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»Der Putschwille der Ultras ist ungebrochen«

SPIEGEL-Interview mit einem Madrider Hauptmann über das spanische Militär Der 43jährige Hauptmann, der nur inkognito bereit war, mit dem SPIEGEL zu sprechen, hat mehrere Jahre lang bei der Madrider 1. Panzerdivision ("Division Acorazada") gedient. Weil er den früheren Staatschef Franco als Diktator bezeichnet und die meisten aktiven Generale als »putschverdächtig« qualifiziert hatte, wurde er - bereits nach Beginn der Demokratisierung - zur Schreibstubenarbeit strafversetzt.
aus DER SPIEGEL 14/1981

SPIEGEL: Der Putschversuch vom 23. Februar hat die spanische Bevölkerung und die Politiker völlig überrascht. Wie konnten die Zivilisten sich in ihren Streitkräften so sehr täuschen?

HAUPTMANN: Wir demokratischen Militärs haben immer darauf hingewiesen, daß die Streitkräfte den Wunsch der Bevölkerung nach Demokratie und Freiheit nicht teilen. Niemand hat uns ernst genommen. Die Politiker sagten, wir seien ein paar unverbesserliche Nörgler. Und wir haben ihnen geantwortet, daß sie unverantwortliche Selbstmörder seien. Uns hat dieser Putsch nur insofern überrascht, als er nicht schon lange vorher stattgefunden hat.

SPIEGEL: Mit anderen Worten, die Militärs sind gegen die Demokratie?

HAUPTMANN: Die große Mehrheit ist gegen die Demokratie. Ich sage das nicht aus Lust am Beleidigen, sondern weil dies die Konsequenz einer Analyse der traurigen Wirklichkeit Spaniens ist. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß unsere Streitkräfte absolut franquistisch waren. Streitkräfte, die einer Diktatur dienten, welche sich auf Repression und Zensur stützte. Und diese Armee einer Diktatur ist auch heute, nach fünfjähriger politischer Reform, noch völlig unverändert.

SPIEGEL: Vor allem doch wohl deshalb, weil die Politiker, die sich daranmachten, die Franco-Diktatur in eine Demokratie umzuwandeln, davon ausgingen, daß Militärs eben Befehle auszuführen haben und weiter nichts.

HAUPTMANN: Befehle von Demokraten wollen die spanischen Militärs aber nicht akzeptieren, denn sie sind ja gegen die Demokratie. Diktator Franco hatte einen Nachfolger vorgesehen, und die Militärs waren sicher, mit ihm ein weiteres halbes Jahrhundert an der Macht bleiben zu können. Aber dieser Nachfolger -- König Juan Carlos -- hat die Staatsform geändert, und das ist für die Militärs wie ein Staatsstreich.

SPIEGEL: Konnten oder wollten die Politiker nicht erkennen, wie es in den Streitkräften aussah?

HAUPTMANN: Ihnen hat der politische Wille gefehlt, die Armee zu reformieren. Sie haben nicht nur unterlassen, die Streitkräfte zu demokratisieren, sie haben sie nicht einmal aufgeklärt, was Demokratie eigentlich ist.

SPIEGEL: Warum sind denn die Militärs so furchtbar unzufrieden? Schließlich sind doch keine Sozialisten oder gar Kommunisten in Spanien an der Macht.

HAUPTMANN: Die meisten Militärs lehnen aber sogar schon moderne, liberale Kapitalisten ab.

SPIEGEL: Ist nicht diese Abwehrhaltung der Militärs durch die Anschläge der baskischen Untergrundorganisation Eta in letzter Zeit noch verstärkt worden?

HAUPTMANN: Natürlich wollen die Terroristen die Militärs gezielt provozieren. So ist eine merkwürdige Komplizenschaft zwischen zwei Gruppen entstanden, die vorgeben, jeweils ganz Entgegengesetztes zu wollen.

SPIEGEL: Aber die Militärs haben sich immerhin über fünf Jahre Zeit gelassen, bis sie einen Putsch versuchten.

HAUPTMANN: Putschen wollten sie schon immer. Früher haben sie sich nur nicht getraut. Seit einiger Zeit aber haben sie die Angst verloren.

SPIEGEL: Warum?

HAUPTMANN: Vor gut zwei Jahren gab es mit der »Operation Galaxia« schon einmal so etwas wie einen Putschversuch. Und da haben alle gesehen, daß die Verschwörer praktisch nicht bestraft wurden. Die Regierung hat sich den demokratiefeindlichen Militärs gegenüber stets schwach und ängstlich verhalten.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich denn, daß die Militärs sich unter Franco so viel wohler gefühlt haben als in der Demokratie?

HAUPTMANN: Das liegt wohl daran, daß die Mehrheit der Streitkräfte die Figur von Diktator Franco mystifiziert hat und dafür eine miserable Bezahlung, eine beklagenswerte Organisation und wirklich erbärmliches Rüstungsmaterial in Kauf genommen hat. Wir waren schon immer eine sehr schlechte Streitmacht. Lediglich als Gendarmerie funktionierte der Apparat ausgezeichnet.

SPIEGEL: Also nur beim Einsatz gegen den »inneren Feind«?

HAUPTMANN: Bis heute sehen Spaniens Militärs ihre Feinde nur im eigenen Land. Und Feinde sind in ihren Augen alle, die für die neue Verfassung und für den König sind. So denkt die Armee, das ist die traurige Wirklichkeit.

SPIEGEL: Woran liegt es denn, daß die spanischen Militärs sich so anders verhalten als die meisten ihrer europäischen Waffenbrüder?

HAUPTMANN: Es gibt da eine Studie eines englischen Soziologen, die das Niveau der politischen Bildung der Militärs eines Landes in Zusammenhang S.186 setzt mit deren Hunger nach politischer Macht. Hier in Spanien hat sich diese Studie wissenschaftlich exakt bewahrheitet: niedrige politische Bildung -- ständige Lust, sich über die politische, zivile Macht zu erheben.

SPIEGEL: Fühlen sich die spanischen Streitkräfte denn nicht als Teil der Gesellschaft?

HAUPTMANN: Jeder spanische Militär glaubt, etwas Besonderes zu sein. Alle fühlen sich über die Zivilisten erhaben. Sie betrachten sich als eine geistige und moralische Reserve der Nation. Sie sehen sich als Auserwählte »von Gottes Gnaden«. Sie verachten die Zivilgesellschaft und glauben, der Kontakt mit ihr könne nur gefährlich sein.

SPIEGEL: Also freiwilliger Rückzug in eine Art Getto?

HAUPTMANN: Die zivile Gesellschaft, die ihrerseits die Armee fürchtet oder verachtet, hat nicht viel getan, um diese Gettos zu verhindern. So etwa leben wir in für Militärs reservierten Wohnsiedlungen, und dort entwickelt sich der elitäre militärische Kastengeist. Wir haben eigene Einkaufszentren und Apotheken, eigene Klubs, eigene Urlaubsorte. Unsere Kinder gehen in extra für sie eingerichtete Schulen, natürlich religiöse. Die Kinder dieser Gettos heiraten dann wieder untereinander, und so reproduzieren sich ihre Ideologie und ihr Geist immer weiter.

SPIEGEL: Die junge Offiziersgeneration, die zum Beispiel den spanischen Bürgerkrieg nicht mehr erlebt hat, ist doch aber demokratischen Ideen gegenüber sicher aufgeschlossener?

HAUPTMANN: Nein, eher ist das Gegenteil der Fall. Rund 70 Prozent der Schüler der Militärakademien sind Söhne von Militärs, die traditionell von der Demokratie sehr wenig halten. Hier liegt ein sehr ernstes Problem für die Zukunft.

SPIEGEL: Lernen die jungen Offiziere denn auf den Militärakademien nichts über Demokratie?

HAUPTMANN: In der Schule des Generalstabes des Heeres in Madrid beispielsweise ist die neue, demokratische Verfassung zwar Unterrichtsfach. Doch weil der dafür vorgesehene Lehrer gegen die Verfassung eingestellt ist, wird in seiner Klasse über die Verfassung nicht gesprochen.

SPIEGEL: Bei den letzten Parlamentswahlen haben nicht einmal zwei Prozent der Spanier für franquistische Parteien gestimmt. Haben die Militärs das nicht zur Kenntnis genommen?

HAUPTMANN: Die ganze Welt hat dies bemerkt, nur nicht die spanische Armee. Die glaubt, was sie 40 Jahre lang von Franco gehört hat: Die Bevölkerung ist dumm, kann manipuliert werden und soll deswegen am besten erst gar nicht gefragt werden.

SPIEGEL: Der Verteidigungsminister hat aber in seiner Schilderung der Putschhintergründe im Parlament gesagt, 99 Prozent der spanischen Streitkräfte dienten treu dem Land, dem König und der Verfassung.

HAUPTMANN: Der Verteidigungsminister hat damit die Öffentlichkeit getäuscht.

SPIEGEL: Vielleicht will er mit dieser Darstellung ja unentschlossene Militärs zur Verfassungstreue animieren.

HAUPTMANN: Das wäre eine wirklich kindische Taktik. Durch solche falschen Darstellungen wird die wirkliche Gefahr auch in Zukunft nur verschleiert. Die Spanier haben nach wie vor keine Ahnung, wie es innerhalb der Armee aussieht. Das ist tragisch, denn die Bevölkerung hat eine patriotische, friedliche, freiheitliche Zukunft gesucht und diszipliniert und freudig die Demokratie mit aufgebaut. Und dieses Volk mit all seinen Hoffnungen ist ohnmächtig gegenüber einer Minderheit, der es Waffen in die Hand gegeben hat und für die es jährlich 250 Milliarden Peseten bezahlt. Dies ist eine wirklich schaurige Situation.

SPIEGEL: Und was gedenken Militärs, die so denken wie Sie, zu tun, um die Lage zu ändern?

HAUPTMANN: Wir demokratischen Militärs können nur noch ein SOS an Europa richten, damit europäische Politiker ihren Einfluß auf die verantwortlichen spanischen Politiker und Militärs geltend machen.

SPIEGEL: Sie wollten in diesem Interview Ihren Namen nicht genannt sehen. Was befürchten Sie?

HAUPTMANN: Wir demokratischen Militärs leben hier in einer wahren Atmosphäre der Hexenjagd, es herrscht immer noch ein Klima der Verfolgung. Während der Demokratisierung nach Francos Tod wagten die paar demokratischen Militärs, die es damals gab, sich an die Öffentlichkeit. Doch viele wurden dafür bestraft, Demokraten zu sein. Sie wurden strafversetzt oder kamen sogar in Militärarrest.

SPIEGEL: Und hat sich nach dem mißglückten Putsch nichts verändert?

HAUPTMANN: Einige wenige Militärs schämen sich wegen des traurigen Spektakels, doch auch das wohl nur, weil der unansehnliche Gewaltakt im Fernsehen übertragen wurde. Es sind nur sehr wenige, die den Putschversuch wirklich verurteilt haben. Und die demokratischen Offiziere, die trotz aller Schikanen bis jetzt ausgehalten haben, beginnen zu resignieren. Inzwischen erhalten wir sogar Morddrohungen.

SPIEGEL: Haben Sie Angst vor einem neuen Putsch?

HAUPTMANN: Der Putschwille der Ultras ist ungebrochen. Sie haben ja auch nichts riskiert. Es zeigt sich, daß die Politiker nicht einmal mehr wagen, geltendes Recht gegen die Verschwörer anzuwenden. Denn nach dem militärischen Strafgesetz müßten alle Militärs, die sich an dem Aufstand beteiligten, mit zwölf bis 30 Jahren Gefängnis bestraft werden.

SPIEGEL: Der König selbst, der ja oberster Militärbefehlshaber ist, hat die Politiker gewarnt, allzu hart gegen die Putschisten vorzugehen.

HAUPTMANN: Sicher ist das große Hindernis für die Putschisten der König, der König ist eindeutig für die Demokratie. Dies ist sehr wichtig. Aber wir sollten auch nicht vergessen, daß der König ein durch Attentate verletzbarer Mensch ist. Und es ist unerträglich, daß eine Gemeinschaft von 38 Millionen Menschen abhängig ist von einem einzigen Mann.

S.184Im Madrider SPIEGEL-Büro mit Redakteur Volkhart Müller.*

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