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ENTFÜHRUNGEN Der Stumme

Im Entführungsfall Snoek wurde Anklage erhoben. Vier Millionen Beute fehlen noch.
aus DER SPIEGEL 50/1977

Jeder Aufseher und jeder Häftling,

der das Erdgeschoß in der Strafanstalt an der Gartenstraße in Münster passiert, wirft schnell einen Blick in die Zelle mit dem großen Sichtfenster, die einen jede Viertelstunde von Amts wegen, die anderen aus Neugier.

Nachts wird in der Sicht-Zelle genau alle 15 Minuten das Licht angeschaltet

zur unablässigen Kontrolle des Untersuchungshäftlings. der tagsüber weder an der gemeinsamen Freistunde noch abends am Fernsehen teilnehmen darf und bei Aus- oder Vorführungen gefesselt wird. Der Häftling, seine Sachen und seine Zelle werden täglich durchsucht.

»Ich wünschte ihm«, so sagt der Münsteraner Rechtsanwalt Jürgen Knecht, »nur einen Teil jener Vergünstigungen, die den Stammheimer Häftlingen gewährt wurden, und ich hätte für Stammheim die Sicherheitsvorkehrungen gewünscht, die hier meinen Mandanten treffen.

Knechts Mandant ist den vom Landgericht Münster jüngst bestätigten »verschärften Haftbedingungen« nicht etwa unterworfen, weil er terroristischer Umtriebe verdächtigt wäre. Der Lagerarbeiter Peter Graef, 37, aus Erkrath-Hochdahl bei Düsseldorf ist vielmehr der einzige Beschuldigte im Entführungsfall Snoek. Der andere ursprünglich Verdächtigte,der arbeitslose Anstreicher Reinhard Szameitat aus Düsseldorf, hat sich am 30. Mai dieses Jahres in seiner Zelle in Münster erhängt. Seitdem sucht die Justizvollzugsanstalt einem »spontanen Selbstmordversuch« Graefs und auch der Fluchtgefahr vorzubeugen -- irgendwo ist noch ein Großteil dei Beute versteckt.

Die Anklageschrift ist auffällig dünn. Auf nur 43 Seiten haben sich die zwölf Bände der, Spurenakte 1470« niedergeschlagen: jener spektakuläre Fall, der eine Zeitlang Terrorismus-Bezüge zu haben schien, dann aber zu einem konfusen Krimi mit Fahndungspannen und verschwundenen Millionen schrumpfte, ein Fall, der von der Polizei mal Profis, mal Provinz-Gangstern zugeschrieben wurde.

Die Suche nach den Tätern, die am 3. November vorigen Jahres den Springreiter Hendrik Snoek, 29, Juniorchef der Discount-Kette »Ratio«, aus seiner Stadtwohnung entführt und in die Sprengkammer einer Autobahnbrücke gesperrt hatten, begann seinerzeit mit einem glatten Fehlgriff. Die Sonderkommission der Kriminalpolizei nahm damals fünf Männer fest, die schnell wieder freikamen -- als völlig unschuldige Opfer einer Denunziation.

Dann aber gab es Nr. 1470, eine heiße Spur. Im Januar dieses Jahres wurden Lösegeld-Scheine bei einem Düsseldorfer Geldinstitut festgestellt, ihr Weg ließ sich bis zur Volksbank im Eifelstädtchen Prüm zurückverfolgen. Dort hatte Reinhard Szameitat, wie sich bald herausstellte, 15 Tausender eingezahlt.

In einem Sitzkissen in Szameitats Wohnung wurden 223 000 Mark der Fünf-Millionen-Beute gefunden, auf einem Schweizer Bankkonto Szameitats weitere Barbeträge und Goldbarren im Wert von etwa 400 000 Mark, der Großteil der Beute, mehr als vier Millionen Mark. blieb bis heute versch wunden.

Graef, aus früheren Haftzeiten mit Szamcitat bekannt, wurde verhaftet, als in seiner Wohnung ein Tausendmarkschein aus dem Lösegeld sichergestellt wurde. Und die Kette, mit der Snoek 55 Stunden lang im Hohlraum einer Autobahnbrücke an der Sauerlandlinie angedübelt war, könnte, so die Ermittlungen, von einem früheren Arbeitsplatz des Graef stammen. Beide aber bestritten die Tat von Anfang an, die Alibis schienen dicht.

Waren es die beiden gewesen, die nach Snoeks Befreiung -- er hatte in seinem Zwangsversteck Papierstücke aus einem Loch flattern lassen und dadurch auf sieh aufmerksam machen können -- als »der Stumme« und »der Rheinländer« gesucht wurden? Nach Snocks Beschreibung, der von Münster im Fond eines gestohlenen Mercedes 280 S zur Ambachtalbrücke im Sauerland transportiert worden war, sprach der Fahrer mit rheinischem Tonfall.

Der Beifahrer aber »verständigte sich durch Gesten und Körpersprache und ein unartikuliertes Gurgeln, er lachte unmenschlich, so richtig hämisch«. Der eine schien Snoek, der, einen Mantel überm Kopf, die Männer nur »schemenhaft« sah. »unheimlich nervös«, der Sprachgestörte hingegen »eiskalt«.

Später allerdings, als Tonbänder ausgewertet wurden, mußte der Kölner Sprachwissenschaftler und Mundartforscher Heribert Hilgers passen: Ungenügende technische Qualität und mangelnde Stimmspezifität ließen »keine Lokalisierung« der Stimmen zu, und Kriminalhauptkommissar Willi Flormann, Mitglied der Sonderkommission. meinte gar. die beiden Entführer hätten wohl »geschauspielert«. Es sei ganz fraglich, »ob der Rheinländer über-

* Snoek demonstriert nach seiner Befreiung, wie er angekettet war.

haupt ein Rheinländer und der Stumme auch wirklich stumm ist«.

Obwohl Flormann in den Kidnappern einmal sogar »eiskalte Burschen« vermutete, sahen sich die Beamten der üinsteraner Kripo und des Landeskriminalamts manchen Merkwürdigkeiten gegenüber, die auf erhebliche Schwachstellen bei der Tatplanung hinzuweisen schienen und bis heute nicht ganz erklärt sind:

* Snoeks Wohnungstür im Appartementhaus Dürerstraße 2 wurde nachts mit einem betongefüllten Eisenrohr aufgebrochen -- aber niemand hörte den Bruch, auch Snoek nicht.

Die bewaffneten Täter schafften den (nicht bewußtlosen) Turnierreiter mit dem Lift in die Tiefgarage des Hauses, wo vorher der Mercedes eines Mitbewohners als Fluchtauto ausersehen und geknackt worden war -- trotz des Risikos, am Aufzug oder in der Garage einem Spätheimkehrer zu begegnen. Snoek. an den Händen gefesselt, konnte vom Hintersitz aus die Route verfolgen und sogar aus dem Rückfenster schauen; er fühlte sich nicht einmal durch den Rückspiegel beobachtet.

* Snoek hatte in seinem Verlies außer Schokolade, Zwieback, Talglichtern und Klopapier auch Schreibzeug, er hätte sich durch ein -- von den Tätern offenbar übersehenes -- Loch im Boden früher bemerkbar machen können, als den Entführern lieb sein konnte.

Die Polizei befolgte zudem alle Anweisungen von Snoek senior, der direktes und erkennbares Eingreifen der Polizei unbedingt verhindern wollte. So ist auch zu erklären, daß der grüne Porsche Snoeks, mit dem sein Freund -- und mittlerweile auch sein Schwager-Breido Graf zu Rantzau die fünf Millionen nachts zur Autobahn nach Hagen-Süd transportierte, weder mit einem Peilsender für späteres Nachsetzen bestückt noch mit einem (versteckten) Polizisten besetzt gewesen und auch nicht verfolgt worden war.

Auch Mängel technischer Art beeinträchtigten die Fahndung. Das Aufnahmegerät für die Registrierung der Telephongespräche mit den Entführern etwa funktionierte nur unzulänglich; anfangs hatte Mutter Ingeborg Snoek, erst später dann die Polizei mitgehört.

Scheinbar konkrete Spuren verliefen im Sand: Die Großfahndung bei Firmen, die mit Brückenbau, Beton und Ketten zu tun hatten, blieb ohne Erfolg, eine Luftmatratze und ein Schlafsack, die Snoek belassen wurden, waren in zigtausend Exemplaren über Kaufhäuser vertrieben worden.

Ein sprachbehinderter Schmied, der Jahre zuvor Stahltüren an Hohlräumen von Autobahnbrücken montiert hatte, erwies sich als gänzlich unverdächtig. Auch Eduard Zimmermanns Fernsehsendung »Aktenzeichen XY« ließ den Fall Snoek ungelöst.

Die Kripo drehte einen Lehr- und Lernfilm, in dem Snoek und zwei detailgetreu vermummte Polizisten den Tatablauf nachstellten. Und erstmals in der Bundesrepublik legte das Düsseldorfer LKA für einen Ermittlungsfall ein EDV-Sonderprogramm ("Freier Bildschirm") auf, das alle Spuren registrierte.

Die Sonderkommission konnte jederzeit die eingegebenen Daten einzeln als Suchbegriffe abfragen und kombinieren (die Länder Niedersachsen und Bayern übernahmen die Methode später für die Fälle Sos und Oetker). »Das Programm«, so schrieb die Polizeizeitschrift »Die Streife«, »dürfte für die Zukunft als richtungweisend anzusehen sein.«

Aber weder Film noch Computer halfen weiter, erst die Geldscheine führten zu den mutmaßlichen Tätern Graef und Szameitat, der sich freilich an seinem 39. Geburtstag in seiner Zelle erhängte. Er hatte eine rätselhafte Zeile an die Zellenwand gekritzelt: »Ich fliege schon mal voraus. Reinhard Szameitat, 30. Mai, 1.11 Uhr.«

Bis zuletzt hatte es noch »keine konkrete Vernehmung« gegeben, wie Staatsanwalt Sturm sagt, auch hinterließ der ledige Mann keinen Abschiedsbrief, kein Geständnis. Sein Freund Graef, der gleichfalls leugnet, hat nun einen Indizienprozeß zu erwarten.

Obwohl mittlerweile Anklage erhoben ist, scheint für die Kripo der Fall nicht abgeschlossen. Sie ermittelt immer noch.

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