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Der rote Monarch

Milovan Djilas über Tito (V): Der Weg in die Isolation Alle Rechte bei Verlag Fritz Molden, Wien, München, Zürich. Das Buch erscheint diese Woche unter dem Titel: »Tito. Eine kritische Biographie« (240 Seiten; 29,80 Mark).
aus DER SPIEGEL 32/1980

Du bist ein anderer Mensch«, sagte Tito zu mir, als wir uns Anfang Januar 1954 im Weißen Schloß zum letztenmal begegneten. Ich hatte ihn schriftlich um ein Treffen gebeten, aus Sentimentalität, aber auch aus politischen Gründen. Es bahnte sich etwas gegen mich an.

Das Gespräch mit Tito sollte das Vorspiel zu dem Urteilsspruch werden, den wenige Tage später die dritte Plenarsitzung des Zentralkomitees der Partei gegen mich fällte: Ich mußte mein Amt als Parlamentspräsident in der Skupstina niederlegen.

»Du bist ein anderer Mensch« -diese Worte haben sich mir für immer eingeprägt, obwohl ich auch heute noch nicht genau weiß, wie sie gemeint waren. Ich glaube, daß Tito damit sagen wollte, ich sei unfähig, mich anzupassen und zu unterwerfen.

Aber was immer Tito auch gemeint haben mag -- in dieser Äußerung liegt die Quelle, auch die Erklärung unserer Meinungsverschiedenheiten und unseres Konfliktes. Wir waren so verschieden veranlagt, daß allein die gemeinsame Ideologie uns zusammenhalten konnte.

Es ist bekannt, daß es zu allen Zeiten zwischen mir und Tito zu Reibungen kam, allerdings niemals in wichtigen politischen Fragen -- meist ging es um Fragen des Stils bei der Lösung verschiedener Aufgaben.

Wie Tito bin auch ich unnachgiebig, absolutistisch mit dem verbunden, was ich für meinen Anteil am gemeinsamen Werk halte.

Die Streitigkeiten zwischen Tito und mir hatten unser Verhältnis nicht beeinträchtigt, weil sie nicht politisch waren. Ich liebte und schätzte Tito von Jahr zu Jahr mehr. Ich kann mich nicht der geringsten Illoyalität ihm gegenüber erinnern. Dachte ich manchmal etwas Schlechtes, verwarf ich es sogleich als unanständig.

Auch bei Tito bemerkte ich nie Haß oder Tücke mir gegenüber -- bis wir uns politisch trennten. Unser letzter, ausschließlich politischer Streit hatte bei keinem von uns beiden persönliche Gründe.

Solange ich davon überzeugt war, daß Titos Aktivitäten unsere Idee und unser Werk stärkten, bot sein autokratischer und eigenwilliger Stil keinen ernstlichen Konfliktstoff. Natürlich schimpfte ich manchmal und lehnte mich auf. Aber ich führte stets aus, »was man mir sagte«.

Hätte mich jemand fünf, sechs Monate vor dem Ausbruch des Konfliktes gefragt, ob es eine Macht gebe, die mich von Tito, Kardelj, Rankovic und vom Bund der Kommunisten trennen könne, so hätte ich dies weit von mir gewiesen. Doch die historischen Ereignisse entwickelten sich in eine Richtung, die nicht nur auf unser politisches Leben einen ungeahnten Einfluß nehmen sollte.

Die jugoslawischen Führer und vor allem Tito fühlten und hofften sogar, daß nach Stalins Tod in der sowjetischen Führung ein Machtkampf beginnen und damit der aggressive Druck auf Jugoslawien zurückgehen würde. S.127 Diese Hoffnungen erfüllten sich tatsächlich.

Tito nutzte die Chance, die sich ihm bot: Er stoppte die Demokratisierung und unterwarf das Zentralkomitee und die Partei ausschließlich seiner eigenen Person. Er schwächte die Macht des ZK-Kollektivs vor allem im ideologischen Bereich, da hier die Quelle möglicher »Ketzereien« lag.

Der entscheidende Augenblick dafür kam 1953, als die zweite Plenarsitzung des Zentralkomitees auf Brioni stattfand. Dort gab Tito den Kampf »gegen den Bürokratismus« auf und stellte sich damit praktisch gegen die demokratischen Reformen. Mich aber überkam ein tiefes Gefühl des Unbehagens, hatte mir doch Kardelj schon vor diesem Plenum erklärt, Tito erwarte Veränderungen in unseren Beziehungen zur Sowjet-Union.

Bis in den späten Herbst 1953 war ich mir nicht bewußt, welches Ausmaß unsere mangelnde Übereinstimmung annehmen würde. Mit fieberhaftem Fleiß setzte ich mich in der Öffentlichkeit weiterhin für reformistische Ideen ein; aus Brioni kamen Anmerkungen von Tito, während Kardelj selbst in unseren persönlichen Beziehungen vorsichtig und zurückhaltend wurde.

Von Ende 1949 bis zum Sommer 1953 hatte die Führung der jugoslawischen Partei begeistert versucht, sich von den sowjetischen Vorbildern und Lehren zu befreien. Die Mehrheit der Parteitheoretiker -- Kardelj, Bakaric, Pijade und ich -- hatte nicht nur das sowjetische System, sondern auch unsere jugoslawische Wirklichkeit kritisiert.

Natürlich wurde das System, die Kontrolle durch die Geheimpolizei, der politische Monopolismus in der Partei nicht wesentlich verändert, aber Polizeiwillkür, Gesetzesverstöße und Ausschließlichkeitsansprüche wurden doch beträchtlich eingeschränkt.

Ich hatte jedoch die Ausmaße dieses demokratischen Prozesses überschätzt: Ich glaubte, wenn unsere Führung schon den nichtsozialistischen Charakter des sowjetischen und, in abgeschwächter Form, auch unseres Systems erkannt hätte, würde sie auch danach handeln.

Als das Exekutivkomitee des Zentralkomitees Anfang Januar 1954 den Beschluß faßte, den »Fall des Genossen M. Djilas« auf der nächsten Plenarsitzung am 18. Januar 1954 zu verhandeln, war Tito nicht in Belgrad. Mehr noch: Das Exekutivkomitee kam zu überhaupt keiner Sitzung zusammen, sondern Kardelj und Rankovic »konsultierten« einander, meist per Telephon. Niemand benachrichtigte mich von der Einberufung des Plenums; ich erfuhr davon aus den Zeitungen.

Damals veröffentlichte ich jede Woche in der Parteizeitung »Borba« einen kritischen Artikel zu Fragen, die mir für die Demokratisierung und den jugoslawischen Sozialismus wichtig erschienen. Diese Artikel waren Anlaß für die Einberufung des dritten Plenums und meine Verurteilung.

Eines Nachmittags im Dezember 1953 besuchte ich Rankovic. Wir hatten einander in der Illegalität, im Krieg und im Kampf gegen den Sowjetismus immer nahegestanden. Auch an diesem Tag war Rankovic freundschaftlich wie immer, er wollte mir sogar ein Jagdgewehr schenken. Aber während des Gesprächs machte er bedeutungsvolle Pausen, und ich lehnte das Gewehr ab, obgleich es mir gefiel, weil ich dachte: Es hat keinen Sinn, es anzunehmen, wenn wir doch auseinandergehen.

Als ich Rankovic fragte, was er zu meinen Artikeln in der »Borba« meine, antwortete er ohne Umschweife: »Ich hoffe, ich muß mir den Kopf nicht über philosophische Spitzfindigkeiten zerbrechen, aber was du schreibst, schadet der Partei]«

Diese Äußerung überraschte mich nicht. Ich wußte, daß Rankovic ein erklärter Gegner von Ideen und vor allem Reformen war, die die Einheit der Partei bedrohen konnten.

Das Gespräch mit Kardelj überraschte mich hingegen: Ich war überzeugt, daß wir beide einen demokratischen Kurs propagierten. Kardelj hatte das auch getan, bis er bei Tito auf Widerstand stieß. Das verwandelte ihn über Nacht in einen Staatsanwalt, der Tito nun selbst auf mögliche Gefahren aufmerksam machte und von ihm Eingriffe verlangte.

Als ich zu Kardelj in einer anderen Angelegenheit sagte, ich sei mit ihm einverstanden, entgegnete er: »Nein. Ich bin nicht deiner Meinung -- du bist für die Veränderung des ganzen Systems]« Die Entscheidung über meine Zukunft und meine Ideen mußte ich also allein treffen.

Anfang Januar 1954 holten mich Angehörige des Staatssicherheitsdienstes aus dem Kino. Meine Frau dachte schon, sie wollten mich verhaften. Aber ich ahnte, daß es um etwas anderes ging: Ich sollte unverzüglich zu Kardelj kommen.

Rankovic war schon da: Er schwieg bekümmert. Es gab keine Diskussion, keine Kompromißversuche. Sie sagten mir nicht einmal, daß die Plenarsitzung schon anberaumt war. Unser Gespräch war zweideutig, unklar. Sie sagten, der »Alte« sei wütend und mein S.128 Fall so ernst, daß es so nicht weitergehen könne. »Das ist Revisionismus«, sagte Kardelj.

Als ich ihn fragte, woran er arbeite, ob er etwas schreibe, zeigte er mir eine halbbeschriebene Seite und sagte mit bedeutungsvollem Lächeln: »Ich schreibe, schreibe ...« Ich war sicher, daß er etwas gegen mich schrieb: sein Referat für das dritte Plenum.

Als Rankovic hinausgegangen war, stöhnte Kardelj voll ernster Resignation: »Nie ist mir im Leben etwas schwerer gefallen]« Er winkte ab, als wollte er sagen: Aber was kann man machen?

Ich hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, daß ich von den anderen isoliert wurde und daß mir Genossen, die ich als »Konservative« kannte, aus dem Weg gingen.

Solange ich jedoch nichts von der Einberufung eines ZK-Plenums wußte, hoffte ich noch, daß es zu einer offenen Gegenüberstellung käme, zu einer Diskussion ohne die übliche gegenseitige Anschuldigung, man sei ins feindliche Lager übergewechselt.

Deshalb hatte ich Kardelj und Rankovic vorgeschlagen, den Streit innerhalb des ZK ohne öffentliche Diskussion zu beheben. Ich wollte mich eventuell aus dem Exekutivkomitee zurückziehen, aber weiter im Zentralkomitee bleiben, um auch in Zukunft meine Auffassungen öffentlich darlegen zu können.

Weder bei Tito noch bei den leninistischen Konservativen, die mit ihm zusammen die Macht in den Händen hielten, stießen meine Vorschläge auf Gegenliebe. Sie wagten es nicht, anders als unduldsam zu reagieren: durch die Verurteilung meiner Person. Ihre Meinung war einmütig, denn ihre Machtpositionen waren ebenso bedroht wie ihre Einschüchterungsmethoden.

Tito kannte die Stimmung unter den Konservativen, aber er identifizierte sich nicht mit ihr. Er hatte die absolute Macht, war aber nicht bereit, sich als Diktator bloßzustellen, schon gar nicht als Diktator stalinistischer Prägung. Er wußte besser als irgendein anderer, daß ich weder Feind noch Verräter war.

Tito fiel die Trennung von mir nicht leicht. Er war zu vernünftig, um nicht zu wissen, daß er mit meiner Verurteilung einen radikalen Richtungswechsel ankündigte, auf den die Presse und auch die einheimische öffentliche Meinung lauthals reagierten. Während unseres letzten Gesprächs meinte er: »Das ist das wichtigste Ereignis seit dem Konflikt mit dem Kominform 48. Sieh doch selbst, wieviel die Westpresse über dich schreibt]«

Ich selbst las die Agenturmeldungen von Tanjug mit gemischten Gefühlen. Mir imponierte, wieviel Bedeutung man meinem »Fall« beimaß, und gleichzeitig war ich von der Hilfe der S.129 »Bourgeoisie« und der »Reaktion« entsetzt: Noch überwog in mir der idealistische Kommunist.

Tito sah jedoch nicht nur den politischen Schaden, unser Konflikt belastete ihn auch persönlich. Als ich ihn während unseres letzten Zusammentreffens bat, Kaffee zu bestellen, weil ich unausgeschlafen sei, tat er es mit der Bemerkung: »Auch andere schlafen nicht]«

Man sah ihm Anspannung und Müdigkeit ebenso an wie Kardelj und Rankovic. Die Quadriga -- Tito, Kardelj, Rankovic und ich --, die die Partei durch schwere Stürme und das Land auf einen eigenen Weg geführt hatte, war zerfallen und mit ihr die Brüderlichkeit und das Vertrauen innerhalb der Partei.

Der Abschied von der Führung, von vielen mir nahestehenden Genossen, vor allem von Tito, Kardelj und Rankovic fiel mir unvergleichlich schwerer, als mir der Abschied von meinen Ideen gefallen wäre. Aber die Diffamierungen, Verleumdungen und Beschimpfungen auf und nach dem dritten Plenum, die am agilsten, erfindungsreichsten und rücksichtslosesten Tito selbst unterstützt hatte, trennten mich blitzartig von ihnen.

So warf mir Tito während des Plenums etwa vor, ich hätte mich »für die Sache nicht so geopfert wie Kidric": Die Erinnerung an Kidric, an seine hoffnungslose Leukämie und sein beeindruckendes Begräbnis waren noch frisch und jedem präsent.

Aber niemandem fiel es ein, danach zu fragen, weshalb gerade ich und kein anderer mich »so wie Kidric für die Sache opfern« sollte]

Die sowjetische Führung quittierte die Abrechnung mit mir voller Schadenfreude. Auf beiden Seiten häuften sich Versöhnungsgesten: Mit der Verurteilung meines »Revisionismus« hatte die Führung auch meine Theorie über den staatskapitalistischen Charakter der Sowjetgesellschaft verworfen.

Bei seinem Besuch in Belgrad im Jahr 1955 schlug Chruschtschow mit der ihm eigenen Plumpheit vor, sich über die »Feinde« einander anzunähern: »Ihr entfernt Djilas, wir Berija.« Die späteren Gerichtsurteile und meine elfjährige Zuchthaushaft gingen in jedem Fall auf die bewußte Absicht Titos und der Führung zurück, gute Beziehungen zur Sowjet-Union zu pflegen.

Formal wurde ich fünfmal verurteilt: einmal im königlichen Jugoslawien und viermal unter Tito -- die Verurteilung auf dem dritten Plenum nicht mitgezählt.

Zwei Urteile waren von den guten Beziehungen zur Sowjet-Union inspiriert worden: 1956 wurde ich wegen meiner Erklärungen zur Verteidigung des Aufstands in Ungarn zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; 1962 bekam S.130 ich fünf Jahre wegen meines Buches »Gespräche mit Stalin«, das unmittelbar vor Gromykos Jugoslawien-Besuch zur Zeit der »brüderlichen Freundschaft« mit Chruschtschow erschien.

Um eine andere Regierung nicht zu verärgern, verurteilte man einen Genossen, der sich aktiv für die Verteidigung der Unabhängigkeit von eben dieser Regierung eingesetzt hatte]

Ich blieb jedoch nicht der einzige revolutionäre Parteiführer, der von Tito abfiel und verstoßen wurde. Das lag keineswegs an Titos Furcht, jemand könne ihn aus seiner Rolle verdrängen und seinen Glanz verdunkeln.

Die anderen trieben vielmehr selbst von ihm fort, ganz gleich wohin sie sich orientierten, während gleichzeitig Titos absolute Herrschaft wuchs und sich festigte.

Nur Kardelj konnte sich halten, obgleich er der zweite Mann nach Tito war. Aber auch er war Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre »in Ungnade«. Er hielt sich freilich bis zum Ende; er paßte sich Tito und seiner nachtitoistischen »kollektiven Führung« an, in der ihm eine Rolle wie jedem andern zugedacht war -- um dann Tito doch nicht zu überleben.

Tito blieb allein. Das entsprach seinen Wünschen. Alles, was mit seiner Persönlichkeit verbunden war, sollte unwiederholbar und auch außerordentlich bleiben. Nur »historischer Glanz« -- das Verbleiben im Angedenken des Volkes, aber auch in Schriften und Denkmälern -- garantierte in seinen Augen Unsterblichkeit.

Tito hatte offenbar gewußt, daß er keinen Nachfolger hinterlassen würde. Mehr noch, er sorgte selbst dafür, daß es keinen Nachfolger gab: Er hielt so viel von sich und seinem Werk, er war so besessen von seiner Form der Macht, daß er vor seinem Lebensende eine Verfassungsänderung und die Einrichtung einer »kollektiven Führung« befahl: Niemand nach ihm sollte so viel Macht haben, daß er diese Macht gegen Titos Werk und die Erinnerung an ihn mißbrauchen könnte.

Aber gerade die Macht, der Tito außerordentliche Bedeutung beimaß, befindet sich nach ihm in einem instabilen, improvisierten Zustand. Niemals und nirgendwo hat sich eine ähnliche Machtform in Einparteiensystemen als dauerhaft und wirksam erwiesen.

Jugoslawien könnte selbst dann, wenn die Welt und der Balkan ruhigeren Zeiten entgegengingen, weitsichtigere und kühnere Führer sowie stabilere Institutionen gebrauchen.

Die »kollektive Führung« widerspricht Titos Machtvorstellung und vor allem der Macht, wie er sie selbst ausbaute und ausübte. Die »kollektive Führung« soll von Titoisten, also von Kommunisten, gepflegt und aufrechterhalten werden, die, wie Tito, ein nichtkollektives Führungskonzept haben.

Solch eine Führung ist schon vom Konzept her in Widersprüche verwickelt und auch kaum originell: Man sah sie zum erstenmal nach dem Tod Stalins in der Sowjet-Union fungieren, bis einer aus dem »Kollektiv«, Chruschtschow, die Übermacht gewann.

Jugoslawien hat jedoch weder nach innen noch nach außen die gleiche Stabilität wie die Sowjet-Union: Das System ist unvollendet, es gibt keine überzeugende, homogene Führungsklasse, nicht einmal eine führende Nation. Jugoslawien hat nicht die Kraft, eine selbständige, imperiale Rolle in der Welt zu spielen.

Die Stabilität des »Jugoslawien Titos« lag in der Macht, die sich ausschließlich in Titos Persönlichkeit verkörperte. Solche Persönlichkeiten gibt es sonst nicht.

Die rechtliche und wirkliche Machtstruktur stützte sich auf die »Gleichberechtigung« der Einzelrepubliken: Mit seiner Übermacht und seiner Autorität ermöglichte Tito das Funktionieren des Vielvölkerstaates.

Die geringste Meinungsverschiedenheit kann schwere Folgen haben: Die Sowjets warten wegen ihrer »Sicherheit« nur darauf, ebenso wie die Bulgaren wegen ihrer ewigen »nationalen Rechte«, und beide fördern sie mögliche Konflikte.

Titos Werk, das Jugoslawien nach Tito, kann und wird wahrscheinlich in seiner Zentralachse bedroht sein, in der ideologischen, monopolistischen Macht. Damit wird unausweichlich auch Jugoslawiens Unabhängigkeit bedroht sein.

Dabei ist die Unabhängigkeit, also die Trennung von Moskau, zweifellos die größte Errungenschaft, die mit Titos Namen verbunden bleiben wird. Dennoch sind ihre Perspektiven, wie alle Errungenschaften Titos, bestimmt von ihrem unvollendeten und unbeständigen Zustand.

Die Wirtschaft leidet nicht nur unter den Weltkrisen, sondern viel mehr noch unter den eigenen Strukturkrisen, die wegen der gesellschaftspolitischen S.131 Umstände unheilbar sind: niedrige Produktivität, ideologische Auswahl der Kader, ein zu hoher Arbeitskräfteexport (625 000 Gastarbeiter), eine hohe Arbeitslosenquote (1979 etwa acht Prozent), unrentable Situation der Betriebe, Orientierung auf die Verarbeitung einzuführender Rohstoffe und Halbfertigwaren, Überschuldung, zu hohe Außenhandelsdefizite.

Und was die Blockfreiheit angeht, so genügt es, auf ihre Ineffizienz und mangelnde Einheit in allen wichtigen Krisen hinzuweisen: etwa bei der Besetzung Afghanistans, den sowjetischkubanischen Interventionen in Afrika, der einseitigen Beurteilung der Blöcke.

Am unternehmungslustigsten in der blockfreien Bewegung sind die engagierten prosowjetischen Staaten. Das sogenannte »Gewissen der Menschheit«, wie ihre Führer, meist Diktatoren, die Bewegung der Blockfreiheit bezeichnen, hat sich als schwach erwiesen.

Konnte Tito mehr, konnte er etwas anderes erreichen -- mit einer leninistischen Partei, einer leninistischen Ideologie und einer autokratischen Herrschaft in einem zurückgebliebenen, von Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Land?

Konnte Tito Formen finden und Kräfte befreien, die reicheren und dauerhafteren Segen gebracht hätten? Hätten sich andere Formen gezeigt, wenn es die kommunistischen Kräfte nicht gegeben hätte? Oder haben Tito, die Tito-Partei und die Tito-Herrschaft alle anderen Formen und Kräfte erstickt?

Von diesem Standpunkt aus gesehen sind Titos »Errungenschaften« nicht nur mager, sondern auch hinter den geistigen und materiellen Möglichkeiten Jugoslawiens zurückgeblieben.

Zweifellos ist der »einfache Mann« in Jugoslawien in seinem Privatleben vor Ungesetzlichkeit und Willkür geschützt. Er darf sich eben nur nicht mit Politik befassen. Aber wie sollte das möglich sein, wenn sich die Politik mit allem und jedem befaßt?

Zweifellos lebt es sich in Jugoslawien besser und in jeder Beziehung erträglicher als in den anderen osteuropäischen Ländern. Aber die Verhältnisse wären weitaus besser, wenn es wenigstens innerhalb der Regierungspartei eine freiere, offenere Diskussion gäbe.

Die jedoch gibt es nicht und wird es wohl auch kaum geben: Die Kommunisten haben auch Kräfte erstickt, die nur reformistisch waren und die Grundlagen des Systems nicht in Zweifel stellten.

So bröckelt der Titoismus schon seit einer Weile und wird sich in Zukunft allmählich auflösen. Josip Broz Tito aber bleibt als historische Persönlichkeit, die noch lange Gegenstand von Untersuchungen und Analysen sein wird.

Ende

Milovan Djilas
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