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Der rote Monarch

Milovan Djilas über Tito Alle Rechte bei Verlag Fritz Molden, Wien, München, Zürich.
aus DER SPIEGEL 28/1980

Was immer man über sein Werk und seine Person sagen mag: Tito war einer der geheimnisvollsten Politiker, ein Vollblutpolitiker wie kaum einer.

Durch ihn habe ich das Wesen der Politik und des politischen Handwerks begreifen gelernt. Dennoch war ich nicht sein Jünger und gewiß auch nicht irgendein Höfling oder Liebediener aus seiner Kamarilla.

Meine erste Begegnung mit ihm fand im Frühjahr 1937 in Zagreb statt, in der Wohnung eines jüdischen Musikers. Der »Genosse vom Zentralkomitee« -- seinen Namen durften wir nicht erfahren -- beeindruckte mich durch seine starke Persönlichkeit.

Irgendwie war er mir bekannt vorgekommen, wie aus einem lang zurückliegenden Traum. Schließlich im Zug, auf der Rückfahrt nach Belgrad, fiel mir ein, daß ich sein Bild im Gefängnis gesehen hatte, gemalt von Mose Pijade. Das also war Josip Broz]

Bei unserer nächsten Zusammenkunft hielt ich es für meine Pflicht, ihm zu sagen, daß und woher ich seinen Namen wußte. Er lächelte nur ein wenig, mit einem unverhohlenen Ausdruck von Verschmitztheit.

Ende 1953, Anfang 1954 fühlte ich dann sehr bewußt und selbstbewußt, daß ich mich von ihm trennen mußte, wenn ich nicht zulassen wollte, in Glanz und Schatten seiner Macht meine eigene Persönlichkeit zu verlieren. Dennoch ist meine Beziehung zu Tito nicht abgebrochen, wenngleich die persönlichen Kontakte vor 26 Jahren abgerissen sind.

Ich will aus persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, aus meinen Erinnerungen und Überlegungen im Umgang mit Josip Broz erklären, was für mich das Wesentliche seiner Persönlichkeit und seiner Politik ist.

Josip Broz Tito ist eine Persönlichkeit, in der sich überhaupt keine Talente ausdrücken, außer einem -- dem Talent für Politik.

Vor allem besaß er eine scharfe Intelligenz und eine selektive Konzentrationsgabe. Die gleiche Eigenschaft fiel mir auch bei Stalin auf, obgleich Stalins Denken vorsichtiger, wenn nicht langsamer war und seine Konzentrationsfähigkeit noch lebendiger.

Titos Wissen war bescheiden, kein Wunder bei seiner kümmerlichen Schulbildung -- Volksschule, dann Schlosserlehre. Aber er hatte sich schließlich ein breites Wissen angeeignet, wenn er auch wegen seiner Unkenntnisse auf vielen Gebieten -- vor allem Literatur, Kunst und Philosophie -- heimlich litt.

Nur selten, wenn ihm das politisch nützte, erwähnte er, daß er selbst Arbeiter gewesen war. Als Illegaler kleidete er sich stutzerhaft; 1934 trug er sich als Elektrotechniker in einen Alpenverein ein, und in Ausweisen gab er als Beruf »Ingenieur« an.

Tito faßte schnell auf, aber nichts gründlich und in Einzelheiten -- sieht man von seinem erlernten Metallberuf ab, dessen er sich in Wahrheit schämte. Selbst sein Wissen über den Marxismus war bescheiden; er hatte die Hauptwerke von Marx, Engels, Lenin und Stalin gelesen, er kannte sich ein wenig in der Ökonomie und in der Geschichte aus.

Die »Klassiker des Marxismus« hatte er in Gefängniskursen oder auf Moskauer Parteischulen kennengelernt -als Glaubensbekenntnis der neuen Macht, aber ohne Vertiefung.

Nach dem Krieg hatte er zu regelmäßiger Lektüre keine Zeit: Er sah oberflächlich die Zeitungen durch, las die Nachrichten der Agentur Tanjug, Depeschen, Berichte und ähnliches. Für schöngeistige Literatur, auch für deren Autoren, zeigte er kein Interesse.

Er interessierte sich mehr fürs Klavier und lernte einfache Stücke zu spielen. Er spielte schon etwas steif, aber vornehm einen alten Walzer.

Auffällig leicht lernte er Sprachen: Nach seinem Zusammenstoß mit der S.123 Sowjet-Union 1948 lernte er Englisch. Russisch hatte er als Gefangener im Ersten Weltkrieg gelernt. Französisch konnte er wenig und schlecht. Ich glaube, daß Deutsch die Fremdsprache war, die er am besten beherrschte; ich hörte, wie er fließend Unterhaltungen in Deutsch führte.

Am schlechtesten drückte er sich in Serbokroatisch aus. Nicht nur, daß er kroatische und serbische Ausdrücke durcheinanderbrachte, in seinen Reden benutzte er häufig Russismen, und da er die Worte langzog, entstand in Jugoslawien der Verdacht, er sei in Wirklichkeit ein Russe.

Als ich ihn 1937 kennenlernte, beherrschte er die Rechtschreibung nicht sicher, obgleich sein Vokabular und sein Satzbau korrekt waren. Aber Hinweise nahm er an, ohne Widerstand, solange es nicht um den Inhalt ging.

Er hatte auch keine ausgesprochenen militärischen Fähigkeiten, zumindest nicht als Stratege. Aber auch seine Gaben als Taktiker sind umstritten. Tito hat das selber gespürt. Er betonte deswegen stets, er habe sich während seines ersten Aufenthaltes in Moskau 1935/36 besonders mit der Kriegswissenschaft befaßt. Aber Tito war damals nur kurze Zeit in Moskau und zudem mit seiner Arbeit in der Komintern so ausgefüllt, daß er sich mit der Militärwissenschaft kaum gründlich beschäftigen konnte.

Das Talent eines Heerführers besaß er sicherlich nicht, dazu hatte er ein zu heftiges und nervöses Temperament. Allzuoft änderte er seine eigenen Befehle, verwickelte er sich in Bagatellfragen. Bei den drei größten entscheidenden Schlachten, in denen er persönlich kommandierte, machte er Fehler, die einem entschlosseneren und geschickteren Kommandeur nicht unterlaufen wären.

Während der »Ersten Offensive« im Herbst 1941, die mit dem Untergang der Partisanenrepublik Uzice begann, gab es soviel Chaos und Niederlagen, daß Tito selbst seinen Rücktritt anbot -- und dabei wollte er keineswegs seinen Kommandeursposten niederlegen, wie heute manch einer annimmt, sondern sein Amt als Parteisekretär.

Während der »Vierten Offensive« (Operation Weiß), vor allem in der Schlacht an der Neretva Anfang 1943, änderte Tito immer wieder seine Befehle. Durch die voreilige Zerstörung der Neretva-Brücke wurde der Rückzug erheblich erschwert. Wenn man die Schlacht schließlich doch als gewonnen bezeichnen kann, dann war der Erfolg eher auf die Findigkeit der unteren Führer als auf die Fähigkeiten des Oberbefehlshabers zurückzuführen.

Während der »Fünften Offensive« (Operation Schwarz) zögerte Tito, ungewöhnlich für ihn, seine Entscheidungen hinaus. Von Kommandeuren hörte ich, daß Titos Befehle kaum spürbar wurden, daß er einen verlorenen Eindruck machte und sich mit seiner Begleitung absetzen wollte. Bekanntlich war er dann wütend auf die Kommandeure, die den Durchbruch wagten, weil sie nicht auf ihn »gewartet« hätten.

Dennoch kam in all diesen Operationen Titos Wesen als politischer Führer S.124 deutlich zum Ausdruck. Die Schlacht von Uzice hatte zwar katastrophale Folgen, aber die organisatorisch-politischen Erfahrungen, die die Partisanen in ihrer Republik Uzice gesammelt hatten, waren von großem Wert.

Die Schlacht an der Neretva fügte unseren wichtigsten inneren Feinden -den Tschetniks des königstreuen Generals Draza Mihajlovic -- eine unheilbare Niederlage bei und stärkte das Selbstbewußtsein der neuen Partisanenarmee. Außerdem öffnete sie den Weg zur Anerkennung Titos und des neuen Jugoslawien durch die Alliierten.

Die Schlacht an der Sutjeska war ein Triumph des Willens einer revolutionären Armee über ein modernes Heer: Zweifellos kam dieser Wille aus der Verbindung der Energien Titos mit der kämpferischen Unbeugsamkeit unseres Volkes.

Titos einziges, nämlich sein politisches Talent kam zum Ausdruck in einer verläßlichen Einschätzung der Kampfkraft, in einem Gefühl für den Verlauf des Krieges und, was am wesentlichsten ist, im Aufspüren der jeweils zweckmäßigsten Organisationsform.

Auch während des Krieges dachte Tito stets an sein Prestige und seine Macht. Seine militärischen Mängel hätten Titos Ansehen und seine Rolle untergraben, wenn die Parteifunktionäre und die Militärführer in Tito nicht den bedeutenden und durchblickenden Führer erkannt hätten.

Zur rechten Zeit gab er die Richtung an, erkannte er die wichtigsten Kräfte: ganz nach Clausewitz, nach dessen Meinung die Fähigkeiten des Obersten Befehlshabers nicht darin liegen, kleinere Einheiten gut zu führen, sondern die Möglichkeiten großer Einheiten zu erkennen.

Am klarsten erkannte Tito den Charakter dieses Krieges: Durch den Kampf gegen die Okkupanten wurde eine neue Herrschaft hergestellt, durch Umbildung von Guerillaeinheiten in eine reguläre Armee das Kampfmittel zur Siegesgarantie.

Tito besaß einige Eigenschaften, die nicht jeder Politiker besitzen muß, die ihm aber zweifellos halfen, einen außergewöhnlichen Erfolg in der Politik zu erreichen. Es sind dies: ein enormes Gefühl für Gefahren, ein unbeugsamer Wille zum Leben, ein unauslöschbarer, listiger Drang zur Macht.

Tito wurde eigentlich schon als Aufrührer geboren: als ein Mensch, der die Veränderung der Verhältnisse mit der Veränderung seiner eigenen Lage untrennbar verbindet.

Seine bäuerliche Herkunft und die Armut seiner Familie zwangen ihn dazu, ein Handwerk zu erlernen, doch er wollte mehr: Er wechselte in Österreich und Deutschland häufig die Arbeitsstelle und wurde, nachdem er 1913 auf eigenen Wunsch in die österreichische Armee eingetreten war, bald in die Unteroffiziersschule aufgenommen.

Vorher hatte er sich bei den Gewerkschaften und somit auch bei der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei einschreiben lassen. Aber politisch wurde er nicht sonderlich aktiv: Schließlich sind Sozialisten verkappte Nichtrevolutionäre.

1914 schickte man Tito an die Front in Serbien -- was bis vor kurzem er selbst und seine Biographen verschwiegen -- und dann in die Karpaten, gegen die Russen. Als Führer eines Spähtrupps erwarb er sich Anerkennung. Erst kürzlich wurde in Österreich ein Dokument veröffentlicht, in dem sein damaliger Kommandeur vorschlägt, den Unteroffizier Josip Broz als tüchtigen Aufklärer zu dekorieren.

Als Tito im Frühjahr 1915 verwundet und gefangengenommen wurde, trat er nicht den jugoslawischen Freiwilligeneinheiten bei, die unter den Kriegsgefangenen in Rußland zusammengestellt wurden, sondern blieb im Gefangenenlager.

Nach der Februarrevolution floh er aus dem Lager nach Petrograd. Er nahm an den Julidemonstrationen teil. Man verbannte ihn in den Ural, er floh nach Sibirien, dann brach die Oktoberrevolution aus.

In Sibirien lernte Tito seine erste Frau, Pelageja Beloussowa, kennen. Im September 1920 kehrte er in die Heimat zurück und wurde Mitglied der KP.

Die Jahre zwischen 1920 und 1924 waren die »inaktivsten« in Titos politischem Leben. Es war zugleich die Zeit, in der die Kommunistische Partei in Jugoslawien sich mehr und mehr auflöste, nachdem ihre Führer verhaftet worden waren. Diese Periode endete damit, daß Tito wegen politischer Betätigung seine Arbeit verlor.

Von nun an mußte er immer wieder seinen Arbeitsplatz wechseln. In Bakar wurde er verhaftet, in Ogulin zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt (ein Gericht in Zagreb setzte die Strafe auf fünf Monate herab).

Aktiv war er besonders in der Gewerkschaftsarbeit -- er wurde sogar zum bezahlten Funktionär. Im Februar 1928 gelangte er an die Spitze der Parteiorganisation in Zagreb. Aber im August wurde er verhaftet und im sogenannten Bombenwerferprozeß zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Vor Gericht erklärte er: »Ich fühle mich nicht schuldig, denn ich halte dieses Gericht nicht für kompetent. Kompetent ist für mich nur das Gericht der Partei.« Kühne Worte, gewiß, aber das Verhalten vor »Klassengerichten« war schließlich durch eine Parteidirektive vorgeschrieben.

In der jugoslawischen Geschichtsschreibung wird Titos Haltung vor dem Zagreber Gericht als außerordentlich und klassisch bezeichnet; dabei gab es genug andere Kommunisten, die sich ähnlich verhielten -- die geschriebene Geschichte ist nur gegenüber ihren Herren gerecht.

In der offiziellen Geschichtsschreibung heißt es aber auch ausdrücklich, die Bomben seien Tito von der Polizei untergeschoben worden. Es wäre ja auch peinlich zu bekennen, daß der heute so weitsichtige, unfehlbare Führer Waffen sammelte, als die Bedingungen für einen bewaffneten Kampf nicht gerade reif waren.

Aber vor dem Krieg hat Tito mir selbst erzählt, daß er ebenso wie die damalige Parteiführung durchaus der Ansicht war, die Zeit für einen bewaffneten Aufstand sei nicht mehr fern.

Die königliche Polizei übrigens war zwar rücksichtslos und brutal, pflegte S.127 aber niemandem irgend etwas unterzuschieben: Das königliche Jugoslawien war zwar ein schlechter, undemokratischer Staat, aber ein Staat, in dem man sich mehr an die Gesetze hielt und in dem die Gerichte unabhängiger waren als im heutigen Jugoslawien.

Die fünfjährige Haft überstand Tito mit Würde. Er erzählte mir beispielsweise, wie er sich weigerte, auf Befehl der Wache Kippen aufzusammeln. Von Kommunisten, die gleichfalls in Haft waren, hörte ich nur Positives über ihn.

Tito emigrierte -- auf Beschluß des Zentralkomitees der Partei -- zunächst nach Wien, dann, 1935, nach Moskau, Das war die Periode der sogenannten Säuberungen in der Sowjet-Union.

Dies ist jedoch keine Biographie Josip Broz Titos. Ich wollte nur den wesentlichen Zug seiner Persönlichkeit nachweisen: seinen aktivistischen Widerstand gegen vorgefundene Verhältnisse, sein aktivistisches Ringen um neue, eigene Wirklichkeiten.

Josip Broz beginnt aus dem Nichts, als niemand und nichts, aber von Anfang an gibt er sich weder mit dem einen noch mit dem anderen zufrieden.

Der Familienname Broz stammt von Ambroz, Ambrosius ab und wird schon seit dem 15. Jahrhundert erwähnt, aber es gibt keine Beweise dafür, daß Titos Familie von diesen »ersten Broz« abstammt.

Titos Zweig kommt aus dem Bauerntum. Das Haus, in dem Tito am 7. Mai 1892 geboren wurde, gehörte zu den besten in dem kroatischen Kumrovec; daß die Familie Sorgen hatte, lag eher an ihrer Größe -- es waren 15 Kinder zu ernähren, von denen acht früh starben -- und an der Leichtgläubigkeit des Vaters bei der Annahme von Wechseln. Es lag aber nicht an fehlendem Land.

Acht Morgen unweit des Marktes waren nicht wenig, wenngleich das Land nicht zum besten gehörte. Titos Mutter Marija war Slowenin und stammte aus einer wohlhabenden Bauernfamilie: Tito verbrachte seine Kindheit vor allem bei seinem Großvater mütterlicherseits und ähnelte auch sonst seiner Mutter.

Von früher Jugend an lag Tito daran, nicht wie andere, wie seine Brüder und Schwestern zu sein: In friedlichen und unideologischen Umständen wäre er Gewerkschaftsfunktionär oder Unternehmer geworden, ein autoritärer Vater oder ein eigenwilliger Ehemann.

Tito fand seinen Lebenssinn im Kommunismus, und der Kommunismus fand in ihm einen seiner erfolgreichsten und persönlichsten Protagonisten. Ich habe ideologisch beständigere Kommunisten gesehen, aber keinen, der wie Tito in einem solchen Maße bis zum kleinsten Detail auf seiner Besonderheit und Außergewöhnlichkeit bestand: Titos nichtkommunistische, antikommunistische Bindung an Luxus, Schmuck und Pomp war nur eine Seite seines Charakters, der bei der Stärkung seiner persönlichen Macht immer stärker, aufdringlicher und einfallsreicher zum Ausdruck kam.

Als 1951 die Frage der Auflassung der Villen, Pensionen und Kurhotels, die nur Funktionären offenstanden, erörtert wurde, erklärte Tito, er werde sich seiner Villa in Opatija entledigen, die er wegen der Nähe seiner Insel Brioni nicht benutze.

Und als 1953 beschlossen wurde, Städten, Fabriken, Straßen und Genossenschaften ihre urspünglichen Namen wieder zurückzugeben, die durch Namen lebender Funktionäre ersetzt worden waren, akzeptierte Tito das -- allerdings ließ er sich selbst als »Symbol« von dieser Restaurierung ausnehmen.

Ähnlich war es mit der »Tito-Stafette": Als auf dem XX. Parteitag der KPdSU der »Personenkult« Stalins verurteilt wurde und in Jugoslawien, analog, ähnliche Bestrebungen spürbar wurden, schlug Tito vor, diese Stafette nicht mehr zu Ehren seines Geburtstages, S.129 sondern eines »Tages der Jugend« zu veranstalten.

So wurde die Feier noch massenhafter, »volksnaher« -- ganz in Übereinstimmung mit Titos charismatischer Vision seiner Rolle im Verhältnis zum gesichtslos gewordenen Volk auf der anderen Seite.

Alles, was mit seiner Persönlichkeit zusammenhing, wurde von Tito souverän beibehalten. Wer an seinen Stil oder an seine Privilegien rührte, setzte sich der Gefahr seines Zornes, wenn nicht sogar der Etikettierung als Feind und Parteigegner aus.

Diese Haltung entsprang seiner Persönlichkeit: Tito hielt immer, in allem, auf seine Würde, seine Außergewöhnlichkeit. Niemals, nicht einmal im Krieg -- beim Biwakieren im Wald oder auf Nachtmärschen -- sah ich ihn in unwürdiger Pose, und nie hörte ich ihn vulgär sprechen.

Auch unter Kriegsbedingungen war er stets rasiert und ordentlich angezogen. Aber das bedeutete auch, daß alles, was ihm gehörte -- der Anzug, das Pferd, die Waffen --, außergewöhnlich, besser als das der anderen war. Und die Genossen um ihn herum achteten darauf, daß er es bequem hatte.

Auffällig war Titos Sorge um das Leben der Funktionäre, der »Kader«, noch mehr die Sorge um sein eigenes Leben. Das war nicht nur Instinkt. Darin lag auch ein Gefühl der Verantwortung gegenüber der Partei und der Bewegung -- denn was würde aus ihnen werden, wenn er umkäme?

Zu Beginn der Fünften Offensive, im Mai 1943, platzte es aus ihm heraus: »Nie waren wir in einer solchen Gefahr]« Die Gefahr hatten auch andere gespürt, aber sie waren weniger stark und langsamer bei der Einleitung rettender Maßnahmen gewesen.

Titos persönliche Kommandorolle bei solchen Zusammenstößen war unbedeutend, wenn nicht gleich Null. Aber er vermittelte seiner Umgebung das Gefühl für die Gefahr, für den Umschwung und für seine Geschwindigkeit.

Bei politischen Entscheidungen, im Fall entscheidender Beschlüsse war Titos Tapferkeit beispielhaft. Und sie war fast fehlerlos, wenn man Fehlerlosigkeit mit Erfolg gleichsetzt, und zwar betrachtet aus dem Blickwinkel Titos und der von ihm geführten Bewegung.

Die Komintern oder besser: der sowjetische Staatssicherheitsdienst stellte Tito im Dezember 1937 an die Spitze der Partei -- in einer Zeit der Säuberungen, nach der Liquidierung des jugoslawischen KP-Sekretärs Milan Gorkic und der Dezimierung der jugoslawischen Emigration in der UdSSR.

In dieser Situation hätte Tito die Führungsposition nicht bekommen, wäre er kein gläubiger, von der Sowjetführung überprüfter Stalinist gewesen, ein Gegner der »Fraktionisten« in der eigenen Partei. Aber auch andere waren überprüft worden -- und kamen dennoch nicht voran.

Tito erzählte später: »Ich mied die Gesellschaft der Fraktionisten, beschäftigte mich mit meiner Arbeit und achtete darauf, was ich sagte, vor allem in Räumen mit Telephonen.«

Als einziger Führer ertastete sich Tito den Weg durch die Schrecken der »Überprüfungen« und Hinrichtungen. Er spürte beizeiten die Gefahr, war aber gleichzeitig von der Richtigkeit des sowjetischen Weges überzeugt: Sein Reflex für Gefahren war sehr ausgeprägt, und die Lehre von der Bedeutung der Macht für das Schicksal von Bewegungen und Ideen hatte er bereits begriffen.

Ich erinnere mich: Tito kam aus Moskau, dem »ersten Land des Sozialismus«, beunruhigt und erschöpft zurück und war erleichtert, unter den Illegalen aufzuatmen -- im »militärfaschistischen«, im »monarchofaschistischen« Jugoslawien ...

Aber welche Rolle spielte er wirklich in den »Säuberungen«, vor allem bei der Säuberung innerhalb der jugoslawischen Partei? Hatte er sich freigekauft, indem er Genossen anschwärzte?

Die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Staatssicherheitsdienst in der Vorkriegszeit galt und gilt, weiß Gott, »manchmal« und »für manchen« auch noch heute als Ehre und Anerkennung. Sowjetische Agenten umgab das Geheimnis von Macht und Außergewöhnlichkeit; Kommunisten träumten von der hohen Pflicht im Dienst der Sowjet-Union. Unter anderen, veränderten Umständen wird diese Tätigkeit, wenn nicht überall und für alle, als Schande und Verrat gelten.

Ähnlich steht es mit dem »Anschwärzen«, der Meldung von Namen eigener Genossen. Die Partei wurde zweifellos durch Fraktionisten gespalten -- unterstützt vom Staatssicherheitsdienst in Moskau. Trotzkisten, »rechte« und andere »Abweichler« wurden, absichtlich oder unabsichtlich, schon vor dem Großen Terror verdammt, viele von ihnen verhaftet.

Tito wurde 1937 Sekretär -- zur Zeit des verstärkten Massenterrors. Er S.132 war Stalin schon lange verbunden -ihm galt es als nebensächlich, ob Stalin der authentische Nachfolger Lenins war, denn für ihn ging es um die Bindung an eine bestimmte Politik Stalins und um ein Bekenntnis zu dessen Methoden.

Man darf nicht vergessen, daß Josip Broz schon 1928 einer der führenden Sprecher des Antifraktionismus war. In der Parteipraxis bedeutet das die ständige Herrschaft der eigenen Linie, der eigenen Fraktion -- das ist der eigentliche »Stalinismus«.

Josip Broz war schon vor seiner Ankunft in der Sowjet-Union Anfang 1935 für Stalin, für die Ideologie Stalins und für Stalins Sowjet-Union. Mehr noch: Tito war wenn auch nicht der einzige, so doch einer der wichtigsten und agilsten Initiatoren und eines der Vorbilder für den neuen monolithischen, monopolistischen Geist und die damit verbundene Mentalität in der Partei.

Stalin und »Stalinismus« stimmten mit seiner Mentalität und seiner ideologischen Reife überein. Er selbst säuberte energisch die Partei; die Beteiligung an den Moskauer Säuberungen jugoslawischer Kommunisten war für ihn also konsequent und unausweichlich. Wozu Gewissensbisse, wenn Bolschewisierung die Stählung der Partei bedeutete, wenn das seinen Idealen und seinem Weg an die Macht entsprach?

Tito und sein Mitkämpfer Edvard Kardelj, die als ehemalige »Moskauer« die meisten verhafteten Jugoslawen in der Sowjet-Union kannten, sprachen mit Erleichterung davon, wie uns die sowjetische Macht von der Bürde der Fraktionisten befreit habe.

Und es klingt grotesk, wenn heute der Theoretiker Stane Dolanc und ähnlicher Tito-Nachwuchs behaupten, Tito habe schon vor dem Krieg, und das mitten in Moskau, seinen Kampf gegen Stalin und den »Stalinismus« aufgenommen.

In diesem Fall hätte sich Tito vor uns »Stalinisten« im Lande, die Moskau nicht einmal zu Gesicht bekamen, kaum verstecken, geschweige denn halten können. Moskau ernannte die authentische Person an der Spitze einer authentischen, stalinistischen beziehungsweise leninistischen Partei.

Dennoch war Titos Anteil an den Säuberungen nicht erheblich, nebensächlich und peripher. Moskau war über die Jugoslawen so enttäuscht, daß es die jugoslawische Partei um ein Haar aufgelöst hätte, wie 1938 die polnische.

Die Charakteristiken, die Tito als Parteisekretär über Jugoslawen abgeben mußte, waren meist negativ, nachdem das NKWD die Unglücklichen durch Verhaftung oder unterirdische Kampagnen bereits als Feinde charakterisiert hatte.

Obwohl Tito, wieder in der Heimat, mit Moskau und dem sowjetischen Staatssicherheitsdienst Kontakte unterhielt, entzog er sich in der Praxis langsam der sowjetischen Kontrolle.

Mit dem Krieg, der Revolution, begannen auch die politischen Unterschiede zwischen den neuen Großmächten und der Revolution eines kleinen Landes. Tito fand nur noch mühsam eine gemeinsame Sprache mit Moskau.

Die wichtigsten Beschlüsse der Zweiten Sitzung des AVNOJ (des Partisanenparlaments in Jajce vom 29. November 1945) wurden ohne Zustimmung Moskaus gefaßt und riefen dort anfangs Widerspruch hervor. Durch diese Beschlüsse wurde praktisch die Monarchie abgeschafft und die revolutionäre Macht mit den Kommunisten an der Spitze legalisiert.

Der Bruch mit Moskau 1948 fiel Tito sehr schwer, obgleich es stufenweise dazu kam: Im Kreis um Tito glaubte man, er sei darüber gallenkrank geworden.

Gegenüber Öffentlichkeit und Fremden -- vor allem den Vertretern der sowjetischen Botschaft, soweit er sich mit ihnen treffen mußte -- mimte Tito erfolgreich Ruhe und Selbstsicherheit. Er war schließlich ein begabter politischer Schauspieler, aber der sowjetische Staatssicherheitsdienst, der seine Leute in seiner nächsten Umgebung hatte, kannte seinen wahren Zustand.

Und vor seinen Nächsten konnte Tito nicht verbergen, was er durchlebte, und er wagte es auch nicht. In jenen S.134 Tagen und Monaten wurde er leicht nervös und wütend, war aber gegenüber den nächsten und verantwortlichsten Genossen auch herzlich -- eine Nähe und Herzlichkeit, die er gegen Kriegsende und in den Jahren nach dem Kriege abgelegt hatte: Er war schon revolutionärer Despot, schon Autokrat, schon Diktator gewesen und hatte die Unterstützung Moskaus genossen.

Das Ende des Krieges und die zwei, drei Jahre danach waren daher auch unschöpferisch und entwürdigend; aus einem Schriftsteller und Revolutionär verwandelte ich mich in den propagandistischen Helfer eines Monarchen, der noch absolutistischer regierte als König Aleksandar, Helfer einer verfehlten, offenkundig ungerechten Ordnung.

Aber obwohl Tito der Zusammenstoß mit Moskau die Seele zerriß, schwankte er nicht, sondern stärkte seine Unabhängigkeit ebenso wie die des Staates. In der Sorge um Jugoslawien und um sein eigenes Werk reagierte Tito in dieser Zeit noch ärgerlicher und erregter als sonst in schwierigen Situationen.

Später sagte er über die jugoslawischen Führer, die in der Sowjet-Union »gesäubert« worden waren: »Man hätte ihnen eins auf den Kopf geben, aber nicht ihren Kopf nehmen sollen]«

Im nächsten Heft

Titos Abrechnung mit den moskautreuen Kommunisten: Terror auf der »Kahlen Insel«

S.132Links von Tito: Pijade, daneben Djilas; rechts von Tito: Kardelj.*

Milovan Djilas
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