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»Der Stalinismus braucht kein GULag«

aus DER SPIEGEL 52/1979

Wenn der Generalsekretär der spanischen KP, der Altkommunist Santiago Carrillo, 64, auf die Sowjet-Union zu sprechen kommt, zieht er sein Gesicht in Falten: Es sei fraglich, »ob dort überhaupt der Sozialismus herrscht«, sagt er; dort gäbe es noch viele Überreste des Stalinismus.

Carrillo ist Eurokommunist und Wortführer des »demokratischen Wegs zum Sozialismus«. An seinem Bekenntnis zu den bürgerlichen Freiheitsrechten und zum Parlamentarismus westlicher Prägung zweifelt heute in Spanien niemand. Dabei stand der Erzdemokrat Carrillo bis vor wenigen Jahren selbst noch im Ruf, ein rücksichtsloser Stalinist zu sein.

»Mörder« nennt ihn sogar ein ehemaliger Mitkämpfer, weil er »im Namen der Partei« abtrünnige Parteigenossen zwecks Säuberung der Franco-Polizei ans Messer geliefert haben soll.

Stalinistisch gelenkt wurden auch jene KPs, die nicht, wie die Spanier, in der Illegalität operieren mußten. Vor allem der Führungsstil der französischen Politbürokraten war berüchtigt, obwohl die KPF schon in den 30er Jahren im politischen System Frankreichs gesichert dastand. Maurice Thorez, bis 1964 Chef der KPF, legte noch Anfang der 50er Jahre den Schwur ab: »Wir bemühen uns, gute Stalinisten zu sein.«

Thorez war da kein Heuchler, seine Stalinverehrung hatte sentimentalen Ernst. Denn gerade die Franzosen, aber auch die italienischen und spanischen Kommunisten bewunderten die Strenge und Durchsetzungskraft des »größten Proletariers aller Zeiten«, wie ihn der damalige spanische KP-Chef José Díaz voll Bewunderung nannte.

40 Jahre später erzählte Carrillo, wie er, kaum 20jährig, im Frühjahr 1936 zum ersten Mal die Metropole des angeblichen Vaterlandes aller Werktätigen besuchte: »Ich sah auf den Straßen mit Gewehren ausgerüstete Arbeiter in Abteilungen vorbeimarschieren, hörte, wie sie die Internationale sangen und sagte mir, »das ist es, was ich will«.«

Für die West-Genossen gab es keine Zweifel: Die von Marx prophezeite, von Lenin errichtete Diktatur des Proletariats hatte in Stalins Parteidiktatur ihre Erfüllung gefunden. Jede andere Art der Machtausübung. dies hämmerten ihnen die großen Komintern-Stalinisten Dimitroff, Manuilski und Kuusinen ein, sei zu schwächlich, als daß sie den Anfeindungen der Kapitalisten rings um Rußland standhalten könne. Tatsächlich hatten die vom Stalinismus angefressenen West-Genossen zu Lebzeiten Stalins kaum je eine echte Chance, sich von ihrem georgischen Übervater zu lösen, gar, seine Despotie als das zu durchschauen, was sie war.

Auch heute fällt es den westlichen Kommunisten noch schwer, den Zusammenhang zwischen Stalins Sowjet-Herrschaft und dem stalinistischen Stil in der eigenen Partei einzusehen. Der Sowjetologe Jean Elleinstein zum Beispiel, ein wegen seiner Kritikbereitschaft in der KPF angefeindeter Eurokommunist, spricht verharmlosend vom »Stalinschen Phänomen«. mit dem die französischen Kommunisten nichts zu tun hätten: Die KPF sei nur »auf theoretischer Ebene vom Stalinschen Dogmatismus beeinflußt«.

Diese Verdrängung des Stalinismus-Problems geht bis auf die Umstände der KP-Gründungen zurück. Denn alle europäischen KPs sind erst nach der Oktoberrevolution in den Jahren 1920/21 entstanden, als die radikalen Sozialisten Lenins Beispiel folgen wollten. Sie hatten so von Anfang an einen ganz auf Moskau verengten Blickwinkel, sie verstanden sich als kopflose »Sektionen« der Moskauer Weltpartei.

Daß im industrialisierten Westeuropa mit seiner Bürgerrechts-Tradition ganz andere Bedingungen für den Klassenkampf herrschten als im unterentwickelten Rußland Lenins, ging vielen der West-Genossen nie recht auf.

Zweifel an Stalins Eignung zum Heerführer des Weltproletariats, auch durch den Stalin-Hitler-Pakt erregt, wurden mit Hitlers Überfall auf die Sowjet-Union weggeblasen. Als sich dann Stalin auch noch als Bezwinger des Nazi-Faschismus feiern lassen konnte, da erschien dies den im anti-faschistischen Widerstand zu Ruhm gelangten West-Genossen als Triumph des Stalinismus, der gegen alle Zweifler Recht zu behalten schien.

Daß die westeuropäischen KP-Funktionäre auch nach Kriegsende trotz zahlreicher sowjetkritischer Berichte nicht wahrhaben wollten, daß Stalin aus der Leninschen »Partei neuen Typs« ein blutrünstiges Terrorregime gemacht hatte, beruht auf der stalinistischen Ideologie: dem Glauben an die von Stalin gepredigte totale Einheit von Staat und Klasse, von Partei und Individuum, die unter der Diktatur des Proletariats zum »monolithischen System« werden sollte.

Zuerst habe Stalin nur die KPdSU zur »monolithischen Partei« versteinert, in der es keine Meinungen, sondern nur mehr totale Übereinstimmung zwischen Führung und Basis geben durfte; dann sei Stalin »sogar zu der Vorstellung einer monolithischen Gesellschaft, die frei von Widersprüchen sein sollte, gekommen«, erläutert der italienische Sowjetologe und KPI-Funktionär Giuseppe Boffa die stalinistische Ideologie.

Alle KPs in den kapitalistischen Ländern sollten demnach als »Vorhut der Arbeiterklasse« nicht nur die schlagkräftige Elitetruppe im Sinne Lenins sein, sondern auch im Vorgriff auf die Einheitsgesellschaft den Stalinschen Monolithismus verkörpern.

Dieser rechtfertigte damit jede Parteidespotie als Aussicht auf die Zukunft der klassenlosen Gesellschaft: Die westlichen KP-Funktionäre wandelten sich zu Mini-Stalins, die ihre Genossen nach den in Moskau gelernten Methoden tyrannisierten:

Ernennung und Absetzung von Funktionären durch das Politbüro, Bespitzelung der angeblich Unzuverlässigen, inquisitorische Verfahren gegen Aufsässige, Verbot der Informationsweitergabe und Geheimhaltung der ZK-Sitzungen und, vor allem, periodische Säuberungen der gehobenen Parteigremien im Namen der Einheit.

Als dann Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU verkündete, daß der große Stalin ein Gauner und Tyrann gewesen sei, war der Schock für die West-Genossen viel zu groß, die eigene Identität viel zu bedroht, als daß sie die Tragweite der Enthüllungen auch nur in Umrissen wahrgenommen hätten: Die stalinistische Vergangenheit wurde verleugnet, während die Praxis über den Aufstand der Ungarn hinweg stalinistisch blieb.

Die einzige Ausnahme machte schon damals Italiens KP-Chef Palmiro Togliatti. Seit seiner Rückkehr aus Moskau 1944 hatte er -- von Stalin weitgehend unbemerkt -- den Monolithismus teilweise abgebaut und die KPI-Basis in Richtung einer Volkspartei verbreitert. Nun, im Anschluß an den 20. KPdSU-Parteitag, schrieb Togliatti in der Parteizeitung »Nuovi Argumenti«, die KPdSU-Führung weiche der Frage aus, »warum die Sowjetgesellschaft solche Formen der Entfernung vom demokratischen Leben und der Gesetzlichkeit, ja der Deformation annehmen konnte«.

Der KPI-Chef folgerte: »In der kommunistischen Bewegung kann man nicht mehr von einer einzigen Führung sprechen.« An die Stelle des Stalinschen Monolithismus müsse nun der »Polyzentrismus« treten:

Auf ihrem Weg zum Sozialismus »im Rahmen der demokratischen Legalität« baute die KPI in den folgenden Jahren tatsächlich stalinistische Führungsmethoden schrittweise ab.

Auf dem 15. KPI-Parteitag im April dieses Jahres gestattete die Parteiführung sogar kontroverse Plenardebatten über das Parteiprogramm und die Statutenrevision, die dazu führte, daß Anträge einzelner Delegierter über diejenigen des Vorstands obsiegten -- ein für KP-Parteitage ungewöhnliches Maß an interner Demokratie.

Die anderen West-Parteien waren jedoch »von Stalinismus so vergiftet« (Carrillo), daß zur Selbsterneuerung keine Kraft blieb. Erst das Schisma zwischen Moskau und Peking und damit das endgültige Scheitern der Weltrevolutions-Strategie zwang die westlichen KP-Theoretiker, über die Folgen des Stalinismus nachzudenken.

Den politisch bedeutsamsten Entstalinisierungsschub löste dann die CSSR-Invasion von 1968 aus: Schlagartig erkannten die West-Genossen, daß der sowjetische Hegemonismus als machtpolitische Konsequenz der alten stalinistischen Monolithismus-Ideologie zu verstehen war.

Santiago Carrillo, der an jenem Tag auf der Krim Ferien machte, erfuhr vom Einmarsch aus dem Radio. Er reiste sofort nach Moskau. »Unsere Diskussionen mit den sowjetischen Genossen waren außerordentlich beschwerlich«, erzählte Carrillo später, und: »Von da an haben wir über viele Dinge nachgedacht.«

Wichtigstes Resultat dieser Gedankenarbeit war die Abkehr von der UdSSR als Sozialismus-Modell und die Revision des eigenen parteiinternen Stalinismus. Den nach fast 40 Jahren Parteiverbot ersten Parteitag auf spanischem Boden im Frühjahr 1978 machte Carrillo zu einer Demonstration demokratischer Spielregeln.

Ganz anders bei den Franzosen: Zwar verzichtet Parteichef Georges Marchais seit einigen Jahren darauf, renitente Genossen -- wie noch 1970 den zum Demokraten gewandelten Roger Garaudy -- aus der Partei zu werfen. Auch dürfen KPF-Intellektuelle hin und wieder von der Parteilinie abweichende Meinungen veröffentlichen.

Doch die tatsächliche Parteimacht wird weiterhin stalinistisch verwaltet. »Niemand -- und schon gar nicht die Marxisten -- glaubt heute, daß der Stalinismus mit Stalin gestorben ist«, erkannten die beiden französischen Jung-Kommunisten Francoise Bouillot und Jean-Michel Devésa.

Ihre Analyse der Parteiarbeit führte sie zu dem Schluß, daß »die aus der stalinistischen Periode vererbten Praktiken« in der KPF nach wie vor alltäglich seien: Geheimberichte, psychischer Druck auf Mitglieder, Zwang zum Gehorsam und zur Anpassung. »Der gewöhnliche Stalinismus braucht kein GULag, seine Techniken sind alltäglich, heimtückisch und heimlich.«

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