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»Der Schatz der Eifersucht«

Der Paarexperte Michael Lukas Moeller über Seitensprünge und deren Bedeutung
aus DER SPIEGEL 43/2000

Der Psychoanalytiker Moeller, 63, ist Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Frankfurt am Main. Er wurde kürzlich mit dem »Internationalen Otto-Mainzer-Preis für die Wissenschaft von der Liebe« ausgezeichnet und leitet seit zehn Jahren »Zwiegesprächsseminare« für Paare. Soeben veröffentlichte er das Buch »Gelegenheit macht Liebe - Glücksbedingungen in der Partnerschaft«. -------------------------------------------------------------------

Treue und Untreue »sind im Grunde überholte und seelisch unbrauchbare Begriffe für unsere Zeit«, sagt Gudrun, 43, Sozialarbeiterin in einer Paargruppe, in der es heftig um die Verlässlichkeit und Unzuverlässigkeit in Zweierbeziehungen geht. »Liebe ich jemanden, bin ich von selbst treu, liebe ich meinen Partner nicht, dann ist meine Treue eine leere Hülse.«

Das weiß insgeheim jeder. Dennoch wird heute, wo nur noch gilt, was man zu zweit vereinbart hat, die Treue wieder laut herbeigefordert. »Das ist für mich ein Unsicherheitssymptom«, erklärt Gudrun: »Wenn es bei einem Paar innerlich nicht mehr klappt oder man sich mit Entwertungsgefühlen herumschlägt, möchte man sich gern an Stabilem festhalten: dem Treueschwur.«

Treue ist ein Chamäleon. Von korruptester Verlogenheit - ihrer häufigsten Erscheinungsform, um aushäusige Verliebtheiten zu vertuschen - bis zur tiefsten Aufrichtigkeit im Falle der wirklich großen Liebe kann sie so gut wie alles bedeuten. Treue ist jedes Mal zu hinterfragen. In Zeiten der schnellen Veränderung und der Unübersichtlichkeit aber wird die Treue tatsächlich wieder sehr hoch bewertet - ganz anders als in den Experimentierzeiten der wilden siebziger Jahre. Das zeigen meine 30-jährige Erfahrung in der Psychoanalyse der Zweipersonendynamik und meine Gespräche mit etwa 2000 Paaren in zwölf Städten.

Wenn ein Seitensprung aufgedeckt wird, reagieren viele wie Corinna: »Wir hatten immer ein Klima der Ehrlichkeit und Offenheit - wie ich jetzt weiß, allerdings nur vorgegeben. Ich konfrontierte Klaus damit, dass er mit einer anderen geschlafen hat. Er gab es zu.« Schockiert und wütend beendete sie die Beziehung. »Ich fühle mich zerstört«, erklärte Corinna und nahm sich sofort eine eigene Wohnung.

Parallel zur Aufwertung der Treue steigt fast paradoxerweise das Verständnis für die so genannte Untreue: Sie wird begriffen als Signal, das der ursprünglichen Paarbeziehung gilt. Mehr und mehr Frauen und Männer reagieren mit einer verstehenden Haltung statt mit moralischer Verdammung - im seelisch reifsten Sinne etwa so: »Warum haben unsere beiden Unbewussten es zu diesem Zeitpunkt bewirkt, dass du dich in einen anderen verliebst?«

In den Paardialogen - einem ungestörten anderthalbstündigen Gespräch zu einem Jour fixe einmal in der Woche - lässt sich das mit der Zeit gut entschlüsseln. Mit einem verblüffenden Erkenntnisgewinn: Es geht im Falle einer aushäusigen Verliebtheit fast immer um einen Entwicklungsschritt der ursprünglichen Beziehung: um eine »Emanzipation zu zweit«, also um einen seelischen (nicht konkret-realen) Ablösungsschritt. Doch diesen brachten die Partner, warum auch immer, nicht allein zu Stande.

In Wochenendgruppen mit sechs Paaren, die eine Fortbildung in ihrer Partnerschaft suchen, kommt es so gut wie regelmäßig zur »Hebung des Schatzes der Eifersucht«. Laura, Frau eines Architekten um die 50 und Mutter dreier Kinder, sagte nach der monatelangen Aufarbeitung einer Liaison ihres Mannes mit Alice: »Es ist, als ob die Gestalt von Alice wie ein großer Adlervogel an dem Ei, das noch im Nest war, gepickt hätte und ich wäre herausgekrochen.« Das ist eine seltsame Wahrheit der Untreue. Der Tiefenpsychologe C. G. Jung bemerkte wohl deswegen, zu einer guten Ehe gehöre es, dass sich die Partner auch einmal untreu sein dürften. Denn: Man kann seine größte Schuld im Leben auch versäumen.

Die konstruktive seelische Arbeit an der so genannten Untreue erfolgt in vier Schritten: Zunächst versucht der Eifersüchtige, mit nagendem Schmerz zu ermitteln, welchen uneinholbaren seelischen Vorzug der neue geliebte Mensch hat. Der Verliebte erklärt daraufhin, welchen absoluten Lichtglanz der oder die neue Geliebte bietet. Dann sucht das Paar den gemeinsamen Nenner zwischen dem Schwarzpunkt und dem Lichtpunkt. Damit hat das Paar das zentrale unbewusste Thema seiner augenblicklichen Beziehung erfasst.

Am Ende fragen sie sich: Warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Mit mathematischer Genauigkeit ist das Geschehen paardynamisch angelegt und fordert vom einen Partner, dass er peinigende Schuldgefühle aushält, und vom anderen Partner, dass er schmerzvollste Verlassenheitsempfindungen durchsteht.

Valentin und Rosa sind ein typisches Beispiel. Sie litten über Jahre mehr und mehr daran, dass sie sich selbst verloren hatten. Sie wünschten beide, wieder Zugang zu sich selbst zu bekommen, und erreichten dieses Ziel schließlich nur durch die Inszenierung einer aushäusigen Verliebtheit. Auch Philipp und Eva starteten über diesen notwendigen Umweg ihre Selbstbefreiung zu größerer Lebendigkeit - und waren nach einem Jahr durch diese bindende Trennung auf anderem Niveau wieder ein Paar.

Michael Lukas Moeller
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