Zur Ausgabe
Artikel 10 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUSWÄRTIGES AMT Der standhafte Bock

aus DER SPIEGEL 13/1958

Der Bonner Ministerialdirektor Dr. Josef ("Rotkopf") Löns, 47, der seit Jahren Personalchef des Auswärtigen Amts ist und in wenigen Wochen als Botschafter seinen Einzug in Den Haag halten soll, lieferte kurz vor seinem Weggang noch ein perfektes Schulbeispiel konfessioneller Personalpolitik.

In der Brentano-Kaserne an Bonns Koblenzer Straße war der Posten des stellvertretenden Leiters der Kulturabteilung neu zu besetzen, da der bisherige Inhaber dieses Amts, der Legationsrat Dr. Günther Schlegelberger, zum Generalkonsul in Osaka-Kobe (Japan) ernannt worden ist. Dem Personalchef Löns schien als Nachfolger vor allem der Dr.

Günther Reinhard Bock, 58, geeignet, ein Berufsdiplomat, der bis Juni vorigen Jahres als Botschafter in Ciudad Trujillo in der Dominikanischen Republik gewirkt hatte und sich nun - nach halbjährigem Erholungsurlaub - an einer weniger bedeutungslosen Stelle für die Bundesrepublik Deutschland einzusetzen wünschte.

Dem diplomatischen Novizen Löns, der als Kommunalbeamter In der Personalabteilung der Kölner Stadtverwaltung tätig gewesen war, ehe Konrad Adenauer sich seiner erinnerte, imponierte besonders, daß Bock mehrere Jahre lang der Kulturabteilung des alten Auswärtigen Amts als Haushaltsreferent angehört hatte.

Ein solcher Experte, so meinte Löns, habe dem Bonner Außenamt schon lange gefehlt. Neben seiner erfreulichen administrativen Erfahrung und einem für das Bonner Außenamt ungewöhnlich hohen

Dienstalter besaß Bock nämlich noch eine Qualifikation besonderer Art, von der Personalchef Löns heute freilich sagt, sie sei ihm nur als »angenehme Beigabe« erschienen: Bock war katholisch.

Die überschwänglich positive Meinung des Personalchefs über den Kollegen Bock änderte sich jedoch jäh. Der Gefühlsumschwung beruhte auf gewissen Einzelheiten in Bocks Lebenslauf. Günther Reinhard Bock war 1938 in Reval (Estland), wo er als Gesandschaftsrat tätig war, einer Dame aus einer der angesehensten Familien des Landes begegnet, die er als Lebensgefährtin erkor. An dieser Frau, der heute 55jährigen Nora, geborener von Dehn, drohte schon damals seine Karriere zu scheitern: Zu jener Zeit war es den Angehörigen des Auswärtigen Dienstes untersagt, Ausländerinnen heimzuführen, und Bock mußte seinem Chef Ribbentrop mit dem Abschiedsgesuch drohen, ehe er es durchsetzen konnte, daß Nora per »geheimer Reichssache« von einer nicht erwünschten Estländerin baltischer Abstammung in eine tragbare deutsche Staatsangehörige verwandelt wurde.

Bock ließ auch die Bedenken, die nach dem kanonischen Recht einer Ehe mit dieser Nora entgegenstanden, unbeachtet: seine Verlobte gehörte der evangelisch lutherischen Konfession an und war zwei Jahre zuvor von ihrem ersten Mann geschieden worden.

Als der gläubige Christ Bock versuchte, seinen Lebensbund wenigstens durch die evangelische Kirche segnen zu lassen, hintertrieb das der mächtige Apostolische Administrator in Reval, Bischof Prifitlich. Der Bischof war mit Noras erstem Mann verwandt. So blieb dem jungen Paar keine andere Wahl, als sich außerhalb Revals in einer kleinen evangelischen Kirche heimlich Gottes Segen von einem weitherzigen Diener der Kirche spenden zu lassen

Obwohl die Ehe damit des Segens der Katholischen Kirche entraten mußte, bewährte sich die Lebensgemeinschaft zwanzig Jahre lang ohne jeden Nachteil für die Ehepartner - bis dem Personalchef Löns in Bonn hinterbracht wurde, dieser Glaubensbruder sei nicht katholisch getraut worden. Alsbald wurde der Berufsdiplomat Bock in das Zimmer 439 des Auswärtigen Amts vor den Direktoren -Schreibtisch des Nachkriegs-Personalleiters zitiert. In Kanzler-Mundart legte Katholik Löns dar, Bock lebe in einer »kirchlich nicht geordneten Ehe« und sei damit als stellvertretender Leiter der Kulturabteilung schlechthin untragbar. Empfahl Löns: »Das können Sie doch in drei Tagen in Ordnung bringen. Das können Sie beim nächsten Pastor tun. Sie brauchen nur hinzujehen.« Darauf der standhafte Bock: »Zu diesem Zweck (der Beförderung) und in diesem Zusammenhang - niemals.«

Löns, der an jene denkwürdige Unterredung nicht sehr gern erinnert wird, möchte die Begegnung in seinem Dienstzimmer freilich als »privat freundschaftlich« verstanden wissen: »Ich war ärgerlich, daß mir Bock den Tatbestand seiner kirchlich nicht geordneten Ehe nicht (vorher) mitgeteilt hatte. Bock war bekannt, daß seine Konfessionszugehörigkeit für den Posten des stellvertretenden Leiters der Kulturabteilung als eine angenehme Beigabe betrachtet wurde.«

Löns bestreitet, dem Dr. Bock zugemutet zu haben, daß er nach zwanzigjähriger Ehe zum katholischen Traualtar schreite, um - im Sinne des Kirchenrechts - nicht länger als ein »öffentlicher Sünder« zu gelten.

Wie Löns sich zu erinnern glaubt, hatte Bock auf die Mahnung, seinen Fall doch in Ordnung zu bringen, gefragt: »Soll ich das tun?« Darauf will Löns erwidert haben: »Das habe ich damit nicht gesagt. Das müssen Sie selber wissen.«

Immerhin ist seither keine Rede mehr davon, daß der Botschafter Bock in die Kulturabteilung berufen werden soll. Dr. phil. Bock, der den größten Teil seines Lebens im Ausland verbracht hat, führt statt dessen nun bei den deutsch-holländischen Verhandlungen die Sonderkommission für Fragen der Landesgrenzen.

Personalchef Löns ahnte bei alledem freilich nicht, daß Bock mit den irdischen Vertretern der katholischen Kirche seit langem ein außergewöhnlich gutes Verhältnis pflegt. Bock erfreut sich zwar nicht

- wie Löns - des häufigen Umgangs mit

westdeutschen Prälaten, doch war es Papst Pius XII. höchstselbst, der durch seine Intervention dem Bock 1948 die Einreise nach Italien ermöglichte, damit er dringende Vermögensangelegenheiten regeln könne

Der damalige päpstliche Prostaatssekretär und jetzige Erzbischof von Mailand, Montini, gab Bock ein Jahr später sogar ein Empfehlungsschreiben an den katholischen Kardinal in Argentinien mit, das dem deutschen Diplomaten Tür und Tor öffnete. Diese ungewöhnlichen Vorzüge durfte Bock genießen, nachdem er gegen Ende des Krieges an der Deutschen Botschaft in Rom der Kurie wertvolle Dienste geleistet hatte, die von der Kirche noch heute höher gewertet werden als jene ehelichen Formfehler, an der Ministerialdirektor Josef Löns Anstoß nahm.

Bonner Personalchef Löns

Nach Jahren der Treue ...

Bonner Berufsdiplomat Bock

... zum katholischen Traualtar

Zur Ausgabe
Artikel 10 / 58
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.