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Der rote Monarch

Milovan Djilas über Tito (III): Luxus und Verschwendung des Staatschefs Alle Rechte bei Verlag Fritz Molden, Wien, München, Zürich.
aus DER SPIEGEL 30/1980

Tito hatte schon während des Krieges eine merkliche Vorliebe für Paläste gezeigt. Luxus und Leben trennten sich bei ihm nur in äußersten Notlagen -- wenn Leben und Werk in Gefahr waren.

Kaum waren wir im Krieg in irgendein Städtchen oder Dorf gekommen, suchte Tito für sich das beste Gebäude als Quartier aus. Ein idealer Aufenthaltsort war 1941 in Uzice der Palast der Nationalbank mit seinem Tunnel, der sich als Bunker verwenden ließ. Da es im Krieg jedoch riskant war, sich länger offen zu zeigen, bevorzugte Tito meist Höhlen und Unterstände.

Sobald er im Oktober 1944 nach Belgrad zurückgekehrt war -- einige Tage nach der Befreiung der Stadt durch sowjetische und jugoslawische Einheiten --, besichtigte Tito die königlichen Paläste in Dedinje und befahl, sie wieder bewohnbar zu machen.

Die Gebäude waren zwar verlassen, aber nicht sonderlich beschädigt. Nicht einmal Möbel und Geschirr waren zerstört worden. Am meisten ramponiert war das sogenannte Weiße Schloß des Prinzregenten Paul. Es liegt, ebenso wie das Alte Schloß von König Aleksandar, auf einem Hügel, der die Umgebung beherrscht, in einem größeren Wald. Verglichen mit europäischen Fürstenhöfen sind beide Schlösser nur größere Luxusvillen.

Tito bevorzugte das Weiße Schloß in Dedinje mit seinem neoklassizistischen Stil. Noch vor Kriegsende war das Gebäude restauriert, und Tito zog ein, ohne dabei allerdings das königliche Schloß und die Villa in der Rumänischen Straße Nr. 15 aufzugeben.

Das königliche Schloß war als Quartier für ausländische Staatschefs und hohe Gäste vorgesehen. Hier fand am 12. und 13. April 1948 auch die ZK-Sitzung statt, auf der die Antwort auf den Anklagebrief aus Moskau gebilligt wurde. Mit gutem Grund: Bisher hatte es nämlich in diesem Gebäude keine ZK-Sitzungen gegeben, so daß die Wahrscheinlichkeit größer war, hier nicht abgehört zu werden.

Den größten Teil seiner Arbeitszeit verbrachte Tito in den ersten Nachkriegsjahren im Weißen Schloß, während ihm die Villa in der Rumänischen Straße mehr als Privatwohnung diente. Diese Villa mit großem Garten hatte dem reichen Serben Acevic gehört, war im Krieg von den Deutschen für ihren Sondergesandten Hermann Neubacher requiriert und dann von den Kommunisten konfisziert worden. S.117

Später übernahm Tito noch einige Nachbarvillen und Gärten und rundete damit einen größeren Komplex ab. Auch eine neue Umfassungsmauer aus Stein wurde gebaut. Tito gewöhnte sich an die Villa und hielt sich dort immer häufiger zur Arbeit auf, er gab hier sogar Empfänge.

Nach Protokoll und Gesetz hatte Tito kein Recht auf die königlichen Besitzungen, denn er war bis 1953 nicht Staats-, sondern Regierungschef. Dieses Recht hätte nur das Präsidium als formaler Staatschef gehabt.

Aber Tito kümmerte sich nicht um solche Unterschiede, und der Vorsitzende des Präsidiums, Dr. Ivo Ribar, hatte ebensowenig einzuwenden wie die Mitglieder seines Präsidiums. Sie waren zufrieden mit dem, was sie selbst erhielten.

Auch die Mitglieder des ZK, die eigentlich als Revolutionäre ein Einspruchsrecht haben mußten, nahmen an Titos Hofhaltung keinen Anstoß, sie waren zufrieden mit dem, was sie unter Titos Führung erreicht hatten: Erfolg, ein Amt, gute Zukunftschancen. Zweifel, soweit sie überhaupt aufkamen, behielt man für sich, um nicht als Fraktionist oder als Träger »kranker Ambitionen« in Verruf zu geraten.

Sie waren schon damals alle zu freiwilligen Sklaven der Einheit von Partei und Ideologie geworden, alle entfremdet und machtlos außerhalb ihrer Sekte, außerhalb der Macht und der Utopie.

Titos Neigung zum Luxus war nebensächlich, aber sein eigenwilliger Besitz von Palästen, vor allem der Königsschlösser, war mehr: Er diente der Herstellung der absoluten, autokratischen Macht, der Macht über den Staat und über die Partei.

In den Augen des Volkes sind Paläste immer Sitze und Symbole der Macht. Die sogenannten einfachen Leute sind nicht sonderlich glücklich über hohe Ausgaben für Paläste und über die Verschwendungssucht der Herrscher, aber sie sehen darin auch etwas Natürliches, Unvermeidbares.

Zur Macht gehört der Glanz, sei er auch falsch. Nach der Revolution vertrat niemand mehr die Lehre von der göttlichen Herkunft der Macht. Aber das Volk hielt wie früher daran fest, daß die Macht etwas Ungewöhnliches, Erhöhtes ist, das Einfluß nimmt auf das Schicksal der einzelnen und der Nation.

Einfache Leute mochten zwar daran Anstoß nehmen, daß die kommunistischen Funktionäre sich nun über die Paläste und Villen hermachten, aber ernstlich verargt haben sie es ihnen nicht. Man lächelte nur über die Zusage der Kommunisten, daß mit ihrem Machtantritt alles anders werde, daß ein Zeitalter der Entsagung, Bescheidenheit und Gleichheit beginne.

Deshalb sah das Volk Titos Einzug in die königlichen Paläste als etwas Normales an: Er war der Führer, in seinen Händen lag die Macht.

Das fühlte, ja wußte Josip Broz Tito. Indem er die königlichen Paläste bezog und von dort aus herrschte, knüpfte er an die monarchischen Traditionen mit ihren Vorstellungen von der Macht und der Person des Herrschers an. Zieht man von Titos Einsichten den Schaum der marxistischen Lehre -- Klassencharakter der Herrschaft und Absterben des Staates -- ab, so bleiben im Grunde recht primitive Vorstellungen übrig: der Herrscher als sorgsamer Patriarch und der Bürger als gläubiger Untertan.

Aber die Aneignung der Paläste hatte eine noch wichtigere Funktion: die Unterordnung der Partei unter die Person Titos. Damit wurde die Idee der Vergöttlichung Titos in das Credo der kommunistischen Partei aufgenommen. Diese Verbindung von Ideologie und Person konnte nur mit Hilfe der absoluten Macht und unterstützt durch den Glanz der Macht vollzogen werden.

Tito war niemals -- und schon gar nicht als Machthaber -- »bescheiden« und »gewöhnlich« wie Stalin oder Mao: Er brauchte den äußeren Schein, nicht nur weil er ihn als Emporkömmling instinktiv suchte oder weil er ihn mit der traditionellen Monarchie verband, sondern auch als Ersatz für seinen Mangel an Schulbildung und ideologischer Bedeutung.

Die Aneignung der Paläste hatte auch eine antimonarchistische und revolutionäre Bedeutung. Obgleich der König bis 1945 formal noch Staatsoberhaupt war, eroberten die neuen Herrscher die Symbole, die Sitze des Königtums. Darin unterstützten alle Kommunisten Tito, und keiner von denen, die mit der Monarchie unzufrieden waren, konnte Einwände erheben.

Aber Titos wichtigstes Ziel bestand darin, die Partei an sich zu binden, sie S.118 sich unterzuordnen. Die Parteigenossen legten Wert auf Gleichheit und Volksnähe. Sie waren in ihren Sitten und ihrer Lebensart oftmals geradezu Asketen. Eine derart glitzernde Macht und grenzenlose Verschwendungssucht ihres Führers konnten und wollten vor allem die Intellektuellen nicht ohne Murren hinnehmen.

Der kroatische Partisanenführer Andrije Hebrang, der selbst zum Luxus neigte, beschwerte sich schon Anfang 1945 bei den sowjetischen Führern darüber, daß sich Tito mehr für die Renovierung des Weißen Schlosses als für die Front interessiere. Und gelegentlich konnte man den Vorwurf hören: Tito ist doch kein König]

Solche Aufmüpfigkeit wurde damals schnell unterdrückt, denn der Feind war noch aktiv, und Tito hatte in der Partei und bei den Sowjets eine so starke Stellung, daß jeder als »Feind« ausgemerzt werden konnte. Außerdem hatte das unfehlbare Moskau alles geprüft und für rechtmäßig erklärt. Resümee: Was konnte man tun, der Staat mußte bleiben, man mußte ihn hüten und stärken, Tito war der Führer, und niemand ist ohne menschliche Schwächen.

Tito ging bei der Aneignung der königlichen Paläste offen und konsequent vor. Auch in Kleinigkeiten bestand er darauf, daß alles, was dem Hof gehörte, jetzt an ihn fiel. Das hatte auch seine gute Seite. Die Paläste und Villen wurden erneuert, die Möbel blieben erhalten, ebenso das Geschirr und die Kunstwerke.

Unter die Verwaltung und in das Nutzungsrecht des neuen Herrschers fielen auch der ungeheure königliche Grundbesitz und die Jagden Karadjordjevo und Belo, die im alten Jugoslawien staatlich waren und auf denen die königliche Familie gern Gast war.

Immerhin legte Tito bei ihrer Benutzung eine gewisse Großzügigkeit an den Tag: Die Mitglieder des Politbüros und seine nächsten Mitarbeiter wurden zur Jagd zugelassen, vor allem wenn Tito selbst daran teilnahm.

Die einzigen Ausnahmen bei dieser Aneignungsaktion waren die königlichen Besitzungen und Villen im serbischen Topola und der königliche Hof in Milocer an der montenegrinischen Küste.

Im ersten Fall spielte wohl Unbehagen die entscheidende Rolle: In Topola steht nämlich die Grabkirche der Dynastie. Auch waren die zwei königlichen Villen in Topola zu klein für den ungeheuren Dienst- und Wachapparat, den Tito hinter sich herzuschleppen pflegte.

Außerdem ist Topola eines der mächtigsten Heiligtümer der nationalbewußten Serben, und so überließ Tito es der serbischen Regierung.

Milocer wiederum war allzu abgelegen und wurde der montenegrinischen Regierung übergeben, zumal sich Tito schon auf der Adria-Insel Brioni niedergelassen hatte. Die königlichen Schlösser im Zentrum von Belgrad schließlich waren schon vor dem Krieg nicht mehr von der königlichen Familie benutzt worden. Sie waren für Tito ungeeignet, schlecht abzuriegeln und zu sichern. Man überließ sie dem Bundespräsidium und dem Präsidium der Republik Serbien.

Es ist schwer zu sagen, wieviel die Erhaltung dieser zahllosen Schlösser und Villen mit ihrem hochbezahlten und privilegierten Personal kostete. Mit der Zeit wurde auch bei Tito eine Art Rechnungsführung eingerichtet.

Titos Gehalt war unbedeutend, symbolisch, er konnte davon nicht einmal die Rechnungen für Küche und Garderobe bezahlen. Es gab jedoch keine Grenze zwischen seinen persönlichen Ausgaben und den staatlichen, den Repräsentationskosten. Tito gab bei Bauten und allen möglichen Anschaffungen einfach dem Finanzministerium S.119 Order, die fälligen Zahlungen als Repräsentationskosten zu leisten.

Zweifellos war Tito der teuerste Herrscher seiner Zeit. Man sollte sich übrigens daran erinnern, daß Jugoslawiens König Aleksandar I. Karadjordjevic seinerzeit nach dem japanischen Kaiser die höchsten Dienstbezüge hatte. Offiziell kostete Tito viel weniger, in Wirklichkeit aber, gemessen an seinen Angestellten und Gütern, unvergleichlich viel mehr.

Titos Aneignung der Paläste und königlichen Güter rächte sich in erster Linie an den Kommunisten, denn indem sie diese Verhältnisse akzeptierten, gerieten sie selbst in die Rolle von Höflingen und gläubigen Untertanen.

Unter dem Personal kam es immer wieder zu kleinen Affären, Diebstählen, Intrigen, Eifersüchteleien. Tito konnte es nicht fassen: Unglaublich, wie verdorben die Leute um mich herum werden] Dabei war er es, der sie durch die außerordentliche, privilegierte Lage verdarb, in der er sie hielt, durch die grenzenlosen, willkürlichen Möglichkeiten, die sich ihnen in der unmittelbaren Nähe zur Macht boten.

Da Tito sich selbst alles nahm, was königlich war, verübelte er es auch den führenden Genossen nicht, wenn sie sich die Häuser und Reichtümer der »kompromittierten« Politiker und Reichen aneigneten. In diesen ersten Jahren haben wir häufig und leicht unsere Villen gewechselt und aus den »Staatsreserven« Möbel, Bilder und ähnliches bestellt, Dinge von oft unschätzbarem Wert.

Zu den Bescheidensten gehörten Koca Popovic und Aleksandar Rankovic -- der erste aus intellektuellen, der zweite aus parteipuritanischen Gründen. Auch ich übte mich in Bescheidenheit: Die Gemälde übergab ich dem Nationalmuseum und eine Renaissanceskulptur der »Kultura«-Bibliothek.

Bald nach der Befreiung Belgrads wurden, nach sowjetischem Vorbild, »Magazine« eingerichtet: geschlossene Handelsläden für Funktionäre und die wichtigsten Dienste. In Belgrad war das »Diplomatenmagazin« berühmt, in dem sich Mitglieder der Bundesregierung und des ZK sowie Diplomaten zu niedrigen, symbolischen Preisen mit Qualitätswaren eindecken konnten.

Ohne Ausnahme wurden die besten Hotels und Villen in geschlossene Erholungsheime verwandelt: Das Zentralkomitee der kommunistischen Jugend etwa hatte eine Villa bei Belgrad -angeblich zum Schreiben von Referaten.

Nie habe ich gehört, daß Tito einem der Spitzengenossen Vorwürfe wegen dessen Luxus oder wegen zu teurer Feiern auf Staatsrechnung gemacht hätte. Auch Tito war natürlich gegen Diebstahl, Mißbrauch und Übertreibungen -- vor allem gegen solche, die aufreizend wirkten und an die breitere Öffentlichkeit drangen.

Und als auf Kidric'' und meine Initiative hin die »Magazine« geschlossen wurden, paßte sich auch Tito an. Er ließ seine private Küche von seiner dienstlichen Residenz trennen und stellte fest: Unglaublich, wieviel bei mir verschwendet worden ist] Jeder hat soviel davongetragen, wie er wollte]

Aber wieviel ist dann in den zahllosen Palästen, Villen, Jagdschlössern und auf Brioni verschleudert, herumgeworfen und gestohlen worden, wenn das schon in Titos Belgrader Küche so war?

Titos Leibchauffeur Prlja, Partisanenkämpfer der ersten Stunde, wurde beim Verkauf von Reifen und Ersatzteilen aus Titos Garage erwischt; er tötete sich selbst, um nicht im Gefängnis zu landen.

Tito begnügte sich nicht mit den Gütern des Königs; er baute auch selbst -- bis zuletzt. Die umfangreichsten Arbeiten wurden auf der Inselgruppe Brioni vorgenommen, die Tito in seine Sommerresidenz verwandelte.

Er ließ auf Brioni einen zoologischen Garten anlegen; er ließ aber auch Wild aufziehen, das er dann jagte. Für die höchsten Funktionäre wurde ein Hotel errichtet, alles von hoher Qualität.

Die Villa des Herzogs von Spoleto, in der er sich zuerst niederließ, trat Tito großmütig an Kardelj ab, als er sich eine neue, größere gebaut hatte. »Man kann da einen Empfang für 500 Leute geben]« schwärmte er.

Für die Arbeiten an den Villen und auf den brionischen Inseln wurden meist Gefangene herangezogen; sie lebten dort unter besseren Bedingungen als in den Zuchthäusern und mit mehr Aussicht, begnadigt oder auf Bewährung entlassen zu werden.

1952 oder 1953, als sich mein »Anarcholiberalismus« bereits bemerkbar machte, erzählte mir der Tito-Vertraute Vukmanovic-Tempo nach einem Besuch auf Brioni, Tito habe ihm im Scherz gesagt: »Erzähl Djido (Djilas), wie die Villa aussieht, und sag ihm, alles Große in der Geschichte wurde von Sklaven geschaffen.«

Ich bin nie nach Brioni gefahren, außer wenn ich dienstlich dazu gezwungen war. Das wurde registriert, und man warf mir sogar vor: Du stellst dich außerhalb des Kollektivs.

In Belo baute sich Tito neben dem königlichen Jagdschloß ein eigenes veritables Jagdpalais. Überhaupt lehnte er es ab, sich in Häusern aufzuhalten, die S.120 nicht ihm gehörten -- abgesehen von kurzen Besuchen, zu denen er gezwungen war. In dem Badeort Igalo, wo er seine Ischias kurierte, rodete man für ihn einen Hügel -- den bisherigen Stadtpark -- und baute darauf eine große Villa.

Ich habe gehört, daß er auch damit nicht ganz zufrieden war, und so begann man, in Milocer neben dem kleinen Palast des Königs einen Palast für Tito zu bauen. Da war Tito immerhin schon 85 oder 86 Jahre alt.

Ähnlich großzügig verfuhr Tito bei der Einrichtung der Paläste und Villen, vor allem bei ihrer Ausstattung mit Kunstwerken. Entweder bestellte Tito sie selbst, oder Funktionäre, die so ihre Ergebenheit unter Beweis stellen wollten, besorgten sie für ihn -- natürlich auf Staatskosten.

So kam etwa Avgustincic'' sogenannte Brionische Venus als »Geschenk« in Titos Villa auf Brioni. Auch der größte Teil der Gemälde, die nach dem Krieg der Sammler Mimara »dem kroatischen Volk«, also den Nationalmussen Kroatiens, geschenkt hatte, hing in Titos Villa in Zagreb.

Als Tito 1946 oder 1947 einmal einigen Funktionären selbstgefällig die gerade eingetroffenen Gemälde zeigte, erlaubte ich mir die Bemerkung: »Man müßte sie den Museen überlassen.« Niemand stimmte mir zu, und Tito belehrte mich: »Mein Lieber, du hast keine Ahnung, was der Staat ist -- dies alles dient der Repräsentation und ist hier auch sicherer verwahrt.«

Zwanzig Jahre später gab es dann eine Affäre: Mimara stellte in der ausländischen S.121 Presse die Frage, wo die Gemälde geblieben seien; daraufhin wurden sie eingesammelt und den Museen übergeben.

Tito erbte auch den königlichen Eisenbahnzug. Da er ihm allerdings nicht bequem und luxuriös genug war, ließ er ihn renovieren. Dem Zug wurden zwei gepanzerte Wagen angefügt, einer vorne, einer hinten. An der Planung so gründlicher Sicherheitsmaßnahmen beteiligten sich auch sowjetische Experten.

In Titos Bauwut -- ohne Rücksicht auf die Kosten, aber mit geradezu kleinlichen Vorstellungen über den wahren Wert -- spürte man am stärksten den ehemals Armen, der auf einmal Gelegenheit bekommt, unternehmerisch tätig zu werden und voranzukommen. Tito wollte in seinen Bauwerken und Denkmälern überleben. Er war überzeugt: Man muß bauen -- etwas bleibt immer bestehen.

Aber nicht nur Tito baute. Funktionäre des Bundes und der Republiken bauten gleichfalls für ihn -- natürlich mit seiner Zustimmung. So erläuterte mir 1952 Djuro Pucar den Bau einer Residenz an der Bosna-Quelle: »Das haben wir für den Alten gebaut, wenn er nach Sarajevo kommt.« Solche Erklärungen waren allerdings häufig nichts als bequeme Ausreden für die eigene Verschwendung.

Wußte Tito, wie viele Paläste und Villen ihm zur Verfügung standen? Ich bezweifle, daß überhaupt jemand die genaue Zahl kennt, zumal die Grenzen zwischen offiziellem Tito-Besitz und den Luxuseinrichtungen von Lokalbehörden fließend sind.

Tito nahm jedenfalls mit gleichsam kämpferischer Entschlossenheit die ihm »geschenkten« Villen und andere Güter entgegen. Sein Kommentar zu einem Rolls-Royce: »Den hat mir Zagreb geschenkt.« Zu den Villen, die der kroatische Ustascha-Führer Pavelic den Juden weggenommen hatte und die Tito nach dem Krieg von den Zagrebern übergeben wurden: »Die hat mir Zagreb geschenkt.« Als hinge die Macht in Zagreb nicht von Tito ab und als wäre das Geld für das Auto nicht den Zagrebern abgenommen und Pavelic'' Villen nicht konfisziert worden]

Titos Apparat und, nach seinem Vorbild, alle möglichen Organisationen auf Bundes- und Republikebene übernahmen auch alle bedeutenden Jagdreviere des alten Jugoslawien; dabei fielen vor allem die Jagdreviere mit Hochwild an den Bund. In jenen Tagen kursierte eine Redensart: »Nur die Hasen haben Kreisbedeutung.«

Mit der Zeit änderte sich dies, die Nutzung der Reviere wurde »demokratisiert«, kommerzialisiert. Für Devisen überließ man sie sogar Ausländern. Nur an Titos Rechten und Privilegien rührte keiner.

Nichts lernt man leichter, an nichts kann man sich so schnell gewöhnen wie an Luxus und Herrenleben. Dazu braucht man keinen Verstand: Wo Macht ist, finden sich auch immer alle möglichen Kenner ein, die die Sache in die Hand nehmen. So ging es uns, mit wachsender Macht, schon gegen Kriegsende. Und so ging es auch Tito.

Anfangs -- wenn auch nicht lange -- war alles noch ein wenig primitiv, bei dem einen weniger, beim anderen mehr, je nach Herkunft, Bildung und Einfallsreichtum. Tito gehörte zu denen, die sich sehr schnell zurechtfanden und sich am leichtesten eingewöhnten, obgleich er, schon wegen seiner Funktionen, in die kompliziertesten und delikatesten Umstände versetzt worden war.

In Titos Palästen und Villen wurde nicht nur schnell Ordnung, sondern auch europäisches Niveau hergestellt. Hatte das Personal oder gelegentlich er selbst aus Unwissenheit oder Primitivität etwas übersehen, wurde das schnell ausgebessert. Titos Hofhaltung unterschied sich bald nicht mehr im geringsten von der ehemaligen königlichen S.122 und übertraf sie sogar an Verschwendung.

Titos Uniformen waren reichlich mit Gold verziert, bei ihm mußte alles »richtig« und »einzigartig« sein: Das Wappen auf seinem Koppelschloß wurde aus reinem Gold geschmiedet -- es war so schwer, daß es fast abfiel. Meist benutzte er auch einen Federhalter aus massivem Gold.

Tito entwickelte allmählich einen besonderen Stil und ein eigenes Protokoll: Sein Sessel, immer im Zentrum des jeweiligen Raumes, unterschied sich deutlich von den übrigen; seine Kleidung wechselte er drei-, viermal täglich, je nach Bedeutung und dem Eindruck, den er hinterlassen wollte. So erschien er vor der Armee und den militärischen Kommandeuren immer in der Marschallsuniform, deren goldener Schmuck in Zusammenarbeit mit Künstlern entworfen wurde.

Manchmal drückte er durch seine Kleidung auch seine Meinung zu bestimmten Fragen aus: Trat er etwa in Uniform vor Zivilisten auf -- auch wenn es sich um Mitglieder des Zentralkomitees handelte --, so konnte das ein Zeichen dafür sein, daß hinter seiner Meinung zugleich die Armee stehen würde.

Regelmäßig ließ er sich bestrahlen, um auch im Winter braun zu sein. Er färbte sich die Haare und ließ sich schneeweiße Zähne einsetzen. Und obgleich er es gar nicht nötig hatte, seine Beweglichkeit zu betonen -- denn er war von Natur aus wendig und lebhaft --, ging er bei Veranstaltungen drahtiger und energischer als sonst.

Dieser bis ins Detail ausgearbeitete Stil wurde schließlich zu Titos unbewußter Gewohnheit. Wenn ich mich nicht sehr irre, gewöhnte er sich nach seiner Thronergreifung 1944 eine besondere neue Art an, jemandem die Hand zu geben: ohne Druck, die Hand fast am Körper herunterhängend, so daß der, dem er die Hand gab, sich niederbeugen mußte.

Tito mußte sich seinen Stil gelegentlich auch erkämpfen, durch persönliche Initiative oder dadurch, daß er den »Erfindungsreichtum« seiner untergeordneten Funktionäre bemühte. Ein Beispiel dafür sind Titos Telegramme an fremde Staatsmänner oder Telegramme anläßlich eines außergewöhnlichen Ereignisses.

Vor dem Kriege wurden solche Telegramme in der Presse nur in Ausnahmefällen veröffentlicht, wie das in der ganzen Welt üblich war. Die Redaktionen der jugoslawischen Zeitungen hielten sich an diese Tradition und veröffentlichten Titos Telegramme meist an unwichtigen Stellen, wenn überhaupt.

Für Tito war das eine Zumutung, er ließ das Kabinett intervenieren und sagte mir mehrfach: Das zerstört mein Ansehen. Obgleich ich das nicht einsah, machte ich die Zeitungsredakteure auf Titos Problem aufmerksam, und sie sorgten auch für Abhilfe, bis wieder einmal ein diensthabender Redakteur »vergeßlich« wurde und es zu neuem Ärger kam.

Das zog sich mehrere Jahre so hin. Bis schließlich Dedijer, der zum Chefredakteur des Parteiorgans »Borba« ernannt worden war, das Problem löste: Er veröffentlichte die Tito-Depeschen grundsätzlich in den ersten Spalten.

So standen anstelle der traditionellen Leitartikel zu wichtigen Themen Glückwünsche an und von Tito auf der ersten Seite. Niemand las sie, da einer dem anderen glich. Den Schaden hatten die Zeitungen -- aber war das noch wichtig, wenn es dafür von der Spitze keinen Ärger und keine Verdächtigungen mehr gab?

Titos Orden, das Sammeln von Orden für Tito, gehörte zur höheren Staatspolitik. Es mußten immer neue Jubiläen begangen und alle möglichen Errungenschaften gefeiert werden, bei denen Tito die Hauptrolle spielte und die es möglicherweise ohne Tito nie gegeben hätte. Bei Besuchen fremder Staatsmänner oder bei Titos Besuchen im Ausland gehörte der Ordenstausch in der Regel zur protokollarisch verabredeten Pflicht.

Titos Freude an Orden war am Ende so tief ins Bewußtsein des Volkes eingegangen, daß der Sozialistische Bund S.123 in Belgrad Tito allen Ernstes noch ein viertes Mal als Volkshelden dekorieren wollte, diesmal wegen einer erfolgreich überstandenen Operation. Der Vorschlag wurde verschwiegen, weil sich Titos Krankheit komplizierte und die Genesung ungewiß wurde.

Tito hatte keinen ausgeprägten Geschmack für dekorative Dinge, weder im persönlichen noch im öffentlichen Bereich. Aber er erkannte die Bedeutung von Dekoration und Pomp für die Macht, vor allem für seine persönliche Macht und seine spezielle Konzeption von der Macht.

Dieser Konzeption paßten sich die erfinderischen »Dekorateure« an. Kongresse, Kundgebungen und Paraden waren immer »spontan«, »imposant« und immer »großartig«. Und alles stand im Schatten von Titos Porträt, überdacht von Titos Parolen.

Spontan waren diese Kundgebungen und Begrüßungsfeiern nicht, ja eigentlich waren sie um so weniger spontan, je improvisierter sie nach außen erschienen. Im Krieg und unmittelbar danach vermischten sich bei solchen Ereignissen die revolutionäre Begeisterung mit der Angst der Besiegten, doch allmählich floß alles zu einem routinemäßigen und immer gleichen Ritual des Ruhmes zusammen -- mit Pomp und eintöniger Aufmachung.

Als dann die alten Partisanenführer allmählich ausgewechselt wurden, verschwanden nach und nach auch alle bekannten Bilder, die überall als große Plakate verbreitet gewesen waren. Außer natürlich der Bilder Titos: Die persönliche, absolutistische Macht führt unweigerlich in die Gesichtslosigkeit.

Die Genossen aus der Agitprop-Abteilung des ZK und vor allem ich als ihr Chef hatten Sorgen mit den 1.-Mai-Kundgebungen. Anfangs waren diese Feiern noch von Spontaneität geprägt, wie auch Titos erste Geburtstagsfeier. Aber das Spontane wirkte locker, gefällig, nicht kräftig und einprägsam genug.

Je strenger die Kundgebungen organisiert waren, desto häufiger meldeten sich nun auch Kritiker zu Wort, schon während der Veranstaltung, auf der Tribüne, dann auf der Sitzung des Politbüros. Für die Organisation der Kundgebungen gab es zwar eine eigene Abteilung, aber Agitprop hatte die Aufsicht, und deshalb konzentrierte sich das Feuer auf mich.

Es gab immer die gleichen Mäkeleien: Warum hatte das Bild dieses oder jenes Führers gefehlt? Warum waren einige Bilder nicht so groß wie die anderen, warum hatte eine Fabrik auf einem Lkw nur Bruch montiert, wo das doch nicht ihr wichtigstes Produkt war? Und weshalb trottete die Abordnung dieser Vorstadt wie eine Horde einher, während die aus dem Zentrum in Reih und Glied marschierte? Weshalb war das Bild Stalins kleiner oder größer als das Titos gewesen?

Ich lernte aus Erfahrungen und machte während einer Sitzung des Politbüros Vorschläge bis ins letzte Detail: wie viele Bilder von jedem Führer es geben, welches Format sie haben sollten, wie viele tausend Bürger und wie viele Ausstellungswagen teilnehmen sollten. Fortan war es vorbei mit S.125 der Kritik und zugleich vorbei mit jeglicher Spontaneität.

Ob es um seinen Stil ging, um die Art seiner Herrschaft oder um seine Haltung: Nichts schaffte Tito ganz allein, er ging stets den Weg der Imitation. Was nicht absolute, sondern nur annähernde Imitation ist, schmerzt die Augen am heftigsten -- und konnte zu »vertraulicher« Mißbilligung sogar in Titos engster Umgebung führen.

Im königlichen Jugoslawien, zumindest in Serbien, war es Sitte, daß der Monarch die Patenschaft für jeden neunten Knaben übernahm -- als Erinnerung an die Brüder Jugovic, die in der schicksalhaften Schlacht auf dem Amselfeld 1389 gefallen waren.

Diese Sitte übernahm Tito. Sobald er sich in den Palästen der Königs eingerichtet hatte, begann er auch den Paten zu spielen. Das konnte aber nun nicht mehr jene königliche Patenschaft mit religiöser Zeremonie sein, außerdem konnte Tito nicht gut an dem Parteidogma der Gleichberechtigung von Mann und Frau vorbeisehen.

Aber der Pate hieß, auch ohne Geistlichen und ohne Taufe, weiter Pate, denn niemand fand einen Ersatz für dieses Wort, und in den Genuß der Patenschaft kamen nun auch weibliche Kinder. Familien mit neun Kindern gab es überreichlich, einige begannen sogar, ihr Recht -- alle möglichen Erleichterungen und Privilegien -- im voraus zu fordern.

Diese Patenrolle Titos weitete sich zwanzig Jahre lang immer weiter aus, bis sie ihm selbst zuviel wurde und ihren Wert völlig verlor.

Grotesk war auch ein anderer Fall von Imitation: Titos Übernahme der Ställe des Königs und der Reichen. Diesmal rebellierten sogar Genossen aus Titos engster Umgebung. Sobald es nach dem Krieg wieder Pferderennen gab, traten auch Pferde »aus dem Stall Marschall Titos« in Erscheinung. Alle Ställe gehörten dem Staat, aber jetzt gab es doch wieder einen in Privathand -- den Stall Marschall Titos]

Dabei wußte jedermann, daß Tito sich persönlich nicht mit Pferdezucht abgab und das »Gestüt Marschall Titos« in Wirklichkeit das Militär leitete. Auffallend häufig gewann das Gestüt des Marschalls die Rennen. Nur gut, daß damals noch nicht gewettet werden durfte.

Eine andere königliche Sitte, vor allem eine der Kronprinzen, hatte darin bestanden, den Armen Geschenke zu machen. Freilich übernahmen sich die gekrönten Häupter dabei nicht, wahrscheinlich weil sie die Geschenke aus der eigenen Tasche zahlen mußten.

Tito griff auch diese Sitte auf. Er besuchte häufig Armenhäuser und vor allem Kinderheime. Geld war für Tito kein Problem, denn er bestellte es, brandneu, gezählt und verpackt aus der Staatskasse.

Ich hatte mehrfach die Gelegenheit, an solchen Hilfe-Aktionen teilzunehmen. Jedesmal taten mir die Empfänger leid: Der Staat unterhielt sie ohnehin, sie wußten, daß Tito Staatsgeld verschenkte, und es war ihnen unangenehm, daß nur sie etwas bekamen, weil Tito zufällig bei ihnen erschien.

Eine Lehrerin oder Waisenhausleiterin in Uzice stammelte, das Geldpäckchen krampfhaft in Händen haltend: »Aber Geld haben wir doch, nur stehen die Dinge viel schlechter, viel schlechter, danke, danke.«

Als wir nach Belgrad zurückkamen, unterhielt ich mich mit Rankovic über Titos Königsimitationen. Rankovic unterstützte mich bei solchen Mäkeleien nicht, aber er schwärzte mich auch nicht an. Er war selber Zeuge ähnlich unangenehmer Gnadenszenen gewesen und hatte diese Vorstellungen als beleidigend empfunden. Es dauerte einige Zeit, bis Tito begriff, daß er durch die Nachahmung des gnädigen Königs an Ansehen verlor.

Wenn Titos Stil und seine Haltung nicht »königlich« wirkten, dann lag das an seiner Herkunft und mangelnden Bildung. Er gründete keine Dynastie, dazu war er ein zu instinktsicherer und begabter Politiker: Die Kommunisten hätten es nicht begriffen, und das Volk hatte sich gerade von seinem König losgesagt.

Eine Krone war nicht mehr nötig: Tito war absoluter Herrscher und genoß Ehren und eine Staatsgewalt, von der heutige Könige nur träumen können.

Im nächsten Heft

Das Privatleben des Staatschefs: »Tito war ein leidenschaftlicher Mensch«

S.118Bei einem Besuch in Ragusa 1925.*S.119Auf einem Empfang 1955 im Weißen Palast von Belgrad; links: KönigPaul von Griechenland, techts: Königin Friederike.*S.121Im Hofzug des früheren Königs.*S.125Königin Friederike von Griechenland.*

Milovan Djilas
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