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Der Rat der sozialistischen Götter

Wie die SED die DDR regiert (II) / Von Franz Loeser _(Bund-Verlag, Köln 1984) *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Die sowjetische Nachrichtenagentur »Tass« veröffentlichte kürzlich folgenden sensationellen Bericht: »Auf der letzten RGW-Tagung gab es nicht nur anerkennende Worte über die Erfolge der sozialistischen Staatengemeinschaft, sondern auch heftige Kritik. Führende Wirtschaftsexperten wiesen darauf hin, das Kräfteverhältnis verändere sich nicht mehr wie früher zugunsten des realen Sozialismus. Im Gegenteil, der reale Sozialismus verliere gegenüber dem Kapitalismus zunehmend den Wettlauf im ökonomischen Bereich. Nur eine grundsätzliche Verbesserung in den Methoden der Planung und Leitung der Wirtschaft könne eine Wende zum Besseren herbeiführen. Diese Kritik löste einen heftigen Meinungsstreit aus. Schließlich kam man zu der Überzeugung, eine Wende sei möglich, wenn man folgende vorbildliche Erfahrungen der einzelnen sozialistischen Länder für das gesamte sozialistische Weltsystem verbindlich einführen würde: die Arbeitsmoral der Volksrepublik Polen. die Mikroelektronik der Mongolischen Volksrepublik und die Statistik der Deutschen Demokratischen Republik.«

Diese Satire, die unter DDR-Journalisten kursiert, ist bezeichnend nicht nur für die Stimmung unter ostdeutschen Redakteuren, sondern auch für die Misere der DDR-Propaganda überhaupt. Jeder, der einen Einblick in die Funktionsweise des Propaganda-Apparats hat, weiß, daß die Statistiken rosarot gefärbt und manipuliert werden, um der Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit ein möglichst positives Bild vom realen Sozialismus zu geben.

Und was für die Statistik zutrifft, gilt ebenso für die Propaganda. Laut offizieller Stellungnahmen gibt es zum Beispiel in der DDR weder Arbeitslosigkeit noch eine Erhöhung der Preise. Aber den Bürgern ist sehr wohl bekannt, daß unzählige Arbeiter in den Betrieben untätig herumsitzen und nicht arbeiten können, weil es an den notwendigen Rohstoffen mangelt, oder daß dieselben Konsumgüter, jetzt lediglich mit einer neuen Verpackung versehen, wesentlich teurer sind als früher.

Jeden Tag bekommen die DDR-Bürger zu lesen, daß der reale Sozialismus von einem Sieg zum anderen eilt, daß die Produktionspläne übererfüllt werden, die Arbeitsproduktivität steigt. Doch beim Einkaufen spürt die Bevölkerung, daß die unzureichende Versorgung weiter andauert, die Bedienung immer unfreundlicher, die Lebensqualität miserabler wird.

Die Studenten, die in ihrem Studium des Marxismus-Leninismus dieser Art von Propaganda in einer besonders konzentrierten Form ausgesetzt sind, haben dafür einen sehr treffenden Namen geprägt: Rotlichtbestrahlung.

Welchen Stellenwert die Normalbürger Fernsehen, Rundfunk und Presse zumessen, zeigt eine von der SED vor kurzem in Auftrag gegebene soziologische Untersuchung über die Massenwirksamkeit der »Aktuellen Kamera«, der wichtigsten Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens. In der »Aktuellen Kamera« versucht die Parteiführung täglich um 19.30 Uhr eine halbe Stunde lang ihrem Volk die jeweils gültige politische Linie überzeugend nahezubringen. Die Einschaltquote, so fanden die Rechercheure heraus, beträgt um 19.30 Uhr ganze drei Prozent. Um 19.31 Uhr beträgt sie noch 0,2 Prozent.

Die Ergebnisse der Untersuchung, die selbstverständlich geheimgehalten wurden und nur der Parteiführung bekannt sind, übertrafen die schlimmsten Befürchtungen: Praktisch die gesamte Bevölkerung der DDR orientiert sich, was die politische Information betrifft, nicht am DDR-TV, sondern am Fernsehen »des westdeutschen Klassenfeindes«.

Wie ist diese katastrophale Misere der DDR-Propaganda zu erklären? Wie ist es möglich, daß eine Partei, die sich auf den Leitsatz von Karl Marx stützt, daß die Theorie erst dann zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift, eine Partei, die bereits im Kapitalismus gelernt hat, ihre Politik zu verbreiten, und die heute die absolute Macht, die gesamten Ressourcen der Gesellschaft und einen gigantischen Propagandaapparat besitzt - daß eine solche Partei dennoch so kläglich versagt?

Das Übel hat historische Ursachen: Die Kommunisten der sowjetischen Besatzungszone übernahmen 1945 das Stalinsche Propagandasystem in schematischer Weise - zum Guten wie zum Bösen. Zum Guten, weil dieses System, befreit von dem Profitmotiv, frei ist von der unseriösen Sensationshascherei einer bürgerlichen Boulevardpresse. Daß sie dafür zum anderen Extrem tendiert, hin zu einer kaum lesbaren Eintönigkeit und Langeweile, ändert nichts an dieser positiven Errungenschaft.

Zum Schlechten, weil die alleinige und absolute Verfügungsgewalt über die Massenmedien im Parteiapparat zentralisiert wurde. Genauer gesagt: Die Abteilung Agitation im Großen Haus entscheidet selbstherrlich, oftmals bis in das kleinste Detail, nicht nur die politische Linie aller Massenmedien, sondern auch die Art und Weise ihrer Vermittlung.

Diese, für westliche Verhältnisse kaum vorstellbare Überzentralisierung der Informationsvermittlung vollzieht sich in der Praxis folgendermaßen: Regelmäßig ist Anleitung bei Heinz Geggel, dem Chef der Abteilung Agitation im Großen Haus. Alle Chefredakteure und führende Funktionäre der Massenmedien (Fernsehen, Rundfunk, Presse) haben zu dieser Anleitung zu erscheinen (siehe Kasten Seite 112).

Wie Schuljungen in einer Klippschule - so sitzen sie demütig vor dem Genossen Geggel. Seine Anweisungen sind exakt und präzise. Sie legen die politische Linie fest, über welche Fragen mit welcher Priorität und wie zu berichten ist. Nicht selten werden selbst detaillierte Formulierungen vorgegeben. Widerspruch oder Protest sind undenkbar. Schon eine Frage an den Genossen Geggel wird als suspekt angesehen.

Offiziell sind die Massenmedien frei, zu schreiben und zu sagen, was sie wollen. Dieses Recht ist fest verankert in der Verfassung der DDR. Die Anleitung durch das Zentralkomitee ist deshalb lediglich als eine Information anzusehen, die den Chefredakteuren helfen soll, die Linie der Partei besser zu verstehen. Nicht das Große Haus, sondern die Chefredakteure sind verantwortlich für das, was sie in ihren Medien veröffentlichen.

Hinter dieser scheinbaren Freiheit verbirgt sich ein raffiniertes System des geistigen Terrors. Jeder weiß, daß selbst die geringste Abweichung von Geggels Vorgaben das Ende einer Karriere bedeuten kann. Und in diesem Bewußtsein verlassen die Chefredakteure das Große Haus. Sie sind ständig in Furcht, sie könnten trotz all ihrer Bemühungen etwas veröffentlichen, was den Unwillen der Abteilung Agitation erregt.

Als langjähriger Autor für die DDR-Massenmedien kenne ich die meisten Chefredakteure persönlich. Es sind fast ausnahmslos Leute, denen man gänzlich ihr Rückgrat gebrochen hat. Sie leiden mehr unter der Misere der DDR-Propaganda als ihre konsumierenden Opfer, die DDR-Leser und -Zuschauer.

Ich habe die gedrückte, entwürdigende Atmosphäre der Geggelschen Gängelstunde selbst erlebt, den starren Blick der Versammelten, der die innersten Gedanken des Genossen Abteilungsleiter zu ergründen sucht, ich habe den Haß gespürt, den sie fühlen, aber nicht zu

zeigen wagen. Nur hinter vorgehaltener Hand sagen sie, was sie wirklich denken: Da nennen sie den Leiter der Agitation im Großen Haus, in Erinnerung an einen anderen Propagandisten deutscher Zeitgeschichte, Dr. Geggels.

Im Unterschied zu einigen anderen sozialistischen Ländern besitzt die DDR eine ganze Armee kluger und fähiger Journalisten. Wenn man ihnen eine echte Chance einräumen würde, so wäre die DDR-Propaganda durchaus ein ernstzunehmender Faktor in der ideologischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Weltsystemen.

Hätte der DDR-Journalismus die Freiheit, differenziert und sachlich zu berichten, die Erfolge, aber auch die Schwächen beider Systeme wahrheitsgetreu darzustellen, auf echte Probleme des realen Sozialismus hinzuweisen und Kritik an diesem Gesellschaftsmodell zu veröffentlichen, dann würde auch die DDR-Bevölkerung ihren Massenmedien Interesse entgegenbringen. Dann wäre es auch möglich, die Bürger für eine aktive Mitarbeit in ihrer Gesellschaft zu begeistern.

Doch selbst in dem engen Rahmen, der ihnen vorgegeben ist, leisten die Journalisten einiges. Am erfolgreichsten sind die Blätter, die sich an die Jugendlichen wenden, etwa »Frösi« ("Fröhlich sein und singen") für Kinder, und »Junge Welt«, die Tageszeitung der FDJ. Beide zählen zu den populärsten Presseorganen der DDR.

Auch der »Eulenspiegel«, die einzige satirische Zeitschrift, und die »Weltbühne«, ein Blatt für Intellektuelle, das sich als legitime Erbin Carl von Ossietzkys versteht, werden gern gelesen. Das monatlich erscheinende Unterhaltungs"Magazin« ist sogar meist nach wenigen Stunden vergriffen - es veröffentlicht, in den DDR-Medien jahrelang eine Rarität, in jeder Ausgabe ein Akt-Photo.

Doch selbst diesen Paradebeispielen des DDR-Journalismus merkt man die Zwangsjacke des Großen Hauses an. Auch sie werden von dem vorgeschriebenen rigorosen Schematismus stranguliert. Denn das Schema »G« (für Geggel) muß von allen bedingungslos eingehalten werden. Schema »G« fordert eine »einheitliche, parteiliche Form, die die Vorzüge des realen Sozialismus herausstellt und dem Klassenfeind keine Möglichkeit bietet, diesen zu unterwandern«.

Diese »einheitliche, parteiliche Form« bedeutet, daß nicht nur ein und dieselbe politische Meinung zu vertreten ist, es müssen auch dieselben Redewendungen und Darstellungsformen gewahrt werden.

Bei einer offiziellen Veranstaltung der Partei- und Staatsführung etwa muß jede Berichterstattung damit beginnen, die lange Liste der Funktionäre mit allen ihren Ämtern aufzuzählen.

Danach folgen die Ausführungen über die Veranstaltung, die sich streng an die vorgegebenen Formulierungen halten. Bilder des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker oder anderer Politbüromitglieder sind ein Muß für praktisch jede Ausgabe. Je zahlreicher diese Bilder, um so parteilicher die Berichterstattung.

Andererseits muß diese »Parteilichkeit« auch gewisse Grenzen beachten, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Also gilt es abzuwägen, gewiß keine leichte Aufgabe für einen Chefredakteur. In der Regel läßt er sich in solchen diffizilen Dingen dann vom »Neuen Deutschland«, dem Organ des Zentralkomitees der SED, leiten. Die Redaktion des »Neuen Deutschland« hat nämlich einen direkten Draht zum Generalsekretär. Und wenn man sich nicht ganz sicher ist, dann wird die Abteilung Agitation konsultiert.

Probleme und Kritik dürfen nur in den seltensten Fällen, und dann auch nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Großen Hauses, veröffentlicht werden. Seit langem ist es ungeschriebenes Gesetz, daß Partei- und Staatsfunktionäre tabu sind. Erst vor kurzem wurde die Liste der Kritikverbote erheblich erweitert. Selbst Verkaufsstellenleiter, so Geggel, dürfen nicht mehr in den Massenmedien kritisiert werden.

Auch die Leserbriefe, die in der DDR-Presse abgedruckt werden, kaschieren nur diese strenge Reglementierung durch den Parteiapparat. Die DDR-Presse veröffentlicht zwar auch Leserbriefe. Aber wer jemals in einer DDR-Zeitungsredaktion gearbeitet hat, weiß auch, wie solche Briefe zustande kommen.

Es gibt zwei Kategorien. Man kann sie genau an der Art und Weise, wie die

Briefe unterzeichnet sind, erkennen. Wird lediglich der Name und der Wohnort des Lesers angegeben, zum Beispiel: K. Müller, Berlin, dann ist dieser Leser von der Redaktion frei erfunden und sein Brief, im Auftrag der Partei versteht sich, von der Redaktion geschrieben worden.

Doch es gibt auch Leserbriefe, die von wirklich existierenden Lesern stammen und deren Absender wahrheitsgetreu angegeben wird.

Da wurde zum Beispiel nach dem DDR-Boykott der Olympischen Spiele in Los Angeles eine Flut von Leserbriefen in der Presse veröffentlicht. Führende Sportler schrieben zu diesem Boykott, und sie schrieben im Prinzip alle dasselbe: Wir stehen voll und ganz hinter dem Beschluß unseres Nationalen Olympischen Komitees! Wir sind empört über die bösen Amerikaner! Unter diesen Umständen wollen wir nicht nach Los Angeles fahren!

Nicht ein einziger Leserbrief meldete Zweifel an oder widersprach etwa dem Beschluß.

Diese undifferenzierte einmütige Meinung, die plötzliche Flut der Zustimmung sind sehr einfach zu erklären: Der auserkorene Verfasser eines Leserbriefs wird zum Parteisekretär gerufen und erhält von ihm den Parteiauftrag, einen Leserbrief mit vorgegebenem Inhalt zu schreiben. Das Schreiben wird vom Parteisekretär begutachtet, abgelehnt, verändert oder akzeptiert und im letzteren Fall zur übergeordneten Parteileitung geschickt, die ähnlich verfährt, bis am Ende der Leserbrief auf dem Tisch der Redaktion landet, mit dem Parteiauftrag, diesen zu veröffentlichen.

Was also ist der Spielraum, der den Massenmedien noch bleibt? Eigentlich nur der: die positiven Aspekte des realen Sozialismus so glänzend wie möglich herauszuputzen und die negativen Seiten des Kapitalismus in einem möglichst düsteren Bild erscheinen zu lassen. Das Feindbild, das die DDR-Massenmedien vom Kapitalismus zu zeichnen haben, ist das Schwärzeste vom Schwarzen. So tiefschwarz und undifferenziert, daß selbst die Generation, die den Kapitalismus nicht mehr aus eigenem Erleben kennt, dieses Feindbild als völlig unglaubwürdig empfindet.

Und was das schöngefärbte Bild der eigenen Verhältnisse betrifft, so klafft für die Menschen in der DDR ein immer größerer Widerspruch zwischen der Berichterstattung und der täglichen Wirklichkeit, zwischen realem Sozialismus und sozialistischer Realität.

Diese Unglaubwürdigkeit wird noch durch den Opportunismus der Macher verstärkt. Als ich von einer Dienstreise aus Japan zurückkehrte und für die renommierte »Weltbühne« einige Artikel darüber schreiben wollte, runzelte der Chefredakteur bedenklich die Stirn. Japan sei ein imperialistisches Land, wo die Arbeiter ausgebeutet und die Kommunisten verfolgt würden. Was gäbe es schon Interessantes über ein solches Land zu berichten?

Ich bestand auf meinen Artikeln. Das Große Haus wurde konsultiert. Nach einigen Wochen kam die Antwort: Ja, aber nur unter einer Bedingung. Loeser müsse so schreiben, daß kein Leser auf den Gedanken kommen könne, einmal selbst Japan besuchen zu wollen.

Kurz darauf stattete auch Erich Honecker Japan einen Besuch ab. Jetzt durften die Massenmedien nicht nur über Japan berichten, sie mußten es sogar. Nun war Japan plötzlich kein imperialistisches Land mehr, wo es Klassenkampf gibt und verfolgte Kommunisten, _(unten: Im Mai 1981 bei der Besichtigung ) _(des alten Kaiserpalastes in Tokio. ) _(Oben: Am 25. Juli 1983; )

sondern ein Land von hoher Arbeitsproduktivität, ein Freund der DDR und des realen Sozialismus.

Auch während der Leipziger Messe hört gewöhnlich in der Berichterstattung der Massenmedien der Imperialismus auf, Imperialismus zu sein. Denn, so Geggel, eine solche Berichterstattung könnte die Kaufleute aus den nichtsozialistischen Ländern verärgern und sich negativ auf die wirtschaftlichen Beziehungen der DDR auswirken.

Auch was die Wertschätzung einzelner imperialistischer Politiker betrifft, müssen die DDR-Massenmedien oftmals frappierende Wendungen vollziehen. Seit Gründung der DDR war Franz Josef Strauß für die DDR-Massenmedien der Inbegriff alles Bösen, das Symbol für Krieg und Klassenfeind.

Eines Tages schlugen die DDR-Bürger ihre Zeitungen auf. Und sie trauten ihren Augen nicht. Auf der ersten Seite des »Neuen Deutschland« und der anderen Presseorgane sahen sie Erich Honecker und Franz Josef Strauß sich freundschaftlich gegenübersitzen. Strauß, so die DDR-Massenmedien sinngemäß, sei ein ernstzunehmender Verhandlungspartner, mit dem es sich lohne, vernünftig zu sprechen.

Den Grund für diesen plötzlichen Sinneswandel erfuhren die DDR-Bürger allerdings nur aus dem Westfernsehen: Strauß hatte der DDR einen Kredit von einer Milliarde Mark besorgt. Die DDR-Massenmedien schwiegen sich über diesen Tatbestand tunlichst aus. Man sagt, Schweigen ist Gold.

Es gibt zwei Bereiche, in denen der Erfolg der DDR unbestritten ist oder zumindest war. Der erste ist der Leistungssport, der zweite die Landwirtschaft.

In der DDR war es zu Zeiten Walter Ulbrichts gelungen, den schwierigen Übergang von der privaten zur genossenschaftlichen Landwirtschaft im Vergleich zu den anderen sozialistischen Ländern verhältnismäßig unproblematisch zu gestalten. Die DDR-Landwirtschaft war auch das beneidete und bewunderte Paradebeispiel der sozialistischen Staatengemeinschaft.

War - denn seit der Grüneberg-Affäre ist sie es nicht mehr. Die Grüneberg-Affäre ist nicht nur für sich genommen interessant, sie ist auch bezeichnend für den Charakter des realen Sozialismus und die Misere der DDR-Propaganda.

Gerhard Grüneberg, Mitglied des Politbüros der SED, war der Gott der DDR-Landwirtschaft. Und dazu auch ein Apparatschik, wie er leibt und lebt. Eingebildet, ungebildet und in seinem Fachgebiet ungenügend ausgebildet. Mit absoluter Verfügungsgewalt ausgestattet, herrschte Grüneberg wie ein orientalischer Despot.

Sein persönlicher Lebensstil war dementsprechend. Am Wochenende ließ sich Grüneberg mit seinem Hubschrauber auf sein Gut in Mecklenburg fliegen. Hier lag sein »Parteischloß« mit ausgedehntem Jagdrevier. Als die Autobahn Berlin-Hamburg gebaut wurde, sollte die Trasse ursprünglich durch Grünebergs Territorium verlaufen. Doch die Streckenführung wurde auf seine Intervention geändert und dadurch erheblich teurer.

Grüneberg hatte es sich in den Kopf gesetzt, entgegen dem Rat der Experten und Genossenschaftsbauern, die DDR-Landwirtschaft so schnell wie möglich zu

industrialisieren. Die Fachleute warnten: Die Industrialisierung der Landwirtschaft sei zwar ein wichtiger Schritt zur Erhöhung ihrer Produktivität, aber das Tempo und die Art und Weise ihrer Einführung, die Frage der Trennung von tierischer und pflanzlicher Produktion, das alles müsse den jeweiligen Bedingungen optimal angepaßt werden.

Aber Gott Grüneberg sah klarer und weiter als die Sterblichen. Seine Kritiker verloren ihre Stellungen, die Industrialisierung der Landwirtschaft wurde mit Brachialgewalt durchgesetzt.

Die Folgen waren katastrophal. Die DDR-Landwirtschaft kam an den Rand des Ruins. Nur durch den Tod Grünebergs - er starb im April 1981 - wurde sie vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt. Doch die Schäden, die Grüneberg verursacht hat, sind unübersehbar.

Eine der Konsequenzen für die DDR-Bevölkerung: Die Versorgung mit Lebensmitteln verschlechterte sich weiter. Die Milch wurde verwässert, der Fettgehalt der anderen Milchprodukte stark reduziert. Fleisch mußte, damit die Unzufriedenheit der Bürger einigermaßen eingedämmt werden konnte, gegen harte Devisen aus dem Ausland importiert werden. Einen Höhepunkt erreichte die Krise im Herbst 1982, als es monatelang in der gesamten Republik kaum Butter und Fleisch gab.

Die DDR-Bürger spürten zwar die Auswirkungen, über die Hintergründe aber wurden sie nach bewährtem Geggel-Muster informiert, nämlich gar nicht. Zwar besetzte man nach Grünebergs Tod die Abteilung im Großen Haus neu, zwar wurden die führenden Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums zum Teil ausgewechselt, aber die Massenmedien durften kein einziges Wort, keine noch so verschleierte Andeutung über die Grüneberg-Affäre veröffentlichen. Bis zum heutigen Tag weiß die DDR-Bevölkerung nichts von diesem Skandal.

Doch selbst in der Informationspolitik des Großen Hauses gibt es Ausnahmen, sogar echte Wunder.

Da ist zum Beispiel im Rundfunk eine Livesendung für Jugendliche vom Sender »DT 64«. In dieser Sendung werden Persönlichkeiten der DDR interviewt. Ein interessanter und beliebter Gag war, den Interviewten überraschend pikante Fragen zu stellen, auf die sie sofort zu antworten hatten.

Auch mir wurde einmal eine solche Frage gestellt: Herr Professor, was sind Ihre drei großen Leidenschaften? Ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: die Partei, eine schöne Frau und Milchschokolade mit ganzen Nüssen. Und dann fügte ich hinzu: Aber die Reihenfolge dieser Prioritäten kann sich unter bestimmten Umständen verschieben. Es war dieser Nachsatz, der mir vom Großen Haus heftige Kritik einbrachte: wegen kleinbürgerlicher Geschmacklosigkeit.

Meine Sternstunde als Publizist in der DDR erlebte ich mit der »Weltbühne«. Viele Jahre lang hatte ich regelmäßig für die »Weltbühne« geschrieben. Es waren Jahre schrecklicher Kämpfe und endloser Auseinandersetzungen.

Meine Beiträge wurden fast ausnahmslos im Lichte des letzten Plenums, eines Leitartikels im »Neuen Deutschland« oder aufgrund einer Anweisung vom Großen Haus redaktionell »überarbeitet«. Jede noch so klitzekleine kritische Bemerkung wurde gestrichen, humorvolle Bemerkungen wurden entschärft, mein Stil auf eine einheitliche parteiliche Form gebracht, der Text gekürzt beziehungsweise »vervollständigt«, bis er am Ende dem üblichen Stil des »Neuen Deutschlands« wie ein Ei dem anderen glich.

Nicht selten konsultierte die Redaktion die Abteilung Agitation im Großen Haus, ob sie den Artikel von Loeser _(Während der Versorgungskrise im Oktober ) _(1982. ) _(Während der Versorgungskrise im Oktober ) _(1982. )

überhaupt bringen könne. Die Antwort war in solchen Fällen fast immer die gleiche: Nein.

Aber einmal gelang mir ein wahres Wunder. Der Chefredakteur der »Weltbühne« Peter Theek war im Urlaub. Und so überreichte ich seinem Stellvertreter meinen Artikel. Der Redakteur begann meinen Beitrag zu lesen:

»Vielleicht werden Sie es mir gar nicht glauben, aber ich bin nicht nur Professor der Philosophie, ich bin auch Fachmann in Sachen Unterhosen. Als ich nämlich nach meinem Studium der Philosophie in den USA nach England kam, konnte ich trotz aller Bemühungen keine Arbeit in meinem Fachgebiet finden.

Ich mußte eine Stellung in einem großen Warenhaus als Verkäufer annehmen, und was verkaufte ich? Natürlich Unterhosen! Sie können es mir glauben. Ich habe Tausende Unterhosen verkauft. Lange und kurze, wollene und seidene, weiße, geblümte, selbst leicht angeschmutzte. Also, was Unterhosen betrifft, da kann mir niemand etwas vormachen.

Ich weiß, jeder Unterhose kommen bestimmte unveräußerliche Wesensmerkmale zu. Oben hat sie ein großes Loch für den Bauch, unten zwei kleinere Löcher für die Beine und vorne einen Schlitz.

Und nun war es wieder so weit, ich benötigte dringend eine neue Unterhose. Ich ging in eines unserer renommierten Geschäfte. Die Verkäuferin ließ sich herab, mich zu bedienen. Nein, nein, nicht wie Sie denken. Kein übliches: Ha''m wir nicht! Die Verkäuferin bot mir tatsächlich eine Unterhose an, sogar in meiner Größe! Ich war sehr glücklich, bedankte mich vielmals und ging meiner Wege.

Nächsten Tag zog ich meine neue Unterhose an. Ich war ein wenig stolz auf diese neue schöne Unterhose. Sie paßte hervorragend. Ich war sehr zufrieden, bis, ja bis ich auf die Toilette mußte. Und dann begann das Drama. Also ich ging auf die Toilette und machte, was man eben so auf der Toilette macht.

Ich suchte ihn und suchte ihn. Ich konnte ihn einfach nicht finden. Das ist doch nicht möglich, dachte ich. Ich hab doch immer einen gehabt. Ich war mir da ganz sicher. Also suchte ich noch einmal, diesmal ganz systematisch. Aber er war einfach nicht da. Sie können sich vorstellen, wie frustriert ich war. Ich ging zurück in das Geschäft. Die Verkäuferin war bereit, mit mir zu sprechen. Sie war sogar sehr nett und lieb. Ich erzählte ihr von meinem Schicksal. Aber sie zuckte nur die Achseln. Das ist jetzt modern bei uns!

Was heißt modern? Ich bin Professor der Philosophie und kenne mich schließlich aus in den Unterschieden der verschiedenen Gesellschaftsformationen. Aber antagonistisch oder nichtantagonistisch, in jeder Gesellschaft muß der Mensch produzieren, reproduzieren und man verzeihe mir, auch ... Deshalb bleibe ich dabei. In die Unterhose gehört ein Schlitz!«

Dem stellvertretenden Chefredakteur gefiel die Glosse. Vielleicht war er zu unerfahren oder gar momentan weggetreten, um sich der fatalen Auswirkungen meiner Geschichte auf die Geschichte bewußt zu sein. Jedenfalls, er veröffentlichte meinen Beitrag mit nur wenigen Änderungen.

Die Massenmedien im Westen griffen die Satire auf. Der Ost-Berliner Philosophieprofessor Franz Loeser vertrete in der »Weltbühne« die Meinung, auch im realen Sozialismus sollten die Unterhosen einen Schlitz haben. Die Parteiführung horchte auf. Die Abteilung Agitation im Zentralkomitee wurde alarmiert, der Chefredakteur ins Große Haus gerufen.

Eine Kritik am realen Sozialismus, und das in der eigenen Presse? Mangelt es ihm an Klassenbewußtsein? Ist er auf die Seite des Klassenfeindes gewechselt?

Das Urteil stand von vornherein fest: Meine Laufbahn als Publizist war endgültig beendet. Denn der reale Sozialismus kann über sich selbst nicht lachen.

Verstehen die Götter nicht ihre Gottlosigkeit? Begreifen die Führungsgremien der DDR nicht, daß ihre stupide Informationspolitik sie selbst zum Untergang verurteilt? Warum gelingt es nicht, diese dogmatische Engstirnigkeit, die unglaubwürdige Schön- und Schwarzweißmalerei, die durchsichtige Unwahrheit der Berichterstattung, die paranoide Angst vor Kritik und Problemen

zu überwinden oder zumindest einzudämmen?

Das war genau die Frage, die ich - natürlich in geeigneter Form - dem Politbüromitglied Albert Norden einmal stellte. Norden nahm mir die Frage nicht übel. Im Gegenteil, ich hatte den Eindruck, daß er froh war, mit jemandem darüber sprechen zu können.

Die Informationspolitik der Partei, erklärte er mir, gehe davon aus, daß man die Bevölkerung nicht beunruhigen dürfe, ihr ein optimistisches Bild vom Sozialismus zu geben habe, dem Klassenfeind keine Möglichkeit bieten dürfe, durch die Veröffentlichung von Problemen und Kritiken diese für seine Zwecke zu nutzen.

»Aber«, unterbrach ich erregt, »die Praxis der DDR-Propaganda erreicht doch genau das Gegenteil. Die Unterdrückung jeglicher Kritik, das Ignorieren von Problemen, die Schönfärberei, das alles dient ja nicht der Beruhigung, sondern löst doch erst recht Beunruhigung, Unzufriedenheit und Empörung aus. Die Menschen fühlen sich von den Massenmedien entmündigt und betrogen. Sie wollen ausreichend und wahrheitsgemäß informiert und nicht rosarot animiert werden. Unsere Massenmedien sind unglaubwürdig, die Bevölkerung orientiert sich im Westen ...«

Norden antwortete nicht. Er schaute über mich hinweg. Schließlich sagte er: »Wem sagst du das alles. Glaubst du, ich weiß das nicht?« Dann lächelte er ein wenig. Es war kein optimistisches Lächeln, sondern müde, gezwungen.

Das Lächeln war für mich eine Offenbarung. Ich begann den Charakter der Diktatur besser zu verstehen. Hier war der Mann, der die gesamte Verfügungsgewalt über den Propagandaapparat in seinen Händen hielt, der die Misere wohl klarer durchschauen konnte als irgend jemand anderer. Und der dennoch ohnmächtig war, etwas zu ändern.

Nordens Resignation ist typisch für die Hilflosigkeit der Chefpropagandisten der SED. In zahllosen Beschlüssen hat das Politbüro versucht, die Propaganda der Partei zu verbessern. Stets vergeblich. Nordens Nachfolger Werner Lamberz setzte sich besonders intensiv für eine sachlichere und liberalere Medienpolitik ein. Aber auch er konnte nichts ändern.

In einem Brief an mich zu diesen Fragen kurz vor seinem Tod deutete er an, daß er gescheitert sei. Kurz darauf, im März 1978, stürzte er bei einem Besuch in Libyen unter mysteriösen Umständen mit einem Hubschrauber ab.

Woher kommt dieser Widerspruch zwischen Macht und Ohnmacht der Götter? Zu erklären ist er nur aus der Tatsache, daß im realen DDR-Sozialismus der Parteiapparat regiert. Das Politbüro ist Teil der Diktatur dieses Parteiapparates. Gewiß sein führendes und mächtigstes Glied, aber eben nur eines seiner Glieder. Wenn der Apparat weder fähig noch willens ist, einen Politbürobeschluß durchzusetzen, dann ist auch die Parteiführung ohnmächtig, ihn zu realisieren.

Die gängige und von der Parteiführung immer wieder kritisierte Informationspolitik entspricht genau dem Charakter des Parteiapparats. Die Scheu vor Kritik und dem Aufwerfen von Problemen, die Engstirnigkeit und der Hang zu Schönfärberei und die Sucht nach Glorifizierung, das alles ist ein exaktes Spiegelbild der Machtstruktur in der SED. Dieser Propagandastil entspricht völlig der Denkweise, Ideologie und Moralauffassung des Apparats sowie seinen Traditionen. Er kennt keinen anderen und will keinen anderen Stil.

Weder die Anstrengungen einzelner Politbüromitglieder noch die besten Politbürobeschlüsse können den Charakter dieser Diktatur ändern. Die Geschichte des realen Sozialismus ist Beweis dafür. Generalsekretäre und andere Politbüromitglieder kommen und gehen, der Parteiapparat bleibt bestehen. Die Ablösung eines noch so mächtigen Parteichefs, wie Stalin oder Mao Tse-tung, kann zwar die Form der Diktatur verändern, aber nicht ihr Wesen. Der diktatorisch-bürokratische Parteiapparat ermöglicht das Fortbestehen dieser Diktatur über jeden Wechsel an der Spitze hinaus.

Die Konsequenz: Nicht ein Wechsel der Parteiführung allein genügt, um die Diktatur zu stürzen, sondern die Zerschlagung des diktatorisch-bürokratischen Charakters des Parteiapparats und seine demokratische Erneuerung sind Voraussetzungen für eine Wende vom realen zum wirklichen Sozialismus.

Man kann es auch anders formulieren: Solange die Diktatur des Parteiapparats besteht, kann es auch keine freien, demokratischen Massenmedien geben, wird der Widerspruch zwischen realem Sozialismus und sozialistischer Realität dieses Gesellschaftsmodell zur Unglaubwürdigkeit verdammen.

Die sozialistische Basis hat dies längst auf den Punkt gebracht:

Generalsekretär Andropow und der Zar treffen sich im Himmel. »Nun«, fragt der Zar den Generalsekretär, »wie steht es im revolutionären Rußland?«

»Es geht, es geht«, antwortet Andropow ein wenig bedrückt, »die Arbeitsmoral ist sehr schlecht.«

»Ach«, beruhigt der Zar den Generalsekretär, »auch zu meiner Zeit hatten wir da Schwierigkeiten. Aber wie steht es mit der Landwirtschaft?«

»Schlecht, sehr schlecht«, sagt Andropow. »Wenn ich ehrlich sein soll, muß ich gestehen, nach 65 Jahren Sowjet-Macht würde unsere Bevölkerung hungern, wenn wir nicht Weizen aus den USA importierten.«

»Nun, ja«, tröstet der Zar, »diese Dinge sind alle nicht so wichtig. Entscheidend für uns Russen war und ist der Wodka. Wie steht es damit?«

»Gut, sehr gut«, lacht Andropow. »Ganze 40 Prozent!«

Der Zar ist beeindruckt: »Zu meiner Zeit waren es nur 38 Prozent.« Aber dann fügt er nachdenklich hinzu: »Und wegen dieser zwei Prozent habt ihr die Revolution gemacht?«

Im nächsten Heft

Die Philosophen als Handlanger der SED - Einäugiger unter Blinden: Politbüromitglied Kurt Hager - Die Autorität der Partei beginnt im Kindergarten - Zehn Gebote des »destruktiven Denkers«

unten: Im Mai 1981 bei der Besichtigung des alten Kaiserpalastes inTokio.Oben: Am 25. Juli 1983;Während der Versorgungskrise im Oktober 1982.Während der Versorgungskrise im Oktober 1982.

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