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Der rätselhafte Tod der Mary Jo Kopechne

aus DER SPIEGEL 35/1974

Es war gegen Mitternacht am 18. Juli 1969. Von einer Brücke auf der Insel Chappaquiddick im US-Bundesstaat Massachusetts stürzte ein schwarzer, viertüriger Oldsmobile 88 kopfüber in zweieinhalb Meter tiefes Wasser. Eigentümer des Wagens: Senator Edward Kennedy.

Gegen neun Uhr am nächsten Morgen kroch ein Froschmann in den Wagen und barg die Leiche von Mary Jo Kopechne, 28.

Kurz nach zehn Uhr gestand Senator Kennedy dem Polizeichef Dominick Arena in Edgartown, einem kleinen Ort auf der Chappaquiddick gegenüber gelegenen Insel Martha's Vineyard, er habe den Oldsmobile gefahren, als dieser ins Wasser stürzte.

Das war das erste Geständnis in einer Reihe von Erklärungen, die Kennedy und andere abgaben und die einen auf den ersten Blick simplen Autounfall zu einem vielschichtigen Rätsel werden ließen.

Besonders mysteriös ist, daß Kennedy sich von Anfang an geweigert hat, alle Unklarheiten auszuräumen, obwohl gerade der nicht völlig aufgeklärte Hergang des Vorfalls seinem (und Mary Kopechnes) Ruf nachhaltig geschadet hat.

Sein Ruf als rasanter Autofahrer und als Frauenheld lieferte einen prächtigen Nährboden für die giftig wuchernden Gerüchte. So wurde gemunkelt, Mary Kopechne sei schwanger, ihr Tod kein Unfall gewesen. Als ihre Eltern später ein neues, erheblich teureres Haus bezogen, hieß es, Kennedy habe ihr Schweigen erkauft. (Kurz nach dem Unfall beschwerten sich die Kopechnes über die Art, wie sie behandelt worden seien. Unlängst aber erklärten sie, wenn Kennedy für das Präsidentenamt kandidieren würde, dann hätte er ihre Unterstützung.)

Allgemein wurde vermutet, so ergab eine Meinungsumfrage nach dem Unfall, Kennedy habe mit Mary Kopechne an einen einsamen Strand fahren wollen und die Brücke verfehlt, weil er betrunken war.

Die »Kennedy-Story« -- das heißt, die Darstellung, die Kennedy und seine Gefährten von jenem Abend gaben -- kam nicht sofort, nicht reibungslos oder freiwillig an den Tag. Sie kam in Bruchstücken, immer unvollständig, immer zögernd, immer voller Widersprüche und Ungereimtheiten.

In Kennedys erster Erklärung vor der Polizei fehlte noch die Hälfte jener Angaben, die er eine Woche später in seiner Fernseh-»Ansprache an die Bürger von Massachusetts« machte und in der er den Hergang selbst wiederum nur dürftig skizzierte. Sechs Monate später erschienen er und seine Freunde zu einer -- ergebnislosen -- gerichtlichen Untersuchung ("Inquest") hinter verschlossenen Türen. Dabei gab es so viele triviale und irrelevante Aussagen, daß Kennedy, so einer seiner Mitarbeiter, im privaten Kreis später darüber lachte.

Nie wurde Kennedy oder einer der Gäste, die in der Unglücksnacht mit ihm zusammen waren, einem scharfen gerichtlichen Kreuzverhör unterzogen.

Nie hat Kennedy Journalisten gegenübersitzen und einige Stunden lang eine harte, unerbittliche Befragung über sich ergehen lassen müssen, das sich ausschließlich mit den dunklen Punkten des Vorfalls befaßt hätte.

Einstweilen muß die Öffentlichkeit also mit der alten Kennedy-Story leben. Und diese Story lautet:

Zum 18. und 19. Juli lud der Senator sechs Damen -- die im Wahlkampf 1968 für seinen ermordeten Bruder Robert gearbeitet hatten -- zur Regatta des Jachtklubs Edgartown ein. Die sechs Damen waren: Rosemary Keough, 23, Susan Tannenbaum, 24, Esther Newberg, 26, die Schwestern Maryellen und Nance Lyons, 27 und 26, und Mary Jo Kopechne, die eine Woche später 29 geworden wäre. Sie wurden im Katama Shores Motor lon bei Edgartown untergebracht.

Außer den sechs Damen hatte Kennedy fünf Herren eingeladen. Sie wohnten, wie er, im Shiretown Inn in Edgartown: Charles Tretter, Anwalt aus Boston; Ray LaRosa, Beamter der Zivilverteidigung aus Massachusetts; Jack Crimmins, Rechtsberater und Detektiv, der Kennedy chauffierte; Paul Markham, ein Bankpräsident, der früher einmal Staatsanwalt gewesen war, sowie Joseph Gargan, Kennedys Vetter und Faktotum.

Am 18. Juli gegen 20.30 Uhr trafen sich Kennedy und seine Gäste zu einem Barbecue in einem gemieteten Bungalow auf der Insel Chappaquiddick; gewöhnlich fährt man dorthin von Edgartown mit einer kleinen Autofähre (zwei Wagen) über einen etwa 150 Meter breiten Kanal.

Auf den ersten Blick war die Besetzung für einen geselligen Abend nicht gerade ideal. Alle Damen waren unter 30, die meisten sogar weit jünger. Alle Herren waren über 30, die meisten weit älter, einer war 63. Keine der Damen war verheiratet, dagegen fünf der sechs Männer.

Doch es gab reichlich Drinks und Steaks, der Abend ließ sich gut an. Man erzählte alte Wahlkampfgeschichten, sang und tanzte ein bißchen zu den Klängen eines Radios, das man in einem Motel auf dem Festland ausgeliehen hatte.

Um 23.15 Uhr wollte Kennedy ins Shiretown Inn zurückfahren, um sich für die Regatta am nächsten Tag auszuruhen. Mary Jo Kopechne erklärte ihm, sie fühle sich nicht wohl, und fragte, ob er sie nach Edgartown mitnehmen könne.

Auf Chappaquiddick gibt es nur eine gepflasterte Straße. Sie führt an dem Bungalow vorbei und biegt etwa 800 Meter weiter scharf nach links zur Fähre ab. Nach rechts zweigt an dieser Stelle ein Feldweg ab, die Dyke Road. Als Kennedy an diese Kreuzung kam, bog er versehentlich nach rechts ein. fuhr etwa 1100 Meter die Dyke Road hinunter und verfehlte dann die Brücke. Er hatte nicht

früh genug gesehen, daß die Brücke schräg zur Straße verlief.

Nachdem Kennedy sich aus dem Auto befreit hatte, tauchte er sieben- oder achtmal, um Mary Kopechne zu retten. (Nach Kennedys Rechnung verstrichen darüber etwa 15 oder 20 Minuten.) Erschöpft ruhte er sich am Ufer aus (nach seinen eigenen Worten weitere 15 oder 20 Minuten) und machte sich dann auf den Weg, um im Party-Haus Hilfe zu holen. Etwa zwei Kilometer »ging, lief, rannte und stolperte« er durch die tiefschwarze Nacht (Kennedy schätzte, daß er dafür 15 Minuten brauchte; Reporter, die denselben Weg später bei Tage zurücklegten, brauchten 20 bis 25 Minuten). Als Kennedy vor dem Bungalow auf LaRosa traf, bat er ihn, Markham und Gargan zu rufen. Während er auf sie wartete, setzte er sich auf den Rücksitz des zweiten Wagens, eines gemieteten Valiant, und ruhte sich aus.

An der Unglücksstätte legten Gargan und Markham ihre Kleider ab und tauchten (nach eigener Schätzung) 45 Minuten nach Mary Kopechne. Es gelang ihnen nicht, Mary Kopechne zu finden, geschweige denn, sie zu retten oder ihre Leiche zu bergen. Sie gaben auf und fuhren Kennedy zu der Anlegestelle, wo sie dann zehn Minuten lang (nach eigener Schätzung) mit ihm berieten. Plötzlich stürzte Kennedy aus dem Wagen und sprang in den Kanal, bevor sie ihn zurückhalten konnten. Sie beobachteten ihn, bis er etwa halb hinübergeschwommen war (oder, so eine andere Version, sprangen ihm nach und schwammen ein Stück mit ihm). Dann kehrten sie zum Bungalow zurück.

Die Damen überhäuften sie mit Fragen -- was sie gemacht hätten, wo Kennedy sei, wo Mary Kopechne sei. Gargan und Markham wimmelten sie mit beruhigenden Ausflüchten ab: Sie hätten ein Boot gesucht, Kennedy und Mary Kopechne seien in ihren Motels, alles sei in Ordnung, sie sollten schlafen gehen.

Unterdessen wäre Kennedy, gegen die Strömung ankämpfend, im Kanal fast ertrunken. Auf dem Rückweg zu seinem Motel taumelte er durch dunkle Straßen, blieb einmal stehen, um sich gegen einen Baum zu lehnen und auszuruhen, und traf schließlich gegen zwei Uhr nachts im Shiretown Inn ein. Er zog seine nasse Kleidung aus, legte sich ins Bett, überdachte eine Weile seine Misere und schlief ein.

Dann wurde er vom Lärm aus dem Motel nebenan geweckt, stand auf, zog sich an (einschließlich Jackett) und ging nach unten, wo er sich mit dem

Motel-Besitzer unterhielt. Während ihres kurzen Gesprächs sagte Kennedy, er habe seine Uhr verlegt, und fragte den Wirt, wie spät es sei. Es war genau 2.25 Uhr.

Kennedy verbrachte den Rest der Nacht damit, abwechselnd ein wenig zu schlafen und im Zimmer auf und ab zu gehen. Sein Kopf tat ihm weh, und im Nacken verspürte er einen pochenden Schmerz.

Zwischen 7.30 und acht Uhr am nächsten Morgen traf Kennedy während eines kurzen Rundgangs Ross W. Richards, der die Segelregatta vom Vortag gewonnen hatte. Richards kehrte zum Shiretown Inn zurück, Kennedy begleitete ihn. Ihr Gespräch über das Wetter und die Regatta wurde durch Gargans und Markharns Erscheinen unterbrochen.

Kennedy, Gargan und Markham gingen in Kennedys Zimmer, um zu beraten. Etwa eine halbe Stunde später erschien Kennedy in der Halle, um sich die »New York Times« und den »Boston Globe« zu holen. Am Empfang lieh er sich eine 10-Cent-Münze für ein Ferngespräch aus einer Telephonzelle. Als Gargan und Markham erfuhren, daß Kennedy -- anders als nachts an der Fährstelle versprochen -- den Unfall nicht der Polizei gemeldet hatte, beschworen sie ihn erneut, die Polizei zu benachrichtigen.

Kennedy erwiderte, er wolle zunächst seinen Freund Burke Marshall, einen früheren Anwalt, anrufen und um Rat fragen. Er wolle aber von einer Telephonzelle anrufen, die Geheimhaltung garantiere. Gargan empfahl ein Telephon auf der Chappaquiddick-Seite des Kanals. Dorthin fuhren sie zwischen neun und 9.30 Uhr und blieben etwa 20 Minuten. Dann erzählte ihnen der Fährmann, das verunglückte Auto sei gefunden und Mary Kopechnes Leiche geborgen worden. Nachdem das Unglück nun ans Licht gekommen war, fuhr Kennedy mit der Fähre nach Edgartown zurück und meldete sich bei Polizeichef Arena.

Diese Kennedy-Darstellung der Ereignisse jenes Abends zeigt den Senator nicht gerade im besten Licht: Entweder war er nach dem Unfall völlig verstört oder aber grenzenlos abgebrüht, wenn er die zehn Stunden nach dem Unglück tatsächlich so verbrachte, wie er behauptet, während die Leiche der jungen Freundin in dem demolierten Auto herumtrieb. Doch bevor wir uns Kennedys eigenes hartes Urteil über sein Verhalten -- »unentschuldbar« -- zu eigen machen, müssen noch einige Fragen beantwortet werden. Wohin wollte Kennedy und in welcher Verfassung war er?

Nach den Darstellungen der Party-Gäste wurde an jenem Abend relativ wenig getrunken. Eine sorgfältige Prüfung der Zeugenaussagen ergibt, daß die elf Überlebenden während einer Fete, die mindestens vier Stunden dauerte, angeblich nur insgesamt 16 Drinks konsumierten. Das jedoch läßt sich schwer mit anderen Zeugenaussagen über den Alkohol-Vorrat und -Konsum in Einklang bringen.

Crimmins erklärte, er habe im Bungalow drei 1,9-Liter-Flaschen Wodka, vier 0,75-Liter-Flaschen Scotch, zwei Flaschen Rum (ungenannter Größe) und ein paar Kästen Bier bereitgestellt. Nach der Party habe er zwei Flaschen Wodka, drei Flaschen Scotch und das Bier wieder mitgenommen. Bleiben also eine 1,9-Liter-Flasche Wodka, eine 0,75-Liter-Flasche Scotch und die zwei Flaschen Rum. Crimmins behauptet, an jenem Abend sei »sehr wenig« getrunken worden. Andere Gäste bestätigten das. Irgendwo aber muß der Alkohol geblieben sein.

Kennedy behauptet, er habe an jenem verhängnisvollen Abend nur zwei Rum mit Coca getrunken. Außer ihm trank nur noch Crimmins Rum. Er behauptet, auf der Fete »einige« Gläser und außerdem am Abend zuvor, aber nicht viel, von dem Rum getrunken zu haben. Sein übliches Quantum seien drei Drinks am Abend.

Doch vielleicht genehmigte sich Crimmins am Vorabend mehr, als ihm bewußt war. Markham erinnert sich, daß Kennedy, als er seinen ersten Drink erhielt, scherzhaft zu Crimmins sagte: »Wer hat denn all den Rum getrunken? Es ist ja kaum noch welcher da ... Du hast mir keinen Rum übriggelassen, du hast für mich keinen Rum mehr.« Am Ende der Fete jedenfalls waren die beiden Rum-Flaschen leer, und nur Kennedy und Crimmins wollen davon getrunken haben.

Von dem Scotch war eine Flasche nicht mehr vorhanden. Doch nur zwei der Gäste wollen Scotch getrunken haben (LaRosa: einen Drink; Rosemary Keough: zwei Drinks). Ferner wurden 1,9 Liter Wodka verbraucht. Auch hier wollen die Überlebenden nur neun Wodkas getrunken haben (Newberg: zwei; Maryellen Lyons: einen; Nance Lyons: zwei oder drei; Tannenbaum: zwei; Markham: einen). Selbst wenn sie sich großzügig bedient und sich zwei Unzen pro Drink eingeschenkt haben, bleiben von 1,9 Litern immer noch 46 Unzen übrig.

Als der Sheriff kam, raste das Auto davon.

Gargan behauptet, er habe nur Coca, im ganzen vier, getrunken. Tretter gab nicht genau an, wieviel er trank. Er beschränkte sich auf den Hinweis, es sei nur eine »übliche« Menge gewesen.

Damit bliebe nur noch zu klären, was und wieviel Mary Kopechne an jenem Abend trank. Nach Aussagen der Polizei von Massachusetts ergab eine Blutuntersuchung einen Alkoholgehalt von 0,9 Promille, was bei einem Menschen mit einem Körpergewicht von 100 Pfund etwa dreieinhalb bis fünf Unzen 40- bis 45prozentigen Alkohols entspricht, die innerhalb einer Stunde konsumiert werden -- oder mehr, wenn sich der Alkoholgenuß über einen längeren Zeitraum erstreckt.

Danach hätte Mary Kopechne womöglich an jenem Abend am meisten getrunken -- vorausgesetzt, die anderen haben über ihren eigenen Alkoholgenuß die Wahrheit gesagt. Alle aber, die Mary Jo gut kannten, erklärten, sie sei keineswegs eine starke Trinkerin gewesen. Und alle, die Mary Kopechne unmittelbar vor dem Verlassen der Party gesehen haben, behaupteten, sie habe absolut nüchtern gewirkt.

Was nun Kennedys Behauptung anlangt, er sei versehentlich auf die Dyke Road geraten, so glaubt ihm das fast niemand -- bestimmt nicht der Richter beim Inquest oder die Reporter, die das Gebiet erforschten: Die durch eine Mittellinie gekennzeichnete Asphaltstraße ist an der Stelle, wo sie nach links zur Fähre abbiegt, ein wenig überhöht, damit die Autos leichter in diese Richtung einschwenken können. Ein Schild mit einem Leuchtpfeil weist nach links.

Wenn Kennedy diesen Irrtum wirklich begangen haben will, dann müßte er all diese Hilfen übersehen haben und über die Kurve hinausgefahren sein. bevor er den hinter Büschen versteckten schmalen Feldweg zum Strand finden konnte. Später sagte er aus, er habe »irgendwann«, nachdem er nach rechts eingebogen sei, gemerkt, daß er auf einem Feldweg fahre. In Wirklichkeit aber wird ein Auto von der holprigen Oberfläche des Feldwegs sofort durchgeschüttelt.

Außerdem sieht selbst im Scheinwerferlicht eines Autos ein Feldweg wie ein Feldweg aus. Laut Markham hat Kennedy erklärt, daß er »nicht mehr umkehren konnte«, als er sein falsches Einbiegen bemerkt habe. Von der Dyke Road aber zweigen mindestens ein halbes Dutzend Fahrwege ab, auf denen man wenden kann und die leicht zu sehen sind.

Wenn Kennedy den Bungalow, wie er behauptet, um 23.15 Uhr verließ und zur Fähre fuhr, warum fragte er dann die anderen Damen nicht, ob sie mitkommen wollten. Die letzte planmäßige Fähre fuhr um Mitternacht, und alle Damen behaupten, es sei abgemacht gewesen, daß sie in ihr Motel zurückkehren wollten. Als Kennedy nur Mary Kopechne mitnahm, ließ er fünf Damen und fünf Herren, denen nur ein kleiner Valiant zur Verfügung stand, ziemlich hilflos zurück.

Und wenn sich Mary Kopechne tatsächlich nicht wohl fühlte, wie Kennedy zu Crimmins sagte, warum teilte sie das dann nicht einer ihrer engen Freundinnen mit? Und warum, um noch direkter zu fragen, ließ sie ihre Tasche im Party-Haus, wenn sie in ihr Motel fahren wollte?

Lag Kennedy in bezug auf den Zeitpunkt, zu dem er die Party verlassen haben will?

Im Dyke House, 140 Meter von der Brücke entfernt, saß Sylvia Malm und las. Um Mitternacht löschte sie das Licht, um zu schlafen. Ihr Fenster, das zur Brücke hinausgeht, war offen. Die Nacht war so still, daß die Fischer fast einen Kilometer weit die Fische in der Lagune springen hören konnten.

Als Kennedys Wagen von der Brücke stürzte, flog er elf Meter durch die Luft und fiel dabei mehrere Meter tief; er prallte mit einer solchen Wucht auf dem Wasser auf, daß das Dach eingedrückt, die Windschutzscheibe schwer beschädigt und auf der Beifahrerseite beide Fenster herausgedrückt wurden. Sollten Sylvia Malm und ihre Mutter, die doch gehört zu haben meinten, daß kurz vor Mitternacht ein Auto vorbeifuhr, den Aufprall des Kennedy-Wagens nicht gehört haben?

Der faszinierendste Widerspruch zu Kennedys angeblichem Zeitplan kommt von Hilfssheriff Christopher Look jr. Er erklärt, er sei in jener Nacht von der Arbeit nach Hause gefahren und habe gegen 0.45 Uhr ein großes schwarzes Auto an der Abzweigung Fährstraße-Dyke Road halten sehen. Look, in Uniform, hielt an und stieg aus, um den Fahrer zu fragen, ob er Hilfe oder Auskunft brauche. Der Wagen sei daraufhin die Dyke Road hinuntergerast.

Esthers Uhren gingen anders.

Look bemerkte, daß das Nummernschild mit L 7 begann und mit einer 7 endete. So etwas würde er sich merken, sagt er, weil er in der Schule eine 7 auf seinem Sporttrikot getragen habe und die 7 immer seine Lieblingszahl gewesen sei. Er war am nächsten Morgen auch dabei, als das Kennedy-Auto (Nummernschild: L 78207) aus der Lagune gefischt wurde. Look identifizierte es sofort als den Wagen, den er in der Nacht gesehen hatte. Er war sich der Zeit ganz sicher, weil er fünf Minuten später zu Hause gewesen sei und dort, als er es sich zum Fernsehen bequem machte, festgestellt habe, daß es 0.58 Uhr war.

Wenn Look Kennedys Wagen tatsächlich um 0.45 Uhr sah, 45 Minuten also nach der letzten planmäßigen Abfahrt der Fähre. so wirft das nicht nur ein zweifelhaftes Licht auf die lauteren Absichten des Senators. Es stellt auch den ganzen Zeitplan in Frage, den Kennedy für den Rest der Nacht angibt. Wenn man alles zusammenrechnet, was Kennedy, Gargan und Markham nach Kennedys Aussagen gemacht haben wollen, so sind mindestens zwei Stunden, richtiger wohl zweieinhalb Stunden, verstrichen -- nach ihren eigenen Zeitangaben. Zweieinhalb Stunden liegen ungefähr zwischen seiner angeblichen Abfahrt vom Bungalow (23.15 Uhr) und seiner angeblichen Ankunft im Motel (gegen zwei Uhr).

Hat Look dagegen recht, so sind dazwischen nur eineinhalb Stunden verstrichen, so daß Kennedy, Gargan und Markham unmöglich Zeit für ihre angeblichen Rettungsversuche gehabt haben können.

Nachdem Kennedy aber zweimal 23.15 Uhr als Abfahrtzeit angegeben hatte (einmal in seiner Erklärung gegenüber der Polizei und einmal in seiner Fernsehansprache), mußte er dabei bleiben, ob es nun stimmte oder nicht. So war es für Kennedy ungeheuer wichtig, die Zeitangabe 23.15 Uhr (oder etwa diese Zeit) in den Protokollen festhalten zu lassen und in diesem Punkt von den anderen Party-Gästen bei ihren Aussagen während der Untersuchung unterstützt zu werden.

Es ist daher interessant, was die fünf anderen Frauen zu sagen hatten. (Die Herren äußerten sich mit Ausnahme von Crimmins, der auf die Uhr gesehen haben will, alle sehr vage.)

In der Zeit zwischen dem Unglück und der Untersuchung sechs Monate später ließ sich nur Esther Newberg von der Presse ·befragen. Das bemerkenswerteste Interview fand am 23. Juli statt -- fünf Tage nach dem Unfall und bevor Kennedy mit der Ausarbeitung seiner Fernsehansprache fertig war, in der er zum erstenmal über die langen Rettungsversuche berichtete, die Gargan und Markham angeblich auf sein Betreiben unternommen hatten.

In jenem Interview wurde Esther Newberg gefragt, wann Kennedy und Mary Kopechne den Bungalow verlassen hätten. Warren Weaver jr. schrieb in der »New York Times« über das Interview: »Esther Newberg schilderte die Fete als ein informelles Beisammensein, bei dem niemand besonders darauf achtete, wer nun wann anwesend war oder nicht. So wurden der Senator oder Miss Kopechne auch von niemandem besonders vermißt, und niemand achtete darauf, wann sie aufbrachen.«

Reporter der »Chicago Tribune« berichteten weitere Einzelheiten: »Esther Newberg sagte, sie habe an jenem Abend keine Ahnung gehabt, wie spät es gewesen sei, weil sie eine psychedelische Uhr getragen habe, die »man nicht lesen konnte', und weil niemand auf die Uhr gesehen habe ...«

Der Reporter der »Evening Gazette« aus Worcester, Massachusetts, schrieb: »Esther Newberg sagte, sie habe nicht bemerkt, wann Senator Kennedy und Mary Kopechne die Party verließen ... Sie sagte, sie habe nicht genau gewußt, wie spät es war, weil ihre Micky-Maus-Uhr, über die zuvor auf der Party gewitzelt worden war, nicht richtig ging.«

Als dann aber der Inquest stattfand, hatte Esther Newberg ihre Darstellung radikal geändert. Der stellvertretende Staatsanwalt fragte: »Haben Sie darauf geachtet, wann Kennedy gegangen ist?« Esther Newberg antwortete: Ja, es sei gegen 23.30 Uhr gewesen. Sie sei sich dessen ganz sicher, weil »ich auf meine Uhr gesehen habe; es ist eine ziemlich große Uhr, und ich trage sie immer

Überdies stellte sich bei ihr in den sechs Monaten zwischen dem Interview und der Untersuchung nicht nur die »Erkenntnis« ein, daß Kennedy und Mary Kopechne gegangen waren, sondern sogar eine genaue Erinnerung an den Vorgang: »Ich sah, wie sie das Haus verließen. Ich sah, wie er hinausging ... unmittelbar von Miss Kopechne gefolgt.«

»Wenn du wüßtest,

was ich durchgemacht habe ...

Kennedys Darstellung des zeitlichen Ablaufs ist möglicherweise noch aus anderer Sicht anfechtbar. Kurz nach dem Unfall soll, so »Time«, Dr. Donald R. Mills, der stellvertretende Bezirks-Amtsarzt, gesagt haben, Mary Kopechne könne fünf bis acht, allerhöchstens aber neun Stunden bevor er ihre Leiche gegen 9.30 Uhr untersuchte, gestorben sein.

Das würde also bedeuten, daß es frühestens 0.30 Uhr war, als Mary Kopechne starb -- und Kennedy den Bungalow verließ. Beim Inquest allerdings sagte Dr. Mills aus, sie sei »seit sechs oder mehr Stunden« tot gewesen, ohne einen äußersten Zeitpunkt für ihren Tod zu nennen.

Wie kam es, daß Gargan und Markharn keinerlei Spuren ihres mühevollen Rettungsversuchs zeigten? Sie behaupten, daß sie sich, während Kennedy am Ufer stand und ihnen gut zuredete, 45 Minuten lang in einer ungemein starken Strömung abgemüht hätten, Mary Kopechne zu retten. Diese Darstellung erhärtet Gargan noch durch eingehende Detailschilderungen: Es sei ihm gelungen, durch ein Fenster halbwegs in den untergetauchten Wagen einzudringen; dort sei er vorübergehend eingeklemmt gewesen und habe an Brust, Arm und Rücken Prellungen und »schlimme« Hautabschürfungen erlitten.

Kennedy schildert die Verletzungen noch ausführlicher: Gargan sei »vom Ellbogen ab zerkratzt und unter dem Arm ganz zerquetscht und blutunterlaufen gewesen«. Markham behauptet ebenfalls, sich beim Tauchen verletzt zu haben, als er mit dem Knie so heftig gegen den Wagen stieß, daß es stundenlang schmerzte.

Nach diesen Anstrengungen wollen Gargan und Markham Kennedy zur Anlegestelle der Fähre gefahren und mit ihm zehn Minuten lang diskutiert haben, wie er seinen Ruf retten könne. Als Kennedy dann in den Kanal sprang, folgten ihm die beiden (so zumindest erzählten sie es einigen der Damen, während sie es bei der Untersuchung nicht erwähnten), um mit Kennedy mitzuschwimmen. Dann aber hätten sie sich anders besonnen.

Gargan und Markham hatten sich nicht abgetrocknet, bevor sie sich an der Unglücksstelle wieder anzogen; sie waren vermutlich ebenso in voller Kleidung in den Kanal gesprungen, wie sie es von Kennedy behaupteten. Und dennoch erschienen sie wenige Minuten später im Bungalow, ohne so durchnäßt, verschmutzt, aufgeregt und erschöpft zu sein, daß sie Neugierde oder sonderliche Beachtung erregt hätten. War das möglich?

Nur einer der Gäste behauptet, etwas Merkwürdiges an den beiden Männern beobachtet zu haben. Esther Newberg berichtete während des Inquest, daß Gargan »ein rotes Gesicht hatte und erschöpft wirkte. An Markhams Äußeres will sie sich nicht erinnern können. Sie berichtet, Gargan habe sie gebeten, von der Couch aufzustehen, damit er sich hinlegen könne, weil »ich erschöpft bin. Wenn du wüßtest, was ich durchgemacht habe, würdest du mich

* Nach ihrer Aussage beim Inquest. Von links; Rosemary Keough, Maryellen und Nance Lyons, Susan Tannenbaum, Esther Newberg

da liegen lassen«. (Markham dagegen behauptet, er habe das zu Esther Newberg gesagt.)

Susan Tannenbaum berichtet, sie habe »zufällig gehört«. wie Markham sagte, er sei müde. Er habe aber, so Susan Tannenbaum, nicht aufgeregt gewirkt. Gargan will sie nicht besonders beachtet haben. Tretter sagt, er habe an Gargan nichts Ungewöhnliches bemerkt. (Er erinnert sich nicht, Markham gesehen zu haben.) Die Röte in Gargans Gesicht, die Esther Newberg für ein Zeichen der Erschöpfung hielt, erschien Tretter als Sonnenbrand. Warum wartete Kennedy so. lange. bis er den Unfall meldete?

Kennedy führt dieses Versäumnis auf Kopfverletzungen und Schockeinwirkungen zurück. Daß er einen Schock erlitten hatte, daran besteht kein Zweifel. Seine Kopfverletzungen aber können so schwer nicht gewesen sein; der Arzt diagnostizierte bei ihm lediglich eine »leichte« Gehirnerschütterung. Zu Mary Kopechnes Begräbnis, seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Unglück, erschien Kennedy mit einem Stützverband um den Hals. Danach aber hat man diesen Verband nicht sehr oft an ihm gesehen.

Während Kennedy und seine Ärzte behaupten, er habe so viel durchgemacht, daß sein Urteilsvermögen beeinträchtigt war, waren andere geistige Funktionen offenbar nicht behindert.

Er nahm zum Zeitpunkt des Unglücks alles genau wahr. Bevor er im Wasser untergegangen sei, erinnert sich Kennedy, habe er gerade noch »ein wenig nach Luft geschnappt« Er will sofort gemerkt haben, daß er mit dem Kopf nach unten im Wasser gelandet war. Er erinnert sich genau an seine vergeblichen Versuche, den Türgriff zu erreichen und die Tür zu öffnen. Er behauptet, er erinnere sich an die Bewegungen Mary Kopechnes und an das Gefühl, als das Wasser eindrang und seine Lungen »sich teilweise mit Wasser füllten.

Er kann sich an praktisch jeden Augenblick erinnern -- vom Zeitpunkt, als das Auto von der Brücke stürzte, bis zu dem Augenblick, als er die Wasseroberfläche erreichte. Ausgerechnet an jenen Moment aber, der die große Frage des Unfalls aufwirft, wie er sich aus dem Auto befreite -- daran kann er sich bedauerlicherweise nicht erinnern.

Irgendwie war er durch das Fenster entschlüpft -- ein Wunder, das Mary Kopechne versagt blieb, obwohl sie eine schlanke Frau war, nur halb so stark wie Kennedy. Sie war eine gute Schwimmerin. Sie war noch bei Bewußtsein (so die Kennedy-Version), kämpfte neben ihm, »schlug oder stieß mich vielleicht«. Aber aus ihrem beiderseitigen Kampf um Bewegungsfreiheit und Entkommen tauchte wunderbarerweise er auf, während sie unten blieb, obwohl durch den Absturz an ihrer Seite zwei Fenster herausgedrückt waren, an seiner Seite aber nur eines.

Hatte sich der Senator im Gebüsch versteckt?

Wenn Kennedy die Erinnerung an Einzelheiten auch gerade im falschen Augenblick verließ, so kehrte sie anscheinend fast unmittelbar zurück und verließ ihn nicht für den Rest der Nacht. Als er, Gargan und Markham später in jener Nacht zur Unglücksstätte zurückkehrten, will Kennedy zum Beispiel gesehen haben, daß die Uhr auf dem Valiant-Armaturenbrett 0.20 Uhr anzeigte.

Sein Erinnerungsvermögen war also offenbar nicht durch Panik getrübt. Auch Fremde, die ihn später an jenem Morgen (bevor der Vorfall ans Licht kam) sahen, haben übrigens nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt. Als er mit Richards über die Regatta und das Wetter sprach, schien er in guter Stimmung, nicht durch innere Unruhe abgelenkt.

Das war etwa acht Stunden nach dem angeblichen Zeitpunkt des Unglücks. Läßt sich eine derart »irrationale« (Kennedys eigenes Wort) Gefühllosigkeit einfach durch einen Schlag auf den Kopf und schlechte Nachtruhe erklären?

Konnten der Stoß und der Schock des Unfalls, wie Kennedy behauptete, zu Halluzinationen führen, das Unglück sei nie geschehen oder -- zumindest das Unglück sei geschehen, aber Mary Kopechne habe überlebt und sei »irgendwo« noch am Leben? Niemand, der am nächsten Morgen mit Kennedy sprach, bevor er sich bei der Polizei meldete, stellte diese Zeichen zeitweiligen Irreseins fest.

Die Diskrepanz zwischen dem, was Kennedy, Gargan und Markham durchgemacht haben wollen, und ihrer Erscheinung ist so verblüffend, daß sie zu verschiedenen faszinierenden Theorien Anlaß gegeben hat.

So erklärt der Kolumnist Jack Anderson unter Berufung auf Kennedynahe Quellen, der Senator habe den Unfall erst deshalb später am Morgen gemeldet und so ruhig und normal gewirkt, weil er es so arrangiert hatte, daß sein Vetter Gargan die Schuld auf sich nehmen und erklären sollte, er habe den Wagen gefahren. In letzter Minute jedoch, so Anderson, habe Kennedy diesen fadenscheinigen Plan fallenlassen.

Jack Olsen, Redakteur der Time-Life Inc., stellt in seinem Buch »The Bridge at Chappaquiddick« die Theorie auf, Kennedy, Gargan und Markham hätten gar nicht gewußt, daß Mary Kopechne tot war, und folglich auch gar nicht nach ihr getaucht.

Olsen spekuliert, Kennedy sei, als Hilfssheriff Look auf seinen Wagen zukam, aus Furcht vor einem Skandal in Panik geraten, habe das Auto verlassen und sich im Gebüsch versteckt. Mary Kopechne habe er angewiesen, den Weg hinunterzufahren und nach einer gewissen Zeit umzukehren, um ihn abzuholen.

Aufgeregt, mit dem Wagen nicht vertraut (sie fuhr gewöhnlich einen Volkswagen) und zu klein, um gut über das Armaturenbrett hinwegsehen zu können, habe sie die Biegung der Brücke nicht bemerkt und sei über sie hinausgerast, ohne das Tempo zu drosseln.

Nur alle diese widrigen Umstände könnten erklären, warum hier zum erstenmal seit 20 Jahren jemand die

* Mit Ehefrau Joan bei der Totenmesse für Mary Jo Kopechne.

Dyke Bridge verfehlen konnte. Erst am nächsten Morgen, so argumentiert Olsen, stellte Kennedy fest, was mit der Frau passiert war.

Hätte Mary Kopechne gerettet werden können? Was wäre geschehen, wenn Kennedy direkt zum Dyke House gegangen wäre, um fachkundige Hilfe herbeizurufen?

Polizei und Feuerwehr hätten mit Rettungsgeräten in einer halben Stunde zur Stelle sein können, wie es am nächsten Morgen der Fall war, und Mary wäre in einer weiteren halben Stunde aus dem Wagen geborgen worden.

John N. Farrar, Hauptmann des Rettungs- und Taucherdienstes der Feuerwehr Edgartown, beschreibt, in welcher Haltung er Mary Kopechne fand: »Der Kopf war nach hinten gebeugt, das Gesicht fest an den Wagenboden gepreßt, die Hand hielt sich an der Vorderkante des Rücksitzes fest. In dieser Position konnte sie sich die letzte im Auto noch verbleibende Luft verschaffen.« Farrar glaubt, sie sei »in ihrer eigenen Luftblase erstickt. Aber bis sie starb, sind mindestens drei oder vier Stunden verstrichen«.

Dr. Mills dagegen, der zuständige Amtsarzt, der ihre Leiche an Ort und Stelle zehn Minuten lange untersuchte, behauptet, Mary Kopechne sei ertrunken. Nach seiner Ansicht müssen ihre Lungen voller Wasser gewesen sein, denn als er »nur leicht auf den Brustkorb drückte, strömte das Wasser nur so aus Mund und Nase«.

Daß es nur so strömte, hat Eugene Frieh, der Leichenbestatter, nicht gesehen, obwohl er Dr. Mills über die Schulter schaute. Frieh behauptet, als Dr. Mills den Brustkorb bearbeitet habe, sei etwas Wasser ausgeströmt. Bei anderer Gelegenheit sagte Frieh: »Aus den Lungen wurde sehr wenig Wasser herausgepreßt. Ich war erstaunt, weil ich eine weit größere Menge erwartet hatte.« Eine Autopsie ordnete Mills nicht an.

Bei einer polizeilichen Laboruntersuchung wurden Blutspuren auf Mary Kopechnes weißer Bluse gefunden. Dr. Mills versuchte, das als »natürliche Begleiterscheinung« beim Tod durch Ertrinken zu erklären. Bei Menschen, die verzweifelt nach Luft ringen, finde man häufig gewisse Blutspuren in Mund und Nase. Wenn aber das Blut aus Mary Kopechnes Mund und Nase kam, warum fanden sich diese Spuren dann hauptsächlich auf der Rückseite der Bluse, der Rückseite ihres Kragens und der Rückseite beider Ärmel?

Was hatte andererseits Rosemary Keoughs Handtasche in Kennedys Wagen zu suchen, als dieser aus der Lagune geborgen wurde?

War es Kennedy physisch möglich, den Fährkanal zu durchschwimmen?

Wie kamen Gargan und Markham am nächsten Morgen nach Edgartown? (Der Fährmann soll gesagt haben, er könne sich nicht daran erinnern, sie übergesetzt zu haben.)

»Ich habe nicht die Absicht, noch eine Erklärung abzugeben.«

Warum beauftragte Kennedy Gargan und Markham mit der Rettungsaktion, wo doch LaRosa, ein gelernter und als Lebensretter ausgebildeter Feuerwehrmann, zur Verfügung stand? Versuchte Kennedy, sich ein Alibi zu verschaffen, als er den Motel-Besitzer nach der Uhrzeit fragte? Fragen ohne Ende!

Polizeichef Arena gestattete Kennedy und allen anderen Party-Gästen dennoch, die Insel ohne Verhör zu verlassen. Auf Kennedys Wunsch machte er die Erklärung des Senators erst nach drei Stunden der Presse zugänglich. Erst drei Monate nachdem die Leiche bereits einbalsamiert und in Pennsylvania bestattet war, entschieden die Gerichte über eine Obduktion. Der Inquest, der für Presse und Öffentlichkeit zugänglich sein sollte, wurde sechs Monate hinausgezögert und dann auf Wunsch Kennedys hinter verschlossenen Türen durchgeführt.

Obwohl die Zeugen äußerst zuvorkommend behandelt wurden, war Richter James A. Boyle schließlich davon überzeugt, Kennedy habe in zwei entscheidenden Punkten nicht die Wahrheit gesagt: »Ich vermute, daß Kennedy und Mary Kopechne nicht die Absicht hatten, damals nach Edgartown zurückzukehren; daß Kennedy nicht die Absicht hatte, zur Fährstelle zu fahren, und daß er absichtlich in die Dyke Road einbog.«

Niemand versuchte, die zahlreichen Widersprüche der Zeugenaussagen zu entwirren. Das Untersuchungs-Protokoll wurde der Öffentlichkeit neun Monate lang vorenthalten. Eine Grand Jury, zur Wiederaufnahme der Untersuchungen eingesetzt, stellte nach nur dreistündiger Zeugenvernehmung ihre Arbeit wieder ein.

Dennoch ist Senator Kennedy der Meinung, es sei genug geredet worden. »Die Tatsachen dieses Vorfalls«, so erklärte er schon vor fünf Jahren, »sind jetzt völlig offengelegt, das abschließende Urteil haben die, die dafür zuständig sind, Ich selbst habe nicht die Absicht, zu diesem tragischen Vorfall noch eine weitere Erklärung abzugeben.«

Robert Sherrill
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