Zur Ausgabe
Artikel 14 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ARBEITSNORMEN Der Schweinebraten

aus DER SPIEGEL 13/1958

Der einst legendäre, mittlerweile halb vergessene Bestmann Adolf Hennecke, der vor fast zehn Jahren den Arbeitern in der »Deutschen Demokratischen Republik« als Stachanow-Double* präsentiert wurde, hat einen nicht minder berühmten Nachfolger bekommen: den »Helden der Arbeit«, vierfachen Aktivisten und »Verdienten Eisenbahner« Erich Seifert.

Seifert, der laut Chemnitzer »Volksstimme« auf der »steilen Straße zum Sozialismus vorwärtsdrängt«, hat seinen Ruhm freilich nicht - wie Hennecke - durch neue Arbeitsrekorde erworben; er hat vielmehr eine Methode entwickelt, nach der das brüchig gewordene System der Arbeitsnormen renoviert werden soll.

Sein laut propagiertes Ansehen verdankt Seifert einem Einfall, der eigentlich die Grundidee jenes »Gesetzes zur Vervollkommnung und zur Vereinfachung des Staatsapparates« vorwegnahm, das die Volkskammer am 11. Februar dieses Jahres als Edelprodukt fortschrittlichen Denkens verabschiedete: Die operative Leitung der Wirtschaft soll näher an die Basis verlegt werden. Mit vernünftigeren Worten: Es soll mehr in den Betrieben und weniger in betriebsfernen Verwaltungsinstanzen geplant werden.

Eine der wichtigsten Grundlagen in der sowjetzonalen Wirtschaft sind seit jeher die sogenannten Arbeitsnormen, die festlegen, was ein Arbeiter in einer bestimmten Zeit zu leisten hat. Diese »technisch begründeten Arbeitsnormen« (TAN) wurden vor einigen Jahren von den Arbeitern in der Sowjetzone allgemein als zu hoch empfunden; die Ankündigung einer Normerhöhung trug wesentlich zu dem Aufstands-Versuch am 17. Juni 1953 bei.

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Die Normen, die seit 1953 nicht mehr nennenswert geändert worden sind, wurden von der technischen Entwicklung überholt. Neue Maschinen, bessere Arbeitsmethoden machen es heute den Arbeitern leicht, ihre Normen überzuerfüllen und damit den Inhalt ihrer Lohntüten beträchtlich zu vergrößern, denn die Höhe des Lohns richtet sich nach dem Grad der Normerfüllung.

Dieser Zustand ist für Arbeiter wie Betriebsleiter gleichermaßen angenehm. Die Arbeiter können sogenannte Verlustzeiten - Arbeitspausen, die vornehmlich durch Materialmangel und Desorganisation entstehen - unbeschwert verbummeln, ohne um ihren Lohn fürchten zu müssen, und den Betriebsleitern ist es durchaus recht, daß diese Verlustzeiten sozusagen in der Norm verschwinden, was sie der Mühe enthebt, die Desorganisation in der Materialanlieferung verantworten zu müssen, die zu den unfreiwilligen Pausen der Arbeiter jedenfalls beiträgt. Die Arbeiter nennen den in solchen Zwangspausen mühelos verdienten Lohn den »Schweinebraten«.

Diese Normen und der »Schweinebraten« haben jedoch, so angenehm beides für die unmittelbar Betroffenen ist, volkswirtschaftlich bedenkliche Folgen. Einerseits hemmen sie das Anwachsen der Produktion, zum anderen bringen sie das Lohngefüge durcheinander.

Die seit 1953 in der Industrie eingesetzten neuen Maschinen haben nicht überall den gleichen Effekt gehabt: In der Stahlindustrie etwa läßt sich der Arbeitsgang eher durch Maschinen erleichtern als etwa im Bergbau. So ist es gekommen, daß in bestimmten, leicht zu mechanisierenden Industriezweigen die Arbeiter ihre aus dem Jahre 1953 stammenden Normen sehr leicht erfüllen und mithin relativ viel verdienen, während in anderen, an sich bevorzugten Industriezweigen die Verdienstmöglichkeiten keineswegs im gleichen Maße gestiegen sind.

Bergbau und Grundstoffchemie haben die ihnen zugewiesene führende Position in der Lohnskala eingebüßt; die Löhne der Arbeiter in der Kali-Industrie liegen nicht mehr an der ursprünglich geplanten fünften Stelle der Skala, sondern an der achtzehnten; und Arbeiter in der Fett- und Fleischwaren-Industrie verdienen weitaus mehr als die Kumpel in den Kohlengruben, die heute teilweise erst an zweiundvierzigster Stelle rangieren.

Die Arbeiter gewisser Lebensmittelbetriebe können heute - auf Grund der maschinellen Ausstattung ihres Arbeitsplatzes - ihre Normen oft in vier bis fünf statt in acht Stunden erfüllen. Die restlichen Stunden sind »Verlustzeit« (sofern kein Material zum Weiterarbeiten da ist) oder können zu Übersoll-Erfüllungen benutzt werden und bringen dann den Arbeitern die entsprechenden Prämien ein.

Diesen Verwerfungen im Lohngefüge will nun der Genosse Seifert abhelfen. Seifert war, ehe er Held der Arbeit wurde, als »Brigadier« einer Elektroschweißer-Brigade im Reichsbahn-Ausbesserungswerk »Wilhelm Pieck« in Chemnitz ("Karl-Marx -Stadt") tätig.

»Wenn«, so erinnert er sich heute, »ich zum Beispiel am Tag acht Stunden arbeite, dann habe ich zwanzig Mark verdient. Aber wirklich gearbeitet habe ich gar nicht acht Stunden, sondern nur sechs. Zwei Stunden konnte ich nichts tun, weil mir Material fehlte. Trotzdem habe ich ... meine Planaufgabe erfüllt.«

So aber, meint Seifert, dürfe es nicht bleiben, denn »die zwei Stunden Verlustzeit gehören also nicht in die Norm, sie müssen extra ausgewiesen werden. Das heißt wiederum, daß ich für die sechs Stunden Arbeit nur 15 Mark zu erhalten habe. Die habe ich mir ehrlich verdient. Doch die restlichen fünf Mark hat mir der Betrieb zu zahlen. Denn die verantwortlichen Wirtschaftsfunktionäre sind schuld daran, daß ich zwei Stunden nichts tun konnte.«

Daß die verantwortlichen Wirtschaftsfunktionäre das Grundübel, nämlich den chronischen Materialmangel, auch nicht aus der hohlen Hand beseitigen können, beschwert weder den Neuerer Seifert noch diejenigen, die ihm in der Sowjetzonen-Presse seitenlange Lobeshymnen singen.

Seifert ist überzeugt, daß »reale Normen«

- an deren Berechnung der Arbeiter selbst

mit Weckeruhr und Kreide mitarbeiten soll - und peinlich genau geführte Schichtbücher, in die alle Verlustzeiten eingetragen werden, dem Übel abhelfen und die Produktion in Schwung bringen werden. Bisher, schreibt er, war es so: »Ausgewiesene Verlustzeiten sind unseren Meistern und den übrigen Wirtschaftsfunktionären unangenehm, denn sie spiegeln die Mängel in der Arbeitsorganisation wider.« Wolle ein Arbeiter Verlustzeiten melden, laute die Antwort meistens: »Bei 170 Prozent (Normerfüllung) kommt doch nicht noch mit Verlustzeiten an!« Das gehe, schreibt Seifert, »von den Meistern bis hinauf zu den Werkleitern. Darum das Zögern, Schweinebraten auf den Tisch zu legen (Verlustzeiten von den Normen abzuziehen). Deswegen bleibt oft alles beim alten.«

Künftig aber, wenn nach seiner Methode die Verlustzeiten im Schichtbuch ausgewiesen werden müssen, werde sich das Bild entscheidend wandeln: »Jetzt wird sich der Werkleiter rühren: Soviel Geld für Verlustzeiten, wo kommen die denn auf einmal alle her? ... Auf diese Weise stößt er auf Mängel, die ihm bisher nicht so bekannt waren. Rasch wird er für Abhilfe sorgen, damit die ganze Arbeitszeit produktiv genutzt werden kann.«

Bei seinen Genossen, die von einer Offenlegung der Verlustzeiten eine Verschärfung der Normen befürchten mußten, fand Seifert zunächst jedoch nur wenig Beifall für seine Methode. Berichtete die »Chemnitzer Volksstimme": »'Lumpen' - mehr noch bekamen Brigadier Seifert und seine Kumpel zu hören. Sie blieben fest. Nicht umsonst gaben sie ihrer Brigade den Namen 'Emil Zatopek'.«

»Brigadier« Seifert, der »Zatopek vom Goldenen Flügelrad« wie die Zonen-Zeitungen ihn nennen, hat seine Brigade im Reichsbahnausbesserungswerk »Wilhelm Pieck« mittlerweile verlassen und zieht als Instrukteur des Ministeriums für Verkehr durch die Zone, um überall die Arbeitsbrigaden von den Vorteilen seiner Methode zu überzeugen.

Daß die Methode letztlich nur Spiegelfechterei ist, weil sie allenfalls zu einigen Rationalisierungsmaßnahmen, nicht aber zur Beseitigung des Materialengpasses und damit der Verlustzeiten führen kann, wird von Seifert und seinen propagandistischen Helfern geflissentlich übersehen. Für ihre Begriffe ist eine andere Wirkung der Seifert -Methode viel wichtiger: die Schärfung des »sozialistischen Bewußtseins«.

Denn, so schrieb die Chemnitzer »Volksstimme«, die in den Brigaden erzielten »Ergebnisse nach der Methode Seifert sind ein Spiegel, der jedem Genossen und jedem Gewerkschaftsfunktionär sagt, wie gut oder schlecht er an der Entwicklung des sozialistischen Bewußtseins gearbeitet hat«.

* Bergmann Hennecke forderte am 13. Oktober 1948 in einem für den Abbau besonders günstigen Stollen der Grube »Karl Liebknecht« im Zwickauer Revier 24,4 Kubikmeter Steinkohle - 387 v. H. des bis dahin üblichen Tagessolls von 6,4 Kubikmetern. Hennecke wurde Nationalpreisträger, »Verdienter Bergmann«, Volkskammerabgeordneter und Mitglied des Zentralkomitees der »Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands«. - Der russische Bergmann Stachanow förderte in der Nacht zum 31. August 1935 im Donez-Gebiet während einer Schicht 102 Tonnen Kohle und übertraf damit die Leistungsnorm um das Vierzehneinhalbfache.

Normenverbesserer Seifert

Der Zatopek vom Flügelrad

Zur Ausgabe
Artikel 14 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.