erbat den Abschied. Der blinde König, naturgemäß auch als Feldherr allein auf sein Gehör angewiesen, setzte sich an die »Spitze seiner tapfern Armee«.

Militärisch sinnvoll wäre es gewesen, wenn er sich zu den Bayern durchgeschlagen hätte, mit denen die Hannoveraner damals alliiert waren.

Statt dessen marschierte er mit der Armee hin und her, ohne daß es den Kriegshistorikern bis heute gelungen wäre, den Sinn dieser Bewegungen zu ergründen. Am 27. Juni 1866 griffen bei dem thüringischen Ort Langensalza, halbwegs zwischen Erfurt und Mühlhausen, 8200 Preußen die 20 000 Hannoveraner an, weil sie glaubten, die Truppen Georgs V. wollten nach ihren vielen Märschen nun in Richtung Norden abziehen.

Nach kleinen Anfangserfolgen der Preußen wurden die Angreifer mit Bravour zurückgeschlagen. Aber mittlerweile waren die Hannoveraner von anderen preußischen Truppen völlig umzingelt worden, eine Entwicklung, die der blinde König nicht vorausgesehen hatte. Schon einen Tag später, am 28. Juni 1866, mußte er kapitulieren, und die hannoversche Armee wurde aufgelöst Der blinde König aber hielt sich an die Schlacht vom Vortage, rühmte den Sieg, stiftete eine Langensalza-Medaille und entwich mit seiner Familie nach Hietzing bei Wien. Am 20. September 1866 wurde das Königreich Hannover zur preußischen Provinz gemacht.

Ein Jahr später organisierte Georg V. in Frankreich aus hannoverschen Flüchtlingen eine Legion, mit der er sein Königreich zurückerobern wollte. Weitere sechs Monate danach unterzeichnete er einen Vertrag mit Preußen, der ihm eine Entschädigung von 16 Millionen Talern zusprach. Weil der blinde König aber in Hietzing bei seiner Silberhochzeit davon sprach, er werde nach Hannover zurückkehren, und weil er auch die Welfenlegion nicht auflöste, wurde der Vertrag von Preußen suspendiert. Die 16 Millionen Taler, der »Welfenfonds«, wurden von einer preußischen Kommission verwaltet.

Die preußische Regierung benutzte einen Teil der Zinsen des Welfenfonds in ihrem Streit mit innenpolitischen Gegnern (Bismarck 1869: »Ich glaube, wir verdienen Dank, wenn wir uns dafür hergeben, bösartige Reptilien zu bekämpfen"). Das Wort »Reptilienfonds« ist noch jetzt eine gängige Floskel im politischen Tageskampf, wenn es gilt, Geheimfonds der Regierung zu charakterisieren, die zu undurchsichtigen Zwecken verwendet werden.

Im Jahre 1892 wurde die Beschlagnahme des Welfenfonds aufgehoben; man verwandelte das Kapital in eine Staatsschuld, und die Zinsen gingen an die Erben des »blinden Königs« Georg V.

Er war 1878 in Paris gestorben, die Leiche wurde nach England übergeführt und im Schloß Windsor beigesetzt. Sein Grab ist bis heute Reiseziel welfentreuer Hannoveraner, die immer noch nicht vergessen haben, »wie der Preuße 1866 unvermutet ins Land fiel.«

Diesen Bevölkerungskreisen soll nun dank der Hilfe des Niedersächsischen Landtags die beschwerliche Reise nach dem englischen Windsor fürderhin erspart bleiben. Der jetzige Chef des Welfenhauses, Ernst August, legt in Hannover-Herrenhausen, der einstigen Sommerresidenz der Könige, ein umfängliches Familienmausoleum an, dessen Attraktion sein Urgroßvater Georg V. werden soll

Eifrigster Verfechter dieser Idee war zunächst nicht etwa der junge Herzog Ernst August, sondern der jetzige niedersächsische CDU-Justizminister Dr. Werner Hofmeister, der niedersächsischer Landtagspräsident gewesen war, bevor er im Dezember 1957 das Ministerium übernahm. Hofmeister hatte nämlich den Einfall, das hannoversche Leineschloß, das vor rund 300 Jahren von den Welfen erbaut worden war, zum Sitz des Niedersächsischen Landtags zu machen. Das Gebäude wurde im letzten Krieg bis auf die Umfassungsmauern zerstört, lediglich die Gruft unter der Schloßkirche blieb einigermaßen erhalten. Dort waren in sieben Prunksärgen Mitglieder des Welfenhauses beigesetzt, darunter auch Georg 1. von England und Kurfürst von Hannover, ein Vorfahre des »blinden Königs«, den 1727 auf dem Weg von London nach Hannover in Osnabrück der Schlag traf, als er dort die Pferde wechseln ließ.

Der »rote Welfe« half

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Gruft von Schrottdieben heimgesucht. Eine schwere Eichentür, die Ernst August hatte anbringen lassen, erwies sich als wenig widerstandsfähig. Mehr zu tun war den Welfen aber offenbar aus Geldmangel nicht möglich.

Da kam Hilfe vom niedersächsischen Parlament. Um Raum für seine Landtagspläne zu schaffen, schlug Landtagspräsident Hofmeister dem Prinzen Ernst August vor, die Sarkophage von dem Grundstück zu entfernen und anderwärts beizusetzen. Die Verhandlungen zwischen dem Welfenprinzen und dem Landtagspräsidenten wurden durch den Umstand erschwert, daß Hofmeister seit langem Rechtsberater der Mutter des Prinzen Ernst August ist, der Herzogin Viktoria Luise, einer Tochter des letzten Deutschen Kaisers, Wilhelm II., die mit ihrem Sohne im Streite liegt.

Schließlich griff Hinrich Wilhelm Kopf, der sozialdemokratische ehemalige Ministerpräsident und jetzige Innenminister, vermittelnd ein. Mit Kopfs, des »roten Welfen«; Hilfe wurde abgemacht, die sieben Särge in das Mausoleum nach Hannover-Herrenhausen zu überführen, das mit Finanzhilfe des Landes Niedersachsen hergerichtet werden soll. Das wird 80 000 Mark kosten. In und vor diesem Mausoleum ruhten bis dahin schon die Eltern des »blinden Königs« und sein Enkel, der 1953 starb.

Anfang Dezember letzten Jahres wurden die sieben Särge aus der Gruft auf Lastwagen nach Herrenhausen transportiert. Prinz Ernst August hat nun, nach den finanziellen Zusagen des Landes Niedersachsen, den Gedanken einer welfischen Ahnenkonzentration so intensiv weiterentwickelt, daß er auch andere Tote seiner Familie, die in Österreich begraben liegen, nach Herrenhausen holen will.

Krönung seines Werkes soll die Heimkehr des letzten hannoverschen Königs aus Windsor sein. Verhandlungen mit dem britischen Königshaus werden bald aufgenommen. Die Welfen könnten den Briten im Austausch den ersten König von Großbritannien aus dem Hause Hannover, Georg I., anbieten, der jetzt in Herrenhausen liegt, wollen davon aber absehen. Sie glauben, die britische Krone werde die Gebeine Georgs V. auch so herausgeben. Denn, so weiß Ernst August, besonderen Wert legt das britische Königshaus auf die Leichen der deutschen Ahnen und Verwandten nicht.

Als Georg I. von England jetzt aus dem Leineschloß in Hannover nach Herrenhausen umgebettet wurde, hatte Königin Elisabeth II. dem britischen Generalkonsul in Hannover den Auftrag gegeben, am Sarg ihres Vorfahren einen Kranz niederzulegen. Ernst August hörte davon und winkte ab. Man möge warten, bis die Umbettung abgeschlossen sei. Dieser Abschluß wird die Heimkehr des »blinden Königs« sein, die zu einer welfischen Demonstration werden soll und bei der ein Kranz der Königin von England viel wirkungsvoller placiert werden könnte.

Georg V. von Hannover (1819-1878)

Die Heimkehr des blinden Königs ...

... soll der Höhepunkt sein: Welfen-Särge werden noch Herrenhausen übergeführt

Wellenchef Ernst August

Reverenz vor königlichen Ahnen

Hannoversche Reiterei, preußische Infanterie bei Langensalza (1866): Hannovers Untergang

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