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OBERLÄNDER Der Stöpsel

aus DER SPIEGEL 5/1960

Das Hausmädchen der Familie Theodor Oberländer in Bonn ist die erste Person, die - nach des Hausherrn eigenem Zeugnis - den Bundesvertriebenenminister zu der ernsthaften Überlegung veranlaßt hat, ob es nicht doch besser sei, wenn er, der ehemalige Amtsleiter im Gaustab Ostpreußen, aus dem Adenauerkabinett ausscheide.

Mitte letzter Woche war bei Oberländer in der Bonner Luisenstraße 6 eine Nachricht eingetroffen, die für den Erfindungsreichtum und die Kaltschnäuzigkeit sowjetzonaler Propagandisten spricht: Die Schwestern des Oberländer-Hausmädchens, die in der DDR leben, berichteten von Schwierigkeiten, die sie befürchten müßten, weil ein Glied der Familie im Hause des »Mörders von Lemberg« koche und putze.

Theodor Oberländer gab sich tief beeindruckt: Was die öffentliche Meinung der Bundesrepublik und ihrer Verbündeten, was wohlwollende Kabinettskollegen und CDU-Freunde bis dahin nicht geschafft hatten, wurde Ereignis. Im Familienkreis erwog der Minister Rücktrittsgedanken.

Am Nachmittag dieses 20. Januar führten von seinem Ministerium subventionierte sudetendeutsche Künstler im Kasino des nahen Finanzministeriums die »Oberuferer Weihnachtsspiele« auf, mittelalterliche Mysterien, zu deren Betrachtung das gesamte Personal des Vertriebenenministeriums - außer einem Notdienst - einschließlich des Staatssekretärs ab 16 Uhr dienstfrei genommen hatte.

Unerwartet versäumte der verstörte Theodor Oberländer das christliche Gemeinschaftserlebnis seines Hauses und gab sich statt dessen einsamen Meditationen hin. Noch am Tage vorher hatte der Minister die Hamburger »Welt« dementieren lassen, in der zu lesen stand: »Bundesminister Oberländer hat zu verstehen gegeben, daß er zurücktreten wird«. Dies, so hieß es in einer Mitteilung des Bundespresseamts, sei falsch: »Auf Anfrage erklärt Bundesminister, Oberländer ..., Rücktrittsabsichten habe er nicht geäußert.«

Der plötzliche Sinneswandel des Ministers, der gestern - trotz aller öffentlichen Kritik - unbeirrt im Amt bleiben, heute - wegen der Familie des Hausmädchens - doch lieber demissionieren will, überraschte seine Mitarbeiter nicht.

Seine Unzugänglichkeit für politische Argumente ist mit einem sentimentalen Hang zu Menschen gepaart, deren Schicksal ihn anrührt. Eine Emotion kann ihn eher zu einer Entscheidung bringen als ein Kalkül. Auch die Leitidee seines Lebens ist nur gefühlsmäßig faßbar: Theodor Oberländer fühlt sich als antibolschewistischer Stöpsel, ohne den sich die rote Springflut in das europäische Becken ergießen würde.

Er ist von der Idee durchdrungen, eine völkische Mission zu haben und eine aktive Ostpolitik formulieren zu müssen.

Die Routine des Ministeriums ist ihm zuwider. Sein Interesse für Personalsachen konzentriert sich auf wenige Beamte, die von ähnlicher politischer Herkunft sind und die seiner unverbrüchlichen TreUe sicher sein können. So konnte es geschehen, daß er sich seiner Behörde zusehends entfremdete und daß es in der Beamtenschaft, die unter dem Gefühl der Direktionslosigkeit leidet, zu mancherlei Kabalen kam.

Das Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte des

Theodor Oberländer ist selbst für das gewiß nicht intrigenarme Bonn ein Hort außergewöhnlicher Rankünen, deren folgenträchtigste der Streit zwischen den Ministerialbürokraten Joachim Zdralek und Georg Krischker ist. Beide waren ursprünglich gute Freunde und vertrauten sich gegenseitig an, was sie an diskreten Dingen über den Minister und über Kollegen im Hause wußten.

Beide wurden eines Tages nach Berlin zur Außenstelle des Vertriebenenministeriums versetzt, wobei Krischker zum Ministerialdirigenten avancierte. Als Zdralek seinen Duz-Freund und neuen Vorgesetzten Krischker um Genehmigung einer Dienstreise ins Bundesgebiet anging, schlug Krischker die Bitte ab: Er wolle selbst fahren. Zdralek meldet Bedenken an: »Du verstehst doch nichts davon, außerdem trinkst du dann wieder und kommst anderntags zu spät aus dem Bett.«

Ein Wort gab das andere, und schließlich gebrauchte Zdralek gegenüber Krischker, der unter schmerzhaften Kriegsverletzungen leidet, einen Satz, der beute in - den Disziplinarakten als »verschärfte Formulierung des Götz von Berlichingen« umschrieben ist. Die Freundschaft zwischen Zdralek und Krischker schlug in Haß um. Schließlich verfaßte Zdralek einen sechsseitigen Enthüllungsbrief an Theodor Oberländer und vermeldete alles, was Krischker, vormals Personalchef des Hauses, ihm an Diskretem anvertraut habe:

- Der Staatssekretär

des Vertriebenenministeriums, Peter-Paul Nahm, habe von Anfang 1954 bis 1. Mai 1957 mehrere Tausend Mark Trennungsentschädigung unberechtigt kassiert, denn er habe seine Familie nicht nach Bonn geholt, obgleich ihm das

leicht möglich gewesen wäre. Einem Beamten steht nämlich Trennungsentschädigung nur dann zu, wenn es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelingt, seine Familie an den Dienstort zu holen.

- Der Ministerialrat Siebke habe einen

Wiedergutmachungsantrag gestellt und dabei verschwiegen, daß er SA-Mann gewesen sei.

- Oberländers persönlicher Referent, Dr.

Wolfrum, habe in einem Fragebogen unterschlagen, daß er bei der SS war.

Tatsächlich ist der Bundesrechnungshof

bis heute mit der Finanzaffäre des Staatssekretärs Nahm befaßt. Ein mißgünstiger Untergebener hatte die Rechnungsprüfer alarmiert, anstatt zunächst einmal den Staatssekretär auf die vermeintliche Unkorrektheit hinzuweisen. Nahm rechtfertigte sich mit schriftlichen Zeugnissen des ministeriellen Wohnungsreferenten, daß ihm während der Zeit der Familientrennung eine Familienunterkunft nicht zugeteilt worden sei. Zu besonders hartnäckigen eigenen Bemühungen - etwa einem Hausbau - fühlte sich der Staatssekretär nicht verpflichtet, weil er ohnehin nicht allzulange in Bundesdiensten bleiben wollte.

Der Bundesrechnungshof muß nun entscheiden, ob Peter-Paul Nahms Bemühungen, seine Familie nach Bonn zu holen, so intensiv waren, wie das Gesetz es befiehlt, wenn eine Trennungsentschädigung gerechtfertigt werden soll. Der Spruch des Rechnungshofs steht noch aus. Obwohl Familie Nahm immer noch nicht in Bonn wohnt, verzichtete der Staatssekretär mit Beginn des Rechnungsjahres 1957/58 freiwillig auf eine Trennungsentschädigung.

Wenn- Briefschreiber Zdralek sich mit seinen Angaben in Sachen Nahm auch auf der rechten Fährte befand - in Sachen Siebke war er falsch informiert: Siebke, einziger sozialdemokratischer Ministerialrat im Hause Oberländer, ist nie SA-Mann gewesen. Um so exakter war Briefschreiber Zdralek wieder über seinen dritten

Fall unterrichtet: über den Oberregierungsrat Wolfrum.

Dieser Staatsdiener war schon Mitglied einer Kommission, die während des deutsch sowjetischen Techtelmechtels von 1939/40 die Wolhynien-Deutschen heim ins Reich holte. Heute will Wolfrum glauben machen, die Mitglieder der Kommission, und also auch er, hätten damals nur SS-Uniform getragen, um den sowjetischen Verhandlungspartnern zu imponieren, da deutsche Menschen in Zivil von den Sowjets nicht mit dem nötigen Respekt behandelt worden wären.

Obgleich Wolfrum nie einen SS-Aufnahmeantrag unterschrieben haben will, weist ihn das amerikanische Document Center in Berlin doch als Mitglied von Hitlers Schwarzer Garde aus.

Bald nach dem Kriege begann der Wolhynien-Heimführer seine Kenntnisse nachrichtendienstlich auszunutzen, verschwieg aber bei der Anstellung seinem neuen - staatlichen - Dienstherrn, daß er während des Krieges SS-Uniform getragen hatte.

Als Theodor Oberländer 1953 aus der bayrischen Landeshauptstadt ins Bonner

Flüchtlingsministerium übersiedelte, brachte er diesen Dr. Wolfrum als persönlichen Referenten mit. Einen Besseren fand er nicht.

Wolfrum hatte zunächst Schwierigkeiten, in die Beamtenlaufbahn hineinzukommen. Er bestand nicht vor dem Bundespersonalausschuß, der Laufbahn-Außenseiter begutachtet. Oberländer verordnete seinem Referenten zwei Ministerialräte, die eine Zeitlang wöchentlich einmal in die Wohnung des Beamten-Aspiranten zum Nachhilfe-Unterricht fuhren.

Der Schnellkurs trug Früchte. Wolfrum wurde Regierungsrat. Als man Theodor Oberländer darauf ansprach, ob er denn nicht den Widerspruch zwischen den Unterlagen im Document Center und Wolfrums eigener Darstellung kenne, beharrte der Minister, er glaube seinem Referenten Wolfrum. Er selbst habe im Kriege von solchen Proforma-Uniformierungen gehört.

Heute leitet Wolfrum als Oberregierungsrat das Wohnungsbaureferat des Ministeriums. Ihn mag jetzt die Gewißheit trösten, daß die beiden Kollegen Zdralek und Krischker - durch deren Zank die Zustände im Ministerium Oberländer und damit Wolfrums eigene Vergangenheit ans Licht gehoben wurden - nicht unversehrt aus der Affäre herauskamen.

Dem Ministerialdirigenten Krischker ist außer seiner Sekretärin niemand mehr dienstlich unterstellt. Seiner angegriffenen Gesundheit wegen sieht er vorzeitiger Pensionierung entgegen. Von Briefschreiber Zdralek kam auf, daß er selbst seine Zugehörigkeit zur NSDAP verschwiegen hatte, als er nach dem Kriege Staatsanwalt in Bayern wurde. Als die bayrische Justiz dahinterkam, lehnte sie seine endgültige Übernahme ab. Zdralek ging nach Bonn zu Oberländer.

Kenner des Hauses haben eine plausible Erklärung dafür, daß es zu diesem ungehemmten Freistilkampf der Ministerialbürokraten untereinander kommen konnte. Anstatt sich um das Ministerium zu kümmern, setzt Theodor Oberländer seinen Ehrgeiz dafür ein, Ostpolitik zu machen, wie er sie versteht.

Er brilliert bei Kabinettssitzungen zum Ärger Brentanos mit detaillierten Kenntnissen über die Entwicklung in der Sowjet-Union und mit Prognosen der Chruschtschowschen Politik, die keinesfalls aus der Routine-Arbeit des Vertriebenenministeriums herrühren. Weder der Außen noch der Verteidigungsminister sagte zum Beispiel im Kabinett die sowjetische Truppenreduzierung voraus, wohl aber Oberländer.

Schon seit jeher hat er ein Faible für Nachrichtendienstliches gehabt, was sich nicht nur in seiner Personalauswahl ausdrückt. Es war der Abwehrchef Admiral Canaris, der den russisch sprechenden Oberleutnant Oberländer 1941, kurz nach dem Lemberg-Massaker, per Flugzeug aus Lemberg abholte. Und der Chef des Bundesnachrichtendienstes, General a. D. Gehlen, der schon zu Canaris-Zeiten Abwehr machte, besuchte den Minister Oberländer erst kürzlich im Ministerium.

Wie immer der sprunghafte Minister sich im Zwiespalt zwischen seinem antisowjetischen Heroismus und der Dienstmädchen -Sentimentalität entscheiden wird - eines ist sicher: vor dem 1. Mai wird er sich nicht pensionieren lassen. Am 1. Mai 1960 nämlich wird Oberländer 55 Jahre alt und erfüllt damit die letzte der Bedingungen, die Voraussetzung für eine Bundesministerpension sind.

Trennungsgeld-Empfänger Nahm: Mehrere Tausend zuviel?

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