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»Der Pudding hat uns nicht geschmeckt«

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über Reformen und Krise in der ungarischen Provinz
Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 29/1989

Was notwendig ist, das fügt sich. Karl Marx

Ach, der arme Sozialismus! Robert Ribanszky grämt sich lauthals über die Mordversuche am guten alten System. Nichts als Verleumdungen und Verdächtigungen! »Der Sozialismus hat Ungarn und uns seit 40 Jahren viele schöne Erfolge beschert«, sagt er mit seiner lauten und grauen Stimme, die seit 40 Jahren laute und graue sozialistische Aufmunterung verbreitet.

Sein Publikum im kleinen Saal des Parteihauses scharrt erregt mit den Füßen. Was klingt angenehmer als vertraute Gewißheiten?

Ribanszky stemmt die Rechte in die Hüfte und predigt, vor einem den obligatorischen Optimismus verströmenden Wandbild, wider den Untergang. »Angeblich steuern wir neuerdings auf die Katastrophe zu. Falsch, ganz falsch: Die Lage ist gut, und die Katastrophe ist fern, die Züge fahren, und die Arbeiter arbeiten. All unseren Reichtum haben wir dem Sozialismus zu verdanken. Wir leben! Wir haben Millionen Wohnungen und Millionen Autos. Die Krise ist eine Erfindung. Es mag Schwierigkeiten geben in Ungarn, Genossen, aber es gibt keine Krise.«

Die Zuhörer, ein paar Dutzend ältere Genossen und Genossinnen, Kopfnicker, Mitschreiber und Besserwisser, atmen getröstet auf. Ribanszky, 56, mit seiner Preisringergestalt und den muskulösen Preisringeransichten, war jahrelang der Privatsekretär des Kommunistenführers Janos Kadar selig.

Ribanszky - seine Feinde nennen ihn Hundeschlächter - rügt mit lauter grauer Stimme die in Unordnung geratenen Familienverhältnisse der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP). Zumal hier in der Stadt Kecskemet.

»Unser Land ist auf dem Weg zurück, zurück zur kapitalistischen Restauration. Falsche Propheten geben vor, im Namen der Nation zu sprechen, fordern ein Ungarn ohne Sozialismus. Angeblich ist der Sozialismus den Ungarn fremd, und deshalb wollen sie ihn ausrotten.«

»Und wer steht an der Spitze der Gegner des Sozialismus?« fragt Ribanszky und antwortet sich selbst, alle murmeln die Antwort mit: »Pozsgay Imre: Dauernd spricht Pozsgay von Diagnose und Therapie, aber Ungarn ist nicht krank und braucht keine Heilung. Keine Reformen. Die sogenannten Reformer wollen nur Unruhe verbreiten und alles schwarzmalen, und schon glauben die Leute ihrem Geschwätz über Demokratie und vom Nutzen vieler Parteien.«

Die Zuhörer lächeln, doch es ist ein schmerzhaftes Lächeln, das seiner Gewißheiten nicht mehr sicher ist: »Die Opposition ist doch gar nicht lebensfähig. Die Oppositionellen haben ja lauter verschiedene Ansichten.«

Eine alte Frau wiegt ihr blondes Enkeltöchterchen im Schoß und flüstert: »Der Teufel soll Pozsgay holen.« Imre Pozsgay, den Staatsminister, den Parteiführer, den Präsidentschaftskandidaten - den Ingenieur der ungarischen Demokratie.

Ribanszkys Sätze platzen jetzt ein wenig aus den Nähten, auch Hemd und Hose klaffen auf. Er reckt sich empor, der Champion der alten Kämpfer, und verkündet seine Botschaft; Zusammenfassung: »Pozsgay will das Rad zurückdrehen, zurück in eine bürgerliche Gesellschaft. Aber wir«, sagt Ribanszky, »wir bleiben, wo wir stehen!«

Die unbeirrbaren Genossen kleben fest an ihren Stühlen im Parteihaus der USAP. Parteihaus und kleiner Saal ducken sich unter die zehnstöckigen Betonkästen des Neubauviertels Szechenyi, benannt nach einem ungarischen Reformer, einem gescheiterten Revolutionär von 1848.

Das neue, schon heruntergekommene Szechenyi ist die begehrteste Siedlung der Stadt Kecskemet, in der vor 55 Jahren der Reformer Imre Pozsgay geboren wurde. Pozsgays Geist weht an diesem blauen Abend durch Kecskemet, auch wenn Ribanszky ihm entgegenbläst: »Wir sollen 40 Jahre lang Diktatoren, Stalinisten und Zaristen gewesen sein? Das ist nicht wahr: Das heißt das Selbstbewußtsein eines Volkes zerstören.«

Ein grauhaariger Mann steht auf und schreit. »Wir müssen verhindern, daß wir an Westeuropa verkauft werden.« Ribanszky nickt schweren Blicks. »Die Kapitalisten wollen uns aussaugen und uns alles wegnehmen.« Wer es fassen kann, der fasse es.

Mit schütteren Stimmen singen die trauernden Hinterbliebenen des Sozialismus ihr Requiem, die Internationale. Ribanszky küßt schwerleibigen Autogrammjägerinnen die Hand, und dann verschwindet die Versammlung stumm im Auspuffqualm der Zweitakt-Motoren, im Geknatter von Autos der Marken Trabant oder Wartburg:

Südungarische Fundamentalisten, verbitterte Polizisten und Milizionäre, abstiegsbedrohte Fabrikdirektoren und sich um ihre Pfründe ängstigende Parteifunktionäre samt Sekretärinnen, all diese Widerstandsgruppen gegen die Veränderung hat für drei Stunden die Ferenc-Münnich-Gesellschaft zusammengehalten.

Ribanszky fährt heim nach Budapest, heim zu seinem »Klub der echten Marxisten«, einem eingetragenen Verein zur Rettung des Sozialismus mit 6000 Mitgliedern.

Kecskemet versinkt in der Nacht. Nur auf dem Kossuth-Platz, dem Ort der zentralen Volksbelustigung, grölen die Betrunkenen den Mond an. Und schon um sechs Uhr morgens scheppern die Glocken der barocken Großkirche. Mit Verführerblick empfehlen die Kellner im Hotel »Goldener Sand« dem verdutzten Gast vor dem Frühstück »ein Glaserl Aprikosenschnaps«.

Kecskemet in Südungarn, 112 000 Einwohner, ist eine fromme sozialistische Stadt. 60 Prozent Katholiken, 15 Prozent Calvinisten, ein paar hundert Juden, knapp 100 Lutheraner. Wenn der Bürgermeister Mihaly Adorjan an sein Fenster im Rathaus tritt - Rathaus? eine Jugendstil-Burg aus der alten k. u. k. Operette Ungarn -, erblickt er vier barocke Kirchen für drei Religionen. Er erblickt ein schwarzes Marmormahnmal unter einem goldenen Stern; »Ehre den sowjetischen Helden, die gefallen sind für die Freiheit des sowjetischen und ungarischen Volkes« ist zweisprachig und golden in den Sockel gemeißelt.

Er erblickt die maurisch-romantisch wuchernde Synagoge; die kleine jüdische Gemeinde hat sie längst an den Staat verschenkt.

Adorjan erkennt in diesem Panorama »Zeichen der Toleranz«, denn auch der Genosse Bürgermeister ist plötzlich tolerant geworden: Im Juni nahm er an der Abiturfeier des katholischen Piaristen-Gymnasiums teil, so etwas war seit Kriegsende nicht mehr vorgekommen in Kecskemet.

Vor zwei Jahren wurde Adorjan ins Amt gewählt, und schon hetzen ihn seine Geschäfte, er ist bleich und aufgeschwemmt, seine Haut fahl, er jammert über seine Zigarettensucht, und alles nur, »weil unsere Situation besonders schwierig ist heutzutage«.

»Vor drei Jahren konnten die Menschen noch reich werden, jedermann ging es gut. Doch jetzt, wo alles besser werden soll, sind sie unzufrieden und fragen: Weshalb funktioniert unsere Gesellschaft so - und nicht anders?« Das Notwendige will sich nicht fügen; was gestern recht war, ist heute unrecht, es schaudert ihn ein wenig.

»Der Bürgermeister hat Angst vor oben, weil er immer Angst vor oben hatte, obwohl er gar keine Angst mehr haben müßte«, sagt einer seiner Ratsherren - anonym, »weil 40 Jahre Angst so tief in den Knochen stecken, daß sie nicht über Nacht vergehen«.

Dann besinnt sich Adorjan auf die neue Zeit und behauptet mutig, daß »Partei und Sozialismus im Stadtregiment keine Rolle mehr spielen. Parteiverlautbarungen werden nicht mehr einfach gebilligt«. Nur mit Verordnungen und Gewalt und einer einzigen Meinung, derjenigen der Macht, der Partei also, könne man keine Lösungen für Kecskemets Probleme finden.

Er zitiert Engels: Der Pudding zeige seine Qualität erst beim Essen. »Der Pudding hat uns nicht geschmeckt, also müssen wir das Rezept ändern, der Pudding schmeckte nicht ungarisch genug.«

Nur noch die Hälfte der 75 Stadträte sind Genossen, »und die Opposition ist gar keine Opposition. Die Angehörigen der neuen Parteien, des Demokratischen Forums etwa, sind alles europäische Köpfe«. Höchstes Lob.

Nicht mehr die verblichenen Propheten Marx und Lenin bestimmen über den Kurs, zu seiner Hausheiligen hat der Bürgermeister die energische Mrs. Thatcher erkoren. Sie müßte sein Wirken aus ganzem Herzen segnen.

In Kecskemet leben 38 000 Familien in 36 000 Wohnungen, 3600 Familien haben viel zu wenig Platz. Da »die Macht seit dem 1. Januar 1988 keine Sozialwohnungen mehr subventioniert«, die staatliche Armut ist der privaten längst ebenbürtig, nahm Adorjan Banckredite von 400 Millionen Forint zu 22 Prozent Zinsen auf und stellte 300 Anderthalb-Zimmer-Wohnungen in die Stadt, die er für 500 000 Forint verkaufte - an Wohlhabende. An wen sonst? Im Sommer hatte sich ihr Wert bereits verdreifacht.

Die Armen von Kecskemet, die ihm anvertraute Klientel, leiden weiter unter Wohnungsnot. Um die zwei großen leeren Kasernen, aus denen die sowjetischen Besatzungstruppen im Frühling abgezogen sind, streiten sich Stadtverwaltung und Verteidigungsministerium; der Bürgermeister will sie in Wohnstätten verwandeln. Der Lebensstandard ist auf das Maß des Jahres 1973 gesunken. Mit dem Kopf leben die Ungarn in einer anderen Zeit als mit dem Bauch.

Adorjan raucht eine Zigarette nach der anderen, versinkt immer tiefer in seinem Sessel und sagt: »Wir stecken hoffnungslos in den roten Zahlen. Nur die Reformen können uns aus der Krise befreien!«

Nichts macht den Menschen von Kecskemet heftiger Angst als das Schreckenswort Reformen. Es erscheint ihnen gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut. »Die Lage ist chaotisch«, sagt eine junge Ärztin, »niemand weiß, woran er ist.« Ein Rentner, ehemaliger Ingenieur: »Reformen und Demokratie müssen auf meinem Teller stattfinden. Nur dann glaube ich an sie.«

Zum Ende des Schuljahrs mußte Kecskemet 600 Jugendliche auf die Straße entlassen, 600 14jährige ohne Aussicht auf Lehrstellen oder Mittelschulen oder Arbeitslosenunterstützung. Haben sie einen guten Stern, finden sie im Herbst eine Handlangerstelle für 4000 Forint, das ist viel weniger als der Durchschnittslohn von 6300.

Eine eigene Wohnung werden sie nicht finden. Der Bürgermeister weiß das, er weiß auch, daß kein Arbeiter jemals in seinem Leben 500 000 oder anderthalb Millionen Forint von seinem Lohn sparen kann.

Ferenc VIzhanyo, 25, verheiratet mit Irene Nagy, zwei Töchter, seit zehn Jahren Arbeiter in der Badewannen- und Emaillefabrik KZK, erwarb 1986 »eine gebrauchte 53-Quadratmeter-Wohnung für 602 000 Forint ohne einen Forint eigenes Geld. In 30 Jahren gehört sie endlich uns, wenn wir noch leben«. Ein Wunder?

VIzhanyo hat sich an die Badewannenfabrik verkauft, zehn Jahre lang ist er ihr fügsamer Sklave, jedes Wochenende verbringt er vor dem Brennofen, bei 70 Grad Hitze, er ist nämlich Spezialist für das Feueremaillieren; und wenn er einmal einen Sonntag ausruhen will, muß er werktags Überstunden dranhängen, 8 Stunden plus 7 macht 15.

Die Fabrik hat ihm 30 000 Forint (etwa 1000 Mark) als Eigenkapital für sein Zwei-Zimmer-Paradies im zehnten Stock des schäbigen Neubauviertels Szechenyi geborgt, ohne Zinsen. 30 000 Forint - die darf er in winzigen Raten abzahlen. Der Bank schuldet er eine halbe Million, sie fordert jeden Monat 1500. Wie hoch sind die Zinsen? Er weiß es nicht: »Von 20 bis 24 Prozent«. Zum Glück gibt es 20 Prozent Inflation. Heizung, Warmwasser, Fahrstuhl und Treppenhausbeleuchtung - nochmals 2000.

Seine Frau Irene verdient 3000 für einen Monat voller Acht-Stunden-Tage als Näherin. Zusammen beträgt ihr Budget 15 000 Forint. Hungern müssen sie nicht, aber wenn die große Tochter Tünde im September in die Schule kommt, »wird das unser Bankrott«. Sie braucht Schuhe für 600, ein neues Kleid, einen Ranzen, Hefte. Tünde lächelt ihren Vater innig an, er gibt ihr einen Kuß - »und sie ißt so gern Fleisch«, doch Fleisch gibt's nur sonntags.

»Seit Jahren sagen sie uns, schnallt den Gürtel enger, noch ein Loch und noch eins, jetzt hat der Gürtel kein Loch mehr. Es ist aus. Wir haben alle Hoffnung verloren.«

Zehn Jahre am Brennofen haben die Lunge des stämmigen Ferenc angefressen, er hustet und keucht und rennt dauernd ins Bad, um auszuspucken. Er ist erst 25 und schon zu erschöpft, um sich aufzulehnen. Nach 15 Stunden Arbeit ist seine Kraft verbraucht. »Niemand glaubt an Reformen, nichts wird sich ändern«, sagt er.

»Keiner von uns hört hin, wenn die Politiker ihre Reformen anpreisen. Es ist noch immer dieselbe Partei an der Macht, und uns geht es von Tag zu Tag schlechter.« Er redet sich ein, daß er aus persönlichen Gründen lebt und Politik sich außerhalb seines Lebens ereignet.

Seine Frau sagt: »Die Preise steigen, die Löhne nicht.« Der Fernsehapparat aus Taiwan - »unser einziges Vergnügen« - empfängt acht Sender in Farbe und stellt den Gegenwert von 26 Wochenenden Extra-Maloche dar: 32 000 Forint.

Der Sozialismus arbeitet an seiner eigenen Abschaffung: Um Produktion und Qualität der feueremaillierten Gußeisenbadewannen zu steigern, haben VIzhanyos Chefs ihn und seine Kollegen zur Gründung einer GMK angestiftet, einer privaten Betriebskooperative.

Das Kleinkollektiv stellt im Auftrag der Leitung, mit von der Fabrik gemieteten Arbeitsgeräten, nach Feierabend Badewannen her. Es ist die gleiche Arbeit, nur wird sie dreimal besser bezahlt. »In der Normalschicht«, sagt VIzhanyo, »geben sie nur 12 Forint pro Badewanne, in der GMK-Schicht aber 70.« Auf acht Stunden Sozialismus folgen sieben Stunden Kapitalismus. Ergebnis: 60 1a-Badewannen und ein durch Selbstausbeutung ruinierter Arbeiter. Ohne Stolz. Ohne Ziel. Ohne Zukunft.

Kecskemet in den Weiten der südungarischen Sandebene zwischen Donau und Theiß liegt von Budapest und der jugoslawischen Grenze gleich weit entfernt, auf halber Strecke zwischen der großen Welt und dem Balkan. Mittelpunkt des Archipels Gulasch, Hauptstadt des größten ungarischen Komitats Bacs-Kiskun. Provinz. Flaches Land. Pußta.

Die stärkste Partei ist die USAP mit 6000 Genossen, minus zehn Prozent Abtrünnigen seit 1987. Das Demokratische Forum zählt 200, der Bund Freier Demokraten 50. Sozialdemokraten und »Kleine Landwirte« sind vor lauter Staunen über die neue Freiheit noch gar nicht dazu gekommen, sich zu sammeln.

Kecskemet lebt von Gartenbau, Landwirtschaft und Industrie: Badewannen, Geflügel, Drucksachen, Möbel, Konserven, Maschinen und Wohnungsbau. Kaum Schwerindustrie. »Gottseidank hat man uns nicht übermäßig auf stalinistische Weise entwickelt«, sagt ein Ingenieur. Alle Betriebe sind Staatsbetriebe, und als »typisch sozialistische Betriebe arbeiten sie alle mit Verlust«.

All diese Firmen versuchen, »eine Gesellschaftsform zu finden, die ihnen höchsten Profit verspricht. Also müssen sie schleunigst die staatliche Herrschaft abstreifen«, sagt der Bürgermeister, eine Spur zu treuherzig.

In der Badewannenfabrik KZK, der einzigen Ungarns, sollte mit der Berufung eines neuen Managers auch ein neues industrielles Zeitalter anbrechen. Bei seiner Machtübernahme im Juli 1986 war Dr. tech. Istvan Halasz erst 39, Parteigenosse, »aber mehr Ingenieur als Kommunist«. Der Betrieb, mit 450 Millionen Forint verschuldet, arbeitete sich mit jeder Schicht tiefer in den Ruin. Ein verrußtes Fossil: Die Abgase aus seinen Schloten lassen die Fenster der Nachbarhäuser erblinden.

Die Arbeiter erzeugten seit 40 Jahren Badewannen, die nur wie Badewannen aussahen, ob sie drei oder zehn Löcher hatten, vollständig oder notdürftig emailliert waren - Nebensache, die Produzenten produzierten für die Statistik, und die Statistik hatte zu stimmen. 160 000 Badewannen im Jahr, 70 000 davon dienten der ungarischen Sauberkeit.

Halasz kam, feuerte die Führung und warf 200 von 830 Beschäftigten hinaus, nur die Entlassenen schrien auf:

Das Industrieministerium, bisher Machthaber bei KZK, ließ ihm freie Hand. Halasz erhöhte die Preise und die »extrem niedrigen« Löhne. Schlug vor, die Löhne mit Leistung zu koppeln, nur noch Qualitätsarbeit sollte nach Klasse 1 bezahlt werden.

Der Generaldirektor, ein kettenrauchender Asket in einem blauen Arbeitsmäntelchen, lächelt strahlend: »Das war Wirtschaftspolitik a la Thatcher. Und die Gewerkschaften spielten mit. Nur die Arbeiter verstanden die Welt nicht mehr, sie hatten doch immer so brav gearbeitet.«

Halasz zu den Arbeitern: »Arbeitet weniger, aber dafür besser!«

Die Arbeiter zu Halasz: »Wozu? Weshalb? Für wen?«

Eines seiner Opfer ist Ferenc VIzhanyo, er wird sich für Halasz und sein kombiniertes Qualitäts- und Leistungsideal noch zu Tode arbeiten. Endlich darf er so schuften wie seinesgleichen im Kapitalismus, in Südkorea, Mexiko oder Indonesien etwa.

In die sozialistischen Bruderländer verkaufte die Fabrik in der Prä-Halasz-Periode Badewannen zu einem Drittel des Weltmarktpreises, weil nicht in Dollar, sondern in Rubel abgerechnet wurde. »Wie verwandele ich Rubel in Dollar?« fragte sich Halasz und trat als Kapitalist auf: »Mein Job ist, die Fabrik mit Profit zu führen.« Seine sozialistischen Handelsgenossen in der Sowjet-Union staunten; sie begriffen ihn nicht. Erst als er sie nicht mehr belieferte, zahlten sie, von 1988 an, 4200 statt 1400 Forint pro Badewanne.

Im Januar 1989 beliefen sich seine Schulden nur noch auf 284 Millionen Forint - »wir erfüllen alle finanziellen Verpflichtungen«. Wen mag das interessieren? Diejenigen, die das Geld hüten, das Halasz benötigt. »Die Mangelkrankheiten des Sozialismus heißen Kapital und Technologie«, sagte er; ohne Geld in Form von D-Mark, Pfund oder Dollar kann Halasz seine kariöse Bruchbude nicht in die »modernste Badewannenfabrik Europas« verwandeln - das ist seine fixe Tag- und Nachtidee. Ihm fehlen genau 1,5 Millionen US-Dollar; mehr nicht.

Seit Anfang 1988 muß er 80 Prozent seines Gewinns an den Staat abzweigen, und ihre Kredite hüten die Staatsbankiers aufmerksamer als ihre Töchter. Die Auswirkungen der Reformen: Er ist zu arm, um zu investieren; zu rückständig, um die Produktion zu entfesseln. Halasz fürchtet Verluste; neuerdings werden in Ungarn Verluste gefürchtet. Und dabei zählt seine Firma noch zu denjenigen 50 ungarischen Betrieben, die Profit machen und entwicklungsfähig sind.

Unerschrocken zeigt Halasz seine Produktionsstätten vor. Ein Elendsfilm, frühes 19. Jahrhundert, in dem es dröhnt und hämmert, klopft und zischt und faucht und tobt und stinkt. Der Generaldirektor schuldbewußt: »Die Arbeiter verdienen noch immer zuwenig.«

Auch der Regierung in Budapest demonstrieren solche Betriebe ein Ungarn, das es nicht mehr geben soll, »sie will uns vom Hals haben«, sagt Halasz. »Wir können machen, was wir wollen: Aktien ausgeben oder neue Gesellschaften gründen oder Joint-ventures mit westlichen Partnern beschließen, am liebsten mit deutschen. Wenn wir nur dem Staat nicht mehr auf der Tasche liegen, denn die Tasche ist leer, leer, leer.« Kapitalistischer Wirtschafts-Darwinismus im Sozialismus, nur die Besten überleben.

Einerseits soll Halasz den ungarischen Thatcherismus vollenden. Andererseits muß er mit denselben Arbeitern produzieren, die ihm das System seit 40 Jahren erzieht: 80 von ihnen, »die nur Löhne zweiter Klasse wert sind«, will er loswerden, indem er die erste Klasse endlich erstklassig bezahlt: »Sozialistische Wirtschaftspolitik muß ersetzt werden durch Marktwirtschaft.« Pling.

Doch die Arbeiter wollen in Ruhe gelassen werden, der Kurswechsel ist Politik, und Politik ist das Gespenst, das sie fürchten. Der junge Generaldirektor samt seinen europäischen Visionen sagt melancholisch: »Die Arbeiter sperren sich, weil niemand ihnen verspricht: Übermorgen geht es euch besser, haltet durch! Ohne die Arbeiter muß alles scheitern.«

Ach, Sozialismus.

Kecskemeter Bekenntnisse zwischen Geflügelfabrik und Rathaus:

»Die Menschen dürfen heute zwar frei reden, aber satt werden sie davon nicht«; ein Rentner.

»Außer der Führung sind wir alle unterbezahlt«; ein Arbeiter.

»Die politischen Veränderungen verwirren mich - das geht mir alles viel zu schnell«; eine Ingenieurin.

»Dank dem Sozialismus haben wir 40 Jahre unserer Geschichte verloren«; ein ehemaliger Richter.

»Aus eigener Kraft kann sich Ungarn niemals aus dem Schlamassel befreien«; ein Ratsherr.

»Minister Pozsgay ist weder Ochse noch Pferd: Wer sich einmal mit dem Kommunismus eingelassen hat, ist für die Demokratie verloren«; ein Literaturprofessor.

»Wir müssen schnell machen, wer weiß, wie lange Gorbatschow noch hinter uns steht. Wird er morgen gestürzt, sollen seine Nachfolger eine veränderte Lage in Ungarn vorfinden - eine neue Verfassung und neue Gesetze. Nie wieder dürfen sie behaupten können, wir hätten sie gerufen«; ein Dramaturg.

Jenseits des Sozialismus, auf einer sandigen Wiese im Norden von Kecskemet, entsteht ein Zwischenreich namens Vacsihegy, 150 Villen, deren Bauherren und Besitzer das alte System so hemmungslos ausbeuten, daß es für ihre Unkosten aufkommt - Ärzte, private Handwerker und Direktoren.

Noch vor drei Jahren wollte die Stadt sich hier ein Fußballstadion schenken; als aber die ungarische Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Mexiko ausgerechnet von der Sowjet-Union 6:0 geschlagen wurde, vergaß man den volkstümlichen Plan beschämt. Jetzt spielen die sogenannten Millionäre auf dem weißen Sand, mit eigenen Händen: Eine junge Frau schiebt im Bikini Schubkarre auf Schubkarre voller Ziegelsteine über den ersten Stock.

Ein exquisites Viertel: Ein Lehrer für Deutsch, Russisch und Finnisch, er unterrichtet in Finnland, seine Gage wird in Dollar überwiesen, baut für drei Millionen Forint eine Art Reihenhaus, mit Sauna im Keller. Links neben ihm ein Urologe, rechts ein Direktor. Drei Häuser, 17 Stile.

So glücklich ist der polyglotte Pädagoge, daß er sich hoch über das allgemeine Kecskemeter Elend erhebt: »Ein normaler Ungar müßte 200 Jahre leben, um sich so ein Haus leisten zu können.« Er lacht: »Vielleicht noch länger.«

Der Urologe links muß nicht, wie der Lehrer, eine Million Forint für 24 Prozent borgen. Er finanziert seinen im spanischen Geschmack gehaltenen Palast mit dem »Dankbarkeitsgeld«, einer original ungarischen Delikatesse.

Eigentlich ist das Gesundheitswesen ja kostenlos im Arbeiter-und-Bauern-Staat Ungarn. Allerdings würde es kein Ungar und auch kein Kecskemeter wagen, ohne eine große Spende seinem Arzt gegenüberzutreten. Für gute Behandlung werden 5000 Forint veranschlagt, fast ein Monatslohn. Ein kleiner operativer Eingriff kostet 7000 bis 15 000. Das Dankbarkeitsgeld ist die Eintrittsgebühr in die Praxis, erst wenn er die grünen Tausender erblickt, nimmt der Arzt den Patienten wahr.

»Und lauter schwarzes Geld«, sagt der Finnisch-Lehrer: »Da es unrechtmäßig eingenommen wurde, kann es auch nicht versteuert werden.« Was notwendig ist, das fügt sich: Wer es fassen kann, der fasse es.

Über die Frage, wie man im sozialistischen Ungarn Millionär wird, hat der Millionär Jozsef Pinter, 44, nie nachgedacht. »14 bis 16 Stunden ehrliche und fleißige Arbeit täglich« - so hart schuftet auch Ferenc VIzhanyo über seinen Badewannen, und alles, was er davon hat, sind Depressionen und eine Staublunge. Der Schraubenfabrikant Pinter dagegen?

Der glaubte nur an sich selber, nie an den Sozialismus, am Befreiungskampf der Arbeiterklasse nahm er nicht teil, er kämpfte für Pinter. Ein sozialistisches Heldenleben wider den Sozialismus: »Über den Sozialismus«, sagt Pinter, »ist die Zeit hinweggezogen. Er hat schon vor 20 Jahren verloren, er ist nicht mehr zu retten.« Solange »der Sozialismus« existiert, bedient er sich seiner, etwa so:

Benötigt er eine Ex- oder Importgenehmigung vom Budapester Industrieministerium, bietet er dem Sachbearbeiter 10 000 Forint, wenn der dafür höchstens einen Tag braucht. »10 000 Lumpen«, sagt Pinter. Dauert es aber zwei Tage: nichts. »Die Partei und ich«, sagt er, »wir leben friedlich nebeneinander her. Wir lassen einander in Ruhe.«

Der Volksheld Pinter rennt auf abgetretenen Schuhen durch sein Werk, sein Hemd wölbt sich mittschiffs mächtig, sein Gürtel ist verrutscht, und seine Locken hängen ihm wild in die angestrengten Augen. Vor zehn Minuten hat das Weiße Haus/Washington bei ihm angefragt, ob der Ungarn-Besucher George Bush bei ihm reinschauen dürfe (Bush kam dann doch lieber nicht, lud Pinter aber zu einem Empfang nach Budapest ein).

Pinter - »Bush öffnet mir den amerikanischen Markt« - verspricht, dem US-Präsidenten den Sinn der ungarischen Reformen zu erklären. »Ohne Reformen wären wir untergegangen. Was wir in den vergangenen zwei Jahren erreicht haben, hätten wir ohne Pozsgay in 20 Jahren nicht erreicht.«

Der Mechaniker Pinter war Arbeiter in einem staatlichen Handwerksbetrieb, als er vor zehn Jahren in seinem Geburtsort Kecel bei Kecskemet seinen eigenen Handwerksbetrieb gründete, er reparierte alles, lötete poröse Töpfe und beschwingte verrostete Turmuhren. Absolvierte nebenher fünf Meisterprüfungen, sein technisches Genie erfreute seine Kunden, den Staatsapparat nicht.

Pinter, der kleine Rockefeller aus der Pußta, hatte inzwischen begonnen, mit selbstkonstruierten Werkzeugmaschinen Schrauben herzustellen. Dem Staat mißfiel das, er bremste ihn, damals waren Großbetriebe noch en vogue. Ein Gesetz verbot »freien Arbeitern« wie Pinter mehr als 100 000 Forint Jahresverdienst. »Von Februar an standen meine Maschinen meist nutzlos herum.«

Nicht irgendwie, sondern mit Energie, List und Ausdauer, mit über Scheinfirmen und Strohmännern erworbenen Maschinen - bis 1986 durfte kein Privater im Ausland kaufen - gelang es Pinter, zum führenden Produzenten von Präzisionsschrauben im Ostblock aufzusteigen. Selbst Prager Flugzeugbauer bitten ihn telephonisch und honigsanft um Rat und Belieferung, obwohl die CSSR das Reform-Ungarn verabscheut.

Er beschäftigt 200 Menschen, »ich mußte jeden von ihnen einzeln suchen. Sogar aus Kecskemet kommen sie zu mir«, weil sie bei ihm in Kecel das Doppelte verdienen, 12 000 bis 16 000 Forint netto. Sein Umsatz 1989: 200 Millionen. Geplanter Umsatz 1990: 500 Millionen. Den höchsten Profit holt er im Westen.

In die Bundesrepublik verkauft er Dübelschrauben, und für das anspruchsvolle Japan darf er die Türen der Superschnellzüge fräsen. Um Pinter, den österreich-ungarischen Schraubenzaren für sich zu gewinnen, boten ihm die Tokioter Isogai-Werke fünf Werkzeugmaschinen als Geschenk an, ein Joint-venture mit Isogai reift, eines mit Österreich hat sich bewährt.

Und die neuen Pinter-Werke am Rand von Kecel sind auch beinahe bezugsfertig, noch sind die Büros leer, nur in der großen Maschinenhalle stehen bereits die Altäre seiner Religion, verhüllt gegen Staub und schmutzige Neugier - zwei Wundermaschinen, Preis: eine Million Deutschmark, bar bezahlt.

Butzenscheiben an den Türen, ein gemütlicher Erker als Kommandostand und viele, viele Telephone. Dem großen Pinter wurden, dank massierter »Lumpen«-Bündel, 100 Telephonlinien bewilligt. Bisher gab's nur eine Leitung hinaus und herein: Der Anschluß an das 20. Jahrhundert ist offiziell genehmigt.

Der Abgeordnete Bertalan Südi vertritt seit 1985 im Budapester Parlament auch die Interessen des Kleinindustriellen Pinter; bis Ende 1987 ein Amt, das er im Schlaf ausüben konnte. Das politische Jahr zerfiel ihm in vier Sitzungsperioden zu je zwei Tagen. »Die Abgeordneten ließen sich auf den Bänken nieder und zeigten ihre Gesichter vor. Keiner redete«, sagt Südi.

Ein Aquarium mit 387 Goldfischen glotzte ins Licht, ab und zu warf ihnen der Wärter, der Präsident, ein paar Brocken, Abstimmungen, hinein. »Man schwamm in stehendem Wasser und bewegte sich möglichst wenig. So entstanden auch keine Wellen.« Dieses Schweigen, weder verordnet noch notwendig, sondern sozialistische Tradition, war die markanteste Berufsgebärde der ungarischen Parlamentarier. Es widerstrebte Südis Natur, er redet gern.

18mal hat er sich zu Wort gemeldet, seit Reden Gold ist in Budapest. »Vom 1. Januar 1988 an« - gleichzeitig mit der Einführung der Einkommensteuer - »dürfen wir unsere persönliche Meinung vertreten«, sagt Südi todernst. Von Dezember 1988 bis Ende Juni 1989 tagte das Parlament 16 Tage lang, so oft wie früher in zwei Jahren.

Südi, 54, wird in seinem Kecskemeter Wahlkreis als »Ein-Mann-Demokratie« sowohl gehaßt als auch geliebt. Es lieben ihn die Bauern in den Wein-, Obst- und Getreide-Dörfern. Die Parteifunktionäre hassen ihn: Südis Hauptfeinde, der Stamm der Apparatschiks, klagen ihn der Entmachtung des Komitatssekretärs an, »der widerspenstige Bürgermeister von der Polizei denunzieren ließ und sich aufführte, als sei der Bezirk der Besitz der Partei«.

Dieser Machtmensch Pal Romany, »ein klassischer Stalinist, ein Reformfeind und Demokratieverhinderer« seit je, sei, so Südi, von seinen Freunden in der Partei schließlich nach der »Fallschirmspringer-Methode« aus dem Komitat entfernt worden. Sie hoben ihn hoch und ließen ihn ganz weich fallen. Jetzt ist Romany Rektor der Parteihochschule in Budapest, Berater des ZK und hält leidenschaftliche Reden für die Demokratie. »Solche Figuren«, sagt Südi, »schaden der Glaubwürdigkeit der Reformen.«

Ein Feuerkopf mit Löwenmähne: Noch mit 48 legte Südi das juristische Staatsexamen ab, »ich mußte mich gegen meine eigenen Leute verteidigen. Das ist meine Tragödie: Daß ich gegen die Führer der eigenen Partei kämpfen mußte. Meine eigenen Leute waren meine schlimmsten Feinde«.

Sein Brot verdient er als Parteisekretär der Bauern-Kooperative »Petöfi« im Dorf Janoshalma, er ist seit 28 Jahren Parteimitglied, doch »vieles, was ich gemacht habe, war schlecht. Aber wer nicht mitmachte, der konnte auch nichts werden«.

Und sein Traum von der Demokratie?

»Daß man endlich ohne Angst seine Meinung sagen darf, ohne sich und seiner Familie zu schaden. Demokratie ist die innere und äußere Befreiung von Zwängen.«

Am 22. Juni 1989 bildet sich im Kecskemeter Cafe-Restaurant Liberte ein Auflauf, als dessen Urheber ein gewisser Habsburg Otto identifiziert wird. Er ißt gebackenen Waller mit grünem Salat, überlebt diese schwere Kost und verteilt unter unaufhörlichem Geplauder mit imperialen - wahrhaftig: imperialen - Schriftzügen Autogramme an das Volk; der Kaisersohn von Kakanien, Otto v. H., 76, besucht, in einem über alle Zweifel erhabenen Erhaltungszustand, die alte Heimat. »Vom Herbst 1919 bis zum Juli 1988« war ihm das Betreten derselben leider verwehrt gewesen, sagt er. Sein Ungarisch entzückt selbst die jungen blasierten Kellner.

Der alte Herr reist auf Einladung der Reformpartei Demokratisches Forum durch die Pußta, hält zwei Reden vor jeweils 3000 Zuhörern und genießt es, »eine Nation zu sehen, die wieder Freiheit atmet. Früher hat den Leuten die Angst in den Knochen gesteckt«. Früher? Vor dem Herbst 1919?

Habsburg, begleitet von seinem zweitältesten Sohn Georg, erleichtert sich immer wieder von seinen antisozialistischen Zwangsvorstellungen und rät den jungen Parteien »zu kleinen Schritten. Selbst Kommunisten sind mir dankbar für solche Tips«, sagt er, nein singt er: Triumph empfinde er in diesem Augenblick nicht, das wäre ja dumm, »ich empfinde Dankbarkeit. In Ungarn besteht eine uralte freiheitliche Tradition, etwas, was dem Russen beispielsweise ganz fremd ist«.

Aber Vergeltungsgelüste überfallen ihn nicht, sagt er. Als er davonschwebt, spreizt sich sein grauweiß gepfeffertes Jackett stark über den Hüften.

Sie ahnten nicht, daß die Demokratie mit solchen Riesenschritten auf sie zustürmen würde, und »waren überrascht von der phantastischen Entwicklung«, bekennt der Arzt Gyula Panczel, 45, Gründungsmitglied des Demokratischen Forums von Kecskemet.

Und dem Ingenieur Istvan Balai, ebenfalls im DF-Präsidium, ist sogar ein wenig bange: »Wenn die Demokratie tatsächlich kommt, was tun wir dann? Wir haben keine Praxis in Demokratie! Kein Mensch in Ungarn weiß, was Demokratie ist und wie das geht.«

Doch schon kämpft einer ihrer Kecskemeter Parteifreunde im Stadtrat für das Recht der Provinz auf Provinzialität: »Ungarn ist nicht nur Budapest«, sagt Panczel, und schwärmt von der Entfaltung der verschlafenen Pußta, ihrer fruchtbaren Erde, Sand, nichts als Sand, vom Nationalgefühl und der guten alten Zeit. »Wir gehören der lateinischen Kultur an«, sagt Balai prunkvoll, »wir sind Mitglieder Europas. Unser erster König wurde vom Papst gekrönt und nicht von Byzanz; das tausendjährige ungarische Volk steht Osteuropa fern.«

Das Parteiprogramm, das die beiden eifrigen Präsidiumsmitglieder in einen schwülen Kecskemeter Sommertag malen, ist ein glaubensfester Heimatroman, denn, sagt Balai, »wir wollen kein Klageklub nostalgischer Akademiker sein, keine intellektuelle, sondern eine geistige Bewegung. Wir wollen die Massen zum Sprechen bringen«.

Noch schweigen die Massen von Kecskemet, zum Demokratischen Forum sind nur Ärzte, Lehrer und Ingenieure gestoßen, dem Boden verbundene Bauern und ein paar »Arbeiter, die während der stalinistischen Diktatur nicht ganz verkommen sind«.

Am 22. Juli wählt Kecskemet in einer Nachwahl einen neuen Abgeordneten ins Budapester Parlament: Da wollen sie ihrem Kandidaten, einen Gymnasiallehrer für Geschichte und ungarische Sprache, zum Sieg verhelfen.

Das steilste Hindernis vor dem Sieg ist das Mißtrauen der Wähler; sie glauben ihnen kein Wort, sie glauben keiner Partei. »Was ihr uns erzählt, klingt wunderschön - aber betrügt ihr uns auch nicht? fragen sie«, sagt Panczel. »Wir sind 40 Jahre lang hinters Licht geführt worden.«

Erkenne die Lage! Sie ist undurchsichtig: »Erst die Wahlen werden zeigen, wie die Stimmung in Ungarn wirklich ist. Ob die Menschen noch die Kraft haben, einer Partei zu vertrauen.« Der Schauspieler Peter Szirmai, 38, versammelt seit April in Kecskemet den Bund Freier Demokraten (SzDSz) um sich, er hat 50 eingeschriebene Parteifreunde, »aber mindestens 250 Anhänger«.

Szirmai ist der Sohn eines Märtyrers, Sohn eines Opfers der Kadar-Zeit - zur Strafe belegte ihn die Partei jahrelang mit Berufsverbot. »Im Moment haben wir keine Rollen für dich«, sagten die Schauspieldirektoren von Fernsehen, Film und Theater, und Szirmai spielt mit seinen langen Armen die Heuchelei seiner Gegner vor. Sein Vater Otto wurde nach dem Volksaufstand vom Oktober 1956 als Konterrevolutionär hingerichtet; sein guter Freund Janos Kadar wollte ihn nicht retten.

Szirmais politische Karriere ist so alt wie er selbst, aber erst seit vier Monaten hofft er, mit seiner Passion für »freie Demokratie« diejenigen zu gewinnen, »die nicht nur das Modell, sondern das System ändern wollen. Unser Sozialismus wird allen verpflichtet sein, nicht nur den Mitgliedern der Arbeiterpartei«.

Da die Freien Demokraten für freie Marktwirtschaft und freies Unternehmertum antreten, werden sie von den »Unternehmern von Kecskemet« im Wahlkampf mit, das ist neu im ungarischen Angebot, Geld- und Sachspenden unterstützt. In Szirmais Botschaft vom absoluten Pragmatismus ist für alle Platz: »Wir werden mit niemandem koalieren, schon gar nicht mit den alten Kommunisten. Unsere Leute sind so gut - wir könnten allein eine Regierung bilden, bürgerlich-demokratisch, alles ist möglich bei uns.«

Er zupft sich den schwarzen Bart zurecht und eilt ins Theater, nicht eben feurig, er spielt den Fürsten Leopold in der Operette »Csardasfürstin«, »da muß ich nur ganz wenig singen«.

In diesem Sommer ist die Pußta um Kecskemet ein buntes Bilderbuch, Abend für Abend prasselt Regen auf die grünen Ebenen herunter, das Land hat die Dürren der vergangenen Jahre überwunden. Die Kirschen platzen von den Ästen, die Aprikosen glänzen im Laub, und die Weizenfelder dehnen sich golden bis zum Horizont.

Und trotzdem: Am Peter-und-Pauls-Tag gingen die Bauern auf die Straße und demonstrierten ihren Ärger in ordentlichem und bravem Protest. Saubergewaschene Mähdrescher und Getreidetransporter parkten zwei Stunden lang gegenüber der Komitatsverwaltung von Kecskemet.

Die Präsidenten der drei größten Bauern-Kooperativen verteilten schüchtern Flugblätter, und auf den Transparenten lasen die Kecskemeter: »Wenn wir die Geduld verlieren, wird es kein Brot mehr geben« oder »Es lohnt sich nicht mehr zu säen«. Passanten und Eckensteher lasen und verstanden: »Das hat die Regierung angezettelt, damit unsere Wut verraucht.«

Irrtum: Die Regierung hatte sich geweigert, die Getreidepreise um 30 Prozent zu erhöhen, und die Demonstranten ahnten, daß ihre artige Demonstration die Regierung keineswegs erschüttern würde. »Die Regierung konnte nur nein sagen, hätte sie uns nachgegeben, wären Brot, Nudeln und Fleisch teurer geworden. Das wollten wir eigentlich nicht« - zahnlose Wut.

Andras Forcek, Präsident der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft »Ungarisch-sowjetische Freundschaft«, ist dennoch voller Zorn auf die Führung, wer immer das zur Zeit sein mag.

»Wir, die Bauern, finanzieren heute den Staat samt einer bankrotten Schwerindustrie. Muß man in Ungarn Bergbau treiben? Stahl produzieren? Mit unserem Getreide auch noch das sowjetische Erdöl bezahlen? Nur deshalb ist es so bodenlos billig.« Das Getreide.

»Wir stecken in einer Sackgasse, denn wir können unsere Kosten nicht weitergeben.« Forcek, erst 43 und schon grau, mußte seine behäbige Kooperative in einen Tausendfüßler verwandeln, »denn auf einem Bein allein können wir nicht stehen. Wir kämpfen ums Überleben, kein Bauer kann von der Landwirtschaft allein satt werden«.

Da der Staat die Preise für Getreide kontrolliert, degenerierte Forceks Landwirtschaft zu einem Supermarkt des Kecskemeter Allerlei: für Schnaps, Viehfutter, Brot, Blumen, Kleiderhaken und Vorhangleisten, Elektrogeräte, jugoslawischen Kaugummi und japanische Quarzuhren. Es gibt Kooperativen, deren Bauern jetzt Schuhe und Computer produzieren. Forcek setzt über eine Milliarde Forint im Jahr um, die wenigsten mit Ackerbau.

»Bei soviel Aktivität müßte es uns bessergehen«, sagt Forcek und weiß nicht, ob er lachen oder schreien soll, denn in Wahrheit stehen er und seine 6800 Hektar und seine 900 Mitarbeiter am Rande des Zusammenbruchs. Obwohl in der »Ungarisch-sowjetischen Freundschaft« die sozialistische Planwirtschaft »schon seit 30 Jahren ein alter Hut ist«, so Forcek, »produzieren wir unser Getreide mit Verlust«.

Produktionkosten pro Tonne Weizen: 4039 Forint, der Staat zahlt 4100, »und da sind die Bankzinsen noch nicht bedacht«, jammert Forcek. Der Weltmarktpreis beträgt 160 Dollar, das entspricht 10 800 Forint. »Meine Buchhalterin rät mir von morgens bis abends vom Getreideanbau ab. Trag dein Geld lieber auf die Bank, die zahlt dir 20 Prozent Zinsen. Damit machst du Profit.«

In der kapitalistischen und der sozialistischen Welt subventionieren nur drei Staaten ihre Landwirtschaft mit Null: Australien, Neuseeland und Ungarn. Forcek bettet seinen Kummer weich in den roten Plüsch des Empfangszimmers der Kooperative und sagt: »Investitionen sind Wahnsinn. Wir können uns nicht weiterentwickeln.« Ungarn wird noch verhungern.

»Produktivität wird bestraft« - ein Außenseiter der ungarischen Produktionsgesellschaft, der junge Jozsef Fogel, 30, Sohn schwäbischer Pioniere, ehemaliger Traktorist auf der Kooperative »Kossuth« und seit einem halben Jahr selbständiger Bauer, sieht über seinen kleinen Besitz, er ist mit einem kurzen Blick zu übersehen, und sagt lächelnd: »Getreide - lohnt sich nicht.«

Schweinezucht - lohnt sich nicht. Sauerkirschen bringen nur zwei Forint das Kilo, und in Kecskemet kosten sie 28, viele Bauern schlagen ihre Bäume um, die Ernte lohnt einfach nicht. Die Tomatenbauern in seiner Nachbarschaft beten um Hagelschlag, weil die Preise ihre Plage nicht aufwiegen.

Bauer Fogel, ein Kleinbauer allerältesten Stils, ist mit Frau Erika, 26, und zwei kleinen Söhnen in einen alten Hof gezogen, der billig zu haben war. Weit weg vom Dorf beackert er einen halben Hektar Land mit Kartoffeln, Weintrauben und Gemüse, auf anderthalb Hektar Pachtland zieht er Mais und Luzerne für seine drei Kühe.

Er freut sich, daß er endlich sein eigener Bauer ist: »Es ist Hoffnung im Land«, sagt er und träumt auch nicht mehr davon, für 15 Mark Stundenlohn als Hilfsarbeiter in Stuttgart anzuheuern. Er arbeitet auf eigene Rechnung, was er ißt, erzeugt er selbst. »Früher war's mir doch Wurscht, ob die Furchen grad oder krumm waren, das war ja nicht mein Land. Jetzt passe ich auf!«

Seine Zuversicht überstrahlt mühelos die Krise: »Der Staat hat kein Geld, um unsere Frucht zu kaufen.« Die Ernte 1988 bezahlte die Regierung mit Wechseln, davon sollte die Kooperative ihre Arbeiter entlohnen. Neue Maschinen kaufen. Fogel: »Heuer wird die Getreideernte doppelt so groß und nur halb so viel einbringen.«

Und trotzdem und trotzdem verdient er bei gleicher Arbeit soviel wie früher, 15 000 Forint, aber erst ab 500 000 im Jahr muß er Steuern zahlen. Das ist sein Motor: keine Steuern!

Die Partei der Macht, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, bereitet sich auf den Abschied vom Sozialismus vor oder auf einen anderen Sozialismus, wie der dann auch immer heißen mag nach den Wahlen 1990. Die Opportunisten-Fraktion unter den Genossen von Kecskemet, innerlich längst im Exil, zieht sich auch öffentlich vom System zurück, denn die Reformer scheinen die neue Macht zu verkörpern.

»Ich bin 1970 nur eingetreten, weil ich sonst meinen Job verloren hätte«, sagt Sandor Toth, 54, Photograph, den Job bei der Zeitung »Petöfi Nepe«, dem Zentralorgan der Partei von Kecskemet.

»Hab' mit dem Herzen nie an die Partei geglaubt, wie die meisten. Wir waren nur Statisten der Partei-Statistik.« Natürlich hat Sandor Toth nicht aufgehört, für »Petöfi Nepe« zu photographieren, nur weht der Wind jetzt Kurs Pozsgay. »Bisher mußten wir unsere Stimmen abgeben, nun dürfen wir wählen.«

Die Auflage von »Petöfi Nepe« ist von 80 000 auf 55 000 gesunken, seit auch Oppositionszeitungen erscheinen. Und der Parteiverlag verhilft dem Wochenblatt des Demokratischen Forums sogar zum Überleben, indem er Sonntag für Sonntag 5000 Exemplare druckt, obwohl sich das Geschäft erst ab 10 000 lohne.

Die Partei muß Geld verdienen: Im Komitat Kecskemet löst sie pompöse Dienststellen auf und vermietet die Häuser. Von zehn Dienstwagen wurden sieben abgestoßen.

Pater Jozsef Ruppert, 47, der Direktor des Piaristen-Gymnasiums für Knaben, ein rotwangiger Athlet und Bergsteiger, beobachtet mit frommer Freude, wie sich die Zustände erholen. »Die neuen Parteien sind doch die alten, wiedergekehrt und wiedererweckt, die bürgerlich-demokratischen Bewegungen von einst. Das alte System setzt sich durch gegen den Sozialismus. Die Macht und Kirche kommen einander näher. Die Kirchen sind voll, die stündlich gefeierten Messen am Sonntag: alle überfüllt. Die Menschen glauben wieder.«

Im nächsten Schuljahr, es beginnt im September, wird es drei statt zwei Anfangsklassen im Piaristen-Gymnasium geben, der Bürgermeister hat's erlaubt. Der Himmel sendet noch deutlichere Zeichen nach Kecskemet: Von den 70 bis 80 Abiturienten jedes Jahrgangs meldeten sich früher nur drei oder vier fürs Priesterseminar an. 1989, sagt Pater Jozsef und sein Lächeln wird noch athletischer, »meldeten sich plötzlich 18«.

Wer es fassen kann, der fasse es. #

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