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Artikel 47 / 71

Der Rat der sozialistischen Götter

Wie die SED die DDR regiert (l) / Von Franz Loeser _(Bund-Verlag, Köln 1984. ) *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Ich werde ihn nie vergessen, den großen Augenblick, als ich das erste Mal zum Rat der Götter geladen wurde. Der Rat der Götter, wie der Volksmund das Politbüro der SED nennt, tagt einmal in der Woche im Großen Haus am Ost-Berliner Marx-Engels-Platz. Das Große Haus ist der Sitz des Zentralkomitees, der Parteizentrale der SED, das Heiligste des Heiligen im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Hier werden alle wichtigen Entscheidungen gefällt, hier vollziehen sich die Machtkämpfe der Mächtigen im realen Sozialismus, hier wird die Innen- und Außenpolitik beschlossen, das Schicksal der Bürger entschieden.

Hier, im Großen Haus, in dem uneingeschränkten Zentrum der Macht, ist das Wesen dieses Gesellschaftsmodells konzentriert, liegt der Kern seiner Widersprüche, findet man die Erklärung seiner Erfolge und die Antwort für seine Niederlagen.

Und hier liegt auch einer der gravierenden Unterschiede zwischen Kapitalismus und realem Sozialismus: Man muß nicht unbedingt im Weißen Haus ein- und ausgehen, um in die Geheimnisse des amerikanischen Kapitalismus einzudringen, seine Anatomie analysieren zu können. Denn einmal wird dessen Schicksal nicht nur im Weißen Haus entschieden, zum anderen lassen sich selbst die geheimsten Entscheidungen des Präsidenten nicht leicht vor den wachsamen Augen der Massenmedien verbergen.

Ganz anders dagegen im realen Sozialismus: Nur die kleine Schicht von Sterblichen, denen der Zugang zum Großen Haus gewährt ist, ahnt, und lediglich der winzige Kreis von Auserwählten, die den Rat der Götter betreten dürfen, weiß, was in dem Machtzentrum des realen Sozialismus wirklich vor sich geht, was die Götter beschlossen haben, wie die geheimnisvolle Welt der Führung dieses Gesellschaftsmodells tatsächlich aussieht.

Alle anderen, und die westlichen Medien sind ein beredtes Beispiel dafür, sind verurteilt zu rätseln, zu interpretieren und zu spekulieren. Diese absolute Undurchdringlichkeit der geheimnisvollen Welt seiner Führungsgremien ist zweifellos ein unschätzbarer Vorteil gegenüber dem kapitalistischen Klassenfeind, aber auch eine tödliche Schwäche des Systems gegenüber seinen eigenen Parteimitgliedern und Bürgern, für die ihre Führung in der Tat ein Rat von Göttern ist: unantastbar, undurchschaubar, unkontrollierbar und unnahbar.

Auch für mich war es all das, als ich zum erstenmal das Große Haus betrat. Vorerst erinnerte mich dieser wuchtige Steinklotz am Marx-Engels-Platz ein wenig an das Pentagon. Seine militärische Organisation, seine Kasernenatmosphäre, die unzähligen gleichaussehenden Gänge, in denen man notgedrungen seine Orientierung verliert, die noch unzähligeren Zimmer und Mitarbeiter, die wie Ameisen ebenso unzählige Informationen zusammentragen und auswerten, um die Entscheidungen der Götter vorzubereiten und ihre Beschlüsse weiterzuleiten.

Aber das Große Haus ist auch umgeben von einem Hauch von Mekka, ein heiliger Ort, zu dem die Genossen pilgern, um zu berichten und auch berichtigt zu werden. Oder hat es ein wenig Ähnlichkeit mit dem Orakel von Delphi und dem heiligen Berg Sinai, wo die Wahrheit verkündet wurde, vielleicht auch mit der Wall-Street-Börse, in der der Reichtum der Gesellschaft gehandelt wird?

Sicher hat es ein wenig von alledem, und dennoch ist das Große Haus keines von ihnen. Denn es ist die einmalige Schöpfung eines Gesellschaftsmodells, das es in der bisherigen Geschichte noch niemals gegeben hat: die offensichtliche Dissonanz zwischen den sozialistischen Idealen, wie sie Marx und Engels vorgeschwebt haben, und der pervertierten politischen Praxis eines an deutsche Verhältnisse angepaßten Stalinschen Modells des Sozialismus, in dem ein nie dagewesenes Ausmaß an Macht zum Guten wie zum Bösen konzentriert ist.

Man spürt es sofort, wenn man die Anmeldung am Seiteneingang betritt. Hier heißt es »Genosse« und »du«, alles parteilich, preußisch und korrekt. An der Wand hängen die Bilder der Politbüromitglieder. Ganz oben Erich Honecker, darunter Willi Stoph und Horst Sindermann und dann die weiteren Mitglieder und Kandidaten des Rates der Götter. Die Genossen hinter dem Schalter sind Offiziere der Staatssicherheit in Zivil.

Es folgt eine strenge Kontrolle. Die Personalien werden geprüft, es wird festgestellt, ob eine Anmeldung vorliegt, die betreffende Abteilung im Haus noch einmal angerufen, um die Anmeldung bestätigen zu lassen, die Tasche, die man mitführt, untersucht. Erst dann erhält man den unschätzbaren Passierschein, die Erlaubnis zum Eintritt in das Große Haus.

Man geht wieder hinaus, um die Ecke zum Haupteingang. Die großen Türen öffnen den Weg in eine mächtige Eingangshalle. Hier stehen bewaffnete Offiziere. Es wird militärisch gegrüßt, wieder alles genauestens überprüft. Die Offiziere heben ihre Hände an die Mütze, dann darf man die Treppe zu dem Fahrstuhl hinauf beschreiten.

Genauer gesagt: Der Fahrstuhl ist allein für die Politbüromitglieder bestimmt. Alle anderen nehmen den Paternoster. Ich fahre zum zweiten Stock. Hier liegt das Allerheiligste, sind die Zimmer der Politbüromitglieder, ihrer engsten Mitarbeiter, ist der Sitzungssaal, in dem das Politbüro tagt.

Ich steige aus. Sofort kommt ein bewaffneter Offizier auf mich zu, grüßt vorschriftsmäßig und überprüft meine Papiere. Korrekt und höflich weist er mir den Weg. An der nächsten Ecke steht ein weiterer bewaffneter Offizier. Wir absolvieren dasselbe Ritual, und dann darf ich auf das Zimmer des Politbüromitglieds Albert Norden zusteuern. Ich sauge die Atmosphäre in mich auf. Hier im zweiten Stock sind die Teppiche dicker, ist die Stimmung gedämpfter und die Moral noch real sozialistischer.

Das zeigt sich schon an den Umgangsformen. Während in den übrigen Stockwerken des Großen Hauses das in der Partei traditionsgemäße »Du« und »Werter Genosse« gilt, herrschen im zweiten Stock grundsätzlich das »Sie« und das »Hochverehrter« als standesgemäße Anredeformen für Politbüromitglieder.

Ich klopfe an die Tür des Büros Norden. Als Vorsitzender des Paul-Robeson-Komitees, dessen Mitglied auch Norden ist, soll ich vor der Politbüro-Sitzung noch einiges mit ihm besprechen. Der schwarze amerikanische Filmschauspieler und Sänger, der in den vierziger und fünfziger Jahren weltweit zum Symbol des Widerstandes gegen den Kommunistenjäger McCarthy wurde, gilt in der DDR als Idol des Kampfes gegen den US-Imperialismus. Seine Verehrung ist, wie alles im real existierenden Sozialismus, organisiert.

Unser Komitee will mehrere Veranstaltungen durchführen. Wir haben zu diesem Zweck eine Vorlage (nicht länger als sechs Schreibmaschinenseiten, so die Vorschrift) eingereicht. Sie soll vom Politbüro beschlossen werden.

Ich öffne die Tür. In der Mitte liegt das Sekretariat, bestehend aus vier Sekretärinnen und dem persönlichen Sicherheitsbeamten von Norden. Rechts das Zimmer von Heinz Stadler, dem persönlichen Referenten, links residiert der »große Gott«. Stadler nennt seinen Chef nicht nur so, er behandelt ihn auch entsprechend.

Diese Vergötterung ist verständlich, wenn man weiß, daß die ganze politische Laufbahn des persönlichen Referenten, ja, sein gesamtes Leben, mit dem seines Politbüromitglieds schicksalhaft verbunden ist. Wächst die Bedeutung seines Herrn, steigt auch proportional die seines persönlichen Referenten, und sie fällt mit ihm.

Mehr noch: Mit wachsendem Alter und zunehmender Krankheit oder Senilität des Politbüromitglieds steigen Verantwortung und Einfluß seines persönlichen Referenten, der zunehmend dessen Aufgaben zu übernehmen hat. Stirbt das Politbüromitglied, dann stirbt schlagartig auch die politische Laufbahn des persönlichen

Referenten. Dieser bislang unglaublich mächtige Funktionär wird dann auf eine völlig bedeutungslose Funktion im Parteiapparat abgeschoben.

Die Sitzung im Rat der Götter hat begonnen. Zusammen mit dem zuständigen Leiter der Abteilung Kultur, der mich laut Vorschrift zu begleiten hat, sitze ich im Vorraum des Sitzungssaals. Hier trifft sich alles, was Macht in der Partei hat, die kleineren Götter, die Bonzen und Bosse und gelegentlich auch führende Wissenschaftler und Künstler.

Aber jetzt sitzen die sonst so Mächtigen und Gefürchteten wie eingeschüchterte Schuljungen da und warten. Man flüstert und tuschelt, tauscht Erfahrungen aus, gibt sich Ratschläge und rätselt über die Stimmung im Politbüro. Die Atmosphäre ist gespannt, wenn nicht sogar bedrückt, aber der Vorraum ist, politisch gesehen, der faszinierendste Ort im gesamten realen Sozialismus. Vor einem schicksalhaften Auftritt im Politbüro, der über die Karriere entscheiden kann, vollzieht man oftmals sein politisches Testament, beichtet oder philosophiert man in einer Weise, wie wohl in keiner anderen Phase seiner Laufbahn.

So ist der Vorraum zum Politbüro eine einzigartige Fundgrube von unschätzbaren Informationen, von Geständnissen, Einsichten, Bekenntnissen und Anschuldigungen, die ein aufschlußreiches Spiegelbild der Stimmung in der Führungsschicht des realen Sozialismus geben.

Die Saaltür öffnet sich. Ein Genosse verläßt die Sitzung. Man schaut fragend in seine Augen, versucht in seinen Gesichtszügen die Stimmung der Götter zu erahnen. Und dann bin ich an der Reihe. Zusammen mit dem Abteilungsleiter betrete ich den Sitzungssaal.

Zwei Stühle stehen für uns bereit. Die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros sitzen im Halbkreis vor uns. In der Mitte Erich Honecker, links und rechts neben ihm Willi Stoph und Horst Sindermann, genauso wie sie an der Wand und in der Anmeldung im Großen Haus hängen.

Ich kenne viele der Politbüromitglieder persönlich, aber jetzt ist die Atmosphäre völlig unpersönlich. Hier wird das Persönliche beiseite geschoben, hier geht es allein um die große Sache, das Wohl des realen Sozialismus, den Forstschritt der Menschheit.

Ein eigenartiges Gefühl überwältigt mich. Ich werde zurückversetzt in meine Jugend, als ich mit dreizehn Jahren in der Synagoge meine Einsegung, die Bar-Mizwa, erlebte. Vor mir liegt die heilige Tora-Rolle. Der Rabbiner läßt den silbernen Torazeiger über die hebräischen Buchstaben gleiten. Mit zitternder Stimme, voller Demut und Ergebenheit, lese ich vor: Boruch ato a daunoi - Gelobt bist Du Ewiger ...

Der Abteilungsleiter stellt mich vor, weist auf die eingereichte Vorlage hin. Erich Honecker schaut mich an: »Genosse Professor, würden Sie kurz das Anliegen Ihrer geplanten Veranstaltungen erläutern.« Ich gebe meine Erläuterungen. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Niemand unterbricht mich. Dann schaut Honecker zu Norden und Kurt Hager hinüber.

Das hat seinen guten Grund. Jedes der Politbüromitglieder ist der uneingeschränkte Herrscher in seinem Bereich. Keines der anderen Politbüromitglieder wird versuchen, sich in die Belange eines anderen einzumischen. Nur dem Generalsekretär ist es erlaubt, diese Grenzen zu überschreiten.

Norden ist verantwortlich für Propaganda und Hager für Wissenschaft und Kultur, und so fallen die geplanten Veranstaltungen in ihren Verantwortungsbereich. Sie haben deshalb als erste das Wort.

Norden geht auf die Bedeutung Paul Robesons für die DDR und die internationale Arbeiterklasse ein. Hager nickt zustimmend. Honecker schaut sich um. Paul Verner meldet sich zu Wort: »Wird uns die Veranstaltung Dollars kosten?« »Nein!« erwidere ich.

Jetzt lächelt man freundlich. Die Stimmung lockert sich ein wenig auf. Sindermann will wissen, wie es um die Gesundheit Robesons steht, und dann fragt mich Honecker nach dem Einfluß Robesons auf die amerikanische Öffentlichkeit. Man scheint mit meiner Antwort zufrieden.

Honecker schaut auf die Uhr. Die Zeit ist bereits überschritten. Honeckers Blick gleitet über die Genossen. Man ist sich einig. Ich merke, wie der Abteilungsleiter neben mir aufatmet. Alles ist gutgegangen. Die Vorlage wird verabschiedet, zum Beschluß des Politbüros _(Bei der staatlichen Luther-Ehrung in der ) _(Ost-Berliner Staatsoper im November ) _(1983; in der ersten Reihe: Professor ) _(Lothar Kolditz, Präsident des ) _(Nationalrats der Nationalen Front, die ) _(Politbüromitglieder Willi Stoph, Harry ) _(Tisch, Kurt Hager, Paul Verner, Joachim ) _(Herrmann. )

erhoben und ist damit oberstes Gesetz der DDR.

Während wir den Sitzungssaal verlassen, beginnen bereits die Räder des Parteiapparats zu laufen, setzt sich die gesamte gesellschaftliche Maschinerie in Bewegung. Mit geradezu frappierender Perfektion wird der Politbürobeschluß in die Praxis umgesetzt. Von jetzt an stehen unserem Komitee die gesamten Ressourcen der Deutschen Demokratischen Republik zur Verfügung. Der Partei- und Staatsapparat, die Gewerkschaften, die Nationale Front, die Massenmedien, das Erziehungswesen, die wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen, großzügige finanzielle Mittel, einfach alles, was diese Gesellschaft zu bieten hat.

Welches kleine und relativ unwichtige Komitee in irgendeinem Teil unserer Erde würde sich solche phantastischen Möglichkeiten auch nur erträumen können?

Man stelle sich vor, der Präsident der Vereinigten Staaten oder der Bundeskanzler würden zusammen mit ihren Kabinetten die Vorsitzenden jedes kleineren Komitees ihrer Länder empfangen, um zu entscheiden, ob und wie diese bestimmte kulturelle Veranstaltungen durchzuführen haben. Jedes moderne Gesellschaftssystem muß letztendlich an einer solch widersinnigen Überzentralisierung zugrunde gehen.

Doch widersinnig ist diese Überzentralisierung nur aus der Sicht einer rationellen demokratischen Organisation. Sie entspricht andererseits völlig dem politischen Wesen des realen Sozialismus: einer Diktatur des Parteiapparats. Ohne eine solche Konzentration der Macht würde der diktatorische Bürokratismus in einen demokratischen Zentralismus umschlagen, der reale Sozialismus zu einem wahrhaft demokratischen Sozialismus sich entfalten können, die Diktatur aufhören, Diktatur zu sein. Und das wäre der Tod der Götter.

Auch die Götter im Politbüro sterben, aber sie sterben anders als die Sterblichen. Zum Beispiel Politbüromitglied Friedrich Ebert. Er, ein alter Sozialdemokrat und Aushängeschild für die Einheitsfront der Einheitspartei, wollte Mitte der siebziger Jahre als alter Mann freiwillig aus dem Führungsgremium der SED ausscheiden. Er sei, begründete er seinen Antrag, zu alt und zu krank, um seiner Funktion noch gerecht werden zu können.

Aber das Politbüro lehnte ab. Das würde einen Präzedenzfall von unübersehbaren Konsequenzen heraufbeschwören. Einmal Politbüromitglied, immer Politbüromitglied. Und so starb Ebert, im Dezember 1979, in Amt und Würden.

Diese, in keinem Statut der Partei festgelegte Praxis der Wahl der Politbüromitglieder auf Lebenszeit, verleiht dem obersten Führungsgremium des realen Sozialismus einen theokratischen Charakter, tendiert zum Personenkult des Generalsekretärs und zur Senilität seiner Mitglieder.

Das Prinzip wird nur in seltenen Fällen und aus schwerwiegenden Gründen durchbrochen. Eine dieser raren Ausnahmen ist Paul Verner, bis zum Mai dieses Jahres Mitglied im Politbüro. Der offiziell angeführte Grund für Verners Ausscheiden, sein schlechter Gesundheitszustand, ist nur die halbe Wahrheit.

Verner hatte in der SED-Führung eine Schlüsselposition: Er verwaltete als ZK-Sekretär den Bereich Sicherheit. Mit der zunehmenden Unsicherheit der Diktatur kommt diesem Bereich im Politbüro immer größere Bedeutung zu. Nun ist Verner nicht nur krank, sondern seit längerem regelrecht senil.

Er mußte ausgeschaltet werden, damit er in seiner Senilität nicht ausgerechnet in diesem hochempfindlichen Sektor die Kreise der Götter stört. Seinen Genossen schien es zu riskant, ausgerechnet zu einer Zeit, in der es in der DDR von Bürgern mit starkem Drang nach Westen wimmelt, in der eine autonome Friedensbewegung die Polizei verunsichert, in der die SED-Führung noch immer das Übergreifen des polnischen Bazillus fürchtet, die Verantwortung für die Sicherheit (und damit für die Stabilität der eigenen Macht) einem Mann zu überlassen, der nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte ist.

Zur Beerdigung von Albert Norden, der lange Jahre als Propaganda-Sekretär des Zentralkomitees die Parteipolitik beim Volk und an der SED-Basis zu verkaufen hatte, hatten sich Anfang Juni 1982 das Politbüro, zahlreiche Mitglieder des ZK und einige auserwählte Gäste im Saal des Großen Hauses versammelt. Politbüromitglied Joachim Herrmann sprach die Gedenkrede. Noch niemals habe ich eine so oberflächliche, unpersönliche und gefühlslose Trauerrede erlebt. Sie hörte sich an wie ein Leitartikel im »Neuen Deutschland«.

Auf dem Friedhof in Friedrichsfelde war man später ganz unter sich. Da sprach man über den Toten, der bislang der »Große Gott« gewesen war, ganz anders: Der Albert war immer ein rückgratloser Feigling. Vor allem deshalb hat ihn der Walter (Ulbricht) ins Politbüro genommen. Er wußte genau, daß der Albert niemals aufmucken würde.

Und schaut euch unsere Propaganda an. Selbst der Klassenfeind hätte uns nichts Schlimmeres antun können. Und seine Autobiographie, die nicht er, sondern der Heinz Stadler geschrieben hat. Verboten hat er ihm zu erwähnen, daß er der Sohn eines Rabbi war.

Eine junge Genossin kam angerannt. Sie wollte noch einen Blumenstrauß an Nordens Grabmal niederlegen. »Geh, schenk sie lieber den Kindern dort drüben in der Schule. Da sind sie besser aufgehoben«, brummte ein führender Funktionär.

Doch wie kommt einer überhaupt ganz nach oben? Formal werden die Mitglieder des Politbüros gewählt. Die Grundorganisationen wählen die Delegierten zur Kreisdelegiertenkonferenz, diese die Delegierten zur Bezirksdelegiertenkonferenz, diese wiederum die Delegierten zum Parteitag, dem laut Statut höchsten Parteigremium, dessen Aufgabe es ist, das Zentralkomitee zu wählen. Das entscheidet dann über die Mitgliedschaft im Politbüro.

Alles völlig demokratisch, aber als langjähriger Parteisekretär weiß ich, daß der Parteiapparat über die Jahre jegliche innerparteiliche Demokratie restlos zerstört hat. Die Wahl der Politbüromitglieder ist in Wirklichkeit eine Auswahl der Auserwählten.

Grundsätzlich vollziehen sich Wahlen folgendermaßen: Als Parteisekretär meiner Sektion für Wissenschaftstheorie und -organisation an der Humboldt-Universität mußte ich, wie alle Parteisekretäre, die Namen der Delegierten von der übergeordneten Kreisleitung genehmigt bekommen. Letztlich bestimmt also die übergeordnete Leitung des Parteiapparats, _(Bei der Verleihung des DDR-Ordens »Stern ) _(der Völkerfreundschaft« am 6. Oktober ) _(1960 in Ost-Berlin. )

wer als Delegierter zu wählen ist. Sie bestimmt auch, wer was auf der Delegiertenkonferenz sagen darf. Diese Reglementierung geht so weit, daß jedes Referat, jede Wortmeldung inhaltlich von ihr vorher eingesehen und genehmigt werden müssen.

Dieser Modus läuft durch die gesamte Hierarchie der Parteiwahlen und gibt dem Parteiapparat die absolute Macht, die Wahlen im Interesse des Großen Hauses zu manipulieren. Selbst auf den Tagungen des Zentralkomitees gibt es heutzutage keine echten Diskussionen mehr. Die Redner werden von der zuständigen Abteilung des ZK bestimmt, ihre Diskussionsbeiträge vorher von ihr genehmigt oder sogar von ihr geschrieben.

Bezeichnend ist auch die Stellung der Minister in diesem System. Ein Minister, dessen Namen ich nicht nennen möchte, weil er gegenwärtig noch in Amt und Würden ist, hat mir erzählt, daß er eine wichtige Verordnung seines Ministeriums aus dem »Neuen Deutschland« erfahren hat. Das Große Haus hatte es versehentlich unterlassen, ihn zu informieren.

Auch ein Minister ist, wenn er nicht zugleich in der Partei eine führende Rolle hat, wie etwa Staatssicherheitsminister und Politbüromitglied Erich Mielke, nichts anderes als ein gehobener Laufbursche des Parteiapparats. Von dieser Regel gibt es nur eine Ausnahme: die Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, die Frau des Generalsekretärs. Niemand im Großen Haus würde es wagen, sie zu bevormunden.

Die Entmündigung der Partei durch den Apparat ist total. Als die Delegierten zum X. Parteitag der SED 1981 in Berlin anreisten, fanden sie in ihren Hotelzimmern kostbare Geschenke der Parteiführung, darunter Taschenrechner und Digitaluhren, die ein Normalbürger in der DDR kaum kaufen kann. Keine Ausgaben wurden gescheut. Bananen, Apfelsinen, Weintrauben, Ananas und andere Delikatessen, für die DDR-Bürger eine Rarität, wurden für die Delegierten eingeflogen.

Doch das alles hatte seinen Preis. Einen Tag vor Beginn des Parteitages wies man den Delegierten ihre Plätze zu. Nichts Außergewöhnliches, dachten die Teilnehmer, bis sie erfuhren, daß sie üben mußten, an welcher Stelle der Rede des Generalsekretärs sie in »spontanen« Jubel auszubrechen hätten, wann sie vor Begeisterung von ihren Sitzen springen sollten und welche Losungen sie für den wiedergewählten Generalsekretär auszurufen hätten.

Die Generalprobe für die Fernsehaufzeichnungen war gelaufen. Und das alles einen Tag vor der Premiere.

Diese Arroganz gegenüber den eigenen Parteimitgliedern zeigt sehr deutlich, daß der reale Sozialismus nicht, wie er üblicherweise im Westen charakterisiert wird, eine Diktatur der Partei, sondern vielmehr eine Diktatur des Parteiapparats ist. Der Apparat hat die absolute Macht an sich gerissen und im Großen Haus konzentiert.

Die hauptamtlichen Funktionäre sind in Wahrheit weder wählbar noch abwählbar, sind den Parteimitgliedern weder Rechenschaft schuldig, noch können sie von diesen in irgendeiner Weise kontrolliert werden. So wird das Politbüro zu einem diktatorisch-bürokratischen Führungsgremium, das trotz seiner atheistischen Weltanschauung nur durch das Mandat einer »göttlichen Fügung« regiert - die einzige atheistische Theokratie in der Geschichte der Menschheit.

Und dennoch, diese Konzentration von Macht, über die der Rat der Götter verfügt, zeugt zwangsläufig die Keime seiner Entmachtung. Und das in zweierlei Hinsicht: Die Entmachtung der Parteimitglieder entzieht der Führung die Basis ihrer eigenen Macht, die bedingungslose Ergebenheit und Solidarität der Genossen für ihr Politbüro. Zum zweiten korrumpiert diese diktatorische Macht zunehmend nicht nur die Führung und den gesamten Parteiapparat, sondern am Ende auch die Gesellschaft selbst, was in der Konsequenz unweigerlich zu ihrem Untergang führen muß.

Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Nirgendwo ist diese uralte menschliche Weisheit überzeugender nachzuweisen als in den Führungsgremien des realen Sozialismus.

Natürlich gibt es Genossen, die nicht korrumpierbar sind. Denn auch die Diktatur hat nicht vermocht, die Ideale und

Traditionen der kommunistischen Bewegung gänzlich zu pervertieren. Für diese Kategorie von Funktionären steht im Politbüro Horst Sindermann. Der 68jährige Dresdner, ein kluger, gebildeter und äußerst fähiger Funktionär, hat einen langen, wenn auch erfolglosen Kampf gegen die Diktatur und für demokratische Verhältnisse innerhalb der Partei geführt. Diese demokratische Einstellung ist es auch, die ihn die Macht im Politbüro gekostet hat. Heute ist Sindermann zwar immer noch Politbüromitglied. Die Regel der lebenslänglichen Mitgliedschaft wurde auch in seinem Fall nicht gebrochen, aber als Präsident der Volkskammer ist er 1976 auf einen bedeutungslosen Posten abgestellt worden.

Und wie steht es um den Mächtigsten der Mächtigsten? Weit verbreitet im Westen - und zum Teil auch noch innerhalb der SED - ist die Auffassung, Honecker sei, ähnlich wie Sindermann, ein aufrichtiger, anständiger Funktionär, der sich nicht durch die Verhältnisse habe korrumpieren lassen. Wenn Honecker nur könnte, wie er wollte, so gäbe es keinen Personenkult, wäre es nie zu dieser Perversion des Sozialismus in der DDR gekommen. Schuld daran sei der Einfluß des Großen Bruders, schuld seien die Kriecher und Karrieristen, von denen er umgeben ist.

Honecker hat während des Faschismus wegen seiner Gesinnung viele Jahre im Zuchthaus verbracht und sich nach dem Krieg ungebrochen dem Kampf für ein besseres, ein demokratisches Deutschland gestellt. Das alles spricht für ihn. Aber der heutige Generalsekretär ist nicht mehr der Honecker von damals, selbst nicht mehr der Funktionär, der er vor seinem Machtantritt war.

Ohne Zweifel ist der heutige Honecker das Opfer seiner Verhältnisse, das Produkt dieses Gesellschaftsmodells, das unweigerlich zum Personenkult tendiert. Aber er ist nicht nur das Produkt des Personenkults. Er ist auch dessen ganz bewußter Produzent. Jeder, der Honecker näher kennt, weiß, wie aus dem ehemals einfachen und bescheidenen kommunistischen Funktionär ein diktatorischer Apparatschik geworden ist.

Es war Honecker, der unmittelbar nach seinem Machtantritt die Weisung gab, die Geschichte der DDR neu zu konzipieren. Die wahre Geschichte der DDR, so Honecker, beginne mit dem VIII. Parteitag. Und so wurden die Geschichtsbücher neu geschrieben, wurde die Rolle Walter Ulbrichts gänzlich heruntergespielt. Honecker, der große revolutionäre Führer der deutschen Arbeiterklasse, trat an seine Stelle.

Doch das allein genügte ihm nicht. Er wollte sich auch zu einem großen Philosophen krönen lassen. So erhielt eine ausgewählte Gruppe führender DDR-Philosophen den Parteiauftrag, das »Philosophische Wörterbuch«, die ideologische »Bibel« der DDR, »im Lichte des VIII. Parteitages auf den neuesten Stand zu bringen«. Alle Zitate Ulbrichts wurden aus dem »Philosophischen Wörterbuch« entfernt, Honecker wurde zusammen mit Marx, Engels und Lenin zum richtungweisenden Denker erklärt.

Man könnte einwenden, das alles seien allein die Machenschaften seiner ihm untergebenen Funktionäre. Gewiß, Honecker ist umgeben von Opportunisten und Karrieristen, die ihm geflissentlich nach dem Munde reden und den Personenkult um ihn immer weiter schüren. Aber Honecker selbst toleriert diesen Kult nicht nur, sondern er züchtet ihn auch. Ulbrichts Personenkult war bereits dekadent, aber der Honecker-Vorgänger hätte es sich wohl verbeten, wenn er während der Leipziger Messe gleich dreiundvierzigmal in einer einzigen Ausgabe des »Neuen Deutschland« abgebildet worden wäre. Honecker hat nichts dagegen einzuwenden.

Und was ist aus »Erich, dem Arbeiter«, als der sich Honecker allzugern noch heute porträtieren läßt, geworden? Honecker kennt die Arbeiter nur noch aus den rosarot gefärbten Parteiberichten seiner Funktionäre, sieht sie nur noch, wenn er morgens aus seinem Wagen schaut, der ihn auf der speziell abgesicherten Strecke von dem »Städtchen« in Wandlitz zu dem Großen Haus fährt.

In den seltenen Fällen, in denen der Staatsratsvorsitzende einen Betrieb besucht, wird sein Auftritt genauestens

inszeniert. Der speziell ausgesuchte Arbeiter, den er zu sehen bekommt, ist vorher eingehend programmiert worden. Ihm wird mitgeteilt, welche Fragen Honecker ihm stellen wird und was er zu antworten hat. Der Generalsekretär wird selbstverständlich vor seinem Besuch von diesem Szenario unterrichtet.

Zu Haus ist Honecker in Wandlitz, dem Getto der Parteiführung, unter seinesgleichen. Im »Städtchen« lebt die Prominenz hinter Stacheldraht, von Staatssicherheit und Militärpolizei abgeschirmt, in »splendid isolation«. Nur wenige Vertraute haben Zutritt.

Hier ist die Welt des realen Sozialismus noch heil. Von den zermürbenden Versorgungsschwierigkeiten, die die Bevölkerung täglich quälen, ist hier nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil, für die Einwohner des »Städtchens« hat der Kommunismus schon begonnen: Überfluß an Konsumgütern; Versorgungseinrichtungen, von denen der DDR-Bürger nicht einmal zu träumen wagt; prunkvolle Villen mit teurer Ausstattung, ebenfalls aus dem Westen; medizinische Einrichtungen mit der neuesten Technologie.

Darüber hinaus verfügt das Politbüro, wie die gesamte Führungsschicht der DDR, über spezielle Ferienorte, Krankenhäuser und natürlich ausgedehnte Güter mit eigenen Jagdrevieren.

Aber sind nicht diese Auswüchse letztlich der Einfluß des Großen Bruders, Ausdruck der Tatsache, daß die DDR nach dem Krieg gezwungen war, das Stalinsche Sozialismusmodell zu übernehmen? Ist Honecker nicht lediglich ein Läufer auf dem Schachbrett des realen Sozialismus, der sich nur in streng vorgeschriebenen Bahnen bewegen kann? Ist der Spielraum, den ihm die Sowjet-Union gewährt, nicht viel zu klein, um sich von diesem Modell zu lösen?

Ich bin mir nicht schlüssig, ob es nach dem Krieg keine andere reale Möglichkeit für die DDR als das Stalinsche Modell gegeben hat. Vieles spricht dafür, doch hat das Beispiel Tito auch das Gegenteil bewiesen.

Aber über eines besteht kein Zweifel: Nach dem VIII. Parteitag der SED im Jahre 1971 hatte die DDR, wie auch Honecker, eine einzigartige Chance. Trotz Ulbrichts Personenkult, Stalins Sozialismusmodell und den großen innenpolitischen sowie außenpolitischen Schwierigkeiten war es in der DDR gelungen, bemerkenswerte soziale Errungenschaften zu erzielen.

Als ich nach meiner Flucht in die Vereinigten Staaten in einem der reichsten Länder der Erde dringend ärztliche Hilfe benötigte, wurde mir diese von einem Arzt verweigert, weil ich kein Geld hatte. Das wäre in der DDR undenkbar. Die DDR verfügt mit über das großzügigste Gesundheitswesen der Welt. In der DDR haben die Frauen mehr Rechte als fast überall sonst. Das Bildungswesen hat hohes Niveau, die Fürsorge für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft ist beeindruckend.

Zur Zeit des VIII. Parteitages bestanden in der DDR wesentlich günstigere ökonomische, politische und wissenschaftliche Voraussetzungen für einen eigenen und demokratischen Weg zum Sozialismus als in Jugoslawien, Ungarn oder irgend einem anderen sozialistischen Land. Und was den vermeintlich geringen Spielraum der DDR gegenüber der Sowjet-Union betrifft, so gibt es offensichtlich im Westen sehr falsche Vorstellungen. Die Zeit, als der Kreml das Große Haus nur anzurufen brauchte, um seine Politik durchzusetzen, ist seit dem Tode Stalins längst graue Vergangenheit.

Zweifellos ist der politische, militärische und wirtschaftliche Einfluß der Sowjet-Union außerordentlich groß. Aber vielleicht weniger bekannt im Westen sind die ständig gewachsenen Möglichkeiten der eigenständigen Entscheidung

und Entwicklung der sozialistischen Länder einschließlich der DDR. Bezeichnend dafür ist das Schicksal des ehemaligen sowjetischen Botschafters in der DDR, Pjotr Abrassimow.

Abrassimow war ein gebildeter, kluger und erfahrener Diplomat, der Honecker und dem gesamten Politbüro der SED bei weitem geistig überlegen war. Vielleicht war es diese Überlegenheit, die ihn dazu verleitete, sich ein wenig als der sowjetische Statthalter in der DDR aufzuführen, was Honecker und das Politbüro seit langem irritierte.

Als bei einem Empfang der Parteiführung das Politbüro mit Honecker an der Spitze in ihren Limousinen vorfuhr, mußten sie feststellen, daß Abrassimow sich mit seinem Wagen bereits eingefunden hatte. Honecker und das Politbüro hatten sich hinter ihm einzuordnen. Honecker lief rot an, war wutentbrannt und weigerte sich, Abrassimow zu begrüßen.

Als er kurz darauf von dem neuen Generalsekretär der KPdSU, Jurij Andropow, in Moskau empfangen wurde, beklagte er sich bitterlich über Abrassimow. Andropow, sehr bedacht, den verläßlichsten Partner der Sowjet-Union nicht vor den Kopf zu stoßen, ließ Abrassimow umgehend abberufen und auf den Posten eines Leiters des Staatskomitees für Auslandstourismus abschieben.

Der Spielraum Honeckers wurde hier mit aller Deutlichkeit unter Beweis gestellt. Dennoch hat er die einzigartige Chance, die die Geschichte der DDR nach dem VIII. Parteitag gegeben hat, die Möglichkeit, schrittweise das Stalinsche Modell zu überwinden und einen eigenen demokratischen Weg zum Sozialismus zu finden, gründlich verspielt. Mehr noch, seiner Führung ist es anzulasten, daß der reale Sozialismus in der DDR, trotz seiner unbestreitbaren Errungenschaften, für die Masse der Bürger und selbst für die übergroße Mehrheit der Parteimitglieder heute zu einer unglaubwürdigen Gesellschaft degradiert worden ist.

Nirgendwo wird dies treffender ausgedrückt als im Volksmund: Ein privilegierter DDR-Bürger kehrt von einer Reise in die USA zurück. »Nun«, fragt man ihn, »wie steht es um den verfaulten Kapitalismus?« »Schlecht, sehr schlecht«, antwortet dieser, »kein Zweifel, der Kapitalismus ist dabei zu sterben. Aber was für ein wundervoller Tod. So möchte ich im realen Sozialismus auch sterben!«

Die Korruption der jüngeren Generation im Politbüro unterscheidet sich von der älteren. Die ältere Generation hat noch unter kapitalistischen Verhältnissen, oftmals unter der Gefahr des eigenen Lebens, uneigennützig für eine sozialistische Gesellschaft gekämpft.

Die Jüngeren hatten einen ungleich ungünstigeren Entwicklungsweg. Sie wurden zum Teil noch in der Hitlerjugend erzogen, nach dem Krieg im Schnellverfahren während des Stalinschen Personenkults zu extrem dogmatischen und schablonenhaften Marxisten umerzogen. Die berüchtigte Periode der Zitatenpropaganda, in der sie damals aufwuchsen, schrieb zum Beispiel vor, daß man bei politischen Ausführungen jeglicher Art 50 Prozent Stalin, 30 Prozent Lenin, 10 Prozent Marx und Engels und den Rest aus den Werken von Ulbricht zu zitieren habe.

Diese Generation hatte nie die Chance, sich ein wirkliches Demokratieverständnis anzueignen. Ihre Vorstellungen von Freiheit und Humanität, von den Traditionen der Arbeiterklasse und dem Marxismus-Leninismus sind zutiefst gezeichnet von der Unfreiheit, Engstirnigkeit und Intoleranz ihres Entwicklungsweges. Für sie ist die Partei vor allem eine Leiter, zu Macht, Ehren und materiellem Reichtum zu kommen.

Die jüngeren Funktionäre repräsentieren eine neue Generation von Apparatschiks. Auch die älteren Funktionäre sind Apparatschiks und Bürokraten, doch sie haben in der Regel klare Ideale, für sie ist der Marxismus ein echtes Glaubensbekenntnis, sie verfügen über eine gehörige Portion von Rückgrat und Überzeugung. Für ihre Nachfolger dagegen ist der Marxismus lediglich das Feigenblatt eines primitiven Pragmatismus, sind die Ideale zu einem hinter Phrasen getarnten Zynismus zerronnen.

Der heute 57jährige Günter Mittag, Mitglied des Politbüros, hat einmal in einem kleinen Kreis vertrauter Mitarbeiter erklärt: Wenn es ums Geld geht, dann hört der proletarische Internationalismus und die Freundschaft zwischen den sozialistischen Ländern auf.

Charakteristisch für diese jüngere Generation von Apparatschiks ist der Erste Sekretär der Bezirksleitung Berlin, das Politbüromitglied Naumann. Konrad Naumann, von seinen Untergebenen »Konni« genannt, ist wegen seiner brutalen und rücksichtslosen Umgangsformen gefürchtet.

Ich erinnere mich: Als die DDR 1978, zu Beginn in der Ölkrise, den bis dahin auch öffentlich stets als Imperialisten beschimpften persischen Schah zum Staatsbesuch einlud, verfügte das Politbüro, die Humboldt-Universität solle dem Herrscher und seiner Schahbanu eine Ehrendoktorwürde verleihen. Unter den Genossen in der Uni breitete sich Empörung aus. Konni befahl die Parteisekretäre der Universität zu sich. »Die Genossen Akademiker sollen gefälligst ihre Fressen halten!« brüllte er uns an. »Wenn der große Bruder uns die Ölimporte kürzt, woher sollen wir sonst unser Öl beziehen?«

Das reichte aus, um jeglichen Protest im Keim zu ersticken. Niemand wagte auch nur die geringste Widerrede. Der Korridor zum Senatssaal wurde neu gestrichen, die Laudationes für den Schah und die Schahbanu ausgearbeitet. Nur der Sturz des Schahs bewahrte die führende Universität der DDR vor der Schmach, diesen Tyrannen und seine Frau zu ihren Ehrendoktoren zu machen.

Im nächsten Heft

Die Misere der SED-Propaganda - Heinz Geggel, der Oberzensor der DDR-Presse - Meine Sternstunde als DDR-Publizist _(Beim Besuch eines Altenheims. )

Bei der staatlichen Luther-Ehrung in der Ost-Berliner Staatsoper imNovember 1983; in der ersten Reihe: Professor Lothar Kolditz,Präsident des Nationalrats der Nationalen Front, diePolitbüromitglieder Willi Stoph, Harry Tisch, Kurt Hager, PaulVerner, Joachim Herrmann.Bei der Verleihung des DDR-Ordens »Stern der Völkerfreundschaft« am6. Oktober 1960 in Ost-Berlin.Beim Besuch eines Altenheims.

Franz Loeser
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