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DE GAULLE Der Riese kommt

aus DER SPIEGEL 12/1964

Vor hundert Jahren jagten die Mexikaner mit Hilfe der Vereinigten Staaten die französischen Besatzer aus dem Lande und erschossen den von Napoleon III. als Kaiser von Mexiko eingesetzten Habsburger Maximilian.

In dieser Woche stehen Tausende von Mexikanern am Straßenrand und jubeln dem seit dem dritten Napoleon stärksten Franzosenherrscher zu: Charles de Gaulle ist aufgebrochen, um Mexiko eine Staatsvisite abzustatten.

Der General kommt nicht, wie sein Vorgänger, als Eroberer. Er will in diesem Jahr auf zwei Reisen als erstes europäisches Staatsoberhaupt neun lateinamerikanische Staaten besuchen, um den Entwicklungsländern im Schatten der nordamerikanischen Weltmacht die Möglichkeiten eines dritten Weges zwischen den USA und dem Kommunismus kubanischer Prägung zu verkünden.

Obwohl der Franzose als Gastgeschenk einen 150-Millionen-Dollar-Kredit für Mexiko mitbringt, kann Paris wirtschaftlich mit den USA nicht konkurrieren:

- Amerikas Warenaustausch mit Lateinamerika erreicht jährlich einen Wert von vier Milliarden Dollar, US-Touristen bringen zwei Milliarden;

- das amerikanische Hilfsprogramm »Allianz für den Fortschritt« sieht US-Kredite in Höhe von 20 Milliarden Dollar in zehn Jahren vor.

Dagegen nimmt sich Frankreichs Warenverkehr mit Mexiko (30 Millionen Dollar) recht dürftig aus. Aber der »dritte Weg« des Generals übt in den Augen der vom allzu großen Nachbarn USA abhängigen Lateinamerikaner verführerischen Anreiz aus.

»Der illustre Besucher kommt als Verkörperung eines unabhängigen Staates, dem es gelungen ist, sich von der Vormundschaft der USA zu befreien«, feierte Mexikos Nachrichtenmagazin »Política« den heranreisenden Gast. Und der Besucher trug Sorge, dem ihm vorauseilenden Ruf eines »El Macho« (der Riese) gerecht zu werden.

Selbst äußerlich vermied der General alles, was »El Macho« nicht als »Verkörperung eines unabhängigen Staates« hätte erscheinen lassen können. Für den Flug über den Atlantik verfügt die französische Gesellschaft Air France nur über amerikanische Düsenmaschinen. De Gaulle legte aber Wert darauf, in Mexico City nicht aus einer Boeing 707 zu steigen. So ordnete er an, daß die Boeing ihn bis zum Flugplatz Pointe á-Pitre der französischen Insel Guadeloupe bringen solle, damit er dort in eine französische Caravelle nach Mexico City umsteigen könne.

Mexiko will ihm eine Ehre erweisen, die niemals zuvor einem ausländischen Besucher zuteil wurde: De Gaulle wurde gestattet, eine Ansprache vom Balkon des Präsidenten-Palastes auf der Plaza Zócalo in Mexico City zu halten. Der General will Spanisch sprechen. In den vergangenen Wochen prägte er sich im Elysée-Palast spanische Vokabeln ein.

Den Lateinamerikanern gilt der lateinische Führer schon heute als eine Art salonfähiger Castro. »In Südamerika«, zitierte das US-Nachrichtenmagazin »Time« einen französischen Diplomaten, »kann es auf die Alternative Castroismus oder Gaullismus hinauslaufen.«

Selbst Castro zeigte sich beeindruckt. Im Fernsehen bekannte er, daß er gegenwärtig de Gaulles Memoiren studiere: »Ich sympathisiere mit manchem Aspekt der Politik de Gaulles.«

Paris-presse

Sprachkurs im Elysée

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