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CHURCHILL-FAMILIE Der Schlaf des Gerächten

aus DER SPIEGEL 13/1958

Gelangweilt saß Randolph Churchill, einziger Sohn des Weltbewegers Sir Winston, vor den Kameras einer New -Yorker Fernsehstation und lauschte mit unterdrücktem Gähnen, wie ihn sein Gegenüber, der Fernseh-Interviewer John Wingate, rund einer halben Million unsichtbaren Zuschauern als »freimütig, übellaunig und furchtlos« vorstellte.

Nichts deutete darauf hin, daß wenige Minuten später das weltgeschichtliche Kapitel der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Churchill -Familie um eine skurrile Fußnote bereichert werden sollte: Den USA verdankt Sir Winston, dessen Mutter Amerikanerin war, mehr als jeder anderen Macht den Ruhm, der größte Staatsmann der Gegenwart zu sein. Seinen Kindern Randolph und Sarah aber brachte das gleiche Amerika in jüngster Zeit zwei fatale Schlappen bei. Vor den Fernseh-Kameras in New York war für Randolph nun die Stunde der Rache gekommen.

John Wingates halbstündige Abendsendung »Night Beat« gehört zu den jüngsten Erfolgsprogrammen des US-Fernsehens: Es ist ein Verhör dritten Grades für Prominente. Aufbauend auf der allamerikanischen Abscheu vor Ehrfurcht und Achtung gegenüber Persönlichkeiten, stutzen die Interviewer in diesen Sendungen ihren jeweiligen Ehrengast - ob Politiker, Modeschöpfer oder Millionär - zur perversen Freude des Publikums durch inquisitorische Kreuzfragen von respektheischender Größe auf Normalverbraucher -Maß zusammen. Sie breiten sich in liebevoller Sorgfalt über seine Fehltritte aus, stochern in jeder vermeintlich schmerzenden Wunde und drehen nach dem Schluß der Sendung ihrem vom Piedestal des Ruhms gestürzten Opfer den Rücken zu, wie ein Torero seinem abgestochenen Stier.

Diesmal aber siegte der Bulle; auf der Strecke blieb der Matador.

Kaum hatte Interviewer Wingate zu bohrenden Fragen angesetzt, da mußte er sich von Randolph Churchill sagen lassen, er »spioniere im Privatleben anderer Leute« und kenne offenbar nicht den Unterschied zwischen »passend und impertinent«. Die Amerikaner, so fuhr Jung -Churchill fort, litten an einer Epidemie des Konformismus. »Jeder will tun, was andere tun. Sie werden erschreckt, eingeschüchtert und sogar herumgeschubst, oft von Leuten, wie Sie es sind.«

Der Ausbruch Churchillschen Familientemperaments entlud sich über dem Fernsehstar und seinen Anhängern wie ein Sommergewitter über einer Schar Debütantinnen ohne Schirm. Als John Wingate sich nach Churchills Verwandten erkundigte, zuckten zornige Geistesblitze über New Yorks Fernsehschirme: »Ich pflege niemals Familienangelegenheiten mit Fremden zu diskutieren«, wetterte der englische Gentleman. »Ich habe nicht die Absicht, es mit Ihnen zu tun. Sie sind ein Fremder für mich, und ich nehme an, daß die paar hundert Leute, die dem Programm dieser kleinen Station zusehen, der nicht einmal ein eigenes Sendenetz zur Verfügung steht, in der Mehrzahl ebenfalls Fremde für mich sind ... Nächste Frage, bitte!«

Innerhalb einer Viertelstunde verwandelte sich Groß-Inquisitor John Wingate in ein verlegenes Häufchen Unglück; das auserkorene Opfer aber übernahm die Rolle des Rächers der Entehrten vorangegangener Programme.

Jung-Churchills Groll war fürchterlich und hatte vielfache Ursachen. Schon vor Jahren hatte der Journalist Randolph Churchill auf seiner Heimatinsel eine heftige Fehde gegen die »sensationellen und pornographischen« Praktiken der Massenpresse begonnen. Die Vier-Millionen-Zeitung »People«, die ihn einen »bezahlten Schreiberling der Konservativen« nannte, mußte ihm damals 60 000 Mark Schadenersatz zahlen; sein anklagendes Buch »What I said about the Press« erschien in einem selbstgegründeten Verlag »Country Bumpkins Limited«, wörtlich: »Dorftrottel GmbH.«

Außer der Verteidigung so gearteter Prinzipien hatte Randolph Churchill in den USA noch eine doppelte Rechnung privaten Charakters zu begleichen: mit Amerika im allgemeinen und dem US-Fernsehen im besonderen.

Im September 1956 nämlich vermochte der vielseitige Sohn Sir Winstons in der berühmtesten aller Quiz-Sendungen ("Die 64 000-Dollar-Frage") als Prüfling für Etymologie zwar die erste Frage um 64 Dollar nach der Herkunft des Wortes Sandwich mit einem Hinweis auf einen gleichnamigen englischen Grafen zu beantworten.

Doch schon bei der nächsten Frage um 128 Dollar wurde er, der eigens zu diesem Anlaß nach New York geflogen war, kläglich ausgezählt: Er konnte sich nicht auf den Namen des Captain Boycott besinnen, jenes irischen Gutsverwalters, dessen unerträgliches Benehmen von seinen Mitmenschen durch Nichtachtung gestraft wurde, und dessen Name dadurch zu einer neuen internationalen Vokabel avancierte.

Indes, schmerzlicher noch als diese Blamage wog für die Familie Churchill ein anderes Mißgeschick, das sich Anfang dieses Jahres in Amerika ereignete. Hauptdarsteller jener Affäre war allerdings nicht Randolph, sondern seine attraktive Schwester, die Schauspielerin Sarah, ehemalige Gattin des Komikers Vic Oliver und des Gesellschaftsphotographen Anthony Beauchamp, der Selbstmord verübte.

Einen Tag bevor Sarah Churchill in Karel Capeks Stück »The Makropoulos Secret« einen beachtlichen Fernseherfolg errang, wurde sie in ihrem Haus in Malibu Beach bei Hollywood wegen Volltrunkenheit von der Polizei verhaftet. Sie hatte das Fräulein vom Amt und verstörte Nachbarn mit obszönen Anrufen belästigt und die anrückenden Hüter der Ordnung, ein Glas Rum in der Hand, mit der Frage begrüßt: »Was zum Teufel wollen Sie?«

Die Fahrt zum Gefängnis legte sie trotz polizeilicher Einwände auf dem Schoß eines Schutzmanns zurück, kündigte dabei an, daß die englische »Herrenrasse« die USA auslöschen werde und signalisierte noch durch die vergitterte Gefängnistür hindurch mit zwei gespreizten Fingern das historische V-Zeichen ihres alten Herrn. Alsdann zitierte sie melancholisch Robert Burns: »Wachen und weinen muß ich in gemeiner Haft / Mein modriges Lager ist von Kummer umhüllt.« Sie bekannte sich schuldig und wurde zu 50 Dollar Geldstrafe oder zehn Tagen Haft verurteilt.

Die vorwitzige Frage des Fernseh-Interviewers John Wingate nach dieser Episode gab Randolph Churchill Gelegenheit zur Rache: »Ich würde nicht daran denken, Sie nach Ihren Schwestern zu fragen ... Ich denke nicht daran, nachzuschnüffeln, was Ihre Schwester getan hat oder was Ihr Vater war. Ich weiß nicht einmal, ob Sie einen Vater haben oder ob Sie wissen, wer Ihr Vater war ... »

Als John Wingates Verzweiflung über sein aufsässiges Opfer ihren Höhepunkt erreichte, schickte ihm sein Regisseur eine in Eile gekritzelte Botschaft zu: »Verlieren Sie nicht die Fassung - lassen Sie ihn gewähren.« Doch sein altes Selbstvertrauen fand der Interviewer erst wieder, nachdem sein Gast sich von ihm mit den Worten: »Es hat mir viel Spaß gemacht!« verabschiedet hatte und die Telephonzentrale der Fernsehstation mitteilte, daß von mehr als 600 Anrufern nur etwa ein Drittel John Wingates Frage nach Sarah Churchill als unangemessen bezeichnete.

Am nächsten Morgen drohte John Wingate vor Reportern denn auch schon wieder großspurig mit der Möglichkeit einer Beleidigungsklage gegen seinen Ehrengast. Zur selben Zeit fanden Zeitungsleute Randolph Churchill im New-Yorker Hafen schnarchend in der Kabine eines auslaufenden Ozean-Riesen. Er schlief den Schlaf des Gerächten.

Journalist Randolph Churchill

Keine Antwort ...

... auf Fragen noch der Schwester: Bühnenstar Sarah Churchill

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