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FRENZEL Der Revisor kam

aus DER SPIEGEL 19/1961

Von wann an waren Sie pekuniär

lebensfähig? Ich meine, wann waren Sie imstande, Ihre Familie zu ernähren?« So fragte der Kölner Strafverteidiger Rudolf Behse seinen des Landesverrats und Meineids angeklagten Mandanten Alfred Frenzel am ersten, Prozeßtag, dem Montag der vergangenen Woche.

Die Antwort Frenzels offenbarte den rotberobten Bundesrichtern im Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofs zu Karlsruhe einen belanglos zwergenhaft

geratenen Mann, der freilich dennoch mit niederer Emsigkeit und Fixigkeit Geld anzuschaffen verstand. Voller Selbstmitleid winselte das fleißige Lieschen des zweiten und dritten Bundestages vor seinen Richtern: »Mit 37 Jahren hatte ich endlich festen Boden unter den Füßen.«

Zu jenem Zeitpunkt, mit 37 Jahren, hatte Frenzel, damals Anzeigen-Akquisiteur sozialdemokratischer Zeitungen, schon eine menschlich und politisch bewegte Vergangenheit hinter sich.

Früh verwaist, in den erlernten Berufen eines Bäckers und eines Glasbläsers ohne soliden Halt und auch als Gummiwaren-Vertreter ohne Erfolg, erkannte Frenzel früh, daß Menschen seines Schlages, denen das Normalmaß des Verstandes und Charakters fehlt, am leichtesten noch in der Politik zu etwas

kommen können, sofern sie den richtigen Dreh herausfindens

Einem Gastspiel Frenzels bei den sudetendeutschen Sozialdemokraten in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg folgte ein Engagement bei den Kommunisten, die ihm die Leitung zweier kleiner Verkaufsstellen ihres Konsumvereins »Vorwärts« in der Nähe von Reichenberg anvertrauten.

Doch als der Revisor kam, entdeckte er in der Verkaufsstelle Karlsberg ein »Übermanko«, das sich nach Frenzels Einlassungen in Karlsruhe zwischen 1600 und 2000 Tschechenkronen (etwa 200 bis 250 Reichsmark) bewegte. Frenzel vor den Richtern: »Ich fühlte mich als Versager.«

Mit dieser Selbsterkenntnis war in Frenzel damals das Verlangen erwacht, sein Versagen zu kaschieren, zumal in seiner zweiten, Konsum-Filiale, in Wiesental, ebenfalls eine Revision bevorstand. Hurtig fälschte er die Bücher und zappelte alsbald im selbstgeknüpften Netz. Der Revisor stellte in Wiesental nicht ein Manko, sondern einen Überschuß fest. Die Fälschung kam auf. Und Frenzel verlor über Nacht Job und Parteibuch.

Er meldete sich krank und ließ Frau und Stieftochter für sich selber und seine Tochter sorgen. Die beiden verdienenden Damen des Frenzelschen Hauswesens waren daran gewöhnt, hatte Frenzel doch, wie er es seinen Richtern erklärte, 1922 geheiratet, »um ein Unterkommen im Hause der Schwiegereltern zu haben«.

Wieder genesen, tat er, was gescheiterte

Politiker bisweilen zu ihrem Nutzen betreiben: Wiederum wechselte er die Partei. Zurück bei den Sozialdemokraten, sammelte er neue Verdienste mit Enthüllungen über eben jenen KP-Konsumverein »Vorwärts«, dem er jahrelang, wenn auch nicht treu, gedient hatte. Bei den von Frenzel verlassenen Kommunisten blieb freilich ob solchen Undanks ein Stachel zurück, den sie 30 Jahre später in Frenzels mittlerweile speckverpacktes Fleisch bohrten.

Lange vorher, nämlich 1938, setzten ihm zunächst die Nationalsozialisten zu. Hitlers Marsch ins Sudetenland trieb Frenzel über Prag nach England. Den Briten diente er als Leiter von Emigranten-Lagern ("Zuletzt leitete ich ein Straflager") und von 1940 an als Küchenbulle bei der Luftwaffe. »Als ich mich freiwillig meldete, wußte ich, daß ich aus Gesundheitsgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten konnte.« Vor den Fleischtöpfen des Offizierkasinos der 311. Bomber -Schwadron fand er einen bombensicheren Platz.

Kaum war der Krieg zu Ende, da ernährte sich Frenzel - in der Montur eines königlich-britischen Sergeanten - von der Aussiedlung bewährter Antifaschisten aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Großzügig ließ er auch weniger zuverlässige Sudetendeutsche an der von ihm zu vergebenden Wohltat teilhaben, mit Möbeln und Gepäck ausreisen zu dürfen. Über die von ihm dafür geforderten Gebühren klaffen heute Lücken in seinem sonst intakten Gedächtnis: »Unsere Stelle mußte sich selbst tragen.«

Als Neubürger 1946 in Bayern seßhaft geworden, fand Frenzel, daß die Politik ihren Mann nicht darben läßt. Im Fliegerhorst Lechfeld sicherte er

sich ein reichseigenes Feldwebel -Häuschen, im Kreisrat Augsburg und im bayrischen Landtag kassierte er als SPD-Repräsentant Diäten, so daß er auf die Einkünfte aus dem Amt eines Lagerleiters auf dem Lechfeld sogar verzichten konnte. Denn: »Man kann nicht von einer Stelle Geld beziehen, wenn man dafür nichts tut.«

Der erste Sprung in die große Politik mißlang noch. Frenzel fiel 1949 bei den ersten Bundestagswahlen durch. Für den zweiten Anlauf sicherte sich der heimatvertriebene Sozialdemokrat einen so guten Platz auf der bayrischen Landesliste, daß nichts mehr schiefgehen konnte. Aber in die Vorfreude

auf die zu erwartenden Bundes-Tagegelder platzte am Vortag der Bundestagswahl 1953 ein Flugblatt des BHE -Funktionärs Spandel. Der BHE-Mann warf dem SPD-Kandidaten dessen »Versager«-Vergangenheit beim kommunistischen Konsum und Angebereien vor, so die Behauptung, er habe als britischer Fliegersoldat deutsche Städte, darunter Dresden, bombardieren helfen.

Frenzel, nach eigener Meinung »eine geachtete Persönlichkeit«, fühlte sich »in heimtückischer Weise verunglimpft«. Dies, obschon der Flugblattschreiber im wesentlichen Wahres berichtet hatte. Begründete Frenzel 1953 seine Klage gegen Spandel: »Es war dem Beklagten (Spandel) bekannt, daß eine Person, die so gehandelt hätte (wie Frenzel gehandelt hatte), längst aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet weiden wäre.«

Noch in Karlsruhe erboste sich Frenzel darüber, daß der Flugzettel erst am Sonnabend vor der Wahl herausgekommen war. Vor seinen Richtern memorierte er: »Meine erste Reaktion war: Für eine Einstweilige Verfügung ist es zu spät.«

Für den Ärger, den Spandel ihm bereitet hatte ("Ich war einem Nervenzusammenbruch nahe"), entschädigte sich der frisch gewählte Bundestagsabgeordnete in einem Strafprozeß, bei dem Frenzel sich als Nebenkläger der Anklage des Staatsanwalts anschloß. Vor Gericht schwor er wider besseres Wissen, die Behauptungen im Flugblatt seien sämtlich unwahr; er erreichte damit, daß sein 78 jähriger Prozeßgegner zu einer Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt wurde.

»Schämten Sie sich nicht, einen so alten Herrn durch einen Meineid der Gefahr einer Gefängnisstrafe auszusetzen?« wollte Senatspräsident Dr. Jagusch nun in Karlsruhe wissen. Frenzel entschuldigte sich: »Ich bin eben kein Jurist. Im Wahlkampf passieren Dinge, die im normalen Leben nicht passieren.«

Zu Frenzels Norm gehörte es, daß er den seinetwegen unschuldig verurteilten Spandel die Prozeßkosten des meineidigen Nebenklägers bezahlen lassen wollte. Frenzel in Karlsruhe: »Aber gezahlt hat er nicht.« BHE - Spandel war nämlich gestorben, bevor er die ungebührlichen Forderungen des SPD-Parlamentariers hatte erfüllen können.

Frenzels Aufstieg dauerte an; er wurde in den Sicherheitsausschuß seiner Partei und den John -Ausschuß des Bundestags delegiert. Der so um die Sicherheit

von Partei und Staat besorgte Frenzel

konnte jedoch nicht über die unheilschweren Schatten seiner Vergangenheit springen.

Als seine Frau ihre in Prag verheiratete Tochter - Frenzels eigene Tochter war kurz nach Kriegsende gestorben - besuchte, klingelte es am 9. April 1956 an Frenzels Tür. Herein trat »mein alter Kassierer von Reichenberg« namens Hoffmann.

Nachdem Besucher Hoffmann erläutert hatte, es sei »gut für deine Karriere, du weißt ja selber, was damals war«, fand sich Gastgeber Frenzel zu einem Treff mit dem tschechoslowakischen Nachrichtendienst in Wien bereit. Alt -Küchenbulle Frenzel in Karlsruhe: »Herr Präsident, es war die reine Feigheit.«

Insgesamt neununddreißigmal traf sich Frenzel mit dem einen oder anderen

Kontaktmann des tschechischen Nachrichtendienstes, wobei er sich seines Dienst-Mercedes bediente und hin und wieder ("Sie haben ja auch Auslagen") einen Briefumschlag mit Beträgen zwischen 500 und 3000 Mark einsteckte.

Dafür lieferte er, was immer er fassen konnte: Geheim-Material aus dem Verteidigungsausschuß des Bundestags - dem er angehörte - und Intern-Informationen aus seiner Partei. Zu den Richtern in Karlsruhe sagte er: »Ich wollte nicht mit leeren Händen kommen.« Einen Trost hielt Frenzel parat: »Ich habe mir gedacht, wenn ich Material brachte: Das, was heute wichtig ist, ist morgen überholt.«

Indes, als ihn sein tschechischer Kontaktmann nach einem alten Bekannten namens Roman Wirkner gefragt hatte, der im Bonner Bundesrat beschäftigt ist, erkundigte sich Frenzel pflichtbewußt nach Handhaben, um Wirkner zu erpressen. Beim nächsten Treff wußte er zu berichten: »Wirkners Tochter lebt in der Sowjetzone.«

Neben solchen Versuchen, den Tschechen neue Mitarbeiter zu besorgen, bemühte er sich auch, ihnen die alten zu erhalten. Als Frenzels Freund, der Tschechen-Agent Emil Peuker (SPIEGEL 46/1960), in Not geriet, stellte er ihm falsche Bescheinigungen aus, mit deren Hilfe Peuker, der aus dem bayrischen Landesentschädigungsamt geschaßt worden war, wieder Fuß fassen sollte.

Aber wie die Tschechen, so bekam auch Peuker nichts geschenkt. Er mußte seinem Helfer gleichfalls falsche Bescheinigungen liefern, mit denen Frenzel, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wiedergutmachung, unrechtmäßig Wiedergutmachungsleistungen zu ergattern suchte.

So fleißig Alfred Frenzel unterdes auch Ämter und Einkünfte sammelte, so eifrig häuften die Verfassungsschützer ihr Material gegen den Landesverräter. Und am 28. Oktober des vergangenen Jahres stand der Revisor schließlich ein drittes Mal vor dem Versager: Generalbundesanwalt Güde setzte Frenzel an der Stätte seines vielfältigen Wirkens im Bonner Bundeshaus fest.

Die Karriere Frenzels ist zu Ende. 37 Kilogramm leichter als bei seiner Verhaftung und aller Zähne ledig, muß er nun in der sicheren Obhut einer Zuchthauszelle ohne die Mittel leben, um die er zeit seines Lebens verlegen war. Die von den Tschechen kassierten, für den Lebensabend sorgsam zurückgelegten 26 500 Mark verfallen der Bundeskasse; was ihm sonst noch bleibt, geht für die Prozeßkosten und das Logis im Zuchthaus drauf.

Spion Frenzel: Auf festem Boden

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