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VIETNAM Der stille Amerikaner

Das grausamste Massaker der U. S. Army im Vietnamkrieg versuchte ein Soldat zu verhindern, der erst jetzt dafür geehrt wurde und an den Ort des Massenmordes zurückkehrte. In My Lai traf der Ex-Hubschrauberpilot auf Überlebende. Von Anuschka Roshani
aus DER SPIEGEL 13/1998

In Biographien würde man so etwas »einen großen Tag im Leben des Hugh Thompson« nennen. Den ganzen Vormittag haben Kameraleute ihn verfolgt, sah der Held die zierlichen Hände vietnamesischer Bäuerinnen seine grobe Hand ergreifen, hörte er aus dem Gerede der Leute seinen Namen heraus. Hugh Thompson ist wieder in My Lai, und endlich ist der Augenblick da: den Bürgern Vietnams klarzumachen, daß damals nicht alle US-Soldaten schlechte Menschen waren.

Nachdem der Bürgermeister und die Delegierten der Provinz und die Kommunistische Jugend ihre Kränze abgelegt haben, ergreift Hugh Thompson das Wort. »Etwas Schreckliches ist hier vor 30 Jahren geschehen. Ich möchte Ihnen mitteilen, wie leid es mir tut. Doch ich kann nicht erklären, warum es passierte.«

Dann senkt er den Blick. Jetzt ist er doch bewegt. Schuldbewußt nicht. Der Offiziersanwärter Thompson hat an jenem 16. März 1968 nicht mitgeschossen, als seine Kameraden 504 Dorfbewohner abschlachteten, unter ihnen 173 Kinder und 76 Babys. Er hat 11 Leben gerettet.

»Ich wünschte, ich hätte mehr retten können«, sagt er. Um besser mit seinen Erlebnissen fertig zu werden, ist er zurückgekehrt in das Dorf, zusammen mit seinem damaligen Bordschützen Lawrence Colburn. Er pflanzt Mangobäume für die neue Völkerfreundschaft. Er schüttelt Hände, und wenn er es wagt, ein Lächeln zu zeigen, dann ist es ein schweres, freudloses. Fünf Tage wird dieser große Tag dauern. Und keinen hält er aus, ohne ihn im Bier zu ertränken.

Damit nicht nur die 12 000 Menschen rund um My Lai, sondern auch 270 Millionen Amerikaner erfahren, daß selbst ein Massaker seine Helden hat, kommen mit den beiden Veteranen etliche Trupps Journalisten, allen vorweg die Kriegsreporter vom amerikanischen Fernsehsender CBS. Sie bringen Fußbälle für die Kinder und Tränen für ihre Eltern; sie bekommen die Absolution für das amerikanische Volk und jene Bilder, die das größte Massaker der U. S. Army im Vietnamkrieg in etwas hellerem Licht erscheinen lassen sollen.

Der Massenmord an Frauen, Babys und Greisen hatte vor 30 Jahren die amerikanische Öffentlichkeit geschockt und zu einer Untersuchung der Vorfälle geführt. Nach dem Vorbild der Kriegsverbrecherprozesse von Nürnberg sollten die 25 Täter und Befehlshaber zur Rechenschaft gezogen werden, doch die Soldaten beriefen sich darauf, Befehle ausgeführt zu haben. Nur einer der Mörder, Leutnant William Calley, war schließlich wegen der vorsätzlichen Tötung von 22 Vietnamesen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach dreieinhalb Jahren aber war er ein freier Mann, auf Betreiben von Präsident Richard Nixon.

Die Namen Thompson und Colburn hatte die Vietnamesin Ha Thi Quy in all den Jahren nie gehört. Erst die Presseleute, die seit einer Woche ihr Dorf bestürmen, haben der 73jährigen gesagt, wer die beiden Amerikaner sind. Ihr waren nur die Gesichter der anderen im Gedächtnis geblieben, derjenigen, die sie damals durch das Dorf getrieben hatten.

»Sie standen plötzlich vor mir, als ich Maniokwurzeln schnitt. Ich hatte schon das Donnern der Kanonen gehört und die Hubschrauber über den Häusern gesehen und wollte schnell zu unserem Erdloch auf dem Hof. Aber da trieben die Soldaten mich schon mit meinen zwei Kindern und meiner Schwiegermutter raus auf den Weg«, erzählt die alte Frau, die damals 44 war. Ihr Gesicht verrät keine Regung, nur die Stimme zittert, und ihre Hände flattern so aufgeregt, daß sie sie schließlich wie zum Gebet faltet. Auf dem Reisfeld hinter ihr spielen drei kleine Jungs mit selbstgeschnitzten Gewehren Krieg.

»Wir wunderten uns, was die GIs von uns wollten, wagten aber nicht zu fragen. Sie sprachen kein Wort. Sie schlugen und schossen nur. Und plötzlich lagen überall auf dem Weg Tote und Verletzte.« Wie viele, weiß Ha nicht, auch nicht, ob ihre Familie zu diesem Zeitpunkt noch lebte.

»Ich bin umgefallen, in den Graben, hier haben sie mich getroffen«, und sie zieht ihre Hose ein Stück herunter, um die Narbe an ihrer rechten Hüfte zu zeigen. »Ich wußte nicht, daß ich angeschossen war, nur daß mein ganzer Körper brannte wie verrückt. Mir war so heiß. Auf mir lagen blutende Leichen. Dann wurde mir eiskalt.«

Sie fängt lautlos an zu weinen, als sie davon erzählt. Sie steht an genau diesem Graben, da, wo sie sich damals kalt fühlte wie eine Leiche.

Als sie wieder zu sich kam, dachte sie nicht daran, nach ihrer Familie zu suchen; sie hatte nur einen Gedanken: »Ich lebe.« Und so erleichtert sie war, so entsetzt war sie über das fremde Blut an ihrem Körper.

Die Häuser waren runtergebrannt, das Vieh war geschlachtet. Die »Search-anddestroy-Operation« der Charlie Kompanie hatten nur ein paar Menschen überlebt. Knapp vier Stunden hatte sie gedauert.

Um halb acht morgens waren die Hubschrauber der Charlie Kompanie gelandet, etwa 150 Meter westlich der Siedlung My Lai 4. Das Gebiet sei »cold«, hieß es, frei von gegnerischem Beschuß. Auch Hugh Thompson und seine beiden Besatzungsmitglieder Lawrence Colburn und Glenn Andreotta sahen keine Gegner, sondern nur die drei Züge der Charlie Kompanie, die sich dem Dorf näherten. Thompsons Team hatte den Auftrag, im »Bubble Ship« das Gebiet nach Vietcongs abzugrasen. Falls sie einen erspähten, sollten die zwei Hubschrauber an seiner Seite, die »gunships«, Raketen und Granaten regnen lassen.

Anders als viele seiner Kameraden hatte sich Thompson vorgenommen, nicht sofort loszufeuern, sobald er da unten einen Vietnamesen rennen sah. Erst die Waffe in dessen Hand machte ihn zum Feind. Sein Ziel war, den Gegner »sauber« umzubringen, mit einem exakten Schuß. Ihn unnötig zu quälen, verstieß gegen sein Prinzip.

Thompson hatte sich freiwillig zur Armee gemeldet, nachdem er ein riesiges Werbeplakat der Army an einer Straße gesehen hatte, mit einem Mann und einem Helikopter darauf. Da er keine Lust hatte, weiter als Leichenwäscher zu arbeiten, setzte er seinen ganzen Ehrgeiz daran, ein hervorragender Pilot zu werden. Und obwohl er erst 24 war und gerade mal drei Monate beim 123. Aviation Battalion in Vietnam, hatte er schon den Ruf, einer von denen zu sein, die keiner Gefahr aus dem Wege flogen.

An diesem Morgen aber war kein Vietcong in Sicht. Statt dessen entdeckte Thompson neben den Reisfeldern südlich von My Lai verletzte Dorfbewohner. Er markierte sie mit grünen Rauchsignalen, funkte nach Sanitätern und drehte um zum Stützpunkt LZ Dottie, um aufzutanken.

Als sie um neun Uhr zurückkehrten nach My Lai 4, begriffen sie schnell, daß von den Verwundeten niemand mehr am Leben war. Sie schwebten auf Höhe der Eukalyptusbäume und sahen von da aus tote Wasserbüffel und Menschen, die wie Föten zusammengekrümmt oder in Haufen übereinanderlagen. Der 18jährige Colburn mußte wegschauen, damit ihm nicht übel wurde.

Im Reisfeld unter sich bemerkten sie ein paar GIs, die auf eine junge Frau zugingen. Thompsons Hubschrauber war nah genug dran, so daß er das Gesicht des Mädchens erkennen konnte. Ihr Kopf lag halb im Graben, und sie hob ihre Hand matt, als wolle sie den Himmel um Hilfe anflehen. Thompson ließ seinen Helikopter still in der Luft stehen, wenige Meter über dem Boden, und informierte die Einsatzzentrale.

Aus seinem Cockpit sah er, wie einer der Soldaten mit dem Abzeichen eines Hauptmanns die Frau mit der Fußspitze leicht anhob und sie in die Seite trat. Dann riß er sein M 16 hoch und feuerte auf sie.

»Wir trauten unseren Augen nicht«, erzählt Thompson, »ich dachte, ich spinne.« Kurz darauf entdeckten sie weitere Leichen, zu Dutzenden lagen sie in einem Bewässerungsgraben. Wenige Schritte davon entfernt saßen GIs: Sie hatten ihre Helme abgenommen, knabberten ein paar Kekse und rauchten. Thompson begriff nicht, was da unten ablief, nur, daß kein Gefecht im Gange war. Deshalb landete er und fragte einen Feldwebel, wie sie den Menschen im Graben helfen könnten. Der GI antwortete mit einem Grinsen, es gebe nur einen Weg, sie von ihrer Qual zu erlösen.

»Lassen Sie mich sofort mit ihrem Vorgesetzten sprechen«, brüllte Thompson. Man führte ihn zu Leutnant Calley, der diesen Zug leitete: »Wir haben Verwundete hier, geben Sie das weiter.« Calley reagierte nicht, sagte nur: »Das hier ist meine Angelegenheit, ich befehle hier.«

Als der Pilot fluchend abzog, berichtete Calley seinem Funker: »Der findet es nicht gut, wie ich die Show hier abziehe, aber ich bin der Boß.« Calley berief sich später im Prozeß darauf, sein Vorgesetzter habe bei der Einsatzbesprechung davon gesprochen, »alles zu neutralisieren, jeden zu töten, auch Frauen und Kinder«.

Ohnmächtig vor Wut setzte sich Thompson wieder in seinen Helikopter, um von oben das Gemetzel weiterzuverfolgen. Seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich: Der junge Feldwebel feuerte mitten in den Graben, in die Leiber der Verletzten.

»In diesem Moment gingen mir die Verbrechen der Nazis durch den Kopf - was ich sah, war nichts anderes«, sagt Thompson heute.

Sie flogen weiter und entdeckten zehn Zivilisten, die sich unter einer selbstgebauten Holzdeckung versteckten. Nach all den Bildern dieses Morgens war ihm klar, was passieren würde, wenn seine Kameraden diese Menschen ausfindig machen würden. Deshalb setzte er seinen Hubschrauber genau zwischen die Dorfbewohner und die Soldaten. Colburn befahl er, sein Maschinengewehr auf die GIs zu richten, sobald diese Anstalten machen würden zu schießen: »Dann blas sie weg!«

Doch keiner der GIs wagte es, vor den Augen des Piloten abzudrücken. Thompsons Crew begann, die Leute in Sicherheit zu bringen; sie mußten sie aus ihrem Verschlag ziehen, weil sie sich vor Angst weigerten, von allein herauszukriechen. Einen sechsjährigen Jungen fischten sie aus einem Graben.

Um elf Uhr waren sie endlich wieder an ihrer Basisstation. Thompson schmiß seinen Helm zu Boden und erstattete seinem Vorgesetzten und dem Kaplan seiner Einheit genauen Bericht über seine Erlebnisse. »Damit war für mich die Angelegenheit geregelt, ich war überzeugt, daß der Vorfall untersucht werden würde.«

Thompson irrte. Erst 18 Monate später erfuhr die Welt, was sich an jenem 16. März abgespielt hatte, weil ein Soldat, von Gewissensbissen geplagt, an Abgeordnete geschrieben hatte. Dem Piloten Thompson fiel das Massaker erst 1970 wieder ein, als er vom militärischen Untersuchungsausschuß befragt wurde. Alles war plötzlich wieder da: die geladenen Maschinengewehre, die angstverzerrten Gesichter, die verstümmelten Körper.

Zwei Jahre war es ihm gelungen, die Bilder zu vergessen, die Toten wie die Lebenden. »My Lai war für mich nicht mehr als irgendein Name«, sagt Thompson, »es war schon so lange her, und Gott hatte dafür gesorgt, daß es völlig aus meinem Bewußtsein radiert war.«

Die 73jährige Ha Thi Quy hat nie versucht, den 16. März 1968 aus ihrer Erinnerung zu streichen. Trotzdem haßt sie die Amerikaner nicht. Am Jahrestag überfällt sie der Schmerz aber so stark, daß sie ihn körperlich spürt. »Ich bin wie gelähmt - meine Enkel mußten die Räucherstäbchen für meine Verstorbenen anzünden.«

Thompson dagegen war sicher, darüber hinweg zu sein. Warum er während seines Besuchs am Ort des Schreckens keinen Sonnenuntergang ohne Flasche in der Hand erlebt, verrät er nicht. Thompson hat bis heute keine Erklärung für die Grausamkeiten seiner Kameraden finden können.

Beim Besuch einer Grundschule in einem Nachbardorf will ein Junge von ihm wissen: »Warum hast du Frauen und Kinder umgebracht?« Das Gesicht des Veteranen verhärtet sich. Der zusammengepreßte Kiefer läßt den Muskel in seiner Wange zucken. »Ich habe das nicht getan.« Der Schüler läßt nicht locker. »Warum haben deine Kameraden sie umgebracht?« »Ich weiß es nicht. Sie sind ausgeflippt.« Und dann sagt er dem 13jährigen: »Krieg ist dafür da, daß Soldaten Soldaten töten, nicht Kinder und Frauen.«

CBS bringt die beiden Veteranen mit Überlebenden des Massenmordes zusammen. Der Tonmann hat wenig zu tun. Es gibt nicht viel zu sagen. Statt dessen wird getätschelt, gestreichelt, geweint. Geduldig spielen die zarten, gebrechlichen Alten immer wieder vor, wie es gewesen ist: Sie heben die Arme über dem Kopf wie bei einem Sprung ins Wasser, um ihren Fall in den Graben nachzustellen; sie drehen den Zeigefinger in der Luft, um die rotierenden Helikopter nachzumachen. »Noch einmal, bitte«, verlangen die Kameramänner und lassen ihre Objektive wie Stechmücken über den Gesichtern kreisen. Wenn Thompson eine Kamera auf sich gerichtet sieht, zieht so etwas wie Rührung in sein teilnahmsloses Gesicht. Je länger die Kamera läuft, desto trauriger wird der Lebensretter; irgendwann hat er dann feuchte Augen. Schnitt.

Wenn keine Kamera läuft, starrt Thompson mal desinteressiert, mal verwirrt auf die vielen Leute, die nun nach 30 Jahren plötzlich alle Gedanken und Gefühle aus ihm rausquetschen wollen über ein Verbrechen, von dem seine Vorgesetzten damals nichts wissen wollten. Jetzt, vor der Reise, hat ihm die Army die »Soldier's Medal« ans Revers geheftet, die höchste Auszeichnung für »Tapferkeit ohne Feindberührung«. Und ein Buchverlag hat ihm einen Biographen an die Seite gegeben, der über seinen stillen Amerikaner sagt, er sei leider kein Denker.

Den kleinen Jungen, den Thompson und Colburn damals aus dem Graben zogen, haben weder der Ghostwriter noch CBS an den Ort des Massakers zurückholen können. Der nun 36jährige sitzt in Saigon im Knast, wegen Diebstahl. »Immerhin hat er keinen umgebracht«, murmelt Colburn.

Anuschka Roshani
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