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FRANKREICH / ALKOHOLISMUS Der Rote

aus DER SPIEGEL 1/1961

Tanzende Ballerinen, Gewichte stemmende Athleten, braungebrannte Bergsteiger und Facharbeiter an Bohrmaschinen führen Frankreichs Fernseh -Zuschauern täglich vor Augen, wie sich der um ihr sittliches Wohl besorgte Hausherr des Elysee-Palastes, Charles de Gaulle, eine gesunde Nation vorstellt.

Mit Hilfe eines intensiven Propagandafeldzugs gegen den Alkoholmißbrauch versucht die Regierung Debré, gestützt auf die Autorität des Generals, unter der Parole »Gesundheit - Nüchternheit« jenen Kampf wiederaufzunehmen, den der milchtrinkende Pierre Mendès-France, vor sechs Jahren Ministerpräsident der IV. Republik, vergebens gegen die Front der Weinbau -Interessenten geführt hatte.

Im Gegensatz zu Milchfreund Mendès-France brauchte Debré den parlamentarischen Druck jener vier bis fünf Millionen Franzosen, die sich mit Produktion und Verkauf von Wein sowie Spirituosen beschäftigen, zunächst nicht zu fürchten: Seine Regierung hat seit Juli 1960 die gesetzliche Möglichkeit, ihren »Kampf gegen das Laster« (Alkohol, Prostitution, Homosexualität) mit

Hilfe von Verordnungen zu führen, die keiner parlamentarischen Zustimmung bedürfen.

Kraft solcher Vollmachten gab Debré der ihm unmittelbar unterstellten, bereits von Mendès-France gegründeten Hohen Kommission zur Erforschung des Alkoholismus ("Haut Comité d'Etude et d'Information sur l'Alcoolisme") die Anweisung, Verordnungen gegen den Alkoholmißbrauch auszuarbeiten. Ihnen sollten die Ergebnisse der fünfjährigen Arbeit des Präsidenten dieser Kommission zugrunde liegen: des 78jährigen Professors Robert Debré.

Der Professor, anerkannter Facharzt für Kinderkrankheiten und Vater des heutigen Premierministers, jedoch schon von Mendès-France auf seinen Anti -Alkohol-Posten berufen, schlug der Regierung vor, was Premier Michel Debré jüngst dekretierte:

- Gaststätten mit Alkoholausschank

in unmittelbarer Nähe von Krankenhäusern, Heilanstalten, Kirchen, Kasernen, Friedhöfen und Altersheimen werden geschlossen.

- In der Umgebung von Betrieben, in denen mehr als 1000 Menschen beschäftigt sind, werden alkoholfreie »Schutzzonen« errichtet.

- In der Nähe der Wohnblocks des sozialen Wohnungsbaus, vor allem im Umkreis von Paris, darf nicht mehr als ein Bistro für je 3000 Einwohner

- bisher eins auf 180 - bestehen.

- Erst an Vierzehnjährige (bisher schon an Zwölfjährige) darf Alkohol ausgeschenkt werden.

- Die fast 2,5 Millionen privaten

Schnapsbrenner, die seit Napoleons Zeiten steuerfrei zehn Liter reinen Alkohol jährlich destillieren durften, können dieses Privileg nicht mehr weitervererben.

Bis heute werden in Frankreich 600 000 Hektoliter reiner Alkohol jährlich legal und illegal destilliert. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols wird von Experten auf 30 Liter geschätzt. »New York Times": »Weit mehr als in irgendeinem anderen Land.«

Im vergangenen Jahr kamen in Frankreich 16 745 Tote (unter insgesamt 503 000) auf das Konto des Alkoholismus, der damit unter den Todesursachen an fünfter Stelle steht. 25 Prozent der Arbeitsunfälle in der V. Republik gehen auf Trunkenheit zurück. Der Anteil der Alkoholiker in den psychiatrischen Kliniken stieg seit 1943 auf nahezu das Zehnfache (30 Prozent bei Männern, 7,5 Prozent bei Frauen im Departement Seine).

Sechzig Prozent aller Insassen von Nervenheilanstalten in Frankreich sind, so errechneten die französischen Statistiker, alkoholisch anfällig. Besonders groß ist der Anteil der Alkoholiker in den Weinbaugegenden.

Jean Graulle, Direktor der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne in Paris, überraschte die Franzosen mit der Feststellung: »Weniger der Schnaps als der Wein ist für die psychischen Erkrankungen verantwortlich ... Es handelt sich dabei um den 'einfachen Roten', der am billigsten ist.«

Nach Meinung des Psychiaters Graulle trinken 1 300 000 Männer und 180 000 Frauen täglich bis zu dreieinhalb Liter Wein. Der »einfache Rote«, in Literflaschen verkauft, kostet kaum mehr als 1,20 Mark.

Solche Zahlen, mit denen der Anti-Alkohol-Professor Debré Alarm schlug, machten offenkundig, daß die lauwarme Plakataufklärung gegen den Alkoholmißbrauch, mit der sich Michel Debrés Amtsvorgänger seit Mendès-France begnügten, ihre Wirkung verfehlt hatte.

Den Versuch, die Franzosen durch Drosselung ihres Alkoholkonsums körperlich und moralisch aufzurüsten, hatte schon einmal ein um sittliche Erneuerung besorgter Militär gemacht: Marschall Philippe Pétain. Er wollte nach 1940 die innere Einkehr der besiegten Nation durch die »Tage ohne« fördern, an denen außer Bier und Wein kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte.

Das Anti-Alkoholgesetz des Marschalls, das den Konsum tatsächlich verminderte, wurde zusammen mit anderen Gesetzen der Vichy-Zeit von der ersten Nachkriegsregierung de Gaulle außer Kraft gesetzt. Heute bemüht sich der General in später Nachfolge des alkoholfeindlichen Marschalls, die ererbten Gewohnheiten der an ihren Eckkneipen hängenden französischen Bürger - ohne Rücksicht auf den Lärm der Alkohol-Interessenten - auf dem Verordnungswege zu ändern.

Doch der Gesamtverband der Kleinhändler echauffierte sich: »Diese von der Technokratie inspirierten Maßnahmen sind ohne Befragung der Berufsorganisationen ergriffen worden. Man will die Alkoholverkäufer in den Augen der öffentlichen Meinung diskreditieren.«

Vor diesen Protesten gegen die von dem Kinderarzt Debré eingeleitete Trockenlegung wich die Regierung einen Schritt zurück: Jene Bistros, deren Existenz künftig untersagt ist, sollen erst dann beseitigt werden, wenn ihre Pächter oder Besitzer sterben oder sie verkaufen. Für den Aufkauf dieser Kneipen werden die Einnahmen aus einer Sondersteuer verwandt, die künftig jene Bistro-Wirte zu zahlen haben, die ihre Alkohol-Lizenz behalten.

Den gegen die Alkohol-Dekrete opponierenden Deputierten der Nationalversammlung sicherte Premier Debré kurz vor Weihnachten sogar zu, die umstrittenen Verordnungen - »die einige unter Ihnen stark beunruhigen« - würden erst Anfang April 1961 in Kraft treten, wenn die bisher fehlenden Ausführungsbestimmungen den zuständigen Parlamentsausschüssen vorgelegen haben. Die Alkohol-Interessenten erpreßten dieses Zugeständnis mitten in einer heftigen Debatte über eine Verfassungsänderung. »Das ist das einzige Mittel«, triumphierte der Abgeordnete Briot, »um eine (parlamentarische) Diskussion über diese Verordnungen zu erzwingen.«

Leon Fleck, Generalsekretär der Alkohol-Kommission Robert Debrés, beschwichtigte inzwischen die ergrimmten Bistro-Besitzer: »Der Wein wird weiterhin zum Essen der Franzosen gehören. Wir sind keine Abstinenzler. Unser Schlagwort lautet 'Trinkt mäßig' und nicht 'Trinkt überhaupt nicht'.«

Pariser Bistro: Noch den Tode des Besitzers ...

Debré-Vater Debré

... nur noch Limonade

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