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POLIZEI Der reine Rummel

Vierzehn Tage lang ließen sich Hundertschaften der Kölner Polizei von einem Mörder narren. Vorige Woche erschoß er sich selbst.
aus DER SPIEGEL 19/1980

Durch Forsbach bei Köln fuhren Lautsprecherwagen der Polizei --Eltern wurden gebeten, ihre Kinder »nicht auf die Straße zu schicken«.

Am Mielenforst riet die Polizei besorgten Anrufern, »sich zu verbarrikadieren«. Wo eine Fehlzündung knallte, gingen Leute schon mal in Deckung.

Auf dem Ostfriedhof in Köln-Dellbrück mußte eine Beerdigung unterbrochen werden -- 450 Beamte, zu Pferde und zu Fuß, durchkämmten den Gottesacker, am Himmel kreisten Hubschrauber. Auf der Erde erfanden die Kinder im Bergischen Land ein neues Spiel: Stefan und Gendarm.

Stefan Hlywa, 27, österreichischer Staatsbürger, löste in Köln die größte Mörderhatz der Nachkriegszeit aus. Am 15. April erschoß Hlywa im bergischen Odenthal den Kriminalhauptmeister Günter Müller. Die Kripo hatte bei seiner Freundin, am Hirschweg 76, ein Waffenlager vermutet. Hlywa flüchtete, weil das Zeug von ihm stammte, und hielt drauf.

Seither wurde Hlywa von Hunderten schwerbewaffneter Polizeibeamter durch die Wälder um Köln gescheucht. Sein Radius reichte von Odenthal bis zum Vorort Porz, knapp zwanzig Kilometer. Immer wenn die Verfolger glaubten, sie hätten ihn, verschwand er wie ein Phantom.

Am Mittwoch voriger Woche meldete der Kölner »Express« Vollzug, und der war ihm sogar ein Extrablatt wert: »Der Polizeimörder ist erschossen.«

Hlywa hatte das selbst besorgt. Um 2.22 Uhr beobachtete eine Kriminalkommissarin, die am Hirschweg auf dem Posten war, wie Hlywa über den Zaun stieg und von seiner Freundin ins Haus gelassen wurde. Ein halbes Hundert Polizisten vom Mobilen Einsatzkommando (MEK) und vom Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) rückte an, mit Stahlhelm, Schußweste und MP, um 5.35 Uhr wurde das Haus gestürmt.

Im Keller hinter einem Herd und unter einem Pappkarton versteckt, kauerte der Gesuchte. Bevor ein Beamter, der seinerseits von zwei anderen gesichert war, den Karton hochheben konnte, schoß sich Hlywa mit einem Revolver Smith & Wesson Magnum .357 direkt in den Mund. Der Gasdruck war so groß, daß es ihm die Schädeldecke wegsprengte.

Erschreckt sprangen die SEK-Leute zurück und warfen vorsichtshalber Tränengas in die Kellerkammer. Als sie den Toten rausgezerrt hatten, bemerkten sie, daß er zwei Pullover trug und zwei Hosen; offenbar Schutz gegen die Kälte. Seine Füße waren geschwollen und zerschunden. Denn Hlywa war nach dem Mord auf Socken getürmt und so lange barfuß gelaufen, bis er in einer Baubude ein Paar Arbeitsschuhe fand.

Es war ein mieses Kriminellen-Leben, das in einem Abstellkeller zu Ende ging. Und der sich da zu Tode brachte, war keineswegs der »Staatsfeind Nr. 1« bei sich daheim in Österreich gewesen, als den ihn die Gazetten von »Bild am Sonntag« bis zur »Kölnischen Rundschau« aufputzten.

Je erfolgloser die Polizei agierte, desto konsequenter wurde der Mythos vom harten »Waldläufer« ("Rheinische Post") gepflegt. »Der Mann weiß, wie man im Wald überlebt«, entschuldigte der Kölner Leitende Schutzpolizeidirektor Hans Krauß, als es wieder mal mit Hubschrauber, Infrarotgeräten und Elite-Polizisten nicht geklappt hatte. »Der Hlywa ist äußerst gefährlich und gerissen«, urteilte Polizei-Präsident Jürgen Hosse.

Dabei war Hlywa in Österreich ein ganz gewöhnlicher Krimineller gewesen, allenfalls »ein guter Einbrecher«, wie sich der Wiener Gendarmerie-Bezirksinspektor Werner Windisch erinnert. Ein Schränker und ein Autodieb -- mal ein Simca, mal ein Polo --, der zwar oft zulangte, aber nie das ganz dicke Ding drehte.

Die Polizei im österreichischen Wels setzte Hlywa auf die Fahndungsliste, weil er in einem Waffengeschäft 22 Pistolen und Revolver, fünf Gewehre und 7300 Patronen erbeutet hatte. Seither versuchte er sich als illegaler Waffenhändler und übernachtete vorzugsweise in verlassenen Ferienhäusern, was ihm hierzulande den Ruf des Naturburschen einbrachte.

Zunächst versuchte es die Kölner Polizeiführung mit Masse. Dreimal schwärmten 600 Mann aus, formierten sich zu Ketten und versuchten ein Waldstück oder den Friedhof abzuriegeln -- wo er jeweils gerade gesehen worden war.

Es war der reine Rummel. Wenn Schüsse fielen, kam Beifall auf von all den Schlachtenbummlern, die der Polizei Tag für Tag folgten.

»Ist der Mörder schon tot?« fragte ein Kölner Lokalblatt. Aber verletzt wurden immer nur Polizisten. Am Ostfriedhof ging einem, beim Überklettern der Umfriedung, die MP plötzlich los. Gleich zwei Beamte wurden ins Bein getroffen.

Selbst als die Polizei den Gesuchten im Wald bei Porz ganz sicher umstellt glaubte und wie von ungefähr auch der nordrhein-westfälische Innenminister Burkhard Hirsch anrückte, entkam Hlywa. Die Kette war wieder mal nicht dicht genug gewesen.

Immer mehr wurde die Ordnungsmacht zum Gespött. Weil sie »mal wieder ein großes Aufgebot sehen wollten«, behaupteten zwei Männer in Porz: »Der Hlywa hat uns überfallen.« So ein Jux war ihnen beim Grillen eingefallen. Und eine ältere Kölnerin wurde von der Polizei am Waldesrand aufgehalten, als sie mit einem Picknick-Korb den Hlywa suchen ging.

Glück für die Fahnder, daß Hlywa schließlich so einfältig war und zu seiner Freundin in Odenthal-Küchenberg zurückkehrte.

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