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ZEITGESCHICHTE Der schönste Tag

60 Jahre nach dem Massenmord in Jedwabne sind sich Polen und Juden näher gekommen - in einer absurden Aufführung am Ort der Untat.
Von Henryk M. Broder und Claus Christian Malzahn
aus DER SPIEGEL 29/2001

Vor einem Jahr hat noch kein Mensch gewusst, wo Jedwabne liegt, heute macht der Ort, etwa 180 Kilometer nordöstlich von Warschau gelegen, in der ganzen Welt Schlagzeilen.

Am 10. Juli 1941 wurden hier einige hundert polnische Juden von ihren christlichen Nachbarn zusammengetrieben und auf eine recht bestialische Weise ermordet. Später wurde das Massaker den Nazis, die zu der Zeit die Russen als Besatzungsmacht abgelöst hatten, angelastet. Seit feststeht, dass es Polen waren, die die Gunst der Stunde nutzten, um die Juden loszuwerden und sich deren Besitz anzueignen, ist in Jedwabne der Teufel los.

»Ich traue mich nicht mehr vor das Haus«, klagt eine Frau auf dem »Rynek«, dem Platz in der Ortsmitte, der nach Papst Johannes Paul II. benannt wurde. »So geht es mir auch«, sagt ihre Nachbarin und setzt noch eins drauf: »Ich habe fünf Brüder verloren, nach denen sucht keiner, es geht immer nur um die Juden.«

Die Jedwabner, man spürt es an jeder Ecke, sind sauer. Viele von ihnen leben in Häusern, in denen früher Juden gewohnt haben, manche dürften noch das Geschirr und das Besteck benutzen, das mal den Juden gehört hat.

Mit dem Verbrechen wollen sie nichts zu tun haben. Im Ort hängen Plakate eines »Komitees für die Verteidigung des guten Namens von Polen": »Wir entschuldigen uns nicht! Die Deutschen haben die Juden

aus Jedwabne ermordet. Sollen die Lügner das polnische Volk um Verzeihung bitten!« Als Kontaktadresse werden zwei Handynummern angegeben.

Besonders helle scheinen die Jedwabner nicht zu sein. Statt die bösen Deutschen anzuklagen und auf die frechen Juden zu schimpfen, hätten sie längst eine »Begegnungsstätte« wie in Auschwitz - am besten in unmittelbarer Nähe der Scheune, in der die Juden damals abgefackelt wurden - eröffnen und ein paar Open-Air-Klezmer-Konzerte veranstalten sollen; das hätte den Ruf des Ortes aufpoliert und die Ökonomie angekurbelt.

Jedwabne hat kein Café, keine Kneipe, kein Restaurant, nur eine leicht schmuddelige Bar mit dem Namen »Relaks«, in der schon am Vormittag »warmes Bier« serviert wird. »Es gibt hier nichts zu tun, wer irgendwo einen Job findet, geht weg«, sagt die Frau hinter der Ladentheke im Lebensmittelgeschäft, während sie Wurstbrote, die hier »sandwicze« heißen, einpackt. Seltsam, die Juden, die Deutschen und die Russen sind längst weg, und trotzdem geht es den Leuten nicht gut.

An diesem 10. Juli spürt man auch nichts von der berühmten polnischen Gastfreundlichkeit, über die man in jedem Reiseführer lesen kann. Das staatliche Pressebüro hat drei Busse mit Journalisten herbeigefahren und die Pressevertreter dann sich selbst überlassen. Es gießt in Strömen. Ein Glas Tee oder eine Tasse Kaffee wären eine schöne Geste - aber eine Trauerfeier ist keine Party, auf der Getränke ausgegeben werden. Es reicht, dass auf dem Rynek zwei mobile Toilettenhäuschen aufgestellt wurden.

Im Rathaus heißt der Bürgermeister Krzysztof Godlewski die Ehrengäste willkommen, unter anderen den polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski und Rabbi Jacob Baker, der 1914 in Jedwabne geboren wurde und 1938, also rechtzeitig, in die USA ausgewandert ist. Baker ist alt und gebrechlich, er kommt in einem Rollstuhl, und als er die paar Stufen ins Rathaus getragen wird, packt der Bürgermeister persönlich an, wobei der Gast beinahe aus dem Sitz kippt.

Präsident Aleksander Kwasniewski fährt direkt am Rynek vor, begleitet von einem Riesenaufgebot an Sicherheitsleuten, die sich große Mühe geben, wie Mel Gibson auszusehen. In einem Jeep rollen sechs vollmaskierte Riesen, die allein durch ihr Aussehen Attentäter abschrecken sollen, in grauen Kampfanzügen vorbei.

Kwasniewski wird mit Pfiffen und Buhrufen begrüßt, denn es hat sich herumgesprochen, dass der Präsident nach Jedwabne gekommen ist, um sich zu entschuldigen. Und während der Bürgermeister globalkonkret von den Juden spricht, »die unter tragischen Umständen ihr Leben verloren haben«, nennt der Präsident Täter und Opfer beim Namen, lässt keinen Zweifel daran, dass es Polen waren, die den Mord begangen haben.

Und er entschuldigt sich nicht im Namen aller Polen, was reine Heuchelei wäre, sondern in »meinem Namen und im Namen jener Polen, deren Gewissen durch das Verbrechen aufgewühlt wurde«. Es ist eine mehr als ordentliche Rede, Kwasniewski riskiert es, nicht nur von den Jedwabnern als Nestbeschmutzer und Judenfreund verleumdet zu werden.

Wäre die Feier mit der Rede des polnischen Präsidenten vorbei, müssten die Toten und die Lebenden weniger leiden. Nach Kwasniewski ist Israels Vertreter in Warschau, Schewach Weiss, an der Reihe. Er spricht Polnisch und stellt sich als »Professor Schewach Weiss, der Botschafter Israels in Polen« vor. Er habe, sagt er, während er ein paarmal nach seinem Toupet greift, damit es nicht davongeweht wird, auch »andere Nachbarn« getroffen und »andere Scheunen kennen gelernt, in denen Juden versteckt wurden«.

Während Kwasniewski klar zur Sache gesprochen hat, kitscht Weiss, subjektiv verständlich, in der Geschichte umher und bedankt sich dafür, dass er und seine Familie nicht umgebracht wurden. Er hält die Rede zweimal, zuerst auf Polnisch, dann auf Hebräisch. »Wir wissen nicht, was er auf Hebräisch gesagt hat«, meint ein Pole hinterher, »es hörte sich ganz anders an, und er machte aggressive Gesten.«

Ein Glück, dass Weiss nicht mitbekommt, was am Rande der Trauerfeier so geredet wird. Während sich der »Schweigemarsch« der Honoratioren vom Rynek Richtung frühere Scheune in Bewegung setzt, sammelt ein Radioreporter Originaltöne auf der Straße ein. Die Einheimischen sind keineswegs betroffen, sondern nur wütend: »Wofür sollen wir uns entschuldigen? Die Juden sollen sich dafür entschuldigen, was sie uns während der Judenkommune angetan haben.«

Punkt zwölf lässt der Dorfpfarrer die Glocken läuten, aber nicht um die Toten zu ehren, sondern um den zweiten Teil der Feier zu stören. Die findet auf dem Acker statt, wo die Scheune stand, und wird vom Fernsehen live übertragen. Es ist absurdes Theater, in der besten Tradition von Slawomir Mrozek und Tadeusz Kantor.

Die Wolken hängen tief, der Regen will nicht aufhören, 200 bis 300 Honoratioren ducken sich auf Klappstühlen unter Schirmen, umgeben von der doppelten Zahl Sicherheitsleute, die dafür sorgen, dass die Eingeborenen in sicherer Entfernung bleiben.

Unter den Ehrengästen sitzt Morlan Ty Rogers aus New York und fühlt sich wie im falschen Film. Irgendwie hat er diese Veranstaltung hier vor 15 Jahren ausgelöst, als er als junger Rucksacktourist Jedwabne besuchte, das Dorf seiner Väter. 26 seiner Verwandten wurden vor 60 Jahren umgebracht; Rogers wusste schon Mitte der achtziger Jahre von seinem Großvater, dass es die Polen waren. Er schrieb einen Leserbrief an die »New York Times« über einen falschen Gedenkstein in einem ostpolnischen Dorf, die Dinge nahmen ihren Lauf.

Er müsste also froh sein über die Korrektur, die heute hier von höchster Stelle vorgenommen wird. Doch Rogers, und mit ihm die anwesenden Opfer, wurden ausgetrickst. Sieben Übernachtungen sollten die 25 Hinterbliebenen, die aus aller Welt in das Dorf ihrer ermordeten Familien angereist waren, vom polnischen Staat spendiert bekommen. Das erschien der Regierung in Warschau dann doch zu teuer. Die Subvention wurde radikal auf zwei Übernachtungen gekürzt.

Die Nachfahren von Szmul Wasersztajn, einem Jedwabner Juden, der mit Hilfe einer polnischen Bäuerin das Massaker und die Kriegsjahre überlebte, durften überhaupt nicht kommen. Eine rechtsradikale polnische Zeitung hatte einfach mal behauptet, Wasersztajn sei wahrscheinlich ein KGB-Mann gewesen. Der Vorwurf reichte dem polnischen Konsulat in New York, die Reisespesen noch etwas zu senken: Familie Wasersztajn blieb in Caracas.

Rabbi Baker freilich ist angereist. Der Mann ist nicht nur gebrechlich, sondern auch durcheinander. Seine Rede wurde im Voraus verteilt, aber er hält sich nicht an den Text, sondern kurvt umher wie ein blinder Passagier auf der Achterbahn. Baker spricht vom »schönsten Tag in der Geschichte Jedwabnes«, wobei er offen lässt, ob er das Pogrom oder die Trauerfeier meint, wendet sich an »meine lieben Freunde in unserem geliebten Polen« und lässt immer wieder Jedwabne hochleben, »einen winzigen Punkt auf dem Globus, der einen historischen Moment erfährt, den zu erleben große Städte nicht das Glück hätten«.

Dazwischen zitiert er aus dem Talmud, ruft »Haschem«, den Namen des Allmächtigen, an und redet von den Märtyrern, die im Glauben an Gott ihr Leben geopfert haben. »Die größten Würdenträger, die Führer unseres Staates, sind heute hierher gekommen und mit ihnen eine Menge Korrespondenten aus der ganzen Welt, in großer Zahl und von höchster Klasse, die intelligentesten Menschen haben sich in Jedwabne versammelt.«

Wäre es so, müsste jemand dem senilen Rabbi ins Wort fallen, aber dann wäre die Feier nicht nur verregnet, sondern auch vermasselt. Also darf Baker zu Ende reden und ankündigen, er werde demnächst eine »wunderbare Institution in Jerusalem eröffnen«, die sich mit der Geschichte Jedwabnes beschäftigen wird und wo polnische Lehrer erfahren werden, »wie viel die Juden für Polen getan haben«, damit sie dieses Wissen in polnischen Schulen weitergeben.

Ja, darauf haben die Polen nur gewartet, und nun, da Polen praktisch judenrein ist, wollen sie unbedingt wissen, wie viel sie den Juden verdanken. In den Abendnachrichten des polnischen Fernsehens wird die Feier in Jedwabne als der Beginn eines neuen Kapitels in den polnisch-jüdischen Beziehungen gefeiert. Es kommen Juden zu Wort, um sich für ihre Rettung respektive die Rettung ihrer Angehörigen zu bedanken. In diesem Kontext ist auch von dem Massenmord vor 60 Jahren die Rede.

Am nächsten Tag erscheint die »Gazeta Wyborcza« mit der Titelzeile: »Bóg plakal razem z nami« - Gott hat mit uns geweint.

Erst wegschauen und dann heulen. Gott muss auch ein Pole sein.

HENRYK M. BRODER, CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

* Antisemitischer Mob in Ostpolen, der sich an einer polnischenLadenbesitzerin (M., mit Schild um den Hals) und zwei ihrerjüdischen Kunden vergreift.

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