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Der rote Monarch

Milovan Djilas über Tito (II): Die Verfolgung der Kominformisten Alle Rechte bei Verlag Fritz Molden, Wien, München, Zürich.
aus DER SPIEGEL 29/1980

Nach dem Zusammenstoß mit Moskau im Sommer 1948 änderte sich in Jugoslawien manches, meist zum Besseren. Aber der Einfluß der allgegenwärtigen Geheimpolizei wuchs. Am Anfang war das unausweichbar: Immerhin ging es darum, prosowjetische Aktivitäten zu unterbinden.

Doch als sich dann die Spannung zwischen Moskau und Belgrad löste, blieb die Rolle der Geheimpolizei unverändert. Eine Änderung trat erst 1966 ein, allerdings nicht radikal und nur kurzfristig. Damals deckte Tito in der Geheimpolizei selbst eine »Verschwörung« auf, die zwar wohl nicht gegen ihn gerichtet war, aber zur Minderung seiner Macht hätte führen können.

Die meisten Polizisten schickte man daraufhin in den Ruhestand oder versetzte sie in andere Dienste. Zum erstenmal wurde die Geheimpolizei, wenigstens theoretisch, als »Fachdienst« behandelt. Bald meldeten sich in der Partei demokratische Strömungen: in Kroatien die »nationalistische«, in Serbien die »liberale«, in Slowenien die »technokratische«.

Tito paßte sich diesen Strömungen und Veränderungen an, blieb aber unverändert darauf bedacht, daß sein Prestige und seine persönliche Macht nicht angetastet wurden. Es war dies die liberalste Zeit gemäßigt doktrinärer Herrschaft.

Aber nach fünf Jahren nahmen die nicht-stalinistischen Strömungen einen solchen Umfang an, daß sie das »Tito-System« und damit auch Tito bedrohten: Gestützt auf die Armee, »säuberte« Tito 1971/72 die Partei und nahm die Geheimpolizei wieder unter seinen Schutz.

Titos Macht wird nun auch formal absolut: Als Präsident der Partei und des Staates auf Lebenszeit nimmt er immer seltener an Sitzungen der Foren teil und läßt statt dessen die Mitglieder dieser Foren immer häufiger zum Vortrag zu sich kommen.

Vom Kind bis zum Greis wird jedem Jugoslawen »titoistischer« Marxismus eingeimpft; im ganzen Land wird nur er als vergötterte Größe anerkannt, und in der Welt, unter den kommunistischen und kapitalistischen, vor allem aber bei seinen blockfreien Kollegen, wird Tito zu einem der markantesten Staatsmänner.

Tito konnte gerade deshalb unersetzlich werden und seine persönliche Macht stärken, weil er nicht verhinderte, daß sich nichtpolitische Bereiche des Systems, ja das System als Ganzes veränderten.

Wenn so eine Änderung oder Reform sich als fruchtbar erwies, setzte sich Tito mit leidenschaftlicher Hartnäckigkeit für sie ein.

Als der Reformer Boris Kidric die Wirtschaft auf den Markt hin orientierte, erhielt er von Tito energische Unterstützung. Und das wurde auf Titos vereinfachte Weise ausgedrückt: Gemessen wird am Geld.

Nur wenn es um Politik ging -- etwa um die Gehälter der Partei- und anderer Funktionäre, um Arbeitsaktionen der Jugend, um Revolutionsfeiern --, wurde anders gemessen: Politik hat ihre eigenen Maße.

Hätte Jugoslawien nach dem Konflikt mit der Sowjet-Union 1948 am sogenannten »administrativen System« oder am sowjetischen Modell der Wirtschaft festgehalten, wäre es in ein Chaos der Armut und des Zwanges verfallen. Die Wirtschaft, die Betriebs- und Wirtschaftsführer verlangten nach Autonomie, um effektiv arbeiten zu S.125 können, ohne dabei die Macht der Partei anzutasten.

Antistalinismus und Markt ließen sich mit den Werten der Bürokratie und der Allmacht der Polizei nicht länger vereinbaren: Aus dem Kampf gegen die stalinistische Tyrannei und aus der Träumerei vom wahren, demokratischen Sozialismus wurde die Idee der Selbstverwaltung geboren.

Neben einer monopolistischen Partei, einer allanwesenden Geheimpolizei und einem autokratischen Führer konnte freilich die Selbstverwaltung in sich selbst nicht demokratisch und wirkungsvoll werden. Alle politischen Krisen in Jugoslawien haben sich an der Selbstverwaltung vorbeientwickelt.

Mehr noch, kein einziger Streik -- und es gab in den letzten Jahren zahlreiche -- ging von den Organen der Selbstverwaltung oder den Gewerkschaften aus. Die Selbstverwaltung, zweifellos für die Produzenten und die Marktwirtschaft eine Errungenschaft, blieb ohne Einfluß auf die Macht und auf das politische System.

In den letzten zehn Jahren, nach der »Säuberung« in Kroatien und in Serbien, verlegte sich sogar die Parteiaktivität in die Selbstverwaltungsorgane hinein, der Anteil der Parteimitglieder stieg auf rund 90 Prozent an. Die Selbstverwaltung sollte der wichtigste Sektor der Parteiarbeit werden.

Tito war nie besonders stolz auf die Selbstverwaltung. Er hatte zwar 1950 selbst das Gesetz über die Selbstverwaltung begründet: Er sah ein, daß die Wirtschaft mit Hilfe von Markt und Selbstverwaltung wieder aufleben konnte, und begriff, daß das Idealmodell der Selbstverwaltung die Selbständigkeit Jugoslawiens stärkt.

Aber weiter ging er nicht: Die Selbstverwaltung durfte nicht die Grenzen der Macht überschreiten und etwa das Machtsystem gefährden.

Die Marktwirtschaft förderte auch die Bewegungsfreiheit und Beschäftigung, die Öffnung der Grenzen für Touristen. Auch die Macht änderte sich. Gesetz und Ordnung mußten von ihren Wächtern mehr beachtet werden. Es änderte, regulierte, milderte sich sogar die Verfolgung politischer Gegner -- obgleich auch heute noch jeder, der nur eine unliebsame Anekdote erzählt oder »feindliche« Gedanken äußert, S.126 zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt werden kann und wird.

Der Mechanismus der Aufsicht und der Macht über den Bürger blieb unverändert und wurde bis heute sogar verschärft. Ich führe einige Beispiele an, aus denen man sieht, wie sich der Umgang mit dem politischen Gegner verändert hat und zugleich: wie beharrlich der politische Apparat seine Macht über den Bürger ausübt.

Ich erinnere mich, daß der amerikanische Publizist Cyrus L. Sulzberger 1945 schätzte, in Jugoslawien gebe es etwa 50 000 antikommunistische Guerilleros. Von der jugoslawischen Führung -- mich eingeschlossen, zumal ich die Propaganda leitete -- wurde Sulzbergers Angabe als bösartige Desinformation aufgefaßt.

In Wirklichkeit war seine Einschätzung damals genauer als unsere eigene: Es gab 40 000 Aufrührer aus den Reihen der zerschlagenen konterrevolutionären Armee. Unter ihnen waren Mörder und Banditen, aber auch Menschen, die nach den Kriterien der Revolution weder das Gefängnis noch den Tod verdient hatten.

Eine beträchtliche Anzahl, vielleicht die Mehrheit dieser Rebellen, ergab sich. Aber viele blieben im Wald. Und von diesen wiederum traten nur ganz wenige in Aktion: Sie ermordeten Partei- oder Staatsaktivisten, überfielen Geschäfte und Genossenschaften. Sicher hätten sich mehr solcher Taten ereignet, wären nicht Partei und Regierung bei der Verfolgung der Rebellen so aktiv und erfinderisch gewesen.

Wer im Kampf gefangengenommen oder in seinem Unterschlupf aufgespürt wurde, den brachte man in aller Regel ohne jeden Gerichtsprozeß um -- an Ort und Stelle.

Aber unter den Rebellen gab es, wie immer bei ideologischen Konflikten, auch solche, die keinerlei Verbrechen begangen und sich aus jeglicher ideologischer Abrechnung herausgehalten hatten. Aber man ging ohne Unterschied gegen alle vor.

Wieviel es von ihnen gab, kann niemand auch nur annähernd feststellen, auch das Maß ihrer Schuld nicht: War nicht nach revolutionären Kriterien jeder schuldig, der den Rebellen half, ob er nun bloß durch seine Anwesenheit die Moral und Zahl der Gruppe stärkte, oder Unterschlüpfe baute und die Bevölkerung in Schrecken versetzte?

Und bei uns in Jugoslawien, wo sich die Revolution auch als Kampf gegen die Besatzer entwickelte, sind Konterrevolutionäre als Mitarbeiter der Okkupanten auch nationale Verräter gewesen.

Ende 1945 befahl Tito, die von der Geheimpolizei Ozna betriebenen Hinrichtungen ohne Gericht und Urteil einzustellen. »Niemand hat mehr Angst vor der Todesstrafe«, rief er auf einer Sitzung des Politbüros erregt und im Bewußtsein der furchtbaren Realität.

Die Todesstrafen wurden dann seltener. Jugoslawien gehört zu den Ländern mit den wenigsten Todesstrafen, und das ist vor allem auf Titos Einstellung zurückzuführen.

Auf Autofahrten hörte ich damals genau zu, wenn Funktionäre des Staatssicherheitsdienstes von den Untersuchungen und der Vernichtung abtrünniger Gegner erzählten: Sie waren alle auf ihre Spitzfindigkeiten stolz und zufrieden. Daß sie eigene Versprechungen nicht eingehallten und Erschießungen angeordnet hatten, erwähnten sie nur obenhin.

Auch (der Innenminister) Aleksandar Rankovic beschrieb methodisch und sehr lebendig im Kreis seiner engsten Genossen die wichtigsten und dramatischsten Verfolgungen ... In mir bildete sich schon damals die Überzeugung, daß an der Art dieser Abrechnung das Prinzip das Entscheidende ist: das Prinzip vom Primat, von der Absolutheit und der Funktionsfähigkeit der neuen Herrschaft.

Man muß wohl hinzufügen: Dieses Prinzip ist weder ausschließlich kommunistisch noch jugoslawisch. Auf dem Balkan hat Abtrünnigen und Aufrührern schon immer solch ein Schicksal geblüht.

Im Winter 1949 brachen unter muselmanischen Bauern in der Gegend von Cazin Unruhen aus. 500 bis 600 Männer aus verschiedenen Dörfern versammelten sich und zogen auf der Straße nach Cazin.

Unterwegs entwaffneten sie eine Polizeiwache und einen stellvertretenden Minister aus Kroatien, der mit dem Auto dazukam. Der Kommandeur der zuständigen Garnison weigerte sich einzugreifen, weil er keinen Befehl »von oben« habe; später wurde er deshalb abgesetzt.

Aber 22 Angehörige der Sicherheitspolizei und Mitglieder des Komitees griffen zu den Waffen und besetzten vor der Stadt einige Hügel. Als sich die Bauern, Lärm verbreitend und Freudenschüsse abfeuernd, am Horizont zeigten, eröffneten die Verteidiger das Feuer, und die Menge zerstreute sich.

Während des ganzen Tumults gab es keinen Verletzten. Die meisten Aufrührer kehrten in ihre Häuser zurück und taten so, als sei nichts gewesen. Aber 30 von ihnen glaubten sich strafbar gemacht zu haben und flüchteten in den Wald. Nach einigen Tagen wurden sie ergriffen und an Ort und Stelle erschossen.

Belgrad wußte davon. Mich machte 15 Tage später, nachdem ein ausführlicher Bericht vorlag, der Parteiideologe Edvard Kardelj auf das Ereignis aufmerksam: »Ein typischer Tumult«, sagte er. »Das Ganze ist nur durch Erzählungen und Phantasien von Bauern zustande gekommen, die Sache war unorganisiert S.127 und ohne klares Ziel.« So war es wirklich.

Wir fürchteten in jenen Tagen eine prostalinistische Unruhe, und statt dessen war eine konterrevolutionäre bäuerliche Unruhe ausgebrochen.

Die Gegend von Cazin -- das war eine Welt für sich: jahrhundertelang zwischen Österreich und der Türkei eingeklemmt, kriegerisch und fanatisch. Nach einem gewissen Zaudern hatten sich die Bewohner im Krieg mit einer eigenen Armee den Partisanen angeschlossen.

Sicher waren sie wegen des Zwangsaufkaufs und der Kollektivierung unzufrieden, aber dazu hatten sie nicht mehr Grund als andere. Und das Merkwürdigste: Diese Leute, die schon wegen ihrer religiös-ethnischen Besonderheit der serbischen Monarchie nie sonderlich zugetan waren, taten sich zum Aufstand zusammen, als sie das Gerücht hörten, König Peter II. sei irgendwo in ihrer Nähe mit dem Fallschirm gelandet.

Im selben Jahr, gegen Anfang des Winters, flüchteten elf oder zwölf prosowjetische Kreis- und Stadtfunktionäre von Bijelo Polje in den Wald, an der Spitze der Leiter des Kreiskomitees, Ilija Bulatovic. Nicht nur, daß sie keiner unterstützte, sondern das Volk schloß sich auf der Suche nach ihnen den Staatssicherheitsdienstlern an.

Enttäuscht, versprengt, ergab sich kampflos ein Aufrührer nach dem anderen, aber keiner kam bis zur Stadt. Alle wurden schon auf dem Wege umgebracht.

Die Volksseele ist merkwürdig: Als die Sicherheitsdienstler den Bauern erklärten, sie sollten auf den Bergen eine Kette bilden, damit die Aufrührer nicht nach Albanien entkommen oder sich verstecken konnten, antworteten die Bauern: Das haben wir schon von den Tschetniks gelernt, die uns gegen die Partisanen mobilisiert haben]

Ich kannte übrigens Ilija Bulatovic aus der Vorkriegszeit gut: ein ehrlicher, bescheidener Mann. Nach der Veröffentlichung der Resolution des Informationsbüros der kommunistischen Parteien (Kominform) gegen Jugoslawien vom 28. Juni 1948 schrieb er mir einen Brief, in dem er das ZK drängte, nur ja nicht die Sowjet-Union zu verraten und etwa das Land ins Wasser des Imperialismus zu führen]

Ich lud ihn zu einem Essen und zur Diskussion ein, als er im Juli als Delegierter des 5. Parteikongresses nach Belgrad kam. Er stimmte dem ZK zu und sagte, er habe den Brief aus Beunruhigung und Angst geschrieben. Ich hoffte damals, Ilija werde die dogmatischen und moralischen Schwierigkeiten ebenso überwinden wie andere Genossen, die mehr Verantwortung trugen als er.

Der Fall Bulatovic ist vielleicht der drastischste, wenn auch nicht typischste für die Abrechnung mit den prosowjetischen Kommunisten, den sogenannten Kominformisten. Es gab einige Ausnahmefälle; viele emigrierten auch in osteuropäische Länder, alle übrigen Kominformisten jedoch wurden ins Lager geworfen. Und selbst jene, die vor ein Gericht kamen -- meist Offiziere --, wurden ebenso behandelt wie die Häftlinge im Lager.

In Jugoslawien gab es eigentlich nur ein einziges Lager, auf der »Kahlen Insel« in der nördlichen Adria. Auch das ist ein »Tabuthema«, über das in Jugoslawien fast niemand geschrieben hat. Vor zwei Jahren wurde ein Roman von Antonije Isakovic abgelehnt, der sich mit diesem Thema befaßt. Kürzlich habe ich gehört, daß er jetzt doch Aussicht hat, gedruckt zu werden.

Das Thema ist in der Tat wichtig, und ich kann ihm nicht ausweichen, nicht nur Titos wegen, der die Verantwortung trug, sondern auch meinetwegen. Die »Kahle Insel« hat mein Gewissen bedrückt, seit ich zur Realität und damit auch zu meiner Vergangenheit eine kritische Beziehung habe.

Den Beschluß über die Einrichtung eines Lagers für prosowjetische Kommunisten faßte Tito ohne jede Konsultation im Herbst 1948 -- nicht einmal das Zentralkomitee, das Politbüro oder die Sekretäre des Zentralkomitees wurden befragt. Damals war ich, neben Kardelj und Rankovic, einer dieser Sekretäre; ich erfuhr von Titos Entscheidung durch einen Informanten aus Montenegro.

Ein Mitglied des Zentralkomitees von Montenegro, Andrija Mugosa, erzählte mir, sie hätten aus Belgrad die Anweisung erhalten, alle »Kominformisten« zu verhaften und in ein Lager zu schicken. Dabei hat Rankovic ganz sicher entscheidend mitgewirkt, denn sein Apparat führte den Befehl auch aus.

Der Beschluß fiel, wenn ich mich nicht irre, überstürzt: Als die Verhaftungen begannen, war das Lager noch nicht in Ordnung -- wenn man überhaupt die Errichtung eines Lagers vorgesehen hatte.

Ich kann nur Mutmaßungen darüber anstellen, weshalb Tito das ZK, auch seine langjährigen Mitkämpfer, bei dieser Sache übergangen hat. Im Zentralkomitee konnte es keinerlei, nicht einmal eine bedeutungslose Opposition geben, die nicht zugestimmt hätte.

Aber vielleicht fürchtete Tito breiten Widerstand oder zumindest eine schwankende Haltung an der Spitze. Es war bekannt, daß es sogar Bundesminister, Abgeordnete und Mitglieder des Zentralkomitees in den Republiken gab, die zur Sowjet-Union und zum Kominformbüro neigten.

Die Atmosphäre im Lande war voller Spannung und vergiftet, es war ein Klima der Verschwörung entstanden; Anhänger Stalins meldeten sich offen zu Wort, die von Beschimpfungen und Drohungen erfüllte prosowjetische Propaganda S.129 umnebelte die Geister und reizte die Nerven.

Verdächtigungen nisteten sich in den Gemütern derer ein, die sich für den Staat und die Partei verantwortlich fühlten. Rankovic sagte mir bekümmert bei Beginn des Konfliktes: »Am schlimmsten ist, daß du nicht weißt. wer der Feind ist.«

Der Genosse von gestern -- ein Feind, der Feind in den eigenen Reihen] Wenn Tito mißtrauischer als die anderen war, dann beruhte das auf der Erfahrung, die er in der Sowjet-Union gemacht hatte. Zudem war er sich wohl bewußt, welch schwere Verantwortung er durch den Konflikt mit Stalin auf sich geladen hatte.

1951 fragte er Rankovic einmal, was mit mir los sei: Er merke mir Sorgen und Unzufriedenheit an. Rankovic gab ihm zur Antwort, ich hätte mich in eine Genossin aus dem ZK-Apparat verliebt -- meine zukünftige Frau Stefanija. Da winkte Tito ab: »Ach so, ich dachte schon an etwas viel Schlimmeres]«

Vielleicht haben Tito auch Berichte über den Einfluß der Stalin-Anhänger auf die Parteikomitees und auf das Offizierskorps zu seinem jähen Beschluß über die Lager bewegt. Die Lautesten und Aktivsten hatte man schon verhaftet. Aber die Kominformisten schienen sich zu vermehren.

Die Schreckensmeldungen häuften sich. Tito spürte die Gefahr. Diese Art Schrecken kannte er schon aus der Sowjet-Union. Auch ich spürte diese Gefahr, und dennoch empfand ich bei der Nachricht vom Lager Unbehagen.

Schon vor der Kominform-Resolution vom 28. Juni 1948 hatte ich einmal Rankovic vorgeworfen: Jetzt gehen wir mit Stalins Anhängern genauso um wie er mit seinen Gegnern] Darauf antwortete mir Rankovic, nicht ohne Verzweiflung: »Das darfst du nicht sagen] Du darfst davon nicht sprechen]«

Wenn ich heute auf jene Zeit zurückblicke und jedes Für und Wider erwäge, komme ich zu dem Schluß, daß wir Konzentrationslager für die »Kominformisten« nicht vermeiden konnten. Unsere Partei war eine stalinistische Partei, sie besaß das Machtmonopol.

Toleranz, gar eine legalisierte Opposition innerhalb der Partei und dabei gleichzeitig Druck von seiten der Sowjet-Union und der kommunistischen Parteien -- das hätte zum Zerfall der Partei führen und die sowjetische Strömung an die Macht bringen können. Das Unglück der Diktatoren liegt ja darin, daß sie keinerlei oppositionelle Tätigkeit zulassen können, wenn sie ihre Existenz nicht untergraben wollen.

Außerdem war die prosowjetische Strömung in Jugoslawien stalinistischer als unsere Führung. Es konnte für niemanden einen Zweifel geben: Eine Machtübernahme der Stalinisten hätte nicht nur den Sturz der Führung und eine blutige Säuberung der Partei, sondern auch die Unterwerfung Jugoslawiens unter die Sowjet-Union nach sich gezogen.

Die Verhaftungen hatten schon begonnen, als ein Gesetz mit drei oder vier Artikeln durch die Skupstina gepeitscht wurde -- unter der irreführenden, »harmlosen« und funktionalen Bezeichnung der »gesellschaftlich nützlichen Arbeit«. Die Strafen, die der Staatssicherheitsdienst verhängte, beliefen sich auf zwei Jahre, wurden im Lager aber oft verlängert.

Unheil und Schande -- unvergleichliches Unheil und eine Schande, die noch heute haftet -- erwartete die Verhafteten im Lager. Bei schlechtem und unzureichendem Essen, unsinniger und ermüdender Arbeit in den Steinbrüchen wurden die Lagerhäftlinge Foltern ausgesetzt, deren Grausamkeit nur noch durch ihre Raffinesse übertroffen wurde.

Die Funktionäre des Sicherheitsdienstes hatten die Aufgabe, die Lagerinsassen »umzuerziehen«, dabei sollten sie aber Zwangsmitteln »ausweichen«; auch Tito rühmte sich in seinen Reden, daß »wir sie umerziehen«. Diese Aufgabe erforderte natürlich besondere, bisher nicht angewandte Methoden.

Die Leute vom Staatssicherheitsdienst organisierten mit Hilfe von Reumütigen und von ihnen Angeworbenen eine »Selbstverwaltung« der Lagerhäftlinge -- genau so nannte sich das --, und von ihr ging der unmittelbare Zwang, die »Umerziehung« aus.

Die Scheußlichkeiten begannen schon bei der Einschiffung. Man warf die Gefangenen kopfüber auf den Boden des Schiffes. Bei der Landung auf der Insel mußten sie eine Zweierreihe passieren, die sie mit Boxhieben und Fußtritten traktierte. Es war auch eine bewährte und häufig angewandte Praxis, sogenannte »Unverbesserliche« durch diese Zweierreihe zu schleusen. Es wurde auch gelyncht.

Die nicht Reumütigen, die »Unrevidierbaren«, wurden mit Methoden erniedrigt, die sich nur der dogmatische Irrsinn und Eifer des Reumütigen ausdenken kann: Man steckte ihre Köpfe in Nachtgeschirre, sie mußten Schilder mit der Aufschrift »Verräter« mit sich herumtragen und sogar unpolitische »Sünden« beichten.

Es ist durchaus nicht so, daß niemand in Belgrad wußte, was auf der »Kahlen Insel« geschah. Man konnte das -- und ich habe es gekonnt -- den publizierten öffentlichen Reue-Geständnissen und Details am Rande entnehmen. Aber die ganze Wahrheit hat nicht einmal Rankovic gekannt.

Nach einem Besuch auf der »Kahlen Insel« -- ich glaube, es war 1952 -sprach er erschüttert und begeistert von dem Empfang, den ihm die Lagerinsassen bereitet hatten: Genossen, die zur Einsicht gekommen waren, wir sollten unseren Standpunkt ihnen gegenüber ändern.

Im September 1953 war ich in Niska Banja mit den Schriftstellern Dobrica Cosic und Oskar Davico zusammen. Bei der Gelegenheit erzählte mir Cosic, der die »Kahle Insel« aus literarischer S.133 Neugier besucht hatte, daß dort der Staatssicherheitsdienst Methoden entwickelt und auch angewandt habe, die vielleicht die raffiniertesten in der Geschichte seien.

Als ich nach Belgrad zurückgekehrt war, erzählte ich Rankovic davon. Kardelj, der dabei war, fluchte und wetterte: »Ich hab gewußt, daß dort Schweinereien passieren werden]« Es wurde dann eine Untersuchung angeordnet, Rankovic setzte ein paar Leute ab, verbesserte dies und jenes, aber das Lager wurde nicht aufgelöst.

Rund 15 000 Parteimitglieder und Sympathisanten gingen durch das Lager. Eine erhebliche Anzahl war ins Lager gekommen, weil sie in privatem Kreis prosowjetische Äußerungen getan hatten. Manche waren völlig unschuldig. Aber es gab auch viele »Aktivisten«, die versucht hatten, zu organisieren und zu propagieren.

Die Lagerinsassen genossen keinerlei rechtlichen Schutz und durften von ihren Familien nicht besucht werden. Das Lager war auch eine Quelle für neue Verhaftungen: Gesinnungsgenossen zu denunzieren -- das war der Preis für die Freiheit und zugleich die zuverlässigste Bestätigung der Reue.

Kaum einer kehrte von der »Kahlen Insel« unversehrt, ungebrochen zurück. Und wer kein physisches Leiden davongetragen hatte, der war doch zu Schaden gekommen: verbittert, niedergedrückt und zugrunde gerichtet. Von einer wirklichen ideologischen Besserung und »Umerziehung« kann gar nicht die Rede sein.

Ich hatte zwar nichts mit der Organisation und Verwaltung des Lagers zu tun, trug aber dennoch als Ideologe zum Unheil der Lagerinsassen bei, indem ich mit aller Schärte die Kritik an Stalin und am sowjetischen System vertiefte. Meine Äußerungen zu diesem Thema galten als amtlich, man hatte sie zu akzeptieren, sonst mußte man »Selbstkritik« üben -- mit allen Konsequenzen.

Ende 1949, nach der Rückkehr von einer Sitzung der Vereinten Nationen in New York, stellten sich dann bei mir »ketzerische Gedanken« ein. Ich hatte bemerkt, daß offizielle und halbamtliche Kreise im Westen mit Verständnis, ja mit einer gewissen Schadenfreude die Verfolgung der »Kominformisten« in Jugoslawien beobachteten. Anläßlich eines vor Tito gehaltenen Referats über die Tätigkeit unserer Uno-Delegation erwähnte ich, daß man über die Auflösung des Lagers und die Übergabe der Schuldigen an Gerichte nachdenken sollte.

Kardelj widersetzte sich als erster: Wir brauchen jetzt so ein Lager] Rankovic bemerkte, daß man mit »normalen Mitteln« mit den Kominformisten nicht so schnell fertig würde.

Tito schwieg, dachte nach und lehnte meinen Vorschlag ab, ich glaube mit der Begründung, er komme zu früh. So haben wir auch in dieser Angelegenheit gehandelt, wie Politiker eben handeln, wenn sie keiner öffentlichen Kontrolle ausgesetzt sind: mal so, mal so, aber immer ohne Gedanken an die menschlichen Verhältnisse, an menschliches Leid, sondern politisch zweckbedingt ...

Auf der Plenarsitzung des Zentralkomitees vom 12. April 1948 -- der ersten seit der Wahl des Zentralkomitees im Jahr 1940] -- rief Tito aus: »Unsere Revolution ist anständig, unsere Revolution frißt ihre Kinder nicht]«

Tito und die anderen waren ihrer Sache so sicher und kamen gar nicht auf den Gedanken, daß genau jetzt, da der Widerstand gegen Moskau begann, die jugoslawische Revolution ihren Tribut an die eigenen leninistischen und stalinistischen Kräfte würde zu zahlen haben -- daß auch sie ihre Kinder fressen würde, die weiterhin dem jugoslawischen Leninismus und Stalinismus treu blieben. Die Verhaftungen und das Kominformisten-Lager sollten das mit unüberbietbarer Grausamkeit bestätigen.

Es ist nun einmal so: Eine Revolution, die ihre Kinder nicht frißt, ist keine wahre Revolution. Und die Kinder, die in ihren revolutionären Illusionen derart befangen sind, daß sie sich fressen lassen, sind keine wirklichen, außerhalb ihrer Zeit stehenden Revolutionäre.

In Titos Herrschaftssystem war die Abrechnung mit den Kominformisten S.134 -- mit all ihren Übertreibungen und Verzerrungen -- nur möglich, weil es keine Öffentlichkeit gab, keine Information, keine Diskussion, nicht einmal innerhalb der herrschenden Partei. Das Verbot der Informationsfreiheit, die gelenkte Information, das ist das unerträglichste Grundübel kommunistischer Regime, so auch des jugoslawischen unter Tito.

Hätte es damals freie Information, freie Diskussion gegeben -- aber das wäre ein ganz anderes, ein drittes Jugoslawien gewesen, von dem wir vorerst nur träumen können --, dann hätte es kein Lager auf der »Kahlen Insel« gegeben.

Aber auch wo es das Lager nun einmal gab: Jene scheußliche Verbindung zwischen »Umerziehung« und Willkür der »Umerzogenen« wäre nicht möglich gewesen, wäre die Partei nicht so ausschließlich vom Willen ihres Führers und der unkontrollierten, ihm ergebenen Geheimpolizei beherrscht worden.

Aber es hätte auch vieles andere nicht gegeben, so etwa die Kolchosen (Produktionsgenossenschaften). Kardelj war im Grunde gegen die Produktionsgenossenschaften, und dennoch trat er vor dem Plenum des ZK 1949 für sie ein. Jahrelang war er nicht einmal für den Zwangsaufkauf. Der Wirtschaftschef Kidric selbst hat am Ende diese Aufkäufe als Raub bezeichnet.

Aber Raub allein wäre nicht das Furchtbarste gewesen. Ich erinnere mich, daß Kidric auf einer Politbüro-Sitzung einmal eröffnete, man müsse 65 000 Waggons Getreide aufkaufen. Rankovic, der dabei Notizen machte, seufzte: »Das bedeutet 12 000 Verhaftete]«

Die Bauern wurden nach zwei oder drei Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt, aber welche Atmosphäre, wieviel Verzweiflung und Armut haben solche Verhaftungen und die mit ihnen verbundenen Brutalitäten hinterlassen] Hätte es doch nur ein wenig »besseren Willen« gegeben, eine freie Öffentlichkeit und eine unabhängige Kontrolle]

Heute geschieht dergleichen nicht mehr. Das System hat sich entwickelt, verändert -- doch unverändert geblieben ist der Mechanismus der Macht, ist das Informationsmonopol und die Art, Entscheidungen zu treffen. Und so kann sich auch heute »im Augenblick der Notwendigkeit« alles wiederholen.

Auch jetzt verhaften sie, die Rede ist nicht von Terroristen und Spionen, die in jedem anderen Land genauso verhaftet werden müssen. Jetzt verhaftet man selektiv: wenn sich jemand als selbständig und nicht unterwürfig erweist.

Da wird verhaftet wegen einer Äußerung vor einem Freund oder einer Freundin. Wegen eines Treffens mit Emigranten. Fast immer wegen »feindseliger Propaganda«. Darunter kann auch die Klage über die Preise oder den Wohnungsmangel fallen.

Gewiß, man verhaftet deshalb nicht mehr automatisch, aber man kann auch das -- wir wollen das Übel nicht beschwören -- wieder für notwendig halten. Vorerst reichen drei, vier selektive Verhaftungen aus, um eine mittlere Stadt, wenn nicht eine ganze Region zu erschrecken.

Im nächsten Heft

Das prunkvolle Leben des Belgrader Marschalls: »Tito war der teuerste Herrscher seiner Zeit.«

S.125Bei der Unterzeichnung des jugoslawischsowjetischenFreundschaftsvertrages in Moskau, April 1945. Rechts: Molotow.*S.129Bei seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft am 31. Dezember1966.*

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