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POLEN Der Seher von Schlochau

Ein Hellseher aus Pommern hilft der Kripo in der Provinz. In den kleinen Polizeiwachen Polens schwört man auf den Mann mit dem zweiten Gesicht.
Von Claus Christian Malzahn
aus DER SPIEGEL 7/2001

Priester Jan Tabarski hat in seinem Leben schon viel ertragen müssen: die Nazis, die Kommunisten, die modernen Zeiten. Aber die Sache mit Krzysztof Jackowski begreift der Pfarrer von Schlochau (Czluchów) wirklich nicht. Wenn er eines Tages vor seinen Schöpfer treten wird, dann mit der Frage: »Wie konntest du nur so viel Talent an einen solchen Einfaltspinsel verschwenden?«

Denn Jackowski hat in seinem Leben kaum ein halbes Dutzend Bücher gelesen, »und in der Schule war er auch nicht gut«, erinnert sich der Priester.

Herr Jackowski, ein dicker Enddreißiger mit Pfannkuchengesicht, hat Dreher gelernt, doch beim Finanzamt gibt er seine Profession mit »Parapsychologe« an. Der Pole aus Pommern verdient sein Geld augenflackernd, schwer seufzend; unermüdlich wandert er bei der Arbeit durch die gute Stube seiner 40 Quadratmeter kleinen Plüsch-Wohnung, in der ständig drei Telefone klingeln.

Hier beschnuppert er, in privatem oder polizeilichem Auftrag, von morgens bis abends Taschentücher, Armbanduhren oder Autoschlüssel. Er presst Fotos gegen seine breite Stirn, murmelt Vornamen vor sich hin, um dann plötzlich zu rufen: »Die Leiche liegt in einem Waldstück, 300 Meter rechts von der Hauptstraße entfernt.«

Jackowski, 38, ist Hellseher, in Polen ein ehrenwerter Beruf. An Eingebungen und Erscheinungen ist man in der katholischen Provinz so gewöhnt wie an die Menschenschlangen im Postamt. »In den USA würde man mich einen Profiler nennen«, sagt Jackowski, denn die Arbeit sei die Gleiche: Wenn die Polizei nicht weiterweiß bei der Suche nach Toten und Vermissten, dann übernimmt er die Ermittlungen.

»Meine Erfolgsquote liegt bei etwa 60 Prozent«, erklärt Jackowski. Von der Weissagerei lässt es sich leben. Früher war Jackowski arm, heute zoomt er sich mit seiner Handycam nachts bis zum Jupiter heran. Die einzigen Bücher, die Jackowski neben dem Neuen Testament besitzt, sind Bildbände über Astronomie.

Daneben lagern Akten hinter Glas. Hunderte Dankesschreiben werden hier verwahrt. Sie stammen nicht nur von Privatpersonen, sondern auch - und das macht den Seher von Schlochau im ganzen Land berühmt - von Polizeivorstehern.

Da bestätigt ein Kommissar aus einer südostpolnischen Großstadt mit Brief und Siegel, dass »alle Informationen, die Sie uns im Mordfall Tadeusz P. gegeben haben, korrekt« gewesen sind: »Die Leiche befand sich an dem von Ihnen vorhergesagten Ort.« Ein Polizeikommandant aus Pommern bedankt sich für wertvolle Hinweise bei der Festnahme von Räubern und hofft, »dass unsere Zusammenarbeit bei der Kriminalitätsbekämpfung von Dauer und erfolgreich« sein wird.

Es klingelt an der Tür. Ein Mann, der den langen Weg von Schlesien nach Schlochau gefahren ist, bittet um Hilfe beim Aufspüren seines gestohlenen Autos. Jackowskis Frau reicht ihrem Gatten den Fahrzeugschlüssel ins Wohnzimmer, der Klient muss draußen warten. Der Meister riecht am Schlüsselbart, schließt die Augen, presst Luft und ruft augenrollend: »Der Wagen steht in einem Dorf namens Bozena oder Bozenko - oder so ähnlich.« Der Kunde bekommt die Auskunft gratis, für detaillierte Angaben muss er noch mal wiederkommen und etwa 50 Zloty mitbringen - rund 25 Mark. Leichen kosten das Doppelte, und weil Jackowski pro Tag bis zu fünf Fälle bearbeitet, gehört er zu den Besserverdienenden im von Armut und Arbeitslosigkeit gebeutelten Schlochau.

Andrzej Jazdzewski, Kripo-Chef der pommerschen Kleinstadt, wundert das starke Interesse an Jackowski nicht: »Der Mann ist eben erfolgreich.« Wie er sich die Trefferquote erklärt? »Was weiß ich. Ich bin Kriminalist. Da zählen Ergebnisse. Und die sind gut.«

Der Kommissar, ein schlanker Mann von 42, bedauert lediglich, dass Jackowskis Vorhersagen in Schlochau nicht so gut sind wie im übrigen Polen. »Er kennt die Kriminellen hier. Wenn er denen ins Handwerk pfuscht, ist er gefährdet.«

Oft vermittelt der Kommissar den Seher deshalb an kleinere Polizeistationen im Land. Da Jackowski keinen Führerschein hat, spielt der Polizist den Chauffeur. Der Kommissar und der Seher waren schon fast überall im Einsatz, in der polnischen Tatra, an der Ostsee, in Masuren und Schlesien. Nur die Hauptstadt ist für sie tabu.

Kein Wunder. In der Warschauer Zentrale wird die Polizei von Kommissaren wie Pawel Biedziak beherrscht. In dessen Büro stehen gleich zwei Computer mit Internet-Anschluss, im Fernsehen läuft CNN, an den Wänden hängen Urkunden der Partner-Polizei aus Chicago. Biedziak glaubt nicht an Visionen, er schwört auf Spurensicherung, Rasterfahndung und Statistiken.

Zum Beispiel diese: In 440 Fällen hat die Polizei Angaben von Hellsehern in den Jahren 1994 bis 1999 überprüft. »In 432 Fällen war das rausgeschmissenes Geld«, sagt Biedziak. »Oft machen wir das bloß, weil uns die Angehörigen der Opfer unter Druck setzen. Die behaupten sonst, wir würden nicht richtig ermitteln.«

Doch gegen den Vorwurf der Hochstapelei nimmt Kommissar Jazdzewski seinen Freund in Schutz: »Was wissen die schon in Warschau.« Weil Fahnder wie er auf Profiler mit übersinnlichen Fähigkeiten nicht verzichten wollen, erließ die Polizeizentrale in Warschau für die Dienststellen im Land nun ein Hellseher-Verbot. Ohne Erfolg. »Ich hab in diesem Monat wieder Aufträge von der Polizei bekommen«, triumphiert Jackowski und wedelt mit einem Polizeifax aus Südostpolen - die Bitte um Hilfe in einem Mordfall an der ukrainischen Grenze.

Um sich von seinen Visionen zu erholen - jede aufgespürte Leiche bleibt ihm angeblich im Gedächtnis kleben wie Kaugummi an der Schuhsohle - geht Jackowski gern am Schlochauer See spazieren. Unter einer Trauerweide befiel ihn hier vor elf Jahren seine erste Vision. Er hatte zuvor darum gebetet, »nicht das langweilige Leben eines Arbeiters« führen zu müssen.

Inzwischen fragen auch Politiker um Rat, beispielsweise der radikale Bauernführer Andrzej Lepper. Der wollte im vergangenen Herbst wissen, wem er, nach einer Wahlschlappe, in seiner Organisation noch trauen dürfe. Er legte Jackowski ein Dutzend Fotos seiner Mitstreiter vor. Nach der Séance fürchtete ein Funktionär: »Jetzt gibt es bei uns eine Bartholomäusnacht.«

Übersehen wird angesichts seiner Erfolge bisweilen, dass der Seher aus Schlochau ab und zu auch im Dunkeln tappt. Zwei von ihm totgesagte Jugendliche aus Krakau tauchten im Januar plötzlich quicklebendig in Tschechien wieder auf.

Doch zwei junge Frauen, die Jackowski zufällig unter seiner Trauerweide trifft, trösten ihn wegen der Fehlprognose: »Das kann doch mal passieren.« Für sie ist der Dicke der berühmteste Sohn der Stadt. Sie verehren ihn wie einen Fußballer, den man nicht verstoßen darf, nur weil er einen Elfmeter verschossen hat.

Schlochaus Priester Jan Tabarski ist da nicht so tolerant. Erst vor kurzem hat er Jackowski zu Hause besucht und ihn ermahnt, »endlich wieder in die Kirche zu kommen«. Denn wenn er den Kontakt zu Gott ablehne, könne sich auch der Teufel die Gabe zunutze machen. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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