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Regierungen »Der Prinz von Homburg«

aus DER SPIEGEL 14/1995

Die Sache mit der Strähne, die ärgert ihn. In einem eleganten Bogen, wie mit Haarspray drapiert, liegt ihm die weißgraue Tolle über der Stirn, ein modischer Pfiff im dichten schwarzen Haupthaar. So was fällt auf, provoziert Fragen: »Sagen Sie mal, Ihre Strähne da . . .?« Nicht die Fragerei regt ihn auf, sondern daß jemand denken könnte, er sei »einer, der sich die Haare tönt«.

Rupert von Plottnitz hat nichts übrig für Schnickschnack und Schönfärberei. Wenn die Journalisten derzeit mit Kameras und Mikrofonen auf den künftigen Minister einstürmen, kann er sich nicht verstellen. »Jetzt reicht's aber!« ruft er schon nach dem zweiten Interview, ehrlich empört.

Wie hatte Joschka Fischer sich feiern lassen, zunächst als erster grüner Umweltminister 1985 in Wiesbaden, dann, 1991, als Vize-Ministerpräsident. Seinem Freund »Plotte« ist es hingegen spürbar unangenehm, wenn er im Scheinwerferlicht steht und ihm Reporter zu dicht auf die Pelle rücken.

Während der eine sich lustvoll wälzt in der Beliebtheit, erträgt der andere, preußisch, die Repräsentationspflichten des Amtes. »Ich neige nicht zu Aufdringlichkeit«, beschönigt Plottnitz sein sprödes Verhältnis zu Presse und Öffentlichkeit.

Es ist nicht nur die kühle Zurückhaltung, die den Grünen von seinen Parteifreunden abhebt. Franz-Joseph Rupert Ottomar von Plottnitz-Stockhammer, Sproß eines preußischen Adoptivprinzen und einer Baronesse aus Estland, ist in vielerlei Hinsicht ein Grüner der anderen Art. »Herr Graf« oder auch »Prinz von Homburg« nennen ihn seine Freunde scherzhaft. »Rupert«, schwärmt selbst der einstige Revoluzzer Daniel Cohn-Bendit, »hat etwas faszinierend Aristokratisches.«

Dabei wirkt er mit seinen 54 Jahren noch immer schlaksig, manchmal auch hölzern und unbeholfen. Minutenlang zwirbelt er die Wange zwischen Zeige- und Mittelfinger, dann wieder legt er die Finger über die Lippen und läßt sie rhythmisch aufeinandersausen. Streicht er sich über die Haare am Hinterkopf, hat das System: ein langer Strich nach unten, zwei kurze nach oben, einer nach unten, zwei nach oben.

Um sich wohl zu fühlen, braucht er tadellose Kleidung: Bundfaltenhose, Hemd, Jackett im sportlich-britischen Stil. Schon als Jurastudent in den sechziger Jahren band er sich, obwohl Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, morgens die Krawatte.

Plottnitz war niemals Schmuddelkind und Bürgerschreck, lebte nie in einer Wohngemeinschaft. Wenn Joschka und die Frankfurter Grünen samstags im Ostpark bolzen, schlendert Plotte zum Tennisspiel - das tat er schon zu Zeiten, als Tennis den Linken noch als Sport der Reichen verhaßt war.

Seine Sprache unterzieht der Edelgrüne steter Pflege. Während andere prahlen: »Ich bin Minister«, sagt er: »Ich versehe ein Amt.« Was andere hart finden, nennt er distinguiert »krude«. Der Wiesbadener Landtagsfraktion, der er drei Jahre vorsaß, predigte der Anwalt »rationalen Diskurs« statt emotionaler Streits.

»Plotte ist irgendwie eine andere Generation«, sagt der Frankfurter Kämmerer Tom Koenigs, »der war schon erwachsen, als wir noch wie Kinder tobten.« Dabei ist der Grüne Koenigs, selbst Sproß einer Bankerfamilie, gerade mal drei Jahre jünger.

Als andere 68er ihr Studium abbrachen, um sich ganz revolutionärer Basisarbeit zu widmen, stand Plottnitz als Strafverteidiger schon im Berufsleben. Im Frankfurter Häuserkampf Anfang der siebziger Jahre schrieben sich die Spontis um Fischer und Koenigs seine Telefonnummer mit Kuli in die Hand. Plottnitz boxte Demonstranten raus, wenn sie wegen Landfriedensbruchs oder Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt waren.

Sein Kampffeld war der Gerichtssaal. Dort sammelte der Mitbegründer eines »Anwaltskollektivs« Rügen und Verweise wie die Startbahnkämpfer blaue Flecken - etwa, weil er ohne Robe vor die Richter trat. In einer Zeit, in der Staatsschutz vor Bürgerrechten rangierte, rieb sich der engagierte RAF-Verteidiger an der juristischen Obrigkeit. Da vergaß er sogar seine gute Erziehung.

Im autoritär geführten Stammheimer Baader-Meinhof-Prozeß bedachte Plottnitz, der seinerzeit den Terroristen Jan-Carl Raspe vertrat, den Vorsitzenden Richter mit einem »Heil, Dr. Prinzing« und schlug vor, doch gleich einen »Bundeswehrgeneral zum Vorsitzenden« zu bestellen. »Rechtsanwalt von Plottnitz gefährdet den geordneten Verfahrensablauf durch sach- und pflichtwidriges Auftreten«, quittierte das Oberlandesgericht Stuttgart.

Die vielgeschmähte Robe hängt heute staubgeschützt im häuslichen Kleiderschrank, nachdem er sie jahrelang, dann doch, anstandslos trug: »Irgendwie gehört das dazu.« Auch auf Eklats legt es der Politiker Plottnitz nicht mehr an.

Wenn ihm doch noch mal eine Provokation herausrutscht, erschrickt er selbst darüber. So 1987 im Streit um Mauerreste der historischen Judengasse in Frankfurt, die unter einem Neubau der Stadtwerke verschwinden sollten. Zu der städtischen Gesellschaft gehörten »auch die Gaswerke«, rief Plottnitz im Landtag aus. Nach Pfuirufen der CDU entschuldigte er sich; er habe die Baubefürworter nicht verletzen wollen.

Was Joschka Fischer der Öko-Partei als barocke Machtfigur, ist Plottnitz als aufklärerische Instanz für Vernunft und Bürgerrechte - der Advokat der Grünen. Wenn er, hungrig am Zigarillo ziehend, über die rechtspolitischen Auswirkungen eines Gerichtsurteils räsoniert, dann wirkt er am ehesten bei sich selbst.

Stets demonstrierte er Unabhängigkeit. Schon als der Realpolitiker 1983 für die Fundis um Jutta Ditfurth ehrenamtlich im Frankfurter Magistrat saß, schwatzte er am liebsten mit dem CDU-Mann Alexander Gauland, seinerzeit die rechte Hand von Oberbürgermeister Walter Wallmann. Erst 1986 trat Plottnitz, der Organisationen scheut, in die Partei ein.

Ohnehin geht ihm Pragmatismus über Ideologie. So sprach sich der Menschenrechtler schon mal für geschlossene Asylbewerber-Sammellager aus, weil er glaubte, durch praktische Kompromisse die drohende Änderung des Grundrechts auf Asyl verhindern zu können. Auch einer Militärintervention in Bosnien könnte er zustimmen, »wenn es den Schrecken dort beenden würde«. Zur Polizei fällt ihm, stolz, als erstes ein, »daß deren Landes-Gewerkschaftschef ein Grüner ist«.

Einen solchen Justizminister können selbst Law-and-order-Politiker kaum zum Schreckgespenst stilisieren. Da geht auch der Ratschlag von CDU-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl daneben, daß die Hessen jetzt »im Dunkeln am besten nicht mehr vor die Haustür« gehen sollen.

Die Grünen wollen mit aller Macht beweisen, daß sie auch ein heikles Sicherheitsressort verantwortungsvoll führen können, gewissermaßen politisch erwachsen geworden sind. Für diesen Test ist der Früh-Erwachsene Plottnitz, ein eiserner Verfechter des Rechtsstaates, ihr Garant.

Dessen Aufstieg war von seinem Mentor Fischer geebnet worden: Erst die Nachfolge im Fraktionsvorsitz im hessischen Landtag, dann das Amt des Umweltministers - besonders aufgefallen ist Plottnitz auf keinem der Posten. Richtig wohl war ihm vor allem in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Dort konnte er, mit seinen bohrenden Zwischenfragen, wieder in die Rolle des skeptischen Juristen schlüpfen.

Als seine innerparteiliche Stärke gilt, daß er sich nie in die Niederungen verdeckter Klüngeleien hinabläßt. Fürs Strippenziehen, das Joschka Fischer meisterhaft beherrscht, hat Plottnitz kein Talent. Machiavellismus ist für ihn »eine Kategorie aus vordemokratischer Zeit«. Er nimmt an Strategierunden teil, doch er stößt sie nicht an. »Der kommt immer wie von außen dazu«, sagt eine Frankfurter Grüne.

»Angenehm« und »fair« sind die Vokabeln, die, parteiübergreifend, bei seiner Beschreibung fallen - ein grüner Gentleman, nie penetrant, wie es der zur SPD gewechselte Otto Schily bisweilen war, aber auch nicht so schillernd.

Ein Herr von Plottnitz wahrt Contenance. Daß er der erste grüne Justizminister der Republik wird, findet er »aufgrund meiner rechtspolitischen Vorgeschichte nicht unlogisch«. Doch eigentlich wäre er lieber Innenminister geworden, zuständig für Ausländer, Asylrecht und die Polizei. So wird er künftig den Abschiebeknast überwachen, über einen Abschiebestopp aber entscheidet ein SPD-Minister.

Als Landesjustizminister, das weiß Plottnitz, kann er kaum etwas bewegen; der trockenen, juristischen Kontrollarbeit in seinem künftigen Ressort läßt sich schwerlich ein grüner Stempel aufdrücken. Und den Strafvollzug menschlicher machen? »Da muß ich nur in der Kontinuität meiner SPD-Vorgängerin bleiben.«

Selbst im Bundesrat, der üblichen Möglichkeit, sich auch in Bonn bemerkbar zu machen, ist er an den Koalitionspartner SPD gebunden. In Bonn hat er ohnehin, wie er selbst sagt, »keine große Verankerung«.

Schlagzeilen kann er allenfalls machen, weil er, wie sich etliche Sozis schon hämisch freuen, bald »auch für die ausgebrochenen Knackis zuständig ist«. Und blamieren könnte der einstige RAF-Anwalt sich, wenn Terroristen mal wieder einen Justizbau in die Luft sprengen, wie mit dem Gefängnis Weiterstadt geschehen.

Immerhin ist sein Umzug ins Justizministerium aus sportlicher Sicht ein Gewinn: Die Billardkneipe, in die sich Plottnitz bei Frustanfällen gern verzieht, liegt demnächst in fußläufiger Entfernung. Wenn Plottnitz von dem »wunderbaren Geräusch« schwärmt, mit dem auf dem Billardtisch die Bälle aneinanderklacken, wird seine Sprache sogar lebendig: »Und das Licht liegt tief auf grünem Tuch.« Y

Die geschmähte Robe hängt staubgeschützt im Kleiderschrank

Lieber wäre er zuständig für Asylrecht und die Polizei

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