Zur Ausgabe
Artikel 79 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TOURISMUS Der Schneekönig

Seit Günther Aloys sein Heimatdorf Ischgl in einen Markenartikel verwandelte, gilt der Hotelier als Reformator des Wintertourismus. Jetzt bastelt er an einem neuen Image der Berge und will den Urlaub in den Alpen revolutionieren. Von Uwe Buse
aus DER SPIEGEL 7/1999

Der Mann, der Dieter Thomas Heck in Grund und Boden zu reden vermag, schweigt deprimiert in seinen Telefonhörer. Dabei steht er im Foyer eines Vier-Sterne-Hotels, das ihm gehört. Und er könnte auf seiner eigenen Rolltreppe durch den Berg zu einem zweiten Hotel fahren, das auch ihm gehört. Oder er geht runter in seine Disco, wo er an einem Wochenende so viel Geld verdient, daß er sich beruhigt unters Solarium legen kann, um dort auf den Mai zu warten. Dann sollen oben auf dem Berg die Rolling Stones spielen, und an ihnen wird er noch einen schönen Stapel Scheine verdienen.

Aber die Aussicht auf all das hebt die Laune von Günther Aloys keinen Millimeter, und schuld ist der Schnee. Zum erstenmal in seiner Geschichte war Ischgl in der vergangenen Woche so gründlich eingeschneit, daß Tausende Urlauber ihre Ski, ihre Kreditkarten packten und sofort flüchteten, als sich ihnen die Möglichkeit bot. Zurück blieben jede Menge leere Betten, und es gibt wenig, was Österreichs umstrittensten Tourismusmanager mehr ärgert als ein Bett ohne Gast.

Rentner vielleicht. Die nennt er während seiner Vorträge »Kukis«, und er meint das nett. Kukident-Konsumenten tauchen in der Urlaubswelt des Günther Aloys als abschreckende Typen auf. Ihre Gelenke sind steif, als Verbraucher sind sie zu unflexibel. »Statt sich jede Saison ein neues Snowboard zu kaufen, tragen die 20 Jahre lang dieselben Wanderschuhe«, empört sich Aloys. Er will die Jungen in Ischgl sehen, Fit-for-fun-Kreaturen, die »aus ihren Körpern Kathedralen bauen«, die bis an die Grenzen ihrer Dispositionskredite gehen, um sich fünf Tage in Ischgl zu leisten.

»Ein Dach wäre nicht schlecht«, sagt Aloys und schaut aus dem Fenster, »das würde die Saison verlängern.« Für diese Idee wirbt er seit Jahren, aber die Welt ist noch nicht reif genug, um die Vorteile zu erkennen, wenn Ischgl oder ein anderer Teil der Alpen zur Mehrzweckhalle umgebaut wird. Und wenn er von der 25 Kilometer langen Achterbahn schwärmt, die er durch die Berge legen will, ringen sich verschreckte Gesprächspartner bestenfalls ein »interessant« ab.

Weil Aloys an ein absurdes Projekt wie seine Achterbahn glaubt, ist er zur Zeit einer der gefragtesten Experten im österreichischen Fremdenverkehr, dessen Hoteliers viel zu oft nur teure Langeweile verkaufen. Um seine trägen Kollegen wachzurütteln, reist Aloys von einer Touristiktagung zur nächsten, steigt auf Podien, schaltet in seinen Dieter-Thomas-Heck-Gang und deckt die Zuhörer mit seinen Thesen ein. Die wichtigste lautet: »Der Gast weiß nicht, was er will.« Also muß ihm der Tourismus etwas bieten. Etwas Spektakuläres. Man könnte 300 Kilo Mineralien in den Inn kippen und den Fluß blutrot färben, weil Simply Red in Innsbruck spielt. Das hat Aloys auch getan und bekam eine Strafe von 100 000 Schilling aufgebrummt, was ihn nicht störte. Ärgerlich war, daß er den roten Fluß nicht sehen konnte. Er mußte Kindermädchen für Mick Hucknall spielen, dem sein Hotelzimmer nicht gefiel.

Manchmal gibt Aloys während der Touristiktagungen unfreiwillig den Pausenclown, meist akzeptieren die Leute ihn aber als den Rebellen, den Österreich braucht, um seinen wichtigsten Wirtschaftszweig wieder in Schwung zu bringen. Und selbst Aloys' ärgste Feinde können seine Erfolge nicht bestreiten.

Bevor Aloys sein Heimatdorf umkrempelte, war Ischgl nur ein Dorf unter vielen, dessen Einwohner vom raschen Wachstum des Alpentourismus profitierten und darauf vertrauten, daß es reicht, über den Hotels eine Seilbahn an den Berg zu schrauben und die Pisten mit Raupen zu plätten.

Aloys lebte damals mit seinen Eltern 888 Meter über Ischgl in einer Hütte. Unterhaltung kam hier oben nur aus dem Wald, durch den der Wind pfiff. Wenn Aloys mal im Tal war, wußte er nie, welche Kinofilme man gerade sah, er wußte nie, welche Platten er zu hören hatte, und machte er einen Witz, stöhnten die anderen: Kennen wir schon.

Als er die Schule endlich hinter sich hatte, wollte er nicht länger der Depp vom Berg sein. Er packte seine Koffer und floh an einen Ort, an dem er die Partys, die Musik und die Mädchen nachholen konnte, die er in der Hütte verpaßt hatte, und der ihn lehrte, viele Menschen mit vorgefertigtem Spaß zu unterhalten. Er zog nach Las Vegas. Als er zurückkam, übernahm er sein erstes Hotel und baute Ischgl in eine der effektivsten Gelddruckmaschinen der Alpen um.

Während Österreich im vergangenen Jahrzehnt rund ein Zehntel seiner Urlauber verlor, verdoppelte Ischgl seinen Umsatz. Heute blickt die Konkurrenz neidisch auf 9000 Hotelbetten, 200 Kilometer präparierte Piste, zwei Luftseilbahnen, drei Gondelbahnen, 15 Sessellifte, 21 Schlepplifte und 200 000 Urlauber. Dank Aloys wurde Ischgl einer der reichsten Orte im reichen Tirol.

Gelungen ist ihm das mit einer einfachen Idee. Aloys wollte unten im Tal das genaue Gegenteil der Hütte, in der er aufgewachsen war. Sein Ischgl sollte laut, bunt und ein sehr gutes Geschäft sein. Er wollte kein Dorf, sondern ein Produkt mit scharf kalkuliertem Image, geschaffen für Aloys und für all die anderen, deren schlimmster Alptraum ein Samstagabend vor dem Fernseher ist.

Also schaltete er in seinen Heck-Gang und redete so lange, bis aus dem Durchschnittsdorf eine Disco geworden war, mit elektrisch beheizter Theke auf der Straße und einem 200-Meter-Laufband, das die Besoffenen von der Abfahrt ins Dorf zurückschiebt.

Aloys' Idee funktionierte so gut, weil er sie zu einer Zeit umsetzte, in der es immer mehr Urlaubern egal war, ob sie nach Bayern, in die Schweiz, Italien oder Österreich fuhren. Sie glaubten die Länder sowieso so gut zu kennen wie ihren Balkon und wollten nur sicheren Schnee, garantierten Spaß bis zum Morgen und einen Platz, an dem sie die Kinder abstellen konnten.

Entdeckt wurde das geliftete Ischgl von den Snowboardern. Als die Jungs mit den Klamotten im Mülltütenschnitt auftauchten, war ihr Sport noch nicht zum Trend verkümmert, er war eine Revolte gegen die Spießer auf Skiern, die nur kamen, um ihre taillierte Bogner-Kollektion vorzuführen. Ischgl profitierte von der Revolte und hatte plötzlich den Ruf, der innovativste Ort der Alpen zu sein.

Aus wohlhabenden Ischglern wurden reiche Ischgler, die ihre Fenster doppeltverglasten, um den nächtlichen Zickezacke-Hühnerkacke-Singsang zu dämpfen. Und wenn morgens mal zuviel festgefrorene Kotze auf den Straßen lag, diskutierten sie über eine Sperrstunde zwischen sieben und zehn Uhr abends, damit die Urlauber die Après-Ski-Biere verdauen können, bevor sie sich über die Nachtbiere hermachen. Aber dann dachten die Ischgler an das Geld, das ihnen in den Kassen fehlen würde, ließen alles, wie es war, und drahteten lieber noch eine Seilbahn an den Berg.

Aloys' Idee war gut. So gut, daß sie in vielen Orten kopiert wurde, und heute hat Ischgl dasselbe Problem wie vor 20 Jahren: Es ist verwechselbar. Und diesmal ist die Lösung nicht so simpel.

In keinem anderen Ort der Alpen ist die Frage nach der künftigen Kleiderordnung von Teenagern so wichtig wie in Ischgl. Kein anderer Ort ist so stark von den Launen Jugendlicher und vom Erfühlen der neuesten Trends abhängig. Hier wird die Frage »Ist Chiemsee noch in?« ernsthaft diskutiert, weil falsche Sweat-Shirts im Schaufenster der Beweis wären, daß Ischgl nicht mehr das Trendzentrum der Alpen ist, sondern hoffnungslos hinten liegt, so weit wie Woolworth.

Um zu wissen, wo vorn ist, fliegt Günther Aloys einmal im Jahr nach New York, wo er sich bei den Armen umguckt. »Die Armen sind die wahren Kreativen«, schwärmt er in seinem Hotel, durch das livrierte Kellner schweben. Zu seinen regelmäßigen Ratgebern gehören die Söhne eines Designers, die mit Papas Geld zu den Partys Europas fliegen und ihn über neue Drinks informieren. Aloys gibt mehr auf das Gefühl von Teenagern, die sich ihre Oakley-Brillen ins Gesicht zementieren, als auf die Ergebnisse von Marktforschern, »die einem eh nur sagen können, was in war«, lästert er und beginnt eine Diskussion über die Frage, ob zerstoßenes Eis in Cocktails cool ist oder nicht.

Weil die korrekte Voraussage eines Trends so unwahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto, weil Ischgls Reichtum aber davon abhängt, hat Schneekönig Aloys sich darauf verlegt, die Trends nicht nur zu suchen, sondern selbst zu erfinden, in der Hoffnung, den Urlaub am Berg zu revolutionieren.

Aussichtsreich schien Aloys die Idee, 400 Kühe mit Picassos und Warhols zu bepinseln und auf die Weiden zu schicken. Dummerweise hielt das Fell keine Farbe. Dann versuchte er es mit dem Rollerbyke, einem Zwitter aus Tretroller und Fahrrad, mit dem Snowboarder im Sommer die Hänge mit 100 Sachen hinunterbrettern können. Aber auch das ist kein Erfolg. Außerdem bastelt Aloys an einer 7000 Stufen hohen High-Tech-Treppe, die er an einen Berg lehnen wird, und bereitet eine Ausstellung in der Ischgler Tiefgarage vor, »weil die so gebaut ist wie das Guggenheim-Museum, nur viel größer«.

Und was ist, wenn das alles nicht klappt und die Revolution am Berg ausfällt? Dann säuft Ischgl einfach weiter. Günther Aloys: »Besser, wir sind berüchtigt als öde wie der Rest.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 79 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.