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NIEDERLANDE Der Sheriff von Klein-Marokko

Ende der bedingungslosen Toleranz: Ein raubeiniger Amsterdamer Stadtteilbürgermeister aus Nordafrika will die Integration von Einwanderern erzwingen und die Kriminalität eindämmen.
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 31/2007

In Slotervaart ist Stadtteilfest. Der Stadtrat hat eine Begegnungsstätte für Christen und Muslime bauen lassen. Heute wird sie eingeweiht. Dazu gibt es Musik, Fischhäppchen, arabisches Backwerk und bunte Säfte.

Bezirksbürgermeister Ahmed Marcouch, 38, hält eine Rede über den Fortschritt und über die Völkerverständigung. Zum Schluss lässt er sich mit einer hübschen jungen Frau mit Kopftuch fotografieren.

Eine schöne Geste. Und untypisch. Normalerweise kommt das Amsterdamer Stadtviertel Slotervaart schlechter weg als in den Festreden. Kriminalität und Arbeitslosigkeit sind deutlich höher als im Landesdurchschnitt, jeder dritte Jugendliche hat keinen Schulabschluss.

Ahmed Marcouch stammt auch aus diesem Milieu, aber er hat sich daraus befreit. Als er mit zehn Jahren von Marokko in die Niederlande kam, konnte er nicht mal lesen und schreiben. Er hatte das Glück, dass ihn die Lehrer einer Montessori-Schule auf den richtigen Kurs brachten.

Slotervaart hat nichts vom Amsterdamer Grachtencharme: rechteckig gegeneinander versetzte Vielfamilien-Blocks, dazwischen ein futuristisches Rathaus. In manchen Wohnungen leben achtköpfige Familien auf 50 Quadratmetern, fast die Hälfte der 45 000 Einwohner sind Ausländer aus Übersee. Und die Polizeiwache ist nicht zufällig gleich gegenüber der Moschee.

Es sind nicht die Türken oder Surinamer, die der Polizei Sorge bereiten. Die Verhaltensauffälligen kommen meist aus Marokko. Nicht aus den großen Städten, sondern aus den Dörfern im Hohen Atlas und im Rif-Gebirge. Die Marokkaner leben hier in einer eigenen Welt, essen Kuskus mit Lammhirnsalat, sehen Al-Dschasira-TV und besuchen am Freitag die Moschee. Der Druck, sich den Lebensgewohnheiten der Niederländer anzupassen, ist nicht besonders hoch.

Die Parallelgesellschaft der »Allochthonen« (Zugewanderten) ist im Allgemeinen eher unpolitisch. Doch das Zusammenleben mit den anderen Volksgruppen ist problematisch. Hassan al-Maghroubi aus Oujda an der algerischen Grenze hält das Gerede von den ethnischen Spannungen allerdings für haltlose Agitation. »Was tun wir denn Gefährliches? Wir stopfen dem Nachbarn manchmal eine Kartoffel in den Auspuff oder klauen beim Höker Apfelsinen. Aber sonst belästigen wir hier doch niemanden.«

Hassan ist einer von den »Hangjongeren« - Hängejungs -, die keinen Job haben und keine Chance, einen zu bekommen. Trotzdem, so sagt er, fühle er sich hier zu Hause: »Dit is mijn landje, ik ben een rasechte Nederlander«, ein reinrassiger Niederländer.

Der prominenteste Bürger von Slotervaart ist Ex-Premier Wim Kok. Man kann ihn morgens manchmal die Pieter Caland Laan zum Bahnhof herunterradeln sehen. Sozialdemokrat Kok lebt hier, weil er ein Zeichen setzen wollte. Als sinnloses Multi-Kulti-Getue beschimpfen das seine politischen Gegner von der Rechten. Das Milieu sei unheilbar vergiftet.

Nicht weit von Koks Haus, in Overtoomse Veld, hat Mohammed Bouyeri gelebt, der Mörder des exzentrischen Filmemachers und Provokateurs Theo van Gogh. Bouyeri war gebürtiger Amsterdamer,

ein Allochthoner der zweiten Generation. Er fuhr Fahrrad und aß gern friesischen Eintopf mit Pökelfleisch. Holländischer kann man kaum sein. Trotzdem wurde er vom Islamismus eingefangen.

Der Mord an Theo van Gogh war eine Art Zeitenwende für die holländische Kuscheldemokratie. Bis dahin waren es die Niederländer gewohnt, über viele Missstände großzügig hinwegzusehen: Prinzip »Gedogen«, was so viel heißt wie »Schwamm drüber«, »halb so schlimm«. Dass manche Muslime ihre Frauen prügeln - gedogen. Dass in der Tawheed-Moschee an der Jan Hanzenstraat Hetzschriften verkauft wurden, die dazu aufriefen, Ehebrecherinnen zu steinigen und Homosexuelle von hohen Türmen zu stürzen - gedogen.

Seit dem Van-Gogh-Mord aber gilt zumindest in Slotervaart das Prinzip Gedogen nicht mehr, und daran hat der Bürgermeister erheblichen Anteil. Marcouch hat die Unruhen, die dem Van-Gogh-Mord folgten, als Polizist erlebt. Er war keiner von den Soft Cops, die in die andere Richtung schauen, wenn der Mob durch die Straßen tobte. Er griff hart durch, wenn er es für richtig hielt. Und er hielt es fast immer für richtig. Solche Bullenallüren gefallen den Holländern neuerdings gut.

Die Regierung von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende sagt, sie werde die Gesetzlosigkeit in den Vorstädten bekämpfen und in den Moscheen keine ausländischen Hassprediger mehr dulden. Doch bisher hat sie nicht viel getan.

Marcouch tut was. Er hat seine Behörden angewiesen, mit den jungen Arbeitslosen in Einzelgesprächen abzuklären, wie sie wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Besonders hartnäckige Verweigerer werden Chefsache.

Gegenüber der Amsterdamer Polizei hat er zwar keine Weisungsbefugnis, aber er hat eine Fahrradkavallerie eingerichtet, eine schnelle Eingreiftruppe von Streetworkern, die ständig in den Straßen patrouillieren, um Zusammenstöße zu verhindern oder jugendliche Rechtsbrecher in flagranti zu stellen.

Marcouchs kurzes Regiment hat in Slotervaart bereits Spuren hinterlassen: weniger Kriminalität, viel weniger Müll in den Straßen. Er sagt: »Wo es an Kooperationsbereitschaft hapert, muss man nachhelfen. Auch mit Zwang.«

Vorige Woche war eine marokkanische Mutter bei Marcouch. Sie weinte, dass es ihm das Herz brach. Ihr Sohn sei total aus dem Ruder gelaufen. Ständige Handgreiflichkeiten, Diebstähle und keine Aussicht auf Arbeit. Sie kriege ihn nicht mehr in den Griff.

Der Bürgermeister ließ den Jungen kommen. Er baute sich vor ihm auf wie ein Feldwebel vor einem renitenten Rekruten und bellte ihn an: »Wir schließen ein Abkommen, mein Freund. Ich besorge dir eine Lehrstelle, und du wirst ein ordentlicher Bürger. Wenn du nicht spurst, landest du im Knast. Wer mir Kopfschmerzen macht, dem mache ich auch Kopfschmerzen.«

Ahmed Marcouch sagt, er wolle straffällig gewordenen jungen Leuten mit erzieherischen Mitteln den Weg in die Gesellschaft ebnen. Sie sollen im Gefängnis eine Berufsausbildung machen. Wer den Abschluss schafft, kriegt den Rest der Haftstrafe geschenkt, wer ihn schmeißt, muss weiter brummen.

Wo er mit seiner Sheriff-Attitüde nicht weiterkommt, versucht Ahmed Marcouch, den Marokkanern die selbstgewählte Isolation auszureden: Schau mich an, ich bin Muslim, aber ich bin auch Holländer. Dieses Land ist auch eure Heimat. Hier geht es euch gut, hier seid ihr frei. Der Einwanderersohn verlangt von den anderen Einwandererkindern nur, dass sie im Gegenzug die Kultur der Niederländer akzeptieren. Hier soll nicht nur die Minderheit von der Mehrheit, sondern auch die Mehrheit von der Minderheit angenommen werden.

Ahmed Marcouch ist jetzt auch Bezirksvorsitzender der Sozialdemokraten. Und das ist gewiss nicht das Ende seiner politischen Laufbahn. Acht von zehn Niederländern finden, nun sollten Leute wie Marcouch ran.

Für nicht wenige Marokkaner in Klein-Marokko (Volksmund) ist der Bürgermeister allerdings ein Quisling. Neulich haben ihn beim Spaziergang in seinem Revier zwei Elfjährige angerempelt. Sie riefen auf Arabisch: »Chaïn« - »Verräter«. Er bekam einen Wutanfall. Einen der zwei Bengels konnte er erwischen. Er zog ihn am Kinn zu sich heran, blickte ihm grimmig in die Augen und schnauzte auf Holländisch: »Sukkel« - »du Tropf«.

Über das Wort »Verräter« hat Marcouch mit den Kindern aber nicht gestritten. Das fand er unter seiner Würde. Geschmerzt hat es ihn aber doch. ERICH WIEDEMANN

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