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ISRAEL-TOUR Der Reisende aus Cypern

aus DER SPIEGEL 18/1953

Sechzehn Tage mußte die Ehefrau Anneliese Lüth dementieren, daß ihr Mann, der Direktor der Staatlichen Pressestelle der Hansestadt Hamburg, unter mehrfachem Namenswechsel und dem Patronat des israelischen Außenministeriums eine Pilgerfahrt in das gelobte Land Zions angetreten habe. Erst als sich Erich Lüth, 51, am 17. Tag wieder telephonisch vom Amsterdamer Flughafen Shiphol in der Hamburger Blumenau 27 bei Frau Anneliese und Tochter Marion wohlbehalten zurückgemeldet hatte, wurde das Geheimnis um seinen Israel-Trip offiziell gelüftet.

Dabei war das kaum noch nötig. Als am Donnerstag die viermotorige KLM-Maschine auf ihrem Flug von Tel Aviv via Rom nach Amsterdam in München-Riem zwischengelandet war, wurde zur Überraschung der Passagiere, darunter vieler Israelis, ein Herr Erich Lüth aus Hamburg zum Telephon gerufen, obwohl für keinen Fluggast dieses Namens ein Platz in der Maschine gebucht war.

Der israelische Konsul in München, Eliahu Livneh, aber wußte es besser. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, den ersten nichtjüdischen Deutschen, der nach Unterzeichnung desdeutsch-israelischen Wiedergutmachungsabkommens Israel bereist hatte, zu seiner erfolgreichen Mission zu beglückwünschen.

Daß er damit aber das Inkognito des Israel-travellers Erich Lüth alias Julius Berman lüftete, hatte er dabei nicht bedacht.

Was »Israel-Lüth« - so doppelsinnig boshaft und ehrenvoll zugleich nennen ihn seine Freunde - nach seiner Landung mit dem »Fliegenden Holländer« in Hamburg-Fuhlsbüttel den Reportern diktierte, war die Feststellung, daß das deutsch-israelische Verhältnis nach wie vor der größten Behutsamkeit bedürfe. Die Israelis, die aus früher deutsch-besetzten Ländern eingewandert seien, stehen noch immer unter dem Eindruck ihrer Leidenszeit. Sie können die Millionen liquidierten Juden nicht so schnell vergessen, wie ein großer Teil des deutschen Volkes das könne.

Wovon aber Lüth auch nach der Reise nur andeutungsweise spricht (er startete seine Geheimmission während seines Urlaubs als Senatspressechef und will die selbstfinanzierte Reise mit NWDR-Kommentaren, Fernsehsendungen und Zeitungs-Features auswerten), das waren die Abenteuer des Erich Hamburger alias Julius Berman alias Erich Lüth.

Karl Marx, der Herausgeber der »Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland« in Düsseldorf, Dr. Chaim Jachil, der Delegationschef der israelischen Wiedergutmachungskommission in Köln, und Konsul Eliahu Livneh, München, hatten den Herzenswunsch Erich Lüths, des Initiators der Aktion »Friede mit Israel«, des Mitbegründers der »Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit« in Hamburg, des Rufers für die »Ölbaum-Spende«, sorgfältig mit den israelischen Behörden in Tel Aviv vorbereitet. Die Anwesenheit des deutschen Israel-Freundes Lüths durfte auf keinen Fall in Israel zu einer Sensation werden.

Die Gefahr, daß sich extremistische Kreise seiner annahmen, war nicht von der Hand zu weisen. Den schlagenden Beweis für diese Möglichkeit hatte ein Unbekannter geliefert, der den amerikanischen Geiger jüdischer Abstammung, Jascha Heifetz, am Freitagmorgen, dem 18. April, beim Verlassen des Hotels »König David« mit einer Eisenstange auf die rechte, mit 300 000 Dollar versicherte Geigerhand geschlagen hatte.

Zu diesem Gewaltakt war es gekommen, weil Heifetz gegen die Warnungen der Extremisten am Abend vorher in Jerusalem auch eine Sonate des Deutschen Richard Strauß gespielt hatte. Ministerpräsident David Ben Gurion, der Jascha Heifetz aufforderte, auch weiterhin Richard Strauß zu spielen, nannte den eisernen Handschlag einen »Anschlag gegen Israel«.

Zu dieser Zeit aber war Lüth gerade am zehnten Tag seiner Israelreise angelangt. Für den israelischen Sicherheitsdienst war es Veranlassung genug, die Abschirmung und Überwachung Lüths nur noch sorgfältiger durchzuführen. Seine ständigen Begleiter, zwei ausgesuchte Geheimpolizisten aus Jerusalem und Nazareth, wechselten alle drei Tage die amerikanische Luxuslimousine, in der Erich Lüth sein 3800 - Kilometer - Besichtigungsprogramm absolvierte.

Noch häufiger wechselten sie die Privatunterkünfte, Telephonnummern, Deckadressen und Nummernschilder der Dienstwagen. So war es Lüth nicht einmal möglich, alte Hamburger Freunde aufzusuchen, da der Sicherheitsdienst befürchtete, daß durch ihre Begeisterung das Inkognito zu schnell gelüftet würde.

Die größte Gefahr, in der er sich aber befunden habe, sagt Lüth, sei die unerwartet herzliche Sympathie gewesen, die ihm von allen Bevölkerungskreisen entgegengebracht worden sei. Niemals hätte er auch nur einen Bruchteil dessen

sehen können, was er gesehen habe, wenn er allen Einladungen gefolgt wäre. Gerade diese Sympathiedemonstrationen hätten aber den Zorn der Extremisten besonders fördern können.

Ein besonderes Vergnügen war es dem routinierten Senatspressechef, das zwischen dem 8. und 24. April die gesamten israelischen Lokalreporter auf diesen »Knüller« Jagd machten. Nur der israelische Geheimdienst war ihren Verfolgungskünsten gewachsen. Der mit hebräischen Sprachbrocken um sich werfende Journalist Lüth war nur zu oft bereit, mitfühlend für seine israelischen Kollegen das Inkognito zu lüften. Daß daraus nichts wurde, dafür sorgten David und Eliahu, die mehrfach Besichtigungen und Gespräche unterbrachen, weil die Entdeckung bevorstand.

Die erste Verwandlung des Erich Lüth, noch recht zaghaft in Erich Hamburger, vollzog sich vor dem Einflug in das Gelobte Land über dem Mittelmeer. In der Maschine nach Lydda, dem modernen Flugplatz von Tel Aviv, saßen während des Nachtfluges nur Israelis, die sich ihre Leidensgeschichten erzählten. Der ehemalige Sanitätsgefreite Erich Lüth konnte den eindringlichen Bitten seiner Mitreisenden, auch von sich zu berichten, nur durch viel Takt und Schlaf entgehen.

Unmittelbar nach einem biblischen Gewitter setzte die holländische Maschine auf dem hagelüberdeckten Flugplatz von Lydda zur Landung an. Der Reisende Numero eins verließ als letzter das Flugzeug und wurde draußen von einem Sicherheitsbeamten mit der Frage empfangen: »Are you the traveller from Cyprus?« Das war das Kennwort für das Unternehmen Lüth.

In der Wohnsiedlung Schakun bei Tel Aviv wurde Lüth bei der Familie eines israelischen Gesandten, dessen Name auch

heute noch nicht genannt werden darf, untergebracht. Schon am ersten Abend hatte der Direktor der Deutschlandabteilung im israelischen Außenministerium, Ch. Citroen, mit dem Landwirtschaftsminister Dr. Fritz Naphtali (der früher Wirtschaftsredakteur der »Frankfurter Zeitung« gewesen ist), dem Autor der israelischen Verfassung, Dr. Leo Kohn, und dem Leiter der israelischen Wirtschaftsdelegation in Deutschland, Dr. Schinnar, eine erste Besprechung arrangiert.

Bei diesem Gespräch spielte die Flaggenklausel des Wiedergutmachungsabkommens ("keine deutsche Flagge in israelischen Häfen") eine wichtige Rolle, da Lüth nach seinen ersten Israel-Erfahrungen meinte, daß sie zu früh aufgehoben worden sei. So besteht vorläufig noch kaum eine Möglichkeit für ein deutsches Schiff, einen israelischen Hafen anzulaufen, es sei denn, die Mannschaft verzichte freiwillig auf ihren Landgang. Sonst bestünde die Gefahr, daß die Untergrundorganisationen den Personalbestand der deutschen Handelsmarine mit tödlicher Sicherheit dezimieren würden, denn nicht jeder deutsche Landgänger in Israel könnte den Schutz erhalten, wie man ihn für Lüth aufwendete.

Am 10. April begann dann die Besichtigungstour über 3800 Kilometer durch Kibbutze, jene Farmen auf genossenschaftlicher Grundlage, durch moderne Laboratorien, entlang den Demarkationslinien im Jeep israelischer MPs, durch Museen und Araberdörfer.

In zwölf Tagen besichtigte Lüth die Grenzen von Syrien, Transjordanien, Ägypten und des Libanons. Überall stieß er dabei auf wehrbereite Israelis. Aus dem Pazifisten Erich Lüth ist auf dieser Reise ein begeisterter Anhänger der Wehrbereitschaft geworden. Wie er selber sagt, habe ihn der militante Verteidigungswille der Söhne und Töchter Zions angesteckt. So hatte man für ihn auch einen Platz auf der Ehrentribüne bei der großen Parade der Armee in Tel Aviv nach den diesjährigen Frühjahrsmanövern reserviert.

Man kann heute nach Lüths Beobachtungen in Israel auch in aller Öffentlichkeit wieder von sieben Deutschen ungestraft reden: Vom Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer; von dem Heidelberger Kreisdekan Hermann Maaß; von der Freiburger Publizistin Dr. Gertrud Luckner; dem ehemaligen »Welt«-Chefredakteur Rudolf Küstermeier: von Prof. Dr. Franz Böhm, der auf deutscher Seite den Israel-Vertrag aushandelte, von Dr. Kurt Schumacher und von Erich Lüth.

Die Reise Lüths, die bis dahin nicht arm an überraschenden Situationen gewesen war, drohte vier Tage vor dem Rückflug eine gefährliche Wendung zu nehmen. Lüth, der sich zwei Tage im Hotel Scharon bei Herzlija, einem Kibbutz am Meer, das nach Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus, benannt worden war, von der anstrengenden Gastfreundschaft der Israelis in aller Ruhe erholen wollte, war frühmorgens schwimmen gegangen, so wie er es jeden Dienstag und Freitag um sieben Uhr früh in der Hamburger Badeanstalt Bartholomäusstraße auch tut.

Da aber war Lüth in eine gefährliche Strömung geraten, die der geübte Langstreckenschwimmer nicht überwinden konnte. Er rief um Hilfe. doch niemand von seiner Begleitung war an diesem Morgen mit an den Strand gegangen. Nur mit letzter Kraft konnte er sich an das Ufer zurückretten, wo er mit einem Herzkollaps liegenblieb. Der Sicherheitsdienst und die Freunde Lüths ließen sofort den berühmtesten Herzspezialisten Israels kommen, der Lüth ein Elektrokardiogramm abnahm und ihm zwei Tage Bettruhe verordnete. Lüth wurde gerettet.

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